Wozu noch liberal?

Bild„Wer Freiheit zugunsten der Sicherheit opfert, hat beides nicht verdient.“ (Frei übersetzt nach Benjamin Franklin.) Der Tenor dieses mehr denn je aktuellen Zitates durchzieht auch Gerhard Baums politische Bilanz. Denn offenkundig überwiegt in unserer Gesellschaft eine Sicherheitshysterie, die Stück für Stück hart erkämpfte Freiheiten opfert. Offensichtlich glauben viele, Sicherheit wäre ein Grundrecht wie die Freiheit und verkennen, dass Freiheit nun mal auch Unsicherheit in sich birgt.

Gerhard Baum gehört zu den schon fast vergessenen Vertretern einer linksliberalen FDP, die sich in einer Koalition mit einer ebenso vergangenen Brandt/Schmidt-SPD um freiheitliches Denken und liberaler Gesellschaft in der Bundesrepublik verdient machte. Als Babyboomer, Jahrgang 1961, profitierte ich und viele meiner Generation von dieser linksliberalen Wende in der Politik. In meiner Schulzeit traf ich auf viele junge LehrerInnen, die uns Schüler gerne politisiert und aufgeklärt hätten. Im Rückblick heute erinnern wir uns jedoch leider mehr an Oswald Kolle als an Kant. Die geistige Aufklärung blieb im Schatten der sexuellen. Hier mag schon ein Grund liegen, warum meine Generation nicht auf die Barrikaden gegen G8 und die Bologna-Reform geht, die man unseren Kindern zumutet.

BildAls Kind eines linksbürgerlichen Milieus waren mir die Liberalen in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts leicht suspekt. Selbst Vertreter wie Baum, Genscher und Hamm-Brücher waren mir zu konservativ. Ideologien statt Ideale waren mein Credo. Das hat sich geändert wie man gerne prophezeit: Wer mit 20 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer es mit 40 immer noch ist, kein Verstand. Heute erkenne ich in Gerhard Baum einen engagierten Idealisten, der pragmatisch, aber nicht opportunistisch Politik betrieben hat.

Ich erlebe einen Achtzigjährigen bei seiner Buchpräsentation, vor dem ich mich verneige angesichts seiner bewahrten Leidenschaften für Politik, Gesellschaft und Kultur. Ich habe mir sein Buch gerne mitgenommen und es an zwei Abenden gelesen. Es hat mich bewegt und zugleich frustriert. Letzteres, weil es deutlich macht, welchen Wandel die FDP im besonderem und die aktuelle Politikergeneration im allgemeinem gemacht hat: von gesellschaftspolitischen Gestaltern zu opportunistischen Verwaltern einer bürgerlichen Komfortzone.

Und für noch etwas öffnete mir Gerhard Baum die Augen und lässt sie leicht tränen angesichts der Bedeutungslosigkeit, in der die FDP nun versunken ist: „ Widerstände waren immer eine Herausforderung. Ich hatte keine Scheu, Minderheitspositionen zu vertreten und mitunter zu unterliegen. Die liberale Partei, meine Partei, ist immer eine Minderheit in dieser Gesellschaft gewesen. Meine Freunde und ich waren in dieser Minderheit wiederum eine Minderheit – oft allerdings Vertreter eines starken, gestaltungsfähigen Teils der Partei. … (Karl Popper zitierend): Das Ziel ist ein auf Kompromiss beruhendes Fertigwerden mit dem Leben; die Neigung der Deutschen zu romantisch-irrationalen Positionen war mir immer fremd.“

BildFatalismus ist Gerhard Baum ebenso fremd, ja befremdet ihn. Das bekam ich zu spüren als ich ihn bei seiner Buchvorstellung eine Antwort darauf gab, warum sich denn die Mehrheit der Bürger nicht heftiger über die Datenskandale empören. Meine Haltung dazu ist fatalistisch. Das verlorene Vertrauen ist nicht mehr zurückzugewinnen, da die technischen Möglichkeiten rechtlich nicht mehr im Zaum gehalten werden können. Das toleriert er nicht und will weiter dafür kämpfen, dass das Recht und Gesetz über NSA & Co. siegt. Seine Wut ist eben jung. Meine wird zunehmend vom Zynismus verlacht. Doch wie man meiner Rezension entnehmen kann, hallt die Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Menschen, Politiker und Kämpfer nach. Und vielleicht verjüngt er letztlich auch mich.

Lisa_HerzogNachtrag: die Beschäftigung mit Freiheit und Liberalität – gesellschaftlich und politisch – hat mich nicht losgelassen. Und mit Lisa Herzogs „Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus“ habe ich ein nachfolgendes Buch gefunden, das ich sehr klug und lesenswert fand.

Freiheit mit beschränkter Haftung.

