Studieren? Wie es Euch gefällt, Ihr Waschlappen!

StudentenfutterHey, wo bleibt die Empörung, der Aufschrei über den Titel des aktuellen Buches von Christiane Florin? Eine Dozentin der Politikwissenschaften schreibt im Titel ihres Buches im Jahr 2014 „Studenten“! Hallo! Hat sie noch keine Genderdebatte führen müssen. Das ist ja mal so was von politisch inkorrekt. Das heißt doch „Studierende“. Das ist echt nicht okay. Florin

Dem Wunsch nach mehr Provokation, um eine Debatte ins Rollen zu bringen, will ich mit diesem Einstieg gerecht werden. Den Wunsch äußert die Dozentin und Journalistin Christiane Florin in ihrer aktuellen Bestandsaufnahme „Warum unsere Studenten so angepasst sind“. Doch wird es mir wohl ebenso wenig gelingen, wie ihr, die nun seit gut zwei Jahren versucht, Studierenden der Generation Y aus der Reserve zu locken. Mehr als eine lauwarme, substanzlose Empörungswelle ist heute einfach nicht mehr drin.

Persönlich halte ich mich aus Gender-Diskussionen heraus. Als Mann kann man dabei selten punkten. Christiane Florin ist sich ihres Titel-Fauxpas bewusst. Denn schon sehr früh erklärt sie im Buch, dass sie an der Uni auf ihre „Pauschalvermännlichung kein Widerspruch“ erfuhr. Und so schreibt sie munter im ganzen Buch auch von Studenten. Ich find das okay. Etwas „okay“ zu finden, ist nach Christiane Florin auch derzeit das Nonplusultra der Studierenden. „Okaysein ist das oberste Lernziel.“ „Okay ist das wahre Exzellent.“ schreibt sie und ich „LOL“. Überhaupt ist das Büchlein für einen 61er-Jahrgang wie mich zunächst einmal nur amüsant. Die Autorin nimmt sich und ihr Ansinnen zwar sehr Ernst, doch beschreibt sie es nicht bitterernst. Das machen dann aber die vielen Kommentatoren ihrer Zeitungsbeiträge und Interviews.

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Der aktuelle Artikel zum Buch in der Zeit

Auf knapp 80 Seiten fast Frau Dr. Florin noch einmal unterhaltsam das Unbehagen zusammen, was die Autorin seit Jahren verspürt und erstmals in einem Artikel in der Zeit 2012 „Ihr wollt nicht hören, sondern fühlen.“ öffentlich machte. Da ist zum einen die Rolle als Dozentin, die sie seit Anbeginn des Jahrtausends in Bonn auf der Kathederbühne spielen darf. „Das studentische Publikum erwartet einen Alleinunterhalter, eine Mischung aus Dieter Bohlen und Dieter Nuhr. Klar in den Ansagen wie Bohlen und dabei so nett anpolitisiert wie Nuhr.“ schreibt sie dazu.

Studierende seien heute weit mehr Konsumierende. Es folgen einige literarisch gelungene Spitzen gegen die aktuelle Generation der Studierenden: „Intellektueller wird in dieser Atmosphäre zum Schimpfwort.“ Und „der Satz „Das ist doch Feuilleton!“ gilt darob meinen Studenten als Synonym für übellaunige intellektuelle Selbstbefriedigung.“ Ich wage dies noch zu ergänzen und zu behaupten, dass „Opportunist“ – eine der größten Beleidigungen in meiner Jugend – die heutige Jugend nur noch milde lächelnd an sich abperlen lässt. Diese Einschätzungen aus der Perspektive einer Dozentin der Generation „Babyboomer“ sind ja nicht wirklich überraschend. Sie wurden ja schon Jahre zuvor von den Lehrern gegeben, die diese Generation zum Schulabschluss führte. Überraschend sind vielmehr die Reaktionen darauf. Wer sich die Mühe macht, die hunderte Kommentare zu durchforsten, die auf die Provokationen von Christiane Florins Statements folgen, dem wird dann schon etwas mulmig.

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Von Studierenden gern zitiert wird Florins Hinweis, dass sich fast alle ihre Studenten schwer tun, die Bundeskanzler vollständig in chronologischer Reihenfolge zu benennen. Das sei doch nun in Zeiten von Wikipedia wirklich nicht so relevant, man wolle ja nicht bei „Wer wird Millionär“ mitspielen. Häh? Entschuldigung, aber das sind Politikstudenten, nicht Physik oder Philosophie! Wir reden hier von 8 Kanzlern seit 1949, nicht von allen amerikanischen Präsidenten. Wenn ein Musikstudierender nicht mal wissen mag, ob Brahms auf Beethoven folgte oder umgekehrt, dann sollte er sich schleunigst ein anderes Fach suchen.

Vielleicht liegt in der Generalisierung ihrer Bestandsaufnahme auch Schwäche und Erschütterndes zugleich. Ihre Beobachtungen werden von den Medien und Lesern gerne auf die gesamten Studierenden, ja gar auf die Generation Y verallgemeinert. Doch Christiane Florins Studienobjekte sind „nur“ angehende Geisteswissenschaftler und Journalisten – Journalisten! Und darin liegt wiederum das Erschütternde. Denn sie darf bislang unwidersprochen schreiben: „Ich hatte die Studenten zu Akteuren erklärt, obwohl sie sich als Opfer empfinden.“ und setzt noch drauf: diese Generation „weiß nicht einmal, ob sich eine Haltung überhaupt lohnt.“ Politikstudierende mit dem Berufsbild „Publizist“, die auf solche Provokationen keinen leidenschaftlichen, aber bitte auch substantiellen Widerspruch erheben, sind wirklich eine Waschlappen-Generation. Da hat man sich ja früher in Schülerzeitungen engagierter gezeigt.

Und ich muss dann Christiane Florin recht geben, wenn sie das Gefolge der Piraten-Partei sinnbildlich für ihre Studierenden hernimmt: „Die junge Piraten-Partei gilt schon als politisches Leergut. Aber erst einmal war ihr Aufstieg ein geiles Gefühl, und das ist die Hauptsache.“ Dass alles so „gefühlig“ geworden ist, stößt ihr im Uni-Betrieb am meisten auf. Doch letztlich geht es ihr – wie vielen Generationen-Nörglern – selbstverständlich nicht nur um ihre Studenten. Sie sind ja nur paradigmatisch für einen gesellschaftlichen Wandel, den man bedauern kann oder als wünschenswert feiern. GenerationY-Revolutionaere

„Effizient und smart zu sein – das waren mal Unternehmensziele, heute sind es gesellschaftliche Werte.“ sagt Christiane Florin in einem Interview. Vielleicht hat sie da recht. Denn wenn zugleich neben ihrem Buch sich zwei Autoren zusammentun und ein Buch schreiben, das ernsthaft den Titel führt: „Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y die Welt verändert.“ und dann folgendes über Dozenten wie Christiane Florin und die heutigen Studierenden in einem Artikel äußern, muss man ihr wohl recht geben:

„Lehrer, Ausbilder und auch die Dozenten an den Hochschulen werden immer mehr zu Beratern und Supervisoren. Die Ergebnisse werden von den Studenten in Teamarbeit erstellt, der Dozent hat eine Rolle als Coach. Wie schwierig es ist, diese Rolle zu finden, hat jüngst die Dozentin Christiane Florin in ihrem Bildungsessay „Warum unsere Studenten so angepasst sind“ demonstriert… Sie beklagt die fehlende Streitkultur an Hochschulen und wiederholt die üblichen Klischees. Die Mehrheit der Studenten sei brav und pragmatisch, wünsche sich klare Ansagen statt Dialog auf Augenhöhe. Florin täuscht sich, sie hängt einer traditionellen Dozentenrolle an, hat nicht erkannt, was die Studierenden wirklich wollen: Ergebnisorientiert, spielerisch und mit regelmäßigen Rückmeldungen zum erreichten Stand selbstständig arbeiten.“ schreiben Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht in einem Artikel des Tagesspiegels. Herr Hurrelmann, Herr Albrecht, wenn dies die mehrheitliche Haltung der Studierenden von heute ist, dann bitte führt endlich gnadenlos horrende Studiengebühren ein. Jeder soll dann ein zinsloses Darlehn dafür bekommen, aber bitte später auch ordentlich zurückzahlen.

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Der aktuelle Artikel in der Zeit zu Klaus Hurrelmanns Buch

Als Student zählte ich zur „Null-Bock-Generation“. Ich hab mich dagegen nicht mit weinerlichen Kommentaren gewehrt und meiner Elterngeneration den Vorwurf gemacht, sie habe mich nun mal so erzogen. Ich habe es zähneknirschend erst mal zur Kenntnis genommen. Ich hab meine lange Zeit des Studiums sehr genossen, doch nicht das Studium. Ich wusste auch wirklich lange nicht, was ich eigentlich will. Denn „Freiheit macht Stress.“ schreibt Christiane Florin und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Mit den vielen Optionen klar zu kommen und Entscheiden lernen, das war die größte Herausforderung meiner Studienzeit. Doch so eine dämliche Beschreibung meines Berufszieles wie Christiane Florin ihre Studenten zitiert „Irgendwas-mit-Marketing“, „Irgendwas-mit-Management“ oder „Irgendwas-mit-Medien“ wäre mir zu keinem Zeitpunkt über die Lippen gekommen.

Am Ende ihrer Bestandsaufnahme macht Christiane Florin noch eine Bemerkung, die alle aufhorchen lassen sollte, die aktuell journalistisch tätig sind oder immer noch gerne werden möchten: „Dass mit einem geistvollen Text weniger Geld zu verdienen ist als mit einer Zahnfleischbehandlung ist bekannt. Neu ist jedoch, dass die künftigen Denker (und Textverfasser Anm. von mir) die Degradierung von Gedanken zum Content widerspruchslos mitmachen.“

Doch so berechtigt Frau Dr. Florin diese fatalistische Hinnahme in der Medienbranche kritisiert muss sie sich auch selbst fragen, was macht sie eigentlich noch da an der Uni. Denn an dem offenbar frustrierenden Uni-Alltag, den sie uns so amüsant zartbitter beschrieben hat, konnte sie seit Jahren nichts verbessern. Angelsachsen würden ihr dann nur knapp zurufen: Love it, change it or leave it. Nach fast 14 Jahren unbefriedigender Tätigkeit, wäre es doch wirklich an der Zeit, es zu lassen.

Aber ich will nicht das letzte Wort in der Sache haben, da ich mich dem Eindruck nicht erwehren kann, dass Christiane Florin noch immer hofft. Deshalb hier nun zum Schluss ihr schöner Appell: „Angesichts dieser Bildungskonsumenten wird der Grat vom Lehr- zum Leerauftrag schmal: ich vermisse in den Seminaren nicht die Axt, sondern das Argument. Ich vermisse nicht die Ideologien, sondern die Ideen. Ich vermisse nicht die Meinungsstärke, sondern die Urteilskraft.“

Nachtrag am 13. November: recht amüsant, wenn gesellschaftskritische Vorurteile auf harte Faktenrealität treffen:

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Quelle: Spiegel

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