Das große Drama des Lebens, das ewige Dilemma des Daseins – ganz bescheiden verpackt.

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Es ist ein unbeschreibliches Glücksgefühl, so eine bescheidene Geschichte in die Hände zu bekommen, die sehr berührend das große Drama des Lebens behandelt. Alle Facetten des Dilemmas unseres Daseins, unsere Träume und unser Streben nach Freiheit, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, aber auch unsere Zwänge der Selbsterhaltung, die uns gnadenlos gegenüber anderen Geschöpfen sein lassen, und unser Sehnsucht nach Sicherheit, Geborgenheit, Akzeptanz und Zugehörigkeit, die uns in unseren fürsorglichen Komfortzonen verweilen lassen, all das umfasst das knapp 160seitige Büchlein. Der Roman von Sun-Mi Hwang ist das wohltuend erzählerisch zurückhaltende Pendant zu oftmals westlich literarischer Opulenz.

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Dass ein melancholisches Huhn, eine Legehenne, als Heldin der Geschichte auserkoren ist, wird vielleicht dann naheliegend, wenn man sich die darwinistische Erkenntnis noch mal korrekt bewusst macht. Als Darwin das „Survival of the fittest“ proklamierte, entstand bei vielen das Missverständnis, Darwin hätte eine innere Logik der Evolution und damit Zielgerichtetheit entdeckt: es überlebe immer das Stärkere das Schwächere und vermehre sich entsprechend mehr. Mit der Zeit würde also das Leben auf der Erde immer stärker, robuster und cleverer. Das ist ein großes Missverständnis. Denn nicht das Starke, Kräftige, Wilde und Eigenwillige ist evolutionär besonders erfolgreich, sonders das Anpassungsfähigste, also das was besonders gut „fittet“. Es sind die Arten, die auch unter widrigsten Bedingungen überleben, weil sie sich nicht aufbäumen und wehren, sondern den Bedingungen unterwerfen. Bei den Tieren sind es denn auch die industrialisierten Haustiere, vorneweg die Hühner, die dies am „erfolgreichsten“ repräsentieren. Es gibt heute schätzungsweise mehr als 20 Milliarden Hühner auf unserem Planeten, die trotz grauenvoller, von uns gestalteter Lebensbedingungen nicht nur überleben, sondern (sich) auch noch stetig (re)produzieren. Kaum ein anderes Haustier lies sich so ideal an das menschliche Bedürfnis anpassen. Neben dem Huhn sind auch die anderen Nutz- und Haustiere die evolutionären, darwinistischen Gewinner. Denn sie machen heute 75% aller größeren auf dem Land lebenden Tiere aus, wie ich vor kurzem bei Harari lesen durfte.

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Doch nicht genug, dass das darwinistische Missverständnis uns blind für die wahren tierischen Evolutionsgewinner macht, es macht uns auch blind für den Erfolg unserer eigenen Spezies. Denn nicht unsere Willenskraft, unsere rigoros eingeforderte Freiheit, nicht unsere Selbstbestimmung und Unabhängigkeit und auch nicht unsere intellektuellen Fähigkeiten haben den Menschen zu einer dominanten Spezies gemacht, sondern unsere enorme Anpassungsfähigkeit, unser Opportunismus und Konformismus sind unsere evolutionären Erfolgsgaranten. Risikovermeidung und die Bereitschaft auf Freiheiten und Selbstbestimmtheit zugunsten von Fürsorge und Sicherheit zu verzichten, lässt die Menschheit überproportional wachsen. Milliarden von Menschen nehmen die miesesten Lebensbedingungen hin und richten sich und ihren Nachwuchs defätistisch darauf ein.

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Sprosse, so das sich selbst benennende Legehuhn, ist Sinnbild für die Masse an Mensch, die schicksalsergeben ihr Leben fristen. Wenn die eingesperrte Sprosse sehnsüchtig aus ihrem Stall blickt, um ein wenig von dem für sie begehrlichen Leben auf dem Hof zu erhaschen, so erinnert mich dies an die abertausenden Menschen, die ihren erwartungsvollen Blick tagtäglich auf einen Flatscreen lenken. Als Sprosse ihren „Burnout“ hat und nicht mehr täglich ein Ei legen mag, soll sie ausgemustert und gekeult werden. Doch sie bekommt die Gelegenheit, aus ihrem eintönigen Dasein – ihrer „Komfortzone“ – doch noch lebendig zu entkommen. Nun erfährt sie, dass auch das Drumherum im Hof nur eine etwas luxuriösere Komfortzone ist in der niemand selbstbestimmt und frei lebt. Und das dennoch jene, die dort leben, diese Zone gegen Eindringlinge, Sonderlinge und Zuwachs heftig verteidigen.