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(c) Photograph by Erich Lessing

Üblicherweise ziehe ich bei Sachbüchern, die sich mit gesellschaftlichen Phänomenen beschäftigen, heute die eBook-Form vor. Denn deren Halbwertzeit liegt selten über 5 Jahre. Soziologen werden selten zu Longseller-Autoren. Eine große Ausnahme bildet Erich Fromm. Die oft zitierten Werke „Haben oder Sein“ und „Die Kunst des Liebens“ finden in jeder Generation interessierte Leser. Fromm erlag offenbar nicht so leicht der Zeitgeist Interpretation, sondern schürfte tiefer und fand zeitlosere soziophilosophische Themen, die ihre Relevanz bis heute behalten.

Mit der jugendlichen Vorprägung der oben genannten Werke, die ich vor ca. 30 Jahren gelesen hatte, bekam ich nun die Empfehlung zu seinem Erstling „Die Furcht vor der Freiheit“. Gerhard Baum, ehemaliger FDP-Minister in der linksliberalen Koalition Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, verweist darauf in seiner politischen Biografie. Es sei sehr erhellend für ihn gewesen und erkläre das bis heute unverändert ambivalente Verhältnis des Menschen zur Freiheit. Dem kann ich nach der Lektüre nur ganz und gar zustimmen. Dieses Buch werde ich nun zum Kanon meiner soziologischen Literatur zählen.

BildGeschrieben hat es Erich Fromm 1941 vor dem Hintergrund des sich erfolgreich ausbreitenden Faschismus und der Naziideologie, deren Zusammenbruch zu diesem Zeitpunkt sicher noch nicht absehbar war. Es ist beeindruckend, wie nüchtern, lesbar und fundamental er das Thema Freiheit und Gesellschaft analysiert und zunächst mit einer sehr plausiblen Entwicklungsgeschichte beginnend im späten Mittelalter in das Thema einführt.

Sicher ist sein Blick eurozentristisch und klammert fernöstliche gesellschaftliche Phänomene ebenso aus wie islamisch geprägte. Doch tut dies dem Erkenntnisgewinn erst mal kein Abbruch. Man darf sicher auch nicht eine erschöpfende Abhandlung erwarten. Der Leser erhält ein essayistisch formuliertes und plausibel interpretiertes Ergebnis einer gesellschaftlichen Analyse. Die gesellschaftspolitischen Ableitungen und Empfehlungen, die Erich Fromm daraus macht, nehmen keinen breiten, dogmatischen oder ideologischen Raum ein. Sicher tendiert er politisch deutlich links und spricht am Ende gerne vom Ideal der sozialistischen Demokratie.

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Seit langem habe ich in einem Buch nicht mehr so häufig markiert, unterstrichen und Anmerkungen gemacht, wie in diesem. Die wesentliche Erkenntnis, die Erich Fromm vermittelt, ist weiterhin hochaktuell: das „Doppelgesicht“ der Freiheit. So wünschen wir uns zwar Freiheit in allen gesellschaftlichen Belangen, jedoch bedingt dies auch immer wachsende Unsicherheit. Weniger Staat, weniger Macht, weniger Regeln bedeuten auch weniger Absicherung, mehr Eigenverantwortung und Unklarheiten. Aktuell erleben wir eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen bereit sind, Freiheiten zugunsten einer komfortablen Sicherheits- und Komfortzone aufzugeben.

Die Furcht vor der Freiheit ist weiterhin aktuell. Wir alle müssen lernen, Freiheit auch mit beschränkter Haftung zu wollen. Um sich dafür zu rüsten, lohnt der Einstieg ins Thema über Erich Fromm und aktuell auch der Beitrag von Lisa Herzog „Freiheit gehört nicht nur den Reichen.“.

Einen etwas anderen, aber interessanten Blick auf das Buch fand ich im Blog „Der Pudels Kern“ hier.

Form vollendet.

IMG_2064Als Kind der 60er werde ich sentimental, wenn ich diese Monographie von Dieter Rams immer mal wieder zur Hand nehme. Jüngeren Generationen, denen ich hier Abbildungen von Produkten, Messebauten und Schaufenster-Gestaltungen zeige, sind verblüfft über das zeitlose, noch immer gefallende Design, das dennoch diese einzigartige Handschrift trägt. Apples Chefdesigner Jonathan Ive schreibt einführende Worte über den erheblichen Einfluss, den Dieter Rams auf sein ästhetisches Verständnis und seine Design-Philosophie hat. Das Credo von Dieter Rams sollten nicht nur Produktdesigner verinnerlichen, sondern alle, die Markenprodukte produzieren und überzeugend vermarkten wollen.

IMG_2051Sofern ein Buch in der Bildsprache, Gestaltung und Haptik dem Design von Rams überhaupt gerecht werden kann, tut es dieses von den mir bekannten am stärksten. Ja, es ist teuer, aber für Menschen, die wie ich, noch heute andächtig über den Schneewittchensarg streicheln und freudig einen Weltempfänger von Braun auf dem Flohmarkt erwerben würden, ist es jeden Cent wert.