Mission Leipzig

IMG_9210„Freude und Bürde zugleich“ twitterte ich als ich erfuhr, dass ich als einer von 15 Bloggerpaten für eines der zum Leipziger Buchpreis nominierten Bücher ausgewählt worden sei. Eine Jury der Leipziger Buchmesse, die man nicht nur um ihre Aufgabe beneiden sollte, wählte aus ca. 70 Anmeldungen aus. 70 Blogger, die sich bereit erklärten, Pionierarbeit zu leisten. Sind 70 nun viel oder wenig? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall wünsche ich mir, dass dieser Vorstoß der Messe, Literaturblogger aktiv in den Literaturbetrieb einzubeziehen, sehr gute Resonanz findet.

Zumindest war es mein erster Antrieb, mich zu melden. Ich wollte das Engagement der Messe für Blogger und besonders diese Idee „Bloggerpate“ aktiv unterstützen. Denn sie beweist mir doch im besonderen Maße wie ernsthaft man unsere „Szene“ integrieren möchte. Und auch das Interview mit Oliver Zille, Direktor der Buchmesse, überzeugt mich durch seine ernsthafte und realistische Erwartungshaltung.

Dass ich jetzt selbst in den Kreis gekommen bin, der die Randfiguren des Literaturbetriebes repräsentieren wird, freut & ehrt mich und überträgt mir auch eine Bürde.

Warum Bürde? Weil ich mir wünsche, dass dies nicht nur ein wohlwollend betrachtetes Experiment bleibt, sondern sich diese Premiere langfristig als beachtete Institution etabliert. In meiner Erwartung geht es um mehr, als das Marketing des Literaturbetriebes um 15 interaktive Botschafter des guten Buchs zu erweitern. Es geht weit mehr darum zu zeigen, dass in der Form des „Bloggens“ durchaus bemerkenswerte Inhalte entstehen, die andere Medien so nicht bieten können, da von ihnen anderes erwartet wird. Ich bin überzeugt, dass Blogger inhaltlich die Medienlandschaft bereichern. Ich bin aber auch recht selbstkritisch in Bezug auf die Ambivalenz dieser Open-Source-Philosophie für Content.

Folie08Bloggen – nicht nur über Literatur – ist eine faszinierende Mischung aus Eigenwillen, tiefer Leidenschaft, idealistischer Verantwortung und erarbeiteter Kompetenz. Besonders letzteres wird gerne bezweifelt und belächelt. Sicher, unter den Bloggern sind nicht alles ausgewiesene Experten, weder haben viele eine journalistische Ausbildung, noch eine akademische Expertise für die Themen, die sie behandeln. Doch sie haben wohl alle etwas, was sie besonders auszeichnet: den Gegenstand, den sie behandeln, wollen sie intensiv begreifen, verinnerlichen, hinterfragen, verstehen. Sie wollen wirklich wissen, warum sie sich begeistern. Und dann, wenn sie plausible Gründe dafür gefunden haben, wollen sie andere ebenfalls überzeugen, begeistern oder gar verführen. Und zwar dazu, ebenfalls das Buch, den Film, die Musik, die Kunst oder, oder, oder, zu ergründen und zu verstehen.

In gewisser Weise ist es bei vielen – auch bei mir – eine bewahrte Naivität. Obwohl ich viel gelesen und auch Literaturwissenschaften studiert habe, genieße ich es heute, die Wirkung von Büchern unmittelbar zu resümieren. Nicht das Rezensieren und literaturkritische Vergleichen steht bei mir im Vordergrund sondern was ich für mich entnehmen konnte, was mich inspirierte, was mich berührte und was für Antworten ich fand – nicht selten auf Fragen, die ich zuvor nicht gestellt habe. Ich schätze die Freiheit außerhalb der kritisch beäugten professionellen Literaturkritik zu stehen und zu schreiben. Ich will gar keine Alternative zu ihr bieten, sondern die Vielfalt vergrößern, einen Zugang zu Literatur zu finden. Und diese Mission – bewusst oder nicht – entdecke ich auch immer in vielen Beiträgen anderer Blogger.

Bildschirmfoto 2015-02-03 um 19.04.05Wenn sich in der (sympathisch) bescheidenen Bloggersphäre diese Mission verstärken ließe, wäre dies vielleicht auch ein weckender Impuls für die allgemein erlahmende Netzeuphorie. Denn derzeit kommt es mir so vor als lieferten mehrheitlich Miesepeter den Content. Und freuen würde es mich auch, wenn wir denen, um die wir uns bemühen, deren „Objekte unserer Begierde“ wir uns so gerne widmen, ein wenig die Netzaversionen nehmen könnten. Denn das Netz bietet mehr als einen zusätzlichen Vertriebskanal für günstiges Empfehlungsmarketing. Es ermöglicht Interaktion mit seinen Lesern – sicher gewöhnungsbedürftig, aber wer eine Mission hat, sollte den Weg nicht scheuen.

Demnächst mehr.

Advertisements

9 Gedanken zu “Mission Leipzig

  1. Es ist ein Experiment und es ist auch von uns Bloggern abhängig, wie wir es umsetzen, nutzen und annehmen. Ich bin sehr gespannt auf Leipzig. Ich kenne diese Buchmesse seit ich denken kann und mit dieser neuen Ausrichtung bekommt sie (auch für mich persönlich) noch einmal einen ganz anderen „Mehrwert“.

    Wie ergeht es dir denn mit deiner Bürde/Freude? Dein Patenkind fand ich sehr interessant und ich hoffe, dass ich durch deine Besprechung ermutigt werde zuzugreifen.

    • Ich hoffe, am Wochenende durch zu sein und bin ziemlich begeistert. Das Buch ist ein sehr eindrucksvoller Türöffner für einen spannende Nebenzugang in die gesellschaftspolitische, europäische Geschichte. Und faszinierend sind die Epochen übergreifenden Bezüge, die Karl-Heinz Göttert wagt und auch plausibel macht. Es liegt nicht nur nahe, seine angenehm vermittelte Fülle an Erkenntnissen auf unsere Gegenwart zu übertragen, sondern es zwingt einen förmlich die aktuelle Relevanz zu erkennen.

      Ich bin also vollends zufrieden mit meinem Patenkind.

  2. Blogger tragen entscheidend dazu bei, dass Autoren, die nicht bei einem großen Verlag unter Vertrag stehen, ein Publikum finden. Vielen Dank dafür!

  3. Zugang zur Literatur finden, Anregungen bieten – auch das treibt mich als Bloggerin an. Du hast es wunderbar formuliert. Schön sind dann auch immer wieder Reaktionen – von Autoren, Verlagen, Lesern, Freunden und Bekannten. Ansporn und Verpflichtung zugleich.

  4. Das hast du wunderbar geschrieben! Es geht um den Gegenstand der Literatur, diesen zu erfassen, für sich selbst zu beschnüffeln, auseinanderzunehmen – zu begreifen – sich schlichtweg damit auseinanderzusetzen! Nichts zu ersetzen, sondern Austausch zu liefern, Anregung zu geben ! Ich bin auch gespannt, wie sich alles entwickeln wird – und freue mich drauf!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.