Blog Dich reich!

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Wer zufällig die vom ZDF Frontal21 inszenierte „Samwershow“ gesehen hat stolperte eventuell wie ich über eine Randbemerkung zur großen Bedeutung der Bloggerszene für Zalando. Ein paar Tweets gab es auch dazu, dass Zalando eine Liste von über 1000 Fashionblogger hätte, denen unter dem Kürzel (SEO) regelmäßig Einkaufsgutscheine zugesendet würden. Die lösen die dann ein und präsentieren ihre Erwerbungen dann kreischend oder auch seriös als „Must have“ und verlinken auf den Sponsor. So geht das heute.

Gerne wird ja in Marketingfachkreisen der „Case“ Zalando als lehrreiches Beispiel vorgestellt, wie man mit einer Millionen schweren Werbekampagne „Schrei vor Glück“ in kürzester Zeit einen „Big Player“ am Markt positionieren kann. Das Fallbeispiel löst derzeit das seit den 80ern ewig kursierende Beispiel Sixt ab. Zugegeben, Sixt war viel amüsanter. Doch dass Werbung amüsant sein darf, haben die Konsumenten zwischenzeitlich abgestraft.

Randbemerkung: Humorvolle oder gar geistreiche Werbung – Zalando ist allenfalls für eine spitze Zielgruppe „witzig“– war ein Phänomen des vergangenen Jahrhunderts. Es resultierte wohl daraus, dass meine Generation der Babyboomer Werbung echt cool fand. Erfolgreich war sie dennoch so gut wie nie, sowie auch heute ca. 95% der Werbung nicht erfolgreich ist.

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Was nun die TV-Kampagne von Zalando betrifft, wird gerne unterschlagen, dass sie ihre massive Verbreitung einem sogenannten Media-for-Equity-Share-Programms mit ProSiebenSat.1 verdankt – also der Medienkonzern bekommt eine Beteiligung und stellt dafür eine Menge Werbeplätze zur Verfügung. Hätte Zalando die Werbung bezahlen müssen, hätten sie wohl abgelehnt. Denn Zalando ist eine Optimierungsmaschine (ähnlich wie amazon) und prüft alle Aktivitäten in Hinblick auf ihre Effizienz. Ein TV-Spot hat nach Angaben von Zalando 2012 die Klickraten auf ihr Portal durchschnittlich verdreifachen können. Das ist nun nicht wirklich berauschend und wäre für einen bezahlten Spot sicher nicht effizient genug gewesen.

Wer sich allmählich fragt, was hat dass nun mit Bloggen zu tun, den bitte ich noch um ein paar Sätze Geduld, wenn er gerne mit seinem Bloggen reich werden möchte.

Noch kurz zurück zum eigentlichen Zweck der massiven TV Werbung. Sie dient im wesentlichen dazu, ein Unternehmen deutlich größer erscheinen zu lassen als es ist. Denn sie erreicht eine Mehrheit von Menschen, die zwar nie bei Zalando einkaufen werden, die aber nach der massiven Kampagne jederzeit bestätigen würden, dass Zalando ein großes Unternehmen ist und wohl auch Marktführer in seinem Segment. Diese Wahrnehmung nun ist die wichtigste für alle Investoren. Das Unternehmen muss nicht primär wirtschaftlich sein und das Geschäftsmodell muss auch nicht unbedingt langfristig haltbar sein. Wichtig ist, man hat einen Platzhirschen geschaffen.

Ist das gelungen, geht es nun darum Kasse zu machen. Und ab hier kommen nun die Blogger ins Spiel. Üblicherweise findet der Verkauf solcher Unternehmen ja nicht öffentlich statt, sondern ein etabliertes, großes Unternehmen kauft den Laden und versucht ihn zu integrieren. Doch diesmal kündigt sich ein Börsengang an. Und an dem können nun alle teilhaben. Und ganz besonders die Blogger. Denn die haben – wie uns ja der Bericht des ZDF und der Wirtschaftswoche sowie auch viele andere Fachmedien bestätigen, enorm an Einfluss auf den Erfolg von eCommerce-Anbietern gewonnen.

Des Bloggers rechte Hand: sein persönlicher Finanzmanager. Bildquelle 123RF

Des Bloggers rechte Hand: sein persönlicher Finanzmanager. Bildquelle 123RF

Da heißt es jetzt noch schnell aktiv und reich werden. Zunächst sollten alle Blogger konsolidiert ein Blogging-for-Equity-Angebot an Zalando senden. Sollte hierfür die Zeit zu knapp werden oder sich Zalando nicht begeistert zeigen, dann bleibt der Blogger-Community später noch die Börse. Mit größtem Vergnügen können alle Blogger das Investment in Zalando regelmäßig hoch und runter schreiben bzw. bloggen. Alle erwerben sich zuvor entsprechende Aktienoptionen (keine Aktien, da ist der Hebel zu klein. Wem das zu kompliziert klingt, geht einfach mal zur Bank seines Vertrauens.) Dann bloggen alle mal gegen und mal für Zalando, (Backlinks, von denen es derzeit über 7000 geben soll, kurz mal kappen und – wenn der Kurs allmählich im Keller ist – wieder aktivieren.)

Mit jeder dieser konsolidierten Aktionen werden die Blogger reicher. Ich denke, zweimal im Jahr sollte das gut funktionieren. Und wenn die Blogger-Community dann mal professionell rangehen will, gründet sie einen European Blogger Hedgefond. Da können die Profis sogar tagtäglich Schwankungen nutzen, die die Bloggerszene auslöst.

Also, wer da nicht mitbloggt ist selbst schuld, wenn er in ein paar Jahren nicht auf der Forbesliste der Bloggermillionäre steht.

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Deutschlands Autoren im Wolken-Kuckucksheim

WolkenkuckkucksMan, warum mische ich mich da wieder ein? Bin weder Autor, Verleger noch Buchhändler, ich bin nur Leser – seit gut 40 Jahren. In dieser Zeit habe ich einiges gelesen, auch viel und gern von jenen Autoren, die derzeit mit Vehemenz und Larmoyanz die Entwicklung auf dem Buchmarkt beklagen. Verantwortlich dafür, dass es jetzt so ist, wie es ist, ist auch der Ort, in dem sich viele dieser Autoren seit Jahren befinden: im Wolkenkuckucksheim. Und das musste ich dann doch noch mal los werden.

Im Neuland leisten die etablierten Autoren den geringsten Beitrag zur Förderung des Lesens und der Literatur.