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Das Schicksal, das Sprosse zunehmend selbst in die Hand nimmt, zwingt sie dann zur Flucht in die „Wildnis“ und erfüllt ihr dann gar einen Herzenswunsch: endlich ein Ei ausbrüten und die Verantwortung für ein junges Leben zu übernehmen. Es schlüpft ein Wildentenküken, welches Sprosse durch die ersten Phasen seines Lebens mütterlich begleitet. Es verfügt über alle Anlagen zu einer freien, selbstbestimmten Entfaltung, die bei domestizierten Tieren schon degeneriert sind. Das Küken entdeckt von allein, dass es Schwimmen und bald auch das es Fliegen kann. Es entdeckt aber auch, dass es ein Sonderling ist, da es von einer Henne aufgezogen wird und weder Akzeptanz bei den gestutzten Hausenten noch bei den Wildenten findet. Der heranwachsende Erpel steht dann vor image-1seiner Lebensfrage, ob er bequem und saturiert in einem Hof leben möchte, oder sich einem Schwarm von wilden Artgenossen anschließt. Hierbei kommt es zum Generationenkonflikt mit seiner Adoptiv-Mama, die ihn bekniet, doch auf seine wilde Art zu leben. Er aber entscheidet sich für die komfortable Welt bis er – zu spät – erkennen muss, dass ihm diese nur unter der Bedingung zugestanden wird, dass er sich im wahrsten Sinne des Wortes (fest)binden lässt. Denn letztlich soll er hier einmal als fetter Braten auf dem Tisch der Bauersleute enden. Dem Mut seiner Adoptiv-Mama verdankt er es, doch wieder die Freiheit zu erlangen. Aber diese Freiheit hat ihren Preis: kaum Schutz, große Gefahren.

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Schon zu Beginn der Erzählung, wenn Sprosse ihren neuen, freien Lebensweg einschlägt, begleitet sie – wie ein Schatten – nun auch immer die wachsende Gefahr: Schutzlosigkeit vor Kälte, die mühevolle Nahrungssuche, die immerwährende, tödliche Bedrohung durch ein jagendes Wiesel. Das Wiesel versinnbildlicht die stetigen Risiken, die mit unseren Wagnissen im Leben einhergehen. Nur wenn wir Widerstand leisten, immer wachsam sind, können wir diese Gefahren verringern. Mit der erfüllenden Herausforderung, der sich Sprosse gestellt hat, ihr Wildentenküken aufzuziehen, entwickelt sie die Courage, diese Lebensaufgabe erfolgreich zu meistern. Und letztendlich gelingt es ihr gar das irgendwann erwachsene Kind los- und ziehen zu lassen, sich mit der ewigen Bedrohung zu versöhnen und sich damit den Traum vom Fliegen zu erfüllen.

image-6Sun-Mi Hwang und der Illustrator Nomoco schenken uns einen ebenso leise stimmigen, wie tiefgängigen Roman, den ich zu einem meiner unvergesslichsten Leseerlebnisse zählen werde. Dass dieser Roman offenbar seit 10 Jahren schon auf der Bestsellerliste von Südkorea steht, verwundert mich nicht. Dass es so lange braucht, bis dieser Roman auch eine internationale Entdeckung und Anerkennung findet, ist für unser westliches Feuilleton fast ein wenig beschämend. Zeigt es doch einmal mehr, wie fokussiert wir nur westwärts schauen – und dabei auf dem Weg zur Einheitskultur sind. Aber es ist sicher nur eine Frage von wenigen Jahrzehnten, bis wir auch die östlichen Einflüsse bis zur Unkenntlichkeit gänzlich absorbiert haben werden.

Im Nachgang habe ich nochmals recherchiert und bislang nicht eine Besprechung des Buches in den großen Feuilletons gefunden. Doch dafür in der Blogosphäre sehr schöne Rezensionen, die (fast) einhellig ebenso begeistert sind:

Bei Herzpotential, beim Lese-Leuchtturm, bei Blütenstaub, bei Papier und Tintenwelten, bei Katjas Lesewolke und eine etwas enttäuschte bei Karo Kafka.

 

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