Kann man mit Juli Zeh Spaß haben?

JuliZeh

Dank an Klappentexterin, die ein Interview mit Juli Zeh 2012 machte und diese Bild auf ihrem Blog veröffentlichte. Zum Interview einfach auf das Bild klicken.

Um vorab kein Missverständnis aufkommen zu lassen: ich kenne Juli Zeh persönlich nicht. Doch die Frage kam mir einfach in den Sinn, nachdem ich ihre aktuelle Sammlung an Essays und Vorträgen in „Nachts sind das Tiere“ gelesen hatte und mich der vielen Kommentare auf ihre Kolumnen sowie kritischen Artikel über sie erinnerte.

„Juli Zehs Besserwissertum erinnert an das der alten Männer à la Grass und Walser. Nur dass die bessere Literatur schreiben. (Ob das zur Duellaufforderung reicht? Oder sind Leserbriefschreiber nicht satisfaktionsfähig?)“ schrieb z. B. Gregor Keuschnig unter einem Artikel von Volker Weidermann. Volker Weidermann zitiert Juli Zeh in seinem Artikel, dass sie es bedauere, bösartige Kritiker nicht mehr zur Satisfaktion fordern zu können:

„Ich bedaure wirklich, dass es die Möglichkeit des Duells seit 100 Jahren nicht mehr gibt. Ich würde da gerne anrufen und sagen: ,Ich treffe Sie morgen früh um fünf auf einer nebligen Lichtung. Die Wahl der Waffen liegt bei Ihnen.“

Oha! Also als Kritiker ist mit ihr nicht zu spaßen. Nun, ich bin ja nur ein Leser und Zuhörer, der ihre Klugheit sehr schätzt. Aber auch unter denen gibt es entschiedene Zeh-Verweigerer, ja heute muss man schon Neudeutsch „Hater“ schreiben, z. B. Johann Otto in einem Kommentar in der FAZ„Politisch mit enormem Linksdrall versehen, immer mal wieder rechthaberisch im Fernsehen zu vernehmen, und in allem, was sie vermutlich am PC so herunterklappert, vor allem enorm öde und langweilig. Eine deutsche Schriftstellerin eben, von der so was einfach erwartet wird: „Im Bundestagswahlkampf 2005 gehörte sie zu den Autoren, die den Aufruf von Günter Grass zur Unterstützung der rot-grünen Koalition unterschrieben haben“ (aus Wikipedia). Große Abneigung!“

Darüber, warum dies bei ihr so ausgeprägt ist, mag ich nicht spekulieren. Mir ist sie als Autorin und Kolumnisten immer sehr angenehm gewesen. Ich schätze ihr Klugheit, ihre tiefen Kenntnisse und ihre ebenso bedächtige wie bestimmte Art, über Dinge zu reden und zu schreiben. Doch zugegeben, zu lachen hatte man da selten was. Irgendwie erinnert mich Juli Zeh auch ein wenig an den tragischen Mythos über die Seherin Kassandra.

JuliZeh2Es ist ihr sehr Ernst mit ihren Anliegen. Und wenn ich jetzt die Beiträge lese, die chronologisch ab 2005 beginnen, bestätigt sich, dass sie schon immer sehr früh darauf aufmerksam machte, dass etwas faul in unserem Staate sei. Offenbar zu früh, denn viele rochen es nicht mal und winkten ab. Doch die angemahnte Fäulnis ist bei fast allen Themen noch immer virulent, breitet sich weiter ungehemmt aus, obwohl es allmählich bis zum Himmel stinkt.

Ganz weit vorne das Thema „Bürgerliche Freiheit“, das sie in einem Beitrag sehr amüsant zuspitzt:

„Freiheit ist doch voll 20. Jahrhundert. Ein Auslaufmodell. Braucht keiner mehr.“

Mit Recht polemisiert sie über eine Haltung in der Gesellschaft, die sich zunehmend ausbreitet und eigentlich seien doch nur kleine Kinder so infantil zu glauben, „der Sinn des Lebens bestünde in der Befriedigung von Bedürfnissen, während Autoritäten für Sicherheit sorgen.“

In einer Rede an junge Abiturienten fasst sie das Freiheitsdilemma zusammen:

„Unsere schwierige, aber auch schöne Aufgabe besteht darin, mit den noch immer relativ neuen Freiheiten, die andere in der Vergangenheit für uns erkämpft haben, auf positive Weise zurechtzukommen. … Freiheit macht anfällig für Angst, und Angst macht unfrei.“

Bürgerliche Freiheiten fordern, aber keine Verantwortung übernehmen, funktioniert nun mal nicht. Wer seine bürgerliche Freiheit genießen will, der muss sich auch anstrengen: informieren, fortbilden, diskutieren und agieren. Und ja, das nervt ab und an und als Kind der 60iger Jahre weiß ich noch sehr genau, wie uns irgendwann die ewigen Diskussionen unter Schülern und Studenten in den Siebzigern auf den Senkel gingen. Doch die Abwendung von den idealistischen Ansprüchen an die Zukunft führte dann zu einem wachsenden Zeitgeist, der bis heute nicht wieder zurück pendelte.

Bildquelle 123rf

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Der hedonistische Individualismus, den wir seither in den Medien und der Werbung feiern, hat letztlich einen dominanten Typus in unserer Gesellschaft hervorgebracht: „den Käpt´n Ego.“, wie Juli Zeh ihn nennt (habe hier schon mal mein Spaß gehabt). Es wäre mal wieder an der Zeit, ihn zu erden und auf ein erträgliches Maß zu stutzen.

Nun muss sich Juli Zeh aber eingestehen, dass sie sich das Etikett „Individualist“ gerne selbst anheftet: „Vermutlich bin ich ein radikaler Individualist.“ schreibt sie in einem der ersten Beiträge – einem fiktiven Streitgespräch mit Feministinnen. Und sie erklärt dazu: „Der Individualist hofft nicht, die Massen zu überzeugen. Sein höchstes Ziel besteht darin, mithilfe wohlbegründeter Argumente etwas Sinnvolles zum Diskurs beizutragen.“.

Die Gefahr, damit anzuecken und selbst als „Käpt´n Ego“ wahrgenommen zu werden, ist groß, wenn man auf fast alle gesellschaftspolitischen Fragen Antworten hat und dann in den Medien die Rolle der fast schon manischen Mahnerin übergestülpt bekommt. Es entsteht dann der Beigeschmack, dass Menschen, die auf alles eine Antwort haben, sich selbst nicht mehr in Frage stellen. Das Juli Zeh zu unterstellen, liegt mir fern, doch ich befürchte, dass es einer der Gründe ist, warum viele auf ihre Statements genervt reagieren.

Und sie teilt auch gerne aus, wie z.B. der Jugend zu attestieren, dass sie sich zunehmend als Generation von Strebern entpuppe. Sehr klug und mit meiner vollen Zustimmung schreibt sie:

„Die Kinderfrage des 21. Jahrhunderts lautet nicht mehr „Warum?“ – sie lautet „Wozu?“.“

Und wir Eltern senden diese nutzenorientierte Generation auf Schulen und Universitäten, die sich derzeit von ehemals Persönlichkeit bildenden Anstalten in praxisorientierte Ausbildungszentren verwandeln.

Ebenso erteilt sie den Dreschern hohler Phrasen von identitätsstiftenden Bedeutungen eine Absage: „…Vokabeln wie Gott, Heimat, Sozialdemokratie, Vaterland oder Familie lösen keine spezifischen Gefühle in mir aus.“ schreibt sie im genannten Streitgespräch und widerspricht dem genannten Gebot „Jeder Mensch brauche eine Identität“ mit:

„Jeder Mensch braucht eine Persönlichkeit“

– d’accord!

KlorolleIch selbst bevorzuge ja gerne mal Ironie als kritischen Beitrag in aktuellen Debatten. Davon macht Juli Zeh – leider – sehr selten Gebrauch. Sie hat wohl früher als ich erkannt, dass man damit eher noch mehr Missverständnisse erzeugt. Sie bevorzugt die klare Benennung der aktuellen Tragik in unserer Gesellschaft, wie z.B. das wachsende Bedürfnis zur Selbstoptimierung. In „Kostenkontrolle oder Menschenwürde“ (2007) formuliert sie ihr Unbehagen darüber und benennt den damit verbundenen Wandel unserer Solidargesellschaft in eine „freiwillige“ Kontrollgesellschaft, die ihr Verhalten zwingend transparent macht und boni- und malifizieren lässt. Diese Überlegungen hat sie ja auch in ihrem Roman „Corpus Delicti“ sehr anschaulich fiktionalisiert.

Und in „Zeit war Geld“ schreibt sie über die Ambivalenz der Open-Source-Kultur:„In der Welt der Universitäten und Forschungsinstitute ist das Ideen-Sharing für gewöhnlich so lange frei, wie es sich im prä-ökonomischen Stadium des reinen Erkenntnisstrebens bewegt.“ Jedoch „Ökonomische Verwertbarkeit aber verlangt nicht nach Offenheit, sondern genau das Gegenteil: sie bedarf der Verknappung der Ressourcen.“ Open-Source-Philosophie kündigt einem Dogma die Gefolgschaft: „Zeit ist Geld“.

Deshalb sollte die damit verbundene Euphorie derzeit meines Erachtens immer auch von der gesunder Skepsis begleitet sein, ob und wie wir uns diesen Luxus gesellschaftlich leisten können. Denn die einmal kostenlos erbrachten Leistungen lassen sich später nur wieder sehr schwer monetarisieren.

IMG_0721Sehr deutlich wird sie mit ihren schon früh und immer wiederholten Bedenken zu den Folgen von Big-Data und unserem wachsenden Glauben an die algorithmische Allwissenheit. Meine Ansichten dazu habe ich sehr ausführlich in meinem Resümee zu Yvonne Hofstetters Buch „Sie wissen alles“ beschrieben und stimme dabei in der Conclusio mit Juli Zeh überein, wenn sie schreibt: „Wenn es nach mir ginge, müsste man auch gleich noch einen Algorithmen-TÜV ins Leben rufen, der informationelle Prozesse auf die Verwendung von diskriminierenden oder anderweitig demokratiefeindlichen Parametern prüft.“

Zuletzt noch zurück zu meiner Ausgangsfrage, ob man mit Juli Zeh Spaß haben kann. Ich habe von ihren Romanen bisher nur „Corpus Delicti“ und „Nullzeit“ gelesen. Beide las ich sehr gerne und auch mit Vergnügen und fand später auch bei ihren weniger wohlwollenden Kritikern dafür Lob. Doch ich gestehe, beide Romane hätte ich nicht unter dem Aspekt „der sprachlichen Machart, Darstellungsformen und Dramaturgie“ besonders hinterfragen wollen, wie Juli Zeh es sich in ihrem Essay „Zu wahr, um schön zu sein“ (2006) über Literatur wünscht. Sie beklagt dort die aktuelle Rezeption in den Feuilletons und der Literaturkritik. Sie sei eher „eine Mischung aus Voyeurismus und Indizienprozess“. Man sieht, die Kritik an der Literaturkritik ist ein stetiges Thema.

Spaß habe ich mit Juli Zeh im Sinne von Vergnügen an klugen Gedanken und Bemerkungen wie dieser:

„Mir gefällt der Gedanke, das Mögliche habe etwas mit „mögen“ zu tun.“

Und weiteres Vergnügen erhoffe ich mir beim Lesen ihrer Frankfurter Poetikvorlesung, die unter „Treideln“ erschienen ist. Morten Freidel berichtete in der FAZ von ihrer 3. Vorlesung, die sie so eröffnet hatte:

„Zuerst das Gute: Der neue Roman von Juli Zeh ist weniger lang als seine Vorgänger. Die Konstruktion der Rahmenerzählung aber sei ebenso bemüht wie die Sprachfähigkeit der Autorin begrenzt. Juli Zeh sei eine „Schwallmadame“, „Quatschnudel“, „Dauerpowerfrau“, und „apokalyptisch altkluge Angeberin“. Glücklicherweise wolle sie sich nun ihrer juristischen Doktorarbeit zuwenden. „Da kann sie weiter Thesenklappriges aufeinanderstapeln. Und das Beste: Lesen muss es nur einer.“

Wie man sieht, kann man mit ihr offenbar auch eine Menge Spaß haben.

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