Daran, dass Literatur überhaupt noch relevant wahrgenommen wird, haben die etablierten Autoren in jüngster Vergangenheit den geringsten Anteil. Schon immer wurde der Einfluss von Literaten und Literatur auf die Gesellschaft maßlos überschätzt. Doch mit dem radikalen Wandel der Medien, verkriechen sich immer mehr Autoren schmollend im elitären Biotop des Buchmarktes, lassen sich vom ebenso einflusslosem Feuilleton hätscheln und gerieren sich – wie aktuell – als ritterliche Gralshüter von Tugend und Moral. Nur wenige der etablierten Schriftsteller stellen sich den Herausforderungen der Neuzeit und erweitern ihrer literarische Kampfzone für den Erhalt von guter Literatur. Das müssen andere übernehmen: ihre Leser und manche Buchhändler.

Zumindest stelle ich mich – wie viele ähnlich begeisterte Leser und auch einige Buchhändler(innen) – den Herausforderungen, die uns das Neuland stellt. Meine persönliche Herausforderung sehe ich darin, meinen siebenjährigen Sohn, meine Teenie-Patenkinder, meine Freunde und Bekannten und auch einige Unbekannte mit meiner Lust und Leidenschaft für Literatur sowie der Begeisterung über aktuelle Buchtitel anzustecken.

Dafür wende ich gern viel Zeit auf. Ich lese stundenlang vor, ich schreibe Rezensionen auf amazon und neuerdings im eigenen Blog, ich twittere, like und retweete Empfehlungen von anderen Bloggern und Feuilletonisten, ich verschenke Unmengen von Büchern und lenke bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Gespräche auf – meiner Ansicht nach – lesenswerte Literatur. Dafür versuche ich auch mein virtuelles Netzwerk auszuweiten, wie es nur geht, Herr Grass. Es ist mühsam, nicht immer dankbar, aber mir ist es das wert.

Warum mache ich das? Zuvorderst aus einem Grund: ich will kein einsamer Leser sein. Ich will mich über Gelesenes austauschen, mehr verstehen und gern auch diskutieren. Ich lese nicht nur, um dem Alltag zu entfliehen oder mit dem Autor in bester Gesellschaft zu sein oder meine Bildungsbürgertapete zu verschönern. Ich lese auch, um Denkanstöße zu erhalten, die auch gern mal heftig vor den Kopf gestoßen werden. Ich lese auch, um meine Vorurteile und Klischees kritisch zu reflektieren. Aber auch, um über die von einigen Autoren kräftig den Kopf zu schütteln. Und ich lese, um die ständigen Veränderungen und Herausforderungen unserer Gesellschaft besser zu verstehen, ihnen begegnen zu können und mich mit anderen auszutauschen. Dabei versuche ich, mir nicht immer nur mein selbstgebasteltes Weltbild bestätigen zu lassen.

Deutschlands Literaturelite hat Null-Bock auf Neuland.

Solch beschriebenes Selbstverständnis von Literatur und Lesen vermisse ich bei einer großen Zahl von Autoren. Schon lange wächst bei mir die frustrierende Erkenntnis, dass viele nur noch einen elitären bildungsbürgerlichen Glaubenskrieg führen wollen, der jetzt akut in der Verteufelung von amazon gipfelt. Es wird ganz deutlich, dass viele Autoren gänzlich die Säkularisierung der Medien verpasst oder ignoriert haben und auch den Anschluss an die Neuzeit verweigern. Wenn jemand das Grab für die Buchkultur schaufelt, dann besonders diese wachsende Gruppe an kulturpessimistischen Eigenbrötlern, erzkonservativen Medienignoranten und selbsternannte Glaubenskämpfern für das Gute, Wahre, Schöne.

Viele Autor(innen) würden ihren Kindern eher eine xbox oder Playstation kaufen als einen eReader.

eReader_buchSeit den ersten eReadern in den 90er erachtet die Mehrheit der etablierten Autoren es als blasphemisch, ihre Werke darauf zu lesen. Es erwächst aktuell eine Generation an Lesern, die in diesem elitären Literatenmilieu Abbitte leisten müsste, dass sie digitale Formen bevorzugt und den Download schätzt. Ich befürchte, dass bald die Hardliner unter den Autoren noch als Exorzisten in die Schulen eingeladen werden, um die abtrünnige Jugend von diesem verführerischen, jedoch unmoralischen Weg wieder zurück zum tugendhaftem Einkauf in die Buchhandlung zu lenken.

Und hinzu kommt noch der ungebrochene Glaube der literarischen Zunft an die feuilletonistische Kraft. Der Glaube demonstriert die wachsende Weltferne, die nicht begreifen mag, wer zukünftig Einfluss nimmt, was gelesen wird. Ein oberster Vertreter dieser Weltferne ist der PEN Präsident Josef Haslinger, der in seinem Interview allen ernstes über das Selbstpublishing bei amazon sagt:

„Amazon sorgt eher dafür, dass sie auf dem Abstellgleis landen. Wann haben Sie je im Feuilleton eine Rezension über ein Buch gelesen, das nur bei Amazon erschienen ist? Man ist von vornherein in einem relativ amateurhaften Ambiente gelandet. Zwar kommt man leicht zu einer Veröffentlichung, aber man wird von der seriösen Buchkritik nicht beachtet.“

Also bitte, Herr Haslinger. Der Einfluss des Feuilletons auf den Erfolg eines Buches geht nach meiner Beobachtung gegen Null. Aber dafür ist der Einfluss von leidenschaftlichen Lesern, die bloggen, Rezensionen verfassen, verleihen und verschenken und virale Empfehlungen verbreiten deutlich gestiegen. Und dass dem so ist, verdankt sich weder dem traditionellem Buchhandel, noch den Autoren oder den Verlagen und auch nur indirekt amazon. Der Erfolg von Büchern verdankt sich zunehmend der Aktivität ihrer begeisterten Leser, die sich die neuen technischen und viralen Möglichkeiten angeeignet haben und jetzt immer intensiver nutzen. Hingegen sind viele etablierte Autoren kaum in den neuen Medien aktiv. Vielleicht empfinden es einige ja auch als Abstieg aus ihrem Olymp, sich ganz profan und direkt mit ihren Lesern auszutauschen.

Liebe etablierte Literaten, wenn ihr kein Bock habt am öffentlich Diskurs teilzunehmen, dann schreibt zumindest Bücher, die uns Leser nachdenklich machen, uns vor den Kopf stoßen, uns dazu bringen, in den neuen Medien heftig zu diskutieren und für Euch, für die Literatur und für das Lesen zu kämpfen. Und auch wenn es euch nicht gefällt, doch wie man an den Sarrazins und Pirinçcis sieht, ist der Einfluss der Leser auf den Erfolg von Büchern deutlich größer als der von Feuilletons, stationärem oder online Handel. Und zu guter Letzt: habt endlich die Reife, zu erkennen, dass ihr und wir nicht zu der auserwählten Generation zählen, die den Zenith der Kulturgeschichte erlebt. Auch unsere Kinder werden noch jede Menge zur Kulturgeschichte beitragen, das sich zu lesen, zu sehen und zu hören lohnen wird.

