Kurze Geschichte zum langen Nachdenken.

BildMir unbegreiflich, dass Yuval Noah Harari Menschheitsgeschichte bislang kaum begeistert in den Feuilletons und Literarturkritiken behandelt und gefeiert wurde. Umso erfreulicher zu sehen, dass sie zumindest bei amazon gut bewertet ist und offenbar viele Leser findet.

Besonders beeindruckt haben mich die zahlreichen Aspekte, die diese fast universelle anthropologische Einführung behandelt. Neben der biologisch evolutionären Entwicklung des Homo Sapiens wird auch dessen politische, gesellschaftliche, ökologische, technologische, wirtschaftliche und kulturphilosophische bzw. massenpsychologische Entwicklung erörtert.

Dachte ich noch nach den ersten 50 Seiten nicht viel Neues zu erfahren, durfte ich mich danach ständig eines besseren belehren lassen. Es ist ein Buch, das viele etablierte und auch neuere Weltanschauungen kräftig durchrüttelt. Gleich, ob wir theologische, philosophische und/oder ideologische Weltbilder mit uns tragen, sie alle werden als intersubjektive Fiktionen entlarvt. Das erste, was wir uns eingestehen sollten, ist, dass die Evolution nicht ziel- und zweckgerichtet ist. Der Mensch als derzeit höchster Zwischenstand einer sich ewig weiter verbessernden Evolution ist ein menschliches Wunschbild. Ein Wunschbild, dem wir gerne bereitwillig erliegen, weil es Sinn gebend ist. Die Crux jedoch bei uns Menschen ist, dass wir Ziel- und Sinnsucher sind. „Menschen haben eine Tendenz dazu, teleologische (“zielgerichtete”) Erklärungen kausalen Erklärungen vorzuziehen.“

Doch es wird noch ernüchternder, auch wenn es sehr unterhaltsam formuliert ist. Bis heute wird die darwinistisch Erkenntnis gerne mit der unkorrekten These zusammengefasst, dass letztlich der Stärkere den Schwächeren verdrängt. Wir implizieren damit üblicherweise ein „immer besser, bzw. optimaler Werdendes“ in der Evolution. Nicht zuletzt liegt dieser Einschätzung im Deutschen auch eine missverständliche Übersetzung zugrunde. „Survival of the fittest“ meint nicht „fit“ im Sinne von stark und gesund sondern im Sinne von „anpassungsfähig“.

Letztlich kommt man bei Harari zum leidenschaftslosen Befund, dass sich nicht die individualistischen, die Freiheit liebenden, wilden Spezies in der Evolution durchsetzen, sondern eben die opportunistischsten Spezies am erfolgreichsten überleben und die anderen zunehmend verdrängen. Dies gilt sowohl für die Tier- und Pflanzenwelt als auch für die menschliche Population. Um es konkret und drastisch zu sagen: zu den erfolgreichsten höheren Tiergattungen aus evolutionärer Sicht zählen Hühner, Rinder, Schafe, Hunde und Schweine. Allein 17 Mrd. Hühner schätzt man derzeit gibt es auf der Welt. Zusammengerechnet gibt es derzeit viermal so viele Haus- und Nutztiere auf der Welt wie Wildtiere. Der Preis dafür ist der Verzicht auf Freiheit und Wildheit, ja die Bereitschaft sich nahezu uneingeschränkt zu unterwerfen. Jede Tiergattung, die sich nicht opportunistisch dem Menschen gegenüber erweist, stirbt sukzessive aus oder ist zumindest der Gnade des Homo Sapiens ausgeliefert.

Doch wer nun meint, dass sich dieser tragische Opportunismus auf die Flora und Fauna beschränkt, die sich nun mal der Mensch untertan machen durfte, der muss sich gleichfalls belehren lassen, dass auch die exponentielle Population des Menschen sich im wesentlichem seiner individuellen Neigung zum Opportunismus verdankt. Der vor ca. 10.000 Jahren zunehmend sesshaft werdende Mensch versklavte sich selbst. Er gab Freiheit und eine gesündere Lebensform als Jäger und Sammler zugunsten eines trügerischen Komforts auf. Zwar wuchsen nun die Nahrungsmittel vor Ort, doch die Ernährung wurde einseitiger und dadurch mangelhafter. Er ackerte weit mehr und passte seinen Lebensrhythmus an die ständige Fürsorge seiner Nutzpflanzen und Haustiere an. Er wurde zunehmenden von Seuchen geplagt, die aus der Nähe zu den Haustieren resultierte bei dem der tierische Erreger auf den Menschen übersprang. Der Vorteil der Sesshaftigkeit war ein evolutionärer jedoch nachteilig für das Individuum: nun konnten weit mehr Kinder gezeugt werden und die familiäre Fürsorge trat an die Stelle der individuellen Freiheit. Die ehemals gebrechlichen oder schwachen Kinder und zeugungsfähigen Erwachsenen überlebten nun vermehrt in der Schutzgemeinschaft. Doch dies ging letztlich zu Lasten der materiellen Lebensqualität.

Diese Bereitschaft zur Anpassung durchzieht die gesamte Geschichte der Menschheit bis heute. Sie lässt am Ende des Buches die These zu, dass der Mensch wohl doch nicht primär ein freiheitsliebendes, sich selbstverwirklichendes Individuum ist, sondern weit mehr eine ebenso duldsame, durch stetig gesicherte Futterzufuhr sich massenhaft reproduzierende Spezies wie unsere evolutionär erfolgreichsten Nutztiere.

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