Alles wird gut, solange wir noch drüber lachen können.

BildHerrlich, schon auf den ersten Seiten musste ich mir ein lautes Auflachen in der S-Bahn verkneifen als ich dieses neue Büchlein von Daniel Glattauer begann. Bislang habe ich – oder besser wir – noch nicht den Notstand verspürt, eine Paartherapie zu besuchen. Deshalb vermag ich nicht zu beurteilen, wie authentisch der hier anderthalbstündige Verlauf ist, aber die Erzählung trifft meine Vorstellung davon. Die Dialoge sind auf jeden Fall amüsant, gut beobachtet und – trotz literarischem Feinschliff – plausibel.

Sicher liegt auch der Gedanke nicht fern, dass dies wohl das perfekte Drehbuch für einen Sketch von Anke Engelke und Olli Dietrich als therapiebedürftiges Ehepaar ist. Unschlüssig bin ich noch über die Besetzung des Therapeuten, vielleicht Bastian Pastewka. Ich denke, fast jeder, der eine langjährige Beziehung führt, findet hier einiges an eigenen bekannten Vorwürfen und Verhärtungen der Fronten wieder, auch wenn sich Glattauer eine starke dramatische Zuspitzung erlaubt.

Das Ehepaar Dorek führt laut Therapeut eine ausgeprägte Kampfbeziehung, ausgetragen mit schwerem, rhetorischem Geschütz. Besonders Joana verfügt über ein fast unerschöpfliches Arsenal an giftigen Wortspitzen und süffisanten Bemerkungen. Aber auch Valentin pariert nicht ungeschickt, mal mit Degen, mal mit Säbel. Am Ende bemerkt der Therapeut resigniert, beide beherrschten diesen kriegerischen Umgang miteinander nach all den Jahren so virtuose, dass sie die 9 Eskalationsstufen jederzeit wie eine Tonleiter hoch und runter spielen können.

Die typischen Fallstricke in Beziehungen werden schon sehr früh deutlich. Vorneweg das Bilanzieren unter Partnern: wie viel mehr Zeit wer im Alltag für die Pflichten opfert als der andere. Legt man die Bilanzen von langjährigen Paaren nebeneinander, wundert man sich immer, dass beide zusammengerechnet ca. 150% Pflichten am Tag erfüllen und jeder einzeln bestenfalls noch über 10% selbstbestimmte Zeit verfügt.

Weiter erweist sich dann die kaum noch vorhandene Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, als allmählicher Totengräber einer Beziehung. Hierfür könnte diese „Komödie“ einen ersten therapeutischen Ausweg bieten, in dem sich Paare mal auf einen gemeinsamen Abend auf der Couch einigen und sich das Stück laut vorlesen. Doch eventuell wird es manch einer am Ende doch eher tragikomisch als komisch finden.

Auf nähere inhaltliche Beschreibungen verzichte ich besser, denn man läuft sofort Gefahr, etwas vorwegzunehmen, das anderen die Spannung über den Ausgang rauben könnte. Ich hab auf jeden Fall meinen Spaß gehabt. Danke, Herr Glattauer.

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2 Gedanken zu “Alles wird gut, solange wir noch drüber lachen können.

  1. Anke Engelke und Olli Dietrich kann man sich als streitendes Ehepaar lebhaft vorstellen! Ein Hörbuch dazu gibt es übrigens schon, allerdings mit Andrea Sawatzki und Christian Berkel in den Hauptrollen.

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