Ich bin doch nicht blöd!

Folie1In den wenigen Tagen, in denen die Feindbild trunkene Debatte zur Zukunft des Buchmarktes aktuell tobt, fällt es zunehmend schwerer nüchtern zu bleiben – mir und offenbar auch vielen Autoren. Was Daniel Kehlmann und Jan Brandt noch draufpacken, entlarvt, dass es vielen Autoren eben nicht nur um einen fairen – besser wäre wohl kaufmännisch ehrenhaften – Umgang aller Teilnehmer auf dem Buchmarkt geht, sondern um die Diabolisierung eines einzigen globalen Marktteilnehmers. Manchmal glaube ich fast, Schriftsteller haben zu viel Paranoia-Literatur gelesen. (Nachtrag in der Debatte und super auf den Punkt gebracht: „Mitleid ist kein Marketingkonzept“ Markus Hatzer vom Haymon-Verlag Markus)

Um es an dieser Stelle noch mal deutlich zu machen: mir ist amazon schnuppe. Ich bin da ganz unfair. Ich wähle häufig amazon, weil es mir nützlich ist. Doch die Alternative zu amazon ist für mich nur ein Klick weiter. Meine ersten eBooks – wie die angesprochene Entdeckung von Nele Neuhaus – habe ich nämlich bei iBooks erworben. Ich hatte ein iPad und sah keine Notwendigkeit, mir auch noch einen kindle zuzulegen. Doch dann erfuhr ich, dass Apple und die Verlage in USA sich unlauter abgesprochen hatten, um amazons langfristige Strategie zu blockieren, eBooks wie Musikalben auf einen Durchschnittspreis $ 9,99 zu bringen. Daraufhin hab ich meine Marktmacht genutzt und mir dann doch noch einen kindle zugelegt, weil ich das „unfair“ fand. Und morgen kaufe ich mir vielleicht einen Tolino, wenn amazon nicht so spurt, wie ich das als Kunde will.

Buchmedien

Meine geliebten Contentträger: Notizbuch, Hardcover, eReader und Tablet. Übrigens Ursula Krechels „Landgericht“ gibt es jetzt endlich als günstiges Taschenbuch. Sehr zu empfehlen.

Amazon hatte damals die gleiche Strategie anwenden wollen, wie zuvor Apple bei Musik als sie alle Titel auf $ 0,99 bepreisten. Zu Beginn hat das Apple mit fehlender Deckung der Musiklabel gemacht. Apple hat Druck aufgebaut, auf die Kundenmacht gesetzt und ist dennoch ein horrendes finanzielles und unternehmerisches Risiko eingegangen. Es hätte ja auch schief gehen können, wenn die anderen Marktteilnehmer bei diesem Poker gewonnen hätten.

Wäre ich Aktionär von amazon, würde mich das derzeit sehr nervös machen. Denn als Investor und Berater in den neuen Märkten und Medien, weiß ich, wie schnell ein Unternehmen, das eben noch als Rising Star erachtet wurde morgen schon zu den armen Hunden gezählt wird. Doch als Kunde bin ich unfair oder wie man in einem anderen Markt ja gerne sagt: Ich bin doch nicht blöd!. Ich wähle einfach das, was ich für besser oder günstiger erachte.

Und so gestehe ich, dass ich in den 80er unserer großen Sortimentsbuchhandlung im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen den Rücken kehrte als Hugendubel in der Innenstadt eröffnete. Doch zugleich eröffnete auch das Lesecafe mit angeschlossener Buchhandlung, mit einem sehr spitzen belletristischen Sortiment. Da bin ich dann ebenso oft hingegangen, habe mich mit den Buchhändlern intensiv ausgetauscht, später angefreundet und mich als Student stundenlang bei einem Kaffee lesend in ihr Cafe gesetzt und mir dafür aber auch ein Buch dort gekauft. Das Lesecafe gibt es heute noch und läuft – soweit ich das weiß – weiter gut. Leider bin ich nur noch selten in meiner alten Heimat, aber wenn, dann immer wieder dort.

Und abschließend noch: was ist denn z.B. daran fair, wenn Verlage, wie Bonnier, heute ihre eigene eCommerce-Seite betreiben und ich dort die Bücher am Handel vorbei für den gleichen Preis erwerbe. Bekommen dann die Autoren das Geld, was ich dem Verlag gegenüber dem Handel erspart habe?

Leute, ich bin doch nicht blöd!

Kein Kommentar, bitte!

Bildschirmfoto 2014-08-16 um 01.19.39Nachdem ich meinen Blogbeitrag „Na, heute schon amazon gebasht?“am Donnerstag veröffentlichte, kündigten – wie ich erwartete hatte – auch deutsche Autoren an, sich mit den amerikanischen zu solidarisieren. Der Buchreport hat meinen Beitrag freundlicherweise am Freitag geteilt. Dort hatte ich dann einen kleinen Kommentar PingPong mit dem Autor Karl Olsberg. Daraufhin habe ich dann noch mal die Veröffentlichung der deutschen Autoren gesucht, gefunden und gelesen. Auf der hierfür eigens angelegten Seite wird offenbar keinerlei Wert gelegt, Kommentare zuzulassen und damit die Diskussion zu bündeln. Schade, eigentlich.

Auch nach dem Lesen des deutschen Aufrufs: Ich kann das ganze immer noch nicht nachvollziehen. Erstens sind Autoren wie Karl Olsberg und Nele Neuhaus dabei, die meines Erachtens ihren Erfolg maßgeblich der Plattform amazon und der eBook-Technik verdanken, die ohne amazon heute noch stiefmütterlich wäre. Karl Olsberg hat das auch in seinen Kommentaren bestätigt und Nele Neuhaus habe ich damals über die eBook-Charts entdeckt, wo sie berechtigt schon enorm erfolgreich war, bevor es gedruckte Bücher von ihr im Handel gab.

Circle

Schamlos teures eBook

Amazon versucht – wie beschrieben – offenbar mit harten Bandagen und der über Jahren gewachsenen Reputation und Marktmacht zwei Verlage dazu zu bringen, endlich Preismodelle für eBooks zuzulassen, die dieser Technik zu weiterem Durchbruch verhilft. Ein Ansinnen, was ich als Kunde, besonders als deutscher Kunde, nur begrüßen kann. Denn wie das aktuelle viel besprochene Buch „The Circle“ von Dave Eggers zeigt, nutzen Verlage in Deutschland die Buchpreisbindung schamlos aus. Das Buch kostet im englischen Original bei amazon als eBook noch nicht mal € 5,-. In Deutschland soll ich für die Übersetzung € 19,99 zahlen. Sorry, das verstehe ich als Kunde nicht.

