„Coming out“ ja, aber wohin?

BildWas würde Sie mehr entsetzen: Ihr pubertierendes Kind kehrt nach einem Stadtbummel begeistert mit einer Werbebroschüre a) der Scientologen oder b) der Linken nach Hause? Nach der Lektüre von Jan Fleischhauer bin ich jetzt nicht mehr sicher, ob ich – wie zuvor – Antwort a) geben würde. Meine Eingangsfrage ist ebenso suggestiv und provokativ, wie viele bissige Vergleiche, die der Autor in seinen wirklich sehr gelungenen Bekenntnissen formuliert. Ich habe viel gelacht, genickt und meine eigene Entwicklung als Kind des linksbürgerlichen Milieus gespiegelt gesehen. Doch noch bin ich nicht ganz so weit wie er.

Ich folge Jan Fleischhauer in der gesamten Analyse der bigotten, linksbürgerlichen Attitüde, die besonders augenfällige bei der Mehrheit der medialen Meinungsbildnern und den Kulturschaffenden wird. Doch ich bekenne auch, dass mir das saturierte, bräsige und schnöselige Gehabe der Konservativen in vielen Metiers ebenso wenig einen Hafen bietet. Jan Fleischhauer selbst läuft auf diesem schmalen Grad zwischen aufklärerischem Nonkonformismus und selbstgefälligem, süffisanten Besserwisser-Habitus, wenn man ihn als Talkshow-Gast betrachtet.

Doch was er in diesem Buch schreibt und aktuell im Spiegel kommentiert – gleich zu welcher politischen Seite man tendiert – ist ein sehr empfehlenswertes Korrektiv bei der persönlichen Meinungsbildung. Die Links-Konditionierung in meiner Jugend verführt mich bis heute zu Schubladendenken. Einem Kommentar in der SZ von dem mir sehr geschätzten Heribert Prantl bin ich wohlwollender gegenüber als der Einschätzung eines Frank Schirrmachers in der FAZ. Obwohl sich beide politisch nicht in ein bestimmtes Lager setzen ließen.

Die Empörung, die dieses Buch bei vielen auslöst, entlädt sich sicher auch an der teils verletzenden, zynischen Rhetorik. Ich mag das und habe kein Problem damit, wenn es mich auch selbst trifft. Aber sicher tut sich der ein oder andere eifrige Missionar schwer damit, wenn er lesen muss, dass zum Beispiel sein vehementes Eintreten für Vegetarismus, Homöopathie und Nichtrauchen nicht zwingend bessere Menschen hervorbringt, wie man an Hitler konstatieren muss. Und viele möchten sich auch ihre Ansichten nicht verwirren lassen, wie beispielsweise, dass der Strafvollzug primär der Resozialisierung dienen sollte. Denn während das linke Lager viel Milde beim drogenabhängigen Beschaffungskriminellen walten lassen möchte, fordert es zugleich bei korrupten Unternehmern, gierigen Bankern und Steuerhinterziehern bewährungslose Höchststrafen. Dabei sind doch auch diese Täter sicher oftmals nur Opfer einer repressiven, asozialen und lieblosen Kindheit.

Jan Fleischhauer teilt kräftig aus. Mit Recht und viel Vergnügen, wie ich finde. Das muss man auch als Linker abkönnen. Wenn man es nicht kann, sollte man sich auch das Lachen bei der Heute Show verkneifen.

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