Alles Käse oder was?

BildAuch auf die Gefahr hin, jegliches Wohlwollen sensibler LeserInnen von Beginn an zu verspielen, gestehe ich, dass ich über den Kapitel-Einstieg zu „Luc Condamine“ in Yasmina Rezas Roman „Glücklich die Glücklichen“ am meisten gelacht habe:

„– Gestern hab ich Juliette mit der Hundeleine geschlagen, sagte ich. – Du hast einen Hund?, sagte Lionel.“

Jetzt darf ich mich wohl fragen, welch Geistes Kind bin ich eigentlich. Mitnichten amüsiert mich die reale Vorstellung, die mit dieser Bemerkung und der trockenen Erwiderung erweckt werden könnten. Diese Form des Humors – die einem Mann im Halse stecken bleiben sollte – hat eine Frau. Das legitimiert mir mein Lachen.

BildDass Yasmina Reza sehr sarkastisch sein kann, ist den meisten wohl aus der Verfilmung ihres Theaterstücks „Der Gott des Gemetzels“ bekannt. Reza hat offensichtlich gerne eine fokussierende Brille auf, wenn sie auf ihr bevorzugtes, wohl eigenes Milieu blickt. Während wir als Kinder gerne von der „Röntgenbrille“ träumten, die uns alle Welt entblößt, imaginiert Yasmina Reza sich eine Brille, die Fassaden bürgerlicher Konventionen und Affektiertheit durchleuchtet und die dahinter verborgene Vulgarität offenbart.

Ihr besonderes Talent ist es, dass sie das, was sie so zu erkennen glaubt, für uns unterhaltsam zu inszenieren versteht. Besonders auf der Bühne überzeugt sie damit. Aber auch mit diesem Reigenroman „Glücklich die Glücklichen“ amüsiert sie mit einem skurrilen Panoptikum an Personen, die man dem äußerem Schein nach zu den Glücklicheren zählen würde und alle in einer losen Verbindung miteinander stehen.

Das erste Kapitel des Romans hat es allen Feuilletonkritikern (Zeit, SZ, Spiegel) besonders angetan. Und auch mich hat das Lesen dieses Kapitels zum Kauf des Buches bewogen. In ihm beschreibt Reza famos die Eskalation eines lapidar beginnenden Disputs unter Eheleuten vor der Käsetheke in einem Supermarkt. Der Käse, der die Handlung des Romans ins Rollen bringt wird von allen Kritikern intensiv gewürdigt. In keinem der nachfolgenden 20 Kapitel gelingt es der Autorin wieder, so mitreißend und haarsträubend eine Alltagsszene zu beschreiben.

Aber Yasmina Reza schreibt immer wieder tolle Sätze und amüsante Bemerkungen. So legt sie zum Beispiel Darius Ardashir, einem zwielichtigen Schwerenöter, der gerade erfuhr, dass seine Frau einen Geliebten hat, in den Mund:

„Frauen nehmen sich keinen Geliebten, Sie verlieben sich, sie phantasieren sich einen Film zusammen. Sie werden komplett verrückt. Ein Mann braucht einen sicheren Ort, um der Welt gegenübertreten zu können.“

Und Remi Grobe, der gerade eine Affaire mit der Anwältin Odile Toscano hat, bekommt den Blues und denkt:

„Mir kam es fast vor, als würde sie sich fast langweilen. Es ging mir ja selbst fast so, mich packte der Trübsinn der Liebhaber, wenn sich außerhalb vom Bett nichts mehr tut.“

Doch bei aller Begeisterung für die Raffinesse und Bonmots muss ich gestehen, dass ich keinen tollen Roman gelesen habe. Eine tiefsinnige Geschichte entfaltete sich nicht vor mir. Die Episoden ließen sich nur schwer verknüpfen (mein Namensgedächtnis ist miserabel) und so war das Buch für mich weit mehr ein Erzählungsband als ein Roman.

Nicht zuletzt muss ich auch konstatieren, dass der Typ Mensch und das Milieu durch die Brille und Inszenierung Yasmina Rezas oft weit interessanter wirken als sie in Wirklichkeit wohl sind.

Der Gott des Gemetzels als Hörspiel gibt es frei hier.

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