Was steckt hinter dem Axe-Effekt?

BildWer „Habenwollen“ von Wolfgang Ullrich gelesen und für gut befunden hat, findet in „Alles nur Konsum“ die etwas akademischere – doch immer noch sehr angenehm lesbare – Vertiefung des Themas „Konsum“. Schon eingangs verweist Wolfgang Ullrich auf ein Paradox, das in unserer Gesellschaft nur sehr selten kritisch wahrgenommen wird.

Wenn wir Meinungen und Bewertungen von Buchkritikern, Kunst-, Musik- und Theaterkritikern, aber auch Kapitalismus- und Gesellschaftskritikern einholen, unterstellen wir jedem ein profundes Wissen über die Gegenstände seiner Kritik. Ein Buchkritiker, der erklärt, dass er auf Bücherlesen weitestgehend verzichtet, da er die Verfilmungen bevorzugt, würden wir bestenfalls für exzentrisch erachten, jedoch seine Meinung über Bücher als wenig relevant einstufen.

Ganz anders verhält es sich in unserer Gesellschaft mit den Konsumkritikern. Diese bilden die einzig bekannte Kritikergruppe, die hohe gesellschaftspolitische Anerkennung erhält, obwohl sie vom Gegenstand ihrer Kritik offenkundig nichts versteht und keine Erfahrung damit wünscht. Selbst ein Kapitalismuskritiker muss zunächst eine wirtschaftstheoretische und auch -praktische Expertise vorweisen, bevor wir ihm kompetente Kritikfähigkeit zugestehen. Doch Konsumkritik erschöpft sich bei den meisten in der vehement, mit missionarischem Eifer verbundenen Aufforderung zum Konsumverzicht.

BildWolfgang Ullrich fällt nicht in dieses Paradox. Im Gegenteil, was die Feuilleton-Redakteure für die Kultur sind, ist Wolfgang Ullrich für den Konsum. Kaum jemand versteht es so gründlich und ideologiefrei den Konsum zu analysieren, so dass jeder Konsum-Dilletant sich aus seiner selbstverantworteten Unwissenheit befreien und nach dieser Lektüre und dem so geschulten Denken zum aufgeklärtem Konsumbürger wandeln kann. Denn erst dann gelingt es, bewusst über das eigene Konsumverhalten zu reflektieren und die vielen Aspekte zu durchschauen, die uns leiten und verleiten – auch die vorgeblichen Konsumverweigerer. Ein solcher Typus findet sich ja in dafür angebotenen Nischen, wie dem Body-Shop oder bei Weleda oder auch beim Schmökern im Manufactum-Katalog. Ganz treffend – so finde ich – sieht hier Wolfgang Ullrich auch schon die Schwarz/Grüne-Koalition vollzogen, die sich politisch noch bilden muss. Und neben vielen anderen spannenden Analysen wird auch jedem nach der Lektüre klar sein, warum der Axe-Effekt so wirksam ist.

Eine tiefer gehende Rezension zum Buch gibt es von Oskar Piegsa hier.

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