Ein Hipster hätte gebloggt.

BildDanke, Herr Lehmkuhl, Sie haben mich wunderbar auf Ihre Reise mitgenommen, mich amüsiert und inspiriert.

Reiseliteratur ist ein Genre, dem ich mich bislang kaum annahm. Ich bin auch nicht reisefiebrig und gehöre zu denen, die sich gerne wochenlang anhand von Recherche und Reiseführer auf einen Trip einstimmen. Entsprechend unbedarft widmete ich mich auch der Lektüre, auf die mich ein SZ-Artikel aufmerksam machte und fand mich damit als lesender Gefährte ähnlich unvorbereitet wie Tobias Lehmkuhl am Ausgangspunkt seines Abenteuers in Istanbul.

Auch er ist weitestgehend unvorbereitet. Kein aktueller Reiseführer, kaum Vorkenntnisse über Land, Kultur und Leute, denen man später an den etlichen Stationen der Reise nachspüren könnte. Einfach viel Zeit genommen (ca. 10 Wochen ist er unterwegs), ein ausreichendes Budget und ein Ticket erworben und ab nach Troja. Von dort aus sticht Tobias Lehmkuhl nicht wie Odysseus in See, sondern reist überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln über Land und Meer entlang der Route, die Literaturforscher und Historiker hinter den Beschreibungen im Epos von Homer vermuten.

Wer nun Spektakuläres erhofft, wird nicht befriedigt. Doch häufig schmunzeln wird, wer selbstironische, locker feuilletonistische Reisebeschreibungen mag, auch wenn vordergründig weder Orte, Ereignisse noch die Begegnungen mit zahlreichen Menschen mehr als kurzweilige Anekdoten erbringen. Gleich, ob Lehmkuhl mit bauernschlauen Einwohnern, ausgewanderten Studienräten, lässigen Jungen, energischen Alten, hübschen Frauen, trunkenen Männern, schrillen Freaks, betrügerischen Kellnern, hochstapelnden Finanzexperten, gleichmütigen Rentnern, erlebnissuchenden Touristen oder selbsterklärten Touristenführern plaudert, zuviel trinkt oder zeitweilig gemeinsame Wege geht. Selbst über landschaftliche Ödnis, tröge Typen und träge Tage versteht er es mit Spannung zu erzählen, doch keine Erzählung erreicht letztlich einen überraschenden Plot. Dennoch war ich durchweg gefesselt, wie Odysseus am Mast und folgte dem Gesang durchs halbe Mittelmeer.

Lehmkuhl verwandelt seine Reisenotizen und –erinnerungen in eine geschliffene Erzählung. Ähnlich einem Maler, der zahlreiche Skizzen auf seinen Wegen sammelt, um sie später im Atelier – nach langem Verdauen der Erinnerungen – in berührenden Gemälden aufgehen zu lassen. Zudem ist er nicht von penetranter Neugier getrieben, sondern von achtsamer Aufmerksamkeit. Unter den vielen Menschen mit denen er ins Gespräch kommt waren einige – so deutet er es zumindest an – denen er insistierend so manch spannende Lebensgeschichte hätte entlocken können. Doch er hakt selten nach, schürft nicht tiefer und belässt es bei Andeutungen und knappen Vermutungen.

Die Form, die Tobias Lehmkuhl wählte darf man angesichts der heutigen multimedialen Blogger-Aktivitäten wohl fast anachronistisch nennen. Nicht einmal Fotos bereichern seine Schilderungen. Ja, wären sie denn eine Bereicherung? Ich zumindest habe sie nicht vermisst, da er mir unzählige Kopfbilder suggerierte, die sich aus seinen Beschreibungen und meinen eigenen Reiseerfahrungen mischten.

Am Ende bin ich auch sehr dankbar für das literarische Abenteuer, auf dem ich nun Weggefährte war. Von Herzen wünsche ich dem Autor und Verlag, dass mir noch einige folgen und sich auf diese ebenso anregende als auch erholsame Reiselektüre einlassen werden.

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