Die trostlose Wirklichkeit hinter „Full Metal Jacket“.

BildMit „Die Einsamkeit der Primzahlen“ hat er mich und Millionen weitere Leser beeindruckt. Mit seinem neuen Roman ist es ihm bei mir wieder gelungen, doch ich erwarte nicht, dass dieses Buch ein Auflagenerfolg wird. Paolo Giordano hat sich ein ebenso ernüchterndes wie beklemmendes Thema gewählt: das Soldatendasein.

Die szenische Erzählung beginnt am Ende der Geschichte. Im Fortlauf seziert Paolo Giordano wie ein Pathologe sehr eindringlich anhand einzelner Begebenheiten und unterschiedlicher Figurenperspektiven die Entwicklung von Berufssoldaten und -soldatinnen im Afghanistan-Einsatz. Das Geschehen und der besondere Wendepunkt sind zwar absehbar, doch die Spannung liegt nicht in der Handlung, sondern in der Wandlung der Protagonisten.

Das Buch hat mich – im besten Sinne – sehr angestrengt und trostlos entlassen. Das ist die Crux solch einer schriftstellerischen Bemühung, die sich der Wirklichkeit annimmt, sie reportagehaft behandelt und nicht dramaturgisch verfremdet. Denn auch wenn man es als tragische Handlung bezeichnet, so fehlt dem Roman dass, was die künstlerische Tragödie auszeichnet: die Katharsis. Der Roman läutert nicht oder verbessert gar ein wenig die Welt – weder moralisch noch menschlich. Er lässt uns am Ende mit der fatalen Gewissheit zurück, dass am Verlauf der erzählten Schicksale ebenso wenig zu ändern ist wie offensichtlich an der Notwendigkeit militärischer Einsätze. Zumindest wertet er nicht. Weder befürwortet Paolo Giordano mit dem Roman Militäreinsätze noch lehnt er sie offenkundig grundsätzlich ab – vom utopischem Wunsch eines ewigen Friedens einmal abgesehen.

Das Fatalistische dieses Romans wird wohl seinen Erfolg verhindern. Kaum jemand wird ihn gerne empfehlen und Freunden zumuten. Denn ja, er ist eine Zumutung. Er fordert dem Leser Mut ab, zu bekennen wie entpersonalisiert das wirkliche Leben ist. Soldaten versinnbildlichen dies nur besonders konsequent. Wir nehmen sie nur in ihren Funktionen war – nicht als Personen. Jegliche Individualität ist in der geforderten Funktion hinderlich, gar ein Risiko. Soldaten opfern nicht erst im Einsatz Leib und Leben, sie opfern auch schon beim Eintritt in das Soldatensein Individualität und Persönlichkeit. Nichts demonstriert dies monströser als der Ausbildungsteil im Film „Full Metal Jacket“ von Stanley Kubrick.

Es befremdet mich bis heute, dass dieser Teil des Kubrick-Films „Kultstatus“ erhalten hat – und zwar nicht als erschütterndes Zeugnis einer menschenverachtenden, abscheulichen Einrichtung, sondern als respektvolle Huldigung derer, die sich das angetan haben und bis heute noch antun. Zur Huldigung bietet Paolo Giordano keinen geeigneten Stoff. Dafür ist ihm – neben allem anderem – noch mal besonders zu danken. Denn es war sicher sehr verführerisch, aus dem Stoff ein Heldenepos zu inszenieren. Doch er blieb der trostlosen Wirklichkeit verpflichtet.

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Ein Gedanke zu “Die trostlose Wirklichkeit hinter „Full Metal Jacket“.

  1. Ja, tatsächlich sehe ich Parallelen und gleichzeitig ist es so völlig anders dargestellt. Vielen Dank für die Empfehlung, mir sagte der Titel bislang nichts! Jedoch hätte ich hinter Titel und Buchcover solch eine Szenerie nicht erwartet!

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