Liebe Autoren: „Mitleid ist kein gutes Marketing“*

Betteln

Bild: 123RF

Sie haben es erneut getan: amerikanische Schriftsteller wenden sich mit einem offenem Brief nun an den Verwaltungsrat von amazon, mit der Forderung, man möge sie bzw. ihre Bücher doch bitte aus der leidigen Auseinandersetzung mit Hachette heraushalten. „Bücher seien doch keine Konsumgüter, wie Waschmaschine oder Toaster.“ Ich befürchte, die deutschen Autoren ziehen da bald wieder jammernd nach. Liebe Verleger, fangt sie doch bitte rechtzeitig ein und erklärt ihnen, wie Markus Hatzer* vom Haymon-Verlag dass „Mitleid kein gutes Marketing ist“.

Über die Produktentwicklung „Buch“ habe ich bestenfalls solides Allgemeinwissen, doch beim Marketing kann ich auf über 25 Jahre berufliche Erfahrung setzen. Aus dieser Position empfehle ich den Autoren dringend, ihre Strategie zu wechseln. Denn nichts straft der „Konsument“ härter ab als selbsterklärte Opfer. Das können wir aktuell an der Auseinandersetzung von Taxiunternehmen und dem Fahrdienst Uber sehen, das können wir seit Jahren in der „Gema“ organisierten Musikbranche verfolgen, genauso wie in der alten Medienbranche und im stationären Handel (nicht nur Buchhandel) und, und, und.

DMS-MädchenSchon vor Jahren haben es viele Charity-Organisationen begriffen, dass Kampagnen, die mit Opfermotiven werben, weit weniger Spenden einbringen, als Motive, die erstarkte Gewinner des Engagements zeigen. Meine Frau und ich engagieren uns selbst seit 2007 für die Organisation „Room-to-read“ mit der Initiative „Deutschland macht Schule“. Nie wären wir auf den Gedanken gekommen, mit Bildern trauriger Kinder zu werben, die in überfüllten Schulen um wenige, zerfetzte Bücher kauern. Was wir zeigen sind Kinder, die dank der großzügigen Spenden fröhlich vor neuerrichteten Schulgebäuden sitzen und begeistert in frisch gedruckten Schulbüchern blättern. Das ist kein Marketingtrick, sondern es ist das, was wir den Spendern schuldig sind: zeigen, dass das gesamte Engagement zuversichtliche, motivierte Hoffnungsträger hervorbringt.

5669728_sLiebe Autoren, ich habe mich ja schon mehrmals in die amazon-Debatte eingemischt – als leidenschaftlicher Leser, der überaus dankbar dafür ist, dass es Menschen wie euch gibt, die sich dem doch oft undankbaren und wenig lukrativem Schreiben widmen. Jedem, der ein Buch schreibt, zolle ich großen Respekt vor der intrinsischen Motivation und bewiesenen Selbstdisziplin, so ein Projekt zu stemmen. Hinzu kommt noch die öffentliche, oft bedrückend und schmerzliche Erfahrung von Nichtbeachtung, fehlender Anerkennung oder gar harscher und bisweilen sehr verletzender Kritik. Das muss man erst mal bereit sein, sich anzutun. Wer all dies schafft, der darf sich doch dann nicht auf dem Markt in eine defensive, Verständnis und Mitleid heischende Verhandlungsposition bringen: „Nehmt doch unsere Bücher nicht in Geiselhaft.“

Aktuell schreiben die amerikanischen Autoren in ihrem offenen Brief in Bezug auf den spürbaren Verkaufsrückgang der Bücher von Hachette-Autoren(innen) (laut deutscher Übersetzung):

„Diese Männer und Frauen sind zutiefst besorgt darüber, was dies für ihre Karriere bedeutet.“

Hallo! Ihr seid Schriftsteller und drückt Euch aus wie ein katzbuckelnder Beamter im mittlerem Dienst, der an eine anonyme Oberdirektion schreibt. Habt ihr alle nicht Kafka gelesen? Und dann folgt auch noch die populistisch historische Keule:

„Entsprechende Bemühungen, den Verkauf von Büchern zu behindern oder blockieren, haben eine lange und schlimme Geschichte. Wollen Sie persönlich damit in Verbindung gebracht werden?“

Das ist harter Tobak und kurz gesagt: würdelos. Reißt euch zusammen, setzt euch mit euren Verlegern, Agenten und Verhandlungsprofis zusammen und entwickelt endlich eine Strategie, wie ihr auf Augenhöhe mit Bezos & Co. Tacheles reden wollt.

Und zu guter Letzt: Bücher sind Konsumgüter wie Waschmaschinen und Toaster. Sie haben nur den unschlagbaren Vorteil, dass wir „Buch-Konsumenten“ sie weitaus höher schätzen als Toaster und Waschmaschinen. Und damit das so bleibt, gebt uns das gute Gefühl zurück, dass ihr „Produzenten“ mit einer vorbildlichen Haltung seid, die was Herausragendes, höchst Begehrliches zu bieten haben.

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4 Gedanken zu “Liebe Autoren: „Mitleid ist kein gutes Marketing“*

  1. Diese Verbeamtungsmentalität vieler Autoren finde ich auch bedenklich. Ich glaube sie ist ein Relikt aus dem L’art pour l’art, dem viele aus Bequemlichkeit anhängen.
    Ich habe mich sehr früh für einen Erwerbsberuf entschieden, um schriftstellerisch unabhängig zu sein. Aber, ich kann nicht leugnen, dass die Mehrfachbelastung mich oft an Grenzen führt.
    Da die Kritiker zeitgleich auch noch viel lauter sind, als die Befürworter, ist der (Selbst-)Mitleidsreflex mitunter nicht zu unterdrücken.
    Am Ende aber, Sie haben Recht, ist es eine Entscheidung Bücher zu schreiben, für die man niemand anderen verpflichten kann.
    Toller Beitrag. Auch die Würdigung unserer Arbeit!

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