Zudem werfen die Autoren amazon exakt das vor, was der Buchhandel in den USA – worauf ich in meinem Beitrag schon hingewiesen habe und was auch in einer ARD-Sendung über amazon gezeigt wurde – selbst massiv praktiziert: Bücher aus amazon eigenen Verlagen werden dort offensiv boykottiert. Und da USA ja der Auslöser dieser Aktion ist, ist dies allein schon ein Grund, sich als Autor hier nicht vor den Karren von knallharten Marktwettbewerbern spannen zu lassen. Denn denen, die hier miteinander im Clinch sind (Großverlage, Großhändler) sind all die Autoren, die sich jetzt empören,  ziemlich schnuppe.

Ich kann mich auch nicht erinnern, dass deutsche Autoren in der Vergangenheit mal gemeinsam einen Aufruf gegen die Praktiken von Thalia, Weltbild & Co. erwogen hätten. Deren vergangene Geschäftsstrategie war eindeutig der Versuch einer Oligopol-Bildung im deutschsprachigen Buchmarkt. Doch da sie im eCommerce den Kunden nicht überzeugen konnten und bei der disruptiven Technik eBook zu lange gezögert haben und erst mal den Vorreiter amazon ins unternehmerische Risiko gehen liessen, wurde da nix mehr draus. Und das, obwohl der deutsche Buchmarkt durch Preisbindung geschützt ist, haben es die deutschen Marktteilnehmer nicht geschafft, sich den eCommerce und den eBook-Markt zu sichern. Das ist schlichtweg ein unternehmerisches Armutszeugnis.

Wie die aktuellen Zahlen vom Buchmarkt zeigen, sind eBook und Ratgeber derzeit die Wachstumstreiber. Eigentlich unglaublich bei den eBook-Preisen in Deutschland, aber mit Lesern wie mir kann man es ja machen, weil ich selbst bei diesen Preisen Sachbücher lieber als eBook erwerbe, da deren Halbwertzeit meist nur bei 2 bis 4 Jahren liegt und es einfach angenehm ist, jederzeit und -orts auf Sachbücher zugreifen zu können, solange sie aktuell sind. Deswegen habe ich diese auf einem eReader.

Und das man über die Rolle von amazon und die Verantwortungen über die aktuellen Marktverschiebungen im Buchmarkt deutlich differenzierter Nachdenken sollte als es offenbar Autoren tun, zeigt dieser Artikel von Rüdiger Wischenbart, ehemals Pressesprecher der Frankfurter Buchmesse, der auf die damalige Hasstirade gegen amazon von Sibylle Lewitscharoff reagierte.  Kann nicht feststellen, ob sie auch zu den Unterzeichnern gehört, da man dort allmählich den Überblick verliert

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Treibt uns die Aktion wieder in den Buchhandel?

Und zu guter Letzt: die meisten Autoren, die sich derzeit empören, geben doch vor, dass sie gerne der Gefahr der Monopolisierung von amazon vorbeugen und aktiv den Buchhandel unterstützen wollten. Ganz vorne ran Günter Wallraff, der ja amazon aufforderte, sein Bücher auszulisten. Doch bedauerlicherweise machte das amazon bisher nicht, sondern verkauft ihn einfach weiter. (Das dokumentiert schon Größe eines Unternehmens, wenn es seinen härtesten Kritiker weiter Geld verdienen lässt. Würde wohl keine deutsche Bank in Deutschland machen) Es mag zynisch klingen, aber jetzt tut doch amazon den Autoren und dem Buchmarkt offenbar den Gefallen und listet einige nicht mehr. Ja, perfekt, da würde ja endlich auch kein Leser mehr verführt, den neuen Roman von Nele Neuhaus bei amazon zu bestellen, sondern der Fan geht jetzt freudestrahlend solidarisch in den Buchhandel.

Steckt da vielleicht sogar Kalkül der Verlage und Autoren hinter? Eine geniale Verschwörung gegen amazon? Ist das eine von langer Hand raffiniert vorbereitete, geschickt ausbaldowerte Aktion „So holen wir unsere Kunden wieder in den Handel zurück!“? Spinnen wir doch mal weiter, da könnte doch glatt ein Wirtschaftsthriller draus werden.

Sorry, wenn das jetzt nicht so witzig ankommt wie es gemeint ist. Vielleicht ist dann Hans Zippert für manchen mehr zum Lachen.

Na, heute schon amazon gebasht?

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Erinnern Sie sich noch als Ferrero, Henkel, Unilever, Procter & Gamble, Nivea und hundert weitere Markenartikelhersteller eine große Anzeige in der Bild veröffentlichten:

 Aldi erpresst uns!

Nein? Aber sicher erinnern sich dann doch wenigstens an den offenen Brief in allen Tageszeitungen von Bosch, Siemens, Nokia, Samsung, Miele, Braun und zig anderen Elektronikherstellern, in dem sie ein Ende der Geschäftspraktiken von Mediamarkt und Saturn forderten. Auch nicht? Dann erinnern Sie sich richtig. Denn keines der Unternehmen würde ernsthaft so eine Aktion erwägen.

Auf so eine populistische wie heuchlerische Idee, ein Handelsunternehmen öffentlich an den Pranger zu stellen, kommen nur Auflagenmillionäre und andere erfolgreiche Autoren – vor kurzem in den USA und sicher bald auch bei uns in Deutschland. Ganz vorne sicher dabei: Günther Wallraff mit dem Banner „Nieder mit dem Teufel amazon!“. (Nachtrag 14. August: jetzt auch die deutschen Autoren.) (Zweiter Nachtrag: Dass sich Autoren auch sehr differenziert mit dem Thema beschäftigen, schreibt beeindruckend Zöe Beck.) 

Alle Markenartikler, Hersteller und Handelsunternehmen leben damit, dass sie sich in einem Markt tummeln, in dem das Bessere immer der Feind des Guten ist. Und was letztlich besser ist, entscheidet die Mehrheit der Nutzer und Verbraucher. Deshalb arbeiten all diese Unternehmen seit Jahren kontinuierlich daran, zu den Besseren zu gehören. Die Betonung liegt auf kontinuierlich. Wem das nicht gelingt, wie in jüngster Vergangenheit z. B. Nokia, verschwindet sang- und klanglos. Abgesehen von manch sentimentalen Jugenderinnerungen ist dieser Lauf der Dinge aus Konsumentensicht nur wünschenswert. Sonst würden wir beispielsweise noch heute in die Röhre schauen und Flachbildschirme nur in Science Fiction Filmen sehen. Der Markt macht Produkte und Leistungen entweder besser oder billiger – und manchmal sogar beides.

Aldi hat das sehr erfolgreich im Handel gemacht – gegen massiven Widerstand einer etablierten und saturierten Elite. Die Elite gibt es heute noch und rümpft die Nase beim Einkauf im Feinkost-Italiener und Biomarkt über die Aldisierung unserer Gesellschaft. Doch die Mehrheit dankt den Gesetzen des Marktes und freut sich nicht nur über den günstigen und bequemen Einkauf bei Aldi, sondern auch darüber, dass Aldi auch in anderen Supermärkten die Preise drückte und günstige Eigenmarken hervorbrachte.

Bislang beschränkte sich die saturierte Elite überwiegend auf snobistisches Aldi- und Mediamarkt-Bashing. Doch seit kurzem haben sie ein neues Ziel: amazon. Klar doch, hier geht es ja auch nicht um irgendein Waschmittel oder irgendeine Waschmaschine, hier geht es den empörten Kritikern vorgeblich um ein edles, in seine Form zu bewahrendes Kulturgut. Aber tut es das wirklich?

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Johann Gutenberg war der erste Jeff Bezos. Gutenberg-Denkmal 123RF Stockfoto

Den Kritikern geht es nicht wirklich um das Produkt „Buch“, sondern um ein elitäres Vorrecht, dass sie seit der Erfindung des Buchdrucks immer wieder vehement verteidigen: zur einflussreichen Bildungs- und Kulturelite zu gehören. Gerade mal 3% der Bevölkerung laut Stiftung lesen können als Vielleser bezeichnet werden (50 Bücher im Jahr) Hingegen lesen 25% gar nicht und weitere 50% nur gelegentlich. Bricht man dann noch die Genre runter, dann wird wohl der Anteil derer, die anspruchsvolle Belletristik und Sachbücher wünschen, unter ein Prozent fallen.

Johannes Gutenberg war der erste Jeff Bezos. Seine Erfindung machte den Erwerb von Schriften nicht nur günstiger, schneller und umfangreicher, sondern auch einer größeren Gruppe zugänglich. Die bis dahin für den Klerus besonders wertvolle Insignie Buch wurde nun in den kommenden Jahrhunderten unaufhaltsam entwertet.

Und so, wie der Klerus vor Jahrhunderten sich empörte und vor den schrecklichen Folgen warnte, klingen auch die kulturpessimistischen Klagen der akademischen Bourgeoisie. Der Klerus hatte damals vollkommen Recht als er vor der immensen Verbreitung von Schund warnte. Würde man den damaligen Kritikern des Buchdrucks die Bestseller der vergangenen Jahrhunderte vorlegen, würden sie sogar feststellen, dass ihre Befürchtungen noch weit übertroffen wurden. Doch niemand würde heute ernsthaft leugnen, dass die Erfindung des Buchdrucks auch die literarische Qualität und Vielfalt in ungeahnte Höhen gebracht hat. Doch ausgerechnet jetzt, nach mehr als 500 Jahren buchkulturellem Höhenflug, soll nun – nach Ansicht der amazon & Co. Kritiker – der Zenit überschritten sein. Unwiederbringlich werde nun die literarische Blüte der vergangenen Jahrhunderte welken, da ihr der das Wasser von den Marktkräften eCommerce und ebooks abgegraben werde. Auch auf die Gefahr hin, dass ich es mir mit der Kulturelite verscherze, es fällt mir verdammt schwer, mich mit ihr zu solidarisieren.

Der Buchmarkt ist ein seit Jahrzehnten von heuchlerischen Apologeten geschütztes Biotop. Heuchlerisch einerseits, da es in diesem Markt unglaublich viele Teilnehmer gibt (Schriftsteller, Verleger, Händler), die vorgeben oder suggerieren, dass sie keinerlei Profitinteressen verfolgen. Sie wollten einzig nur von ihrer Tätigkeit leben können und mit allem, was man darüber hinaus verdienen würde, alimentiere man jene Buchmarkt-Teilnehmer, die (noch) nicht davon leben können. Heuchlerisch auch, wenn es darum geht, wer die Macht am Markt hat. Glaubt wirklich irgendjemand ernsthaft, dass Bestseller-Listen entstehen, indem der stöbernde Buchhandlungskunde am Ladentisch abstimmt? Was wir lesen und schätzungsweise zu 25% ewig ungelesen verschenken, beeinflussen Verlage und Buchhandelsketten genauso, wie der Hersteller und Handel was wir zu essen und zu trinken kaufen – und davon dann auch ein Viertel in den Müll zu werfen.

Heuchlerisch sind auch viele Kunden und Lobbyisten im Buchmarkt. Denn sie kolportieren gerne, Bücher seien Grundnahrungsmittel des Geistes, die für jeden erschwinglich sein müssten. Deshalb ja auch die ermäßigte Mehrwertsteuer und die letzte wirklich clevere Erfindung des Buchmarktes im vergangenen Jahrhundert: die Zweitverwertung als Taschenbuch. Heute würde man es im Jargon der Bild-Zeitung auch das „Volksbuch“ anpreisen. Der Buchhandel überzeugte das Volk, dass das Taschenbuch ein großzügiges Angebot sei. Im Supermarkt ist die clevere Idee vergleichbar mit den Produkten, die man aufgrund des fortgeschrittenen Ablaufdatums günstiger angeboten bekommt. Mir ist kein Handelshaus bekannt, das diese Angebote auch noch feiern würde.

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Jetzt, wo nun endlich die eBook-Technik eine deutliche Kostenreduktion ohne Qualitätsverlust ermöglicht, wird die Heuchelei im Buchmarkt zunehmend demaskiert.

Buch-Neuerscheinungen entpuppen sich als Luxusartikel einer Premiumkundschaft, deren Stamm durch einen inflationären, günstigen Vertrieb erodieren würde. Wer gibt schon gerne eine Kundenklientel auf, die völlig preisunsensibel jede Erhöhung akzeptiert, einzig um das Privileg des Erstlesers zu genießen. Diese Klientel und der Buchhandel fordern denn auch einhellig die Beibehaltung eines Anachronismus: die Buchpreisbindung. Und man geht sogar einen skandalösen Schritt weiter. Um die neue, deutlich günstigere Vertriebstechnik zu behindern, lässt man sie mit dem hohen Mehrwertsteuersatz von 19% belegen, also macht sie 12% teurer als gedruckte Bücher. Eine vergleichbar starke politische Lobby hat in Deutschland wohl nur noch der Apothekerverband.  (Nachtrag: Diese Unterstellung nehme ich gerne zurück, nachdem mich der Buchreport darüber aufgeklärt hat, dass sich der Verband schon lange für den ermäßigten MWST.-Satz einsetze und ja auch im April national offensichtlich erfolgreich war. Da können wir uns ja bald wieder auf die kürzlich vom Markt genommen Bundles Print + eBook freuen.)

Mit Amazon wurde ja nicht nur die Möglichkeit geschaffen, Bücher zeitlich und räumlich uneingeschränkt beziehen zu können, sondern zugleich eine Sortimentstiefe und –breite angeboten, die bis dato unvorstellbar waren. Die Verlage konnten eigentlich jubeln, denn bei amazon blieben Bücher noch präsent, die schon lange aus den Regalen der Buchhandlungen verschwunden waren. Jeder interessierte, wissbegierige Leser konnte plötzlich auf unendliche Entdeckungsreise gehen und in literarische Räume vorstoßen, die kaum ein anderer Leser zuvor betreten hatte. Und amazon erfand die Leserrezension und Leserempfehlungen.

Jede Buchhandlung profitiert heute davon, dass auf amazon viele Leser ausführlich ein Buch rezensieren und bewerten können. Ich schätze, dass der Anteil an Buchkäufern im Buchhandel die aufgrund vorheriger Online-Recherche bei amazon ein Buch erwerben signifikant ist. Ja, letztlich vermute ich stark, dass amazon immens dazu beigetragen hat, das der Kauf von Büchern noch einen Coolness-Faktor hat und das Bücher attraktive Produkte geblieben sind, die sich im Wettbewerb der Unterhaltungsmedien bis heute gegen Film, Games, Musik etc. behaupten können. Doch eins muss ich zugeben: eBooks sind für den stationären Handel marktschädigend. Denn die kann man gratis Anlesen und das verhindert so manchen Fehlkauf. Und auch als Geschenk sind sie nicht sonderlich attraktiv. Bei allem Respekt vor den Leistungen des Buchhändlers in der Vergangenheit, keiner kann mir heute so sicher eine gute Buchempfehlung geben, wie die Verbindung von Kundenrezensionen und das kostenlose Anlesen von Büchern es vermag. Genauso wenig, wie mir heute noch jemand CDs im Laden besser empfehlen könnte als es mir bei iTunes oder amazon möglich ist.

30218107_sIch bin überzeugt, dass ohne den Online-Pionier amazon heute weit weniger Menschen Bücher kaufen würden als noch vor zwanzig Jahren. Dafür will ich den Gründern von amazon an dieser Stelle auch mal danken. Und es werden mit Sicherheit in Zukunft wieder weniger werden, wenn die Lobbisten des alten Buchmarktes ihren Einfluss aufrechterhalten und der Markt weiterhin protektioniert wird.

Der aktuelle Auslöser der Empörung, der über 900 erfolgreiche US-Schriftsteller dazu verleitete, sich gegen amazon zugunsten des Verlags Hachette, der 10 Mrd. Umsatz p.a. macht, stark zu machen, ist für mich unsäglich peinlich. Denn erstens werfen die Autoren amazon etwas vor, was der Buchhandel in USA viel radikaler und unverhohlen praktiziert: er weigert sich, Bücher zu verkaufen, die amazon-eigene Verlage publizieren. amazon hingegen will eBooks endlich auf den völlig ausreichenden Preis von $ 9,99 reduzieren. Denn wie alle Prognosen erwarten lassen und die Erfahrung aus dem Musikmarkt gezeigt hat, ist dies die Preisschwelle, die eBooks so attraktiv machen, dass man mehr Bücher verkaufen könnte als bisher. Wie ich es persönlich mit dem eBook halte, habe ich schon mal vor Monaten geschildert.

Wenn sich diese plausible Annahme bestätigt, würde eine schweigende Mehrheit profitieren. Die weniger bekannten Autoren könnten mehr Leser erreichen, die unbekannten Verlage mehr Einnahmen erzielen und die Leser könnten mehr Neuerscheinungen fürs gleiche Budget lesen. Aber gegen solche Demokratisierung des Buchhandels wehren sich die akademischen Eliten bislang vehement und erfolgreich. Ihre Lobby ist stark, da sie sich sowohl auf die Produzenten (Schriftstellern, Verleger), die vielen stationären Händler und auch noch einen großen Teil der Kunden stützen darf. Die Kundensolidarität fehlte der Musikindustrie. Hier war die Mehrheit der Konsumenten zu jung, um sich elitär sein leisten zu können.

Um das obligatorische Missverstehen der Buchliebhaber am Ende komplett zu machen: ich liebe Buchhandlungen und ich wünsche jedem engagierten Buchhändler, dass er seiner Berufung weiter nachgehen und davon auch gut leben kann. Doch kein Tante Emma Laden, Elektronikfachhändler oder Schallplatten-Geschäft hat überlebt, in dem sie an das Bewahren des Guten festhielten, obwohl das Bessere offensichtlich war.

Mit Sicherheit wird auch in zwanzig, dreißig und fünfzig Jahren noch gelesen. Und es wird weiterhin viel Qualität und Vielfalt erwachsen, so wie es jede Menge „Shades of Grey“ und Esoterik geben wird. Liebe Buchhändler, seid weiter einfallsreich, kreativ und probiert aus. Vielleicht liegt die Zukunft in Buch-Cafes, Leserkreisen, neudeutsch Literatur-Communities oder in Buch-Blogs. Vielleicht auch in Autorenevents und in der Gewinnung von Neulesern. Ich beteilige mich privat daran und öffne jeden Abend das Kopfkino für meinen siebenjährigen Sohn. Gerade haben wir den „Krabat“ gelesen und viel über böse Magie, Schicksalsergebenheit, den Zauber der Liebe und die Willenskraft erfahren. Willenskraft und Liebe haben hier obsiegt.

Was von Facebook und Co. so übrig bleibt.

IMG_8345Ich mag die Romane von Thommie Bayer sehr. Seit „Das Aquarium“ lese ich seine Romane und lege sie vielen meiner (alten) Freunde ans Herz oder zumindest auf den Gabentisch. Sein Roman aus 2010 „Fallers große Liebe“ fand ich besonders lesenswert und zugänglich für ein breite Leserschaft. Dennoch waren die Reaktionen meist verhalten und ich frage mich, warum sich meine Begeisterung so selten überträgt. Eine mögliche Antwort gibt vielleicht sein vorletzter Roman „Vier Arten, die Liebe zu vergessen.„: die Verklärung von Jugendfreundschaften, besonders unter Männern.

image-8Männerbünde sind sich über Jahrzehnte treu. Viele Frauen, die später in die Leben der Männer eintreten, finden dies oft unerklärlich. Mit Recht vermissen sie, was ihre Männer denn mit diesen Jugendfreunden aus dem Sportverein, der Schule, der Skatrunde, der Bundeswehr oder dem Pfadfinderverein noch gemeinsam haben. Sie erkennen nicht, dass Männer nicht nur Blender sein können, sondern weit mehr Ausblender sind. Die Bindung zu den Freunden vergangener Zeit basiert oft einzig auf einem singulären gemeinsamen Interesse oder Erlebnis: Musik, Autos, Sport, Kartenspiel oder Fan sein. Alles andere – politische Ansichten, Wertediskussionen, Lebensstil und persönliche Entwicklungen – werden beim späterem Wiedersehen lässig ausgeblendet. Entsprechend oberflächlich und monothematisch sind häufig die Plaudereien von alten Freunden. Und dennoch stellt sich bei solchen Treffen eine wohlig vertraute Verbundenheit unter den Männern ein.

Exakt so verläuft auch das Wiedersehen der vier Jugendfreunde nach zwanzig Jahren in Thommie Bayers Roman. Insofern ist die Geschichte auch ein – vom Autor wohl nicht beabsichtigtes – Gedankenspiel was wäre wenn wir unseren in Facebook & Co. wiedergefundenen Jugendfreunden im realen Leben noch mal begegneten.

Da die Geschichte des Romans jedoch nicht von der Ödnis wortkarger und wenig tiefgründiger Unterhaltungen vierer Mitvierziger, ehemals verbundener Männer getragen werden kann, treten jede Menge Frauen in gewichtigen Nebenrollen auf. Bei der Gestaltung der weiblichen Figuren ist der Romancier Bayer ein wahrer Gentleman. Alle Frauen sind sehr attraktiv, talentiert, reif, selbstbewusst und erfolgreich. Das mag nun etwas konstruiert klingen, ist wohl aber in Anbetracht der Geschichte und des Autors Intention legitim. Denn wie viele Romane Bayers zuvor ist auch dieser für mich zuvorderst eine Liebeserklärung an die Frauen. Und das behagt auch mir.

Die zweite Liebeserklärung ist der Musik im besonderem und der Kunst im allgemeinem gewidmet. Denn in beidem reüssierte Thommie Bayer ebenfalls erfolgreich, z. B. mit „Der letzte Cowboy„. Und nicht zuletzt ist der Roman schlussendlich dann doch noch eine versöhnliche Hommage an die wahre Männerfreundschaft, die sich in besonders harten Zeiten ohne viele Worte, jedoch durch Taten bewährt. Und von diesen Freunden hat man ja auch ein paar in seinem sozialen Netzwerk. Und denen lege ich auch besonders gerne wieder den Roman von Thommie Bayer ans Herz.

IMG_8355Und auch der aktuelle Roman „Die kurzen und die langen Jahre“ von Thommie Bayer ist wieder was für Liebhaber im mehrfachen Sinne. Wer Bayer kennt und schätzt wie ich, wird auch diese Geschichte zweier sich ewig Liebenden, die jedoch nie zueinander finden, gerne lesen. Die Geschichte beginnt ausführlich in der Jugendzeit der Baby-Boomer und zeichnet dann zwei Lebensgeschichten, die am Ende deutlich gerafft werden und bis in die Gegenwart führen. Also fast 40 Jahre. Wieder werden wir, die Baby-Boomer, die wir dabei gewesen sind, in der ein oder anderen Erinnerung schwelgen. Und da wir ja unbeachtet und alleine lesen, werden wir uns so mancher Sentimentalität nicht schämen. Die Nachgeborenen werden – wenn sie denn wollen – eingeführt in eine vergangene Zeit, in der Jugendliche noch keine Zukunftsbedenken und Existenzsorgen hatten. Eine Jugend, die zwar gesellschaftskritisch, jedoch nicht kulturpessimistisch war. Im Gegenteil, wir waren herrlich naiv davon überzeugt sowohl unsere individuelle Zukunft als auch die zukünftige Gesellschaft frei bestimmt und ungezwungen gestalten zu können. Ja, wir rauchten noch unbeschwert, ernährten uns von Miracoli und Nutella, fanden Werbung prima und zählten „Werbetexter“ zu den intellektuellen Berufsgruppen.

IMG_8357Und es war auch eine Jugendzeit, in der man noch seine Sexualität ebenso ungelenk wie ungehemmt entdecken konnte. Keine Angst vor Aids, die Pille war fast selbstverständlich weit verbreitet und Sex- und Pornovideos waren eine Rarität. Und das wichtigste: die Lust aufeinander war noch nicht verdorben durch die Befürchtung, dass auf einen One-Night-Stand 500 Likes und giftige Kommentare folgen könnten.

Vor kurzem sprach ich mit meinem volljährigem Patenkind über Zeitreisen. Er überraschte mich damit, dass er gerne in die Zeit meiner Jugend reisen würde. Er glaube, dass die 60er/70er eine der schönsten Jugendzeiten gewesen sind. Gleich wollte ich das relativieren und feststellen, dass die aktuelle Zeit seiner Jugend der meinigen in nichts nachstünde. Doch nach einem kurzem Moment der Besinnung, konnte ich das dann nicht mit dem Brustton der Überzeugung sagen. Denn ich würde nicht tauschen wollen.

Nachtrag 4.Februar: Denkzeiten hat mal bei Thommie Bayer nachgefragt. Ein paar schöne Antworten hat er gegeben.

Hier geht es zu allen Werken, die beim Piper Verlag erschienen sind.

Bücher – stumpfe Waffen gegen Vorurteile, z. B. gegenüber Juden.

IMG_3848Ein kleines Büchlein geriet mir vor Tagen in einer Buchhandlung in die Hände. Es lagen ca. 10 Exemplare aufeinander gestapelt. In einer kleinen Buchhandlung ist das immer ein klares Zeichen, dass es derzeit wohl sehr nachgefragt ist. „Adressat unbekannt“ las ich, begann zu blättern, war überrascht über den schmalen Umfang und las dann den Klappentext. Ah, klar, eine Erzählung von „beklemmender Aktualität“ die von „Deutschen“ und „Juden“ erzählt, also ein Buch gegen Antisemitismus. Und Antisemit ist, sagt Henryk M. Broker, wer Juden etwas übel nimmt, das er Nichtjuden nicht übelnimmt.

Buchhandlungen sind ja ein Hort von Antisemiten und vielen sonstigen Unbelehrbaren, immer auf der Suche nach Lektüre, die sie von ihren Vorurteilen und tiefverwurzelten Einstellungen erlöst. Und das gelingt sicher am besten indem man ihnen einmal die Folgen ihrer grotesken Haltung und ihres Stumpfsinnes an historischen Beispielen insbesondere aus der Zeit des dritten Reiches drastisch veranschaulicht – mit Sachbüchern, Biografien, Romanen, Erzählungen. Man wünschte sich fast noch gerne ein Etikett auf allen: „Erkennen dich selbst, Antisemit!“ und bewahre dich und uns vor deiner Idiotie.

IMG_8321Das sei bittere Polemik, denken Sie. Ja, das ist es. Und sie befiel mich mal wieder, nachdem ich solch ein Büchlein las und auch die Geschichte dazu recherchierte. Einige werden es schon kennen. Wurde es doch im Jahr 2000 nach seiner Originalausgabe 1939 nun in Deutschland 60 Jahre später endlich auch ein Bestseller. Damals muss ich es übersehen haben, obwohl ich zu dieser Zeit noch regelmäßig die FAZ las. Doch angesichts der gegenwärtigen „beklemmenden Aktualität“ hat sich der Verlag wohl entschieden, es jetzt noch mal mit Nachdruck herauszugeben.

Die Erzählung im Briefformat von Kressmann Taylor  erschien zunächst 1938 viel beachtet im renommierten US-Magazin Story und wurde daraufhin nochmals im Buchformat aufgelegt – mit 50.000 Exemplaren sensationell erfolgreich und dann aber auch schnell wieder vergessen. Fünfzig Jahre später wurde das Buch wiederentdeckt und erschien in vielen Sprachen – letztlich auch auf Deutsch. Elke Heidenreich überschlug sich in ihrer unnachahmlichen Art vor Begeisterung und widmete dem Buch ein überschwängliches Nachwort.

Das Büchlein erzählt anhand eines fiktiven Briefaustausches im Zeitraum 1932 bis 1934 die rasante Entfremdung zweier deutschen Freunde, die gemeinsam erfolgreich eine Galerie in San Francisco betrieben. Martin, akademisch gebildet und politisch rechtskonservativ, entscheidet sich mit seiner Familie nach Deutschland zurückzukehren. Sein deutscher Freund und Jude Max beneidet ihn ein wenig darum, dass er in die gemeinsame geliebte Heimat zurückkehrt und freut sich zugleich, nun wieder einen nahen Kontakt dorthin pflegen zu können. Die ersten Briefe dokumentieren eine herzliche Männerfreundschaft, die dann abrupt mit der Machtergreifung Hitlers und der dafür offenkundigen Sympathie Martins erste Risse bekommt. Martins letzter persönlicher Brief an Max ist schon durchdrungen von der Rhetorik eines Goebbels und lässt erwarten, dass er die Freundschaft bald aufkündigen wird. Das Drama nimmt seinen Lauf, als Max Martin bittet, sich um seine schauspielernde Schwester zu bemühen, die in einem Berliner Ensemble mitwirkt und schon bald von der SA verfolgt wird. Bei ihrem Versuch, bei Martin Zuflucht zu finden, wird sie von der SA gestellt und ermordet – auch deshalb, weil Martin ihr jegliche Hilfe verweigert, obwohl er oder gerade weil er einen einflussreichen Posten unter den Nazis innehat. Max sinnt darauf nach Rache und beginnt per Brief einen erfolgreichen „Vernichtungsfeldzug“, der mit der vermerkten Rücksendung „Adressat unbekannt“ seines letzten Briefes an Martin endet.

Ja, das Buch ist wirklich ein kleines Meisterstück. Ein Meisterstück der dramatischen Verknappung, ein sprachliches Meisterstück, sofern man dies auch von der Übersetzung behaupten darf und ein Meisterstück in puncto zeitpolitischer Analyse. Besonders letzteres wäre Grund genug gewesen, dass dieses Buch jedem Deutschen in den fünfziger Jahren als Pflichtlektüre auferlegt worden wäre. Und zwar nicht, um die zahllosen Antisemiten zu bekehren, sondern um klarzustellen, dass es alle gewusst haben. Denn wenn eine Amerikanerin, die nie in Deutschland war, die nur über Berichte von Zeitgenossen erfuhr, was sich dort seit 1933 ereignete, schon 1937 so eine Geschichte schreiben konnte, kann kein erwachsener Deutscher in Zeiten des dritten Reiches ernsthaft behaupten, er hätte nichts gewusst oder geahnt.

Doch damals wie heute vermag dieses Buch – wie alle Bücher die antisemitische Gräuel zum Thema haben – keine Vorurteile gegen Juden und antisemitische Gedanken entkräften. Zur keiner Debatte können diese Bücher neue Argumente liefern. Es ist hierzu schon alles wieder und wieder über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte gesagt worden. Es hat nur einer Finanzkrise bedurft (einfach mal „Finanzkrise“ & „Juden“ googeln), um die Vergeblichkeit aller bemühten Aufklärungsarbeit der vergangenen Jahrzehnte zu beweisen und erkennen zu müssen, dass die alten Ressentiments wieder taufrisch da sind.

Ja, dieses kleine Büchlein könnte sogar die latenten Vorurteile gegen Juden noch bestärken. Denn letztlich obsiegt in dieser Geschichte der Jude mittels einer perfiden Rache über den deutschen Nazi. Und damit der Leser diese Rache auch mitträgt, bekommt er zuvor des Nazis Meinung über seinen jüdischen „Freund“ und die Juden zu lesen: „Du bist in erster Linie Jude und wirst um Dein Volk jammern. Das verstehe ich. Das liegt in der Natur des semitischen Charakters. Ihr lamentiert immer, aber ihr seid niemals tapfer genug, zurückzuschlagen. Deshalb gibt es Pogrome.“

Wer die dramaturgisch gut erdachte Rache auch im wahren Leben gutheißt käme in Konflikt mit unseren bürgerlichen moralischen Werten. Und wer diese Werte offenbar nicht teilt, wie z.B. ein Antisemit, der erachtet die beschriebene Rache als feige und hinterhältig, wie ich es sogar schon lesen durfte. Insofern hätte ich durchaus bedenken, „Adressat unbekannt“ zu zwingender Schullektüre zu erklären, wie es Elke Heidenreich und viel andere Rezensenten fordern. Wenn überhaupt, dann sollt man die Betonung darauf legen, dass es ein Zeitzeugnis für die Lüge der schweigenden Mehrheit ist, man hätte das alles so doch nicht vorhersehen können.

Zweifelsohne las ich mit „Adressat unbekannt“ ein wunderbares, sehr zu empfehlendes Buch. Doch einmal mehr fand ich auch bestätigt, dass Bücher leider zu den stumpfen Waffen gehören, die wir gegen Vorurteile, krude Gedanken und Unbelehrbarkeit zu Felde führen.

Eine Hörbuch-Fassung kann man derzeit auf Youtube anklicken. Nachtrag: und eine begeisterte Empfehlung fand ich aktuell bei „Der Literaturpirat„.

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Alles, was ich über meinen Urgroßvater noch in Erfahrung bringen konnte. Bildherkunft