Über Bücher, Blogger, Berge & Extrembuchkritiker.

Buchberg2Ich habe Glück gehabt. Vor knapp zwei Monaten entschloss ich mich dreist als Bloggerpate für die Leipziger Buchmesse zu empfehlen. Die Wahl der Jury fiel nicht nur neben 14 anderen auch auf mich, sondern ich bekam zudem ein Buch zugeteilt, „Mythos Redemacht“ von Karl-Heinz Göttert, das mich thematisch sofort einnahm. Es war herausfordernd zu lesen, doch es lies sich sowohl vom Umfang als auch intellektuell bewältigen. In Analogie zu einer Bergtour forderte es einiges an Ausdauer und Trittfestigkeit ab, doch es boten sich mir auch ständig reizvolle Aussichten. Am Ziel angekommen genoss ich das euphorisierende Gipfelglück und betrachtete befriedigt das weite Panorama. Ob dann mein Eintrag ins Gipfelbuch adäquat war und dem Berg (Buch) auch gerecht wird, müssen andere beurteilen.

IMG_9210Soweit ich schon lesen konnte, hatten auch einige andere Bloggerpaten vergleichbare Glücksgefühle. Zumindest gestand bislang keiner ein, dass sie/er sich übernommen habe bzw. gar über die Grenze des von ihr/ihm erreichbare herausgefordert worden sei. Dies ist insofern bemerkenswert, da Buchblogger ja gemeinhin als intellektuelle Flachlandbewohner in der erfahrenen Szene der Buchkritiker und Feuilletonabonnenten belächelt werden.

Die Analogie Buchwelten/Bergwelten kam mir erstmals in den Sinn als sich vor kurzem die Diskussion über eine zunehmend flacher werdende feuilletonistische Buchkritik wieder entzündete. Neben der Ignoranz- und Niveau-Schelte von Jörg Sundermeier folgten auch einige Seitenhiebe auf eine sich ausbreitende Seuche von zahlreichen Sonntagsrezensionen, verbreitet von geistigen Talbewohnern, die literarische Wochenendausflüge machen, doch dabei die Gipfel der Literatur bestenfalls aus erhabener Ferne betrachten. Denn ihnen fehle sowohl Biss und Leidensfähigkeit als auch Erfahrung und professionelle Ausrüstung, um die wirklich herausfordernden Gipfel eigenständig erklimmen zu können. Überhaupt sei solch eine Tour nur mit erfahrenen und heimischen Buchführern anzutreten, die Lessing, Adorno, Derrida, Barthes, Dilthey & Co. immer griffbereit in der Provianttasche mit sich führen.

Doch die Moderne schert sich bekanntlich nicht um die Weisheit eigenbrötlerischer Bergbewohner. So kommt es jetzt noch viel schlimmer (FAZ). Um dem Andrang an Literaturtouristen in der Neuzeit Herr zu werden, baut man massiv die Infrastruktur aus. Viele Bergbahnen und –lifte wie LovelyBooks, Goodreads aber auch amazon & Co. machen es nun den Turnschuhtouris ganz leicht, pseudoliteraturkritische Selfies zu posten und ihre gaaaaanz persönlichen Gipfelerlebnisse zu dokumentieren.

Viele Blogger wandern da zwischen den Welten. Manche sind geübt genug, auch mal einen Viertausender zu Fuß – mit Bergschuhen – zu besteigen. Und fast alle haben Respekt vor großen Höhen, brüsten sich selten damit, den Arno Schmidt oder den Alban Nikolai Herbst bestiegen zu haben oder machen einen 2stündigen Multimedia-Vortrag über eine literarische Gipfelbesteigung in Südamerika. Sie brechen auch mal eine Tour einfach ab, weil ihnen die Luft zu dünn wurde. Die Eitlen lasten dies dann unklaren Wegmarkierungen, fehlenden Steighilfen oder unverständlicher Warnbeschilderungen an. Die Selbstkritischeren erkennen ihre eigenen Unzulänglichkeiten und gestehen auch mal, dass sie sich selbst überschätzt haben.

RucksackLetztere Bloggertypen und Sonntagsrezensenten auf amazon haben da vielen professionellen Extrembuchkritikern etwas voraus. Denn den Profis fällt es weitaus schwere einzugestehen, von so mancher Gipfeltour überfordert sein zu können. Ja, ich weiß, hier hinkt der Vergleich, die Analogie kommt an ihre Grenzen. Denn das meiste, was wir an Literatur angeboten bekommen, bewegt sich knapp über Meereshöhe. Und was sich in den Feuilletons so türmt, gibt nicht selten vor ein 5000er zu sein, entpuppt sich aber dann als Eisberg, von dem bekanntlich mehr als 4/5 unter dem Niveau liegt.

Das zu erkennen und auch zu benennen, ist die eine Aufgabe der professionellen Extrembuchkritiker in den deutschen Feuilletons. Dabei sollten sie so ehrenvoll sein, keine Seilschaften zu bilden – weder untereinander, noch als Sherpa für den Autor oder gar als Führer für Verlage. Ebenso wünsche ich mir Vorschläge für noch kaum bekannte Gipfeltouren, die ich meistern und/oder genießen kann. Da können meinetwegen die Tour-Beschreibungen auch völlig unterschiedliche Aspekte hervorheben. Und zu guter Letzt sollen sich auch Extrembuchkritiker mal richtig auspowern können – sei es im Feuilleton oder auch in Bloggs.

Neben den Bloggs der Zeitschriften Merkur und Glanz und Elend fand ich einen solchen Extrembuchkritiker vor kurzem hier: bersarin auf seinem Blog AISTHESIS. Dort findet man noch Literaturkritik auf Himalaya-Niveau. Ich habe dort Beiträge zur Literatur und Philosophie gelesen, die ich als Literaturliebhaber ebenso beeindruckend fand, wie wohl Bergfreunde den fabulierten Bericht von Jon Krakauer „In eisigen Höhen“ über das Drama einer Mount Everest Besteigung. In beiden Fällen wurde mir sofort klar, dass ich diese Gipfel selbst nie erreichen würde.

Ich liebe Berge und ich liebe Literatur. Beiden werde ich mich weiterhin mit der Intensität widmen, die meine geistige bzw. körperliche Konstitution zulässt. Für die Lust auf Berge muss man kaum werben. Doch für lohnende Touren zu Gipfeln der Literatur kann man nicht genug Empfehlung aussprechen – gleich, in welcher Art und Weise, Hauptsache man begeistert viele andere ebenfalls loszumarschieren.

So und jetzt: Aufi muas i nach Leipzig.

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9 Gedanken zu “Über Bücher, Blogger, Berge & Extrembuchkritiker.

  1. Muß es denn unbedingt der Extremgipfel sein? Mich schüttelt es, wenn die so von Ihnen bezeichnete Literatur als die höchste, kulturelle hochstilisiert wird, mit deren Kenntnis man bei diversen Abendrunden hausieren geht. Nicht jedes Zipfelchen in einem Text muß bis in den letzten literaturwissenschaftlichen Winkel seziert werden. Nein, eine wirklich gute Buchkritik ist für mich eine möglichst objektive (anderes Streitthema), dem Autor, dem Illustrator und dem Publikum gerecht werdende Beurteilung, die die Stärken und Schwächen des Plots, der Figuren und des Sprachstils verständlich aufzeigt. Eloquenz ist hilfreich, die beste ist jedoch die lebendig-gut verständliche, nicht die, bei der sich der Blogger an seiner Sprachfertigkeit „aufgeilt“.

    • Danke Frau B. für den Kommentar. Er macht mich darauf aufmerksam, dass ich vielleicht zum Ende meines Beitrags missverständlich den Eindruck vermittelt habe, meine Analogie beziehe sich auch auf die Form der Literaturkritik. Die Analogie sollte sich nur auf die Literatur beziehen. Und da gibt es – im Gegensatz zur realen Berglandschaft – selbstverständlich unterschiedliche Ansichten darüber, wie hoch die Gipfel denn eigentlich seien. Es ist wie mit dem Begriff des „Schönen“. Wir alle sind uns einig, dass es das „Schöne“ gibt, doch wir werden uns nie einig, was denn nun das Schönste sei.

      Ich für meinen Teil würde z.B. sagen, dass der höchste literarische Gipfel, den ich erklomm, Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit war.“ Und hiermit meine ich dann nicht, dass ich andere Literatur geringer wertschätze, sondern es war für mich die anspruchsvollste und zugleich – ja, etwas pathetisch ausgedrückt – die erhabenste Literaturerfahrung. Und ich machte sie in einer Lebensphase, die ich so nicht wieder revitalisieren kann. Es bleibt zwar letztendlich subjektiv, welche literarischen Gipfel wir denn als besonders hoch erachten, jedoch umkreisen wir stetig einen Kanon, der sich ab und an erweitert und in dem man dann doch eine mehrheitlich Übereinstimmungen findet. Und diese Übereinstimmungen sind letztlich maßgeblich beeinflusst von Literaturkritikern, die uns noch in solch schwindelnden Höhen als erfahrene „Buchführer“ leiten können. Dass dies mancher in einem abgehobenen Jargon macht, der nach Selbstlob der eigenen Erkenntnisfähigkeit müffelt, ist dann der menschlichen Schwäche Eitelkeit geschuldet, der wir ja anderseits auch eine Menge beachtlicher Autoren verdanken. Ohne diese Eitelkeit wäre nicht nur die Literaturkritik, sondern sicher auch die Literatur um ein Vielfaches ärmer.

  2. Danke für die Verlinkung. Aber bitte, bitte: Keine Ehrfurcht, nicht einmal die in Anführungszeichen gesetzte, sondern freut Euch an Texten. Auch an denen, die zunächst schwierig erscheinen. Ich habe gerade das avancierte, elaborierte verschachtelte Schreiben bestimmter Literaten und Philosophien immer für faszinierend gehalten und lerne am meisten aus den Texten, die für mich zunächst unverständlich, kompliziert oder unzugänglich waren und die wie schwer zu besteigende Berge ragten. Insofern gefällt mir diese Metapher des Bergsteigens gut. Ich schreibe, weil ich nichts anderes mag und will als in meinem Blog Texte zu machen. Schreiben ist Droge, Rausch und Ratio in einem. „Die Lust am Text“ heißt ein Buch von Roland Barthes. Das Korrektiv zum Schreiben ist das Photographieren.

    Es ist gut, daß es verschiedene Formen und Arten von Blogs gibt. Wer über Bücher oder Texte in einer eher anschaulichen oder sogar gefühlvoll-sinnlichen Weise schreiben mag, soll es so machen. Unwirsch werde ich immer dann, wenn jemand Maßlatte und These meterhoch ansetzt und dann jene mühelos unterläuft, anstatt über diese Höhe gesprungen zu sein. (Wobei das Gefühlvoll-Sinnliche etwas ungemein Verzückendes und Bezauberndes haben kann, wenn es denn nicht auf die immergleichen Beobachtungