Ich habe einen Traum.

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Quelle 123RF

Seit Monaten weiden sich die öffentlich-rechtlichen Medien darin, das Dahinsiechen des Handels und der heimischen Old-Ökonomie aufgrund grassierender Amazon & Co. Epidemie regelmäßig zu dokumentieren. Mit unzähligen Reportagen über ausbeuterische Arbeitsbedingungen der Neuen, unmoralische Steuertricks und unlautere Geiselnahmen deutscher Verlage und Autoren ringt man dem Publikum zwar jede Menge Empörung ab, jedoch sonst eben nix.

Ein mehr oder weniger smarter Oliver Samwer (Zalando & Co. Investor) und seine Start-Ups werden mehrfach vor dem anstehenden Börsengang portraitiert. Zwar immer mit dem typischen moralinsauren Unterton eines öffentlich-rechtlich abgesicherten Journalisten, jedoch doch für alle auch fatalistisch spürbar, dass dies wohl die Unternehmertypen der Zukunft seien.

Was ich jedoch nicht sehe sind Menschen, wie Ocelot-Gründer Frithjof Klepp oder Mutterland-Gründer Jan Schawe oder Sara Wolf, Gründerin von Original unverpackt oder Chalwa Heigl, Gründerin der Gugl Manufaktur, die mir spontan einfallen, wenn ich mir eine Handelswelt von Morgen vorstelle. Sicher könnten wir gemeinsam diese Liste noch um zig weitere mutige Geschäftsgründer erweitern, die sich mit Leidenschaft dem Handel der Zukunft widmen. Doch egal wie lang die wird, Portraits in den öffentlich-rechtlichen Hauptsendern werden nie von ihnen auftauchen.

Was ich mir aber zum hundertsten Mal anschauen soll und nicht mehr mache, sind Talkshows, in denen immer die gleichen Hornbläser sitzen, die uns vor der globalen Macht weniger Konzerne, der schrecklichen Monopolisierung, den Datenkraken und einer finanzkapitalistischen Feudalherrschaft warnen.

Ich habe einen Traum.

Ich sehne mich nach Sendungen zur besten Sendezeit in ARD und ZDF in der Qualität des literarischen Quartetts zurück. Oder wenigsten eine auf einem Level von Elke Heidenreich, deren Welt verbesserndes Pathos mich zwar manchmal nervte, doch wenigsten kam da echte Begeisterung ins Haus. Begeisterung für Literatur. Und diese Sendungen werden nicht im Studio, Wüsten oder Foyers aufgezeichnet, sondern in attraktiven Buchhandlungen, neuen Ladenkonzepten oder faszinierenden Handwerksbetrieben.

Ich träumte davon, dass Denis Scheck nicht mehr nach Kalifornien, New York oder Australien reist, sondern das ganze Jahr durch Deutschland tourt und in jeder Sendung eine Buchhandlung vorstellt. In der trifft er mit Autoren und Buchhändlern zusammen und vielleicht auch dem einem oder anderen Feuilletonisten oder Blogger und gemeinsam hecheln Sie uns nicht die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste durch, sondern empfehlen uns jeweils 5 Bücher, die sie aktuell begeistert haben.

Ich habe einen Traum.

Ich stellte mir vor, wie das blaue Sofa des ZDF wöchentlich durch Deutschland tourt, Autoren besucht und mit ihnen in ihre Lieblingsbuchhandlung marschiert. Dort plaudern sie über das neue Buch, das Lesen an sich und am Ende greifen sie einfach ein paar ausgewählte Bücher aus den Regalen und empfehlen Sie.

Ich habe einen Traum.

Thea Dorn geht gemeinsam mit Sybille Berg in verschiedenen Buchhandlungen einer Stadt shoppen. Jedes mal darf eine für die andere ein Buch kaufen. Mal lässt man sich was vom Händler empfehlen, mal sucht man selbst etwas aus. Und am Ende plaudert man noch, was man gut und was man nicht so dolle in den Buchhandlungen fand.

Ich habe einen Traum.

Da gab es Sendungen über Deutschlands beste Entrepreneure, da gab es Übertragungen von der Verleihung der Verlagspreise für die mutigsten Veröffentlichungen, da gab es Effies für die besten Popup-Stores, da gab es die goldene Thalia für die besten Theaterbühnen und da gab es Talkshows, in denen Menschen begeistert davon berichteten, wie aus einer Idee ein Lebenswerk wurde.

Die Realität sieht im Moment für mich anders aus. Begeisterung für Kulturelles muss ich mir bei den privaten TV-Sendern abholen. Die machen Casting-Shows für Musik, Entertainment, Tanz, Kochen etc. Das ist zwar nicht unbedingt die Kunst, die ich persönlich schätze, doch zweifellos berührt es mich, wenn tausende jungen Menschen ihren Mut zusammennehmen, um ihren Traum vom Entertainer wahr werden oder platzen zu lassen.

Die Privaten TV-Sender haben deutlich mehr verstanden, dass wenn man was bewegen will, es darum geht, den Menschen Enthusiasmus, Mut und Begeisterung ins Haus zu senden. Das Scheitern ist da auch inklusive, doch am Ende haben alle dazu gelernt und freuen sich auf die nächste Show.

Aber bei den öffentlich-rechtlichen träume ich wohl besser weiter.

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18 Gedanken zu “Ich habe einen Traum.

  1. Habe jetzt die interessanten Beiträge gelesen. Ich bin da viel gelassener in der Bewertung der Medien. Fernsehen hat mich sicherlich nicht dümmer gemacht und auch nicht abgehalten, mich für weniger telegene Kulturerzeugnisse zu begeistern. Das Internet ist ja jetzt noch eine erweiterte Dimension, da es alle Medienformen umfasst und sie miteinander eng vernetzen kann. Insofern bietet es die große Chance, ohne Medienbrüche sich sehr tief und eingängig mit Inhalten zu beschäftigen. Doch muss man auch konstatieren, dass die Leute mehrheitlich gar kein Interesse an solcher Vertiefung haben. Menschen bilden sich nur selten gern eine Meinung, weil sie ja schon alle eine haben.

    Wer Vielfalt wünscht, muss m. E. auch die Einfalt tolerieren. Das „Zwangskuratieren“ von Medieninhalten ist mir zu ideologisch. Insbesondere, da ich vom gesamtgesellschaftlich positiven Einfluss der Geisteskultur nicht überzeugt bin. Kultur mag dem einzelnen viel geben, doch die Gesellschaft wird dadurch insgesamt keine bessere. Wer sich von dem bildungsbürgerlichen Pathos der sinn- und identitätsstiftenden Kultur frei machen kann – das hat bei mir auch sehr lange gedauert – erkennt irgendwann an, welch herrlichen Luxus er geniesst, wenn er ein gutes Buch liest, ein Konzert hört, Museen und Theater besucht etc. pp. Ausführlicher schrieb ich dazu in meinem Resümee zu Christian Demands Buch „Die Invasion der Barbaren“: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/11/12/die-invasion-der-barbaren/.

    • Ich finde die momentane Situation sehr ideologisch. Der größte Teil des Fernsehens hat sich doch von Inhalten verabschiedet und dient eigentlich nur noch dazu, möglichst viel Werbung in die Köpfe der Menschen hinein zu quetschen. Dass es um Gewinnmaximierung geht, und nicht um Inhalte, liegt ja schon in der privatrechtlichen Struktur des Privatsfernsehens. Außerdem habe ich auch den Verdacht, dass große Teile der Bevölkerung in der westlichen Welt abhängig ist und keine wirkliche Wahl mehr hat, ob sie nun Fernsehen schauen oder nicht. Denen sind die Inhalte dann wirkich egal. Und so ist es ja auch.

    • Ich finde unseren Austausch über die aktuelle Medienwelt und ihrer Rezeption sehr interessant. Denn unsere Wahrnehmung ist fast diametral. Nicht dahingehend, dass ich gesellschaftlich erwarte, dass die Nutzungsqualität steigt, jedoch in Hinblick auf Ursache und Wirkung bzw. individuelle Verantwortung für die persönliche Gestaltungsmöglichkeiten. Nicht die Medien und ihre angebotenen Inhalte sind m. E. verantwortlich für deren Nutzungsrelationen, sondern jeder Einzelne ist ein selbstverantwortlicher Nutzer. In der Gesamtheit repräsentieren wir heute alle wie nie zuvor ganz demokratisch die präferierten Medieninhalte unserer Gesellschaft.

      Niemanden ist heute mehr der Zugang aufgrund beschränkter finanzieller Mittel oder eingeschränkter Bildungsangebote zu irgendwelchen Medien- und Kulturangeboten verwehrt. Im Gegenteil: fast alles ist billig oder gar kostenfrei zugänglich. Ein Beispiel ist die klassische Literatur, die ich digital in Hülle und Fülle kostenfrei lesen kann. Oder klassische Musik, die ich im Netz in den besten weltweiten Interpretationen finde und hören und sehen kann. Zahllose Museen, Events und mannigfaltige andere Veranstaltung sind oftmals frei zugänglich. Wir leben heute in einer Gesellschaft, die den Zugang zu ihren kulturellen Institutionen und Errungenschaften kaum mehr einfacher und günstiger machen kann. Doch der Anteil derer, die das weidlich nutzen bleibt bestenfalls konstant.

      Auch in Hinblick auf die Werbung und Kommerzialisierung von Medieninhalten mache ich derzeit eine andere Beobachtung durch die Augen meines siebenjährigen Sohnes. Das faszinierte mich derart, dass ich diesem Phänomen auch schon einen Blogeintrag gewidmet habe: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/03/29/die-heutige-kindheit-eine-fast-werbefreie-zone/.

      Herzlichen Dank an dieser Stelle noch mal für den inspirierenden und engagierten Austausch. Der ist ja – trotz aller vereinfachten Möglichkeiten – auch (noch) nicht selbstverständlicher geworden.

    • Ja, ein solcher Austausch ist wichtig und richtig. Und es ist gut, unterschiedliche Positionen zu vertreten, verstehen zu wollen und die Überlegungen kritisch in das eigene Denken aufzunehmen. Das sind alles Dinge, die man nicht durchs Fernsehen lernt. ;)

  2. Danke für den Kommentar und die Hinweise. Werde ich gern nachlesen. Vorab nur eins: wie im Kommentar oben schon geschrieben, bewegen können solche Nischensender nichts. Sie wirken nur in der Filterblase der Kulturinteressierten. Fernsehen ist bei mir ein sehr selten gewähltes Medium. Dennoch akzeptiere ich, dass es weit mehr dem Spiegel der Gesellschaft entspricht als die Medien von Rezipienten der Hochkultur.

    • Der Fehler war damals, private Sender zuzulassen. Das hätte nicht passieren dürfen. Das müsste man u.U. korrigieren oder zumindest die Spielregeln ein wenig ändern, zum Beispiel die Erhebung von Quoten verbieten, das Senden von Werbung nur noch in speziell dafür vorgesehenen Sendern erlauben und nicht mehr im Hauptprogramm, usw. Man könnte da schon ein wenig regulierend einwirken. Ideen gibt es genug. Es ist eben nicht gewollt. Und solange freue ich mich über das DRadio, das ich sehr gerne höre.

  3. Mir scheint, es gibt ein Problem beim Fernsehen per se. Verzichte mal ein paar Jahre darauf und Du wirst sehen, Dir fehlt nicht nur nichts, sondern Du hast auch Lebensqualität gewonnen. Außerdem sind die Öffentlich-Rechtlichen Senndeanstalten größer als das Fernsehen. Beim Deutschlandradio und Deutschlandradio Kultur gab es noch nie irgendwelche Qualitätsprobleme. Und es gibt regionale Landesmedienanstalten, die auch ein werbefreies Regionalradio bieten.
    Zum Thema Fernsehen habe ich hier etwas kurzes geschrieben (http://goo.gl/oCHwEr), das passt sehr gut hierhin, und zum Problem der Boulevardisierung der Gesellschaft gibt es hier etwas kurzes: (http://goo.gl/2ka16Q).

  4. Ja, in der selbstreferenziellen Nische von Spartensendern haben wir das kulturelle Feigenblatt der Öffentlich-Rechtlichen. Doch die Stimmung in der Gesellschaft wird in den Hauptsendern zur besten Sendezeit gemacht. Deshalb wünsche ich mir dort eine andere Haltung. Das ich jetzt Buchsendung gewählt habe, liegt an den aktuellen Anlässen.

    • Danke für die Rückmeldung. Ja, das sollte es auch den ein oder anderen. Denn unzweifelhaft ist für mich, dass sie das bei Millionen Menschen leisten, was die öffentlich-rechtlichen nicht hinbekommen. Sie begeistern ein Publikum für Menschen, junge Menschen, die etwas wagen.

      Dass uns das in der Form nicht behagt und sich die Kandidaten für Aktivitäten entscheiden, die ich persönlich bestenfalls belächle, muss ich akzeptieren. Im engeren Sinne mache ich das auch in der Buchkultur. Denn auch hier sind mir die Genres, die den größten Erfolg haben, völlig fern: Fantasy & Herzschmerz.

      Letztlich geht es mir ja auch nicht nur um Ideen für Sendeformate, sondern um die Haltung, die in den öffentlich-rechtlichen und sogenannten seriösen Medien vorherrscht. Ewiges Lamentieren über Zustände, jedoch kaum Anregungen, wie Menschen ihr Leben geglückt in die Hand nehmen.

      Die einzige Sendung und Person, die mir im ARD für bestes Entertainment spontan einfällt ist Ina Müller mit Ina´s Nacht.

    • „Sie begeistern ein Publikum für Menschen, junge Menschen, die etwas wagen.“: Genau diesen Satz bezweifle ich. Diese Casting Shows wollen in erster Linie nicht begeistern, sondern den Voyeurismus der Menschen befriedigen und dadurch Quote machen. Häufig werden diese jungen Menschen fertig gemacht und vor großem Publikum bloßgestellt. Das ist Unterhaltung auf niedrigstem Niveau. Begeisterung für Kulturelles hole ich mir in den zahlreichen schönen Reportagen des ZDF, bei scobel oder auf arte. Gut, es sind nicht gerade die Literatursendungen, die mich interessieren. Aber es gibt weit mehr Kulturelles als Literatur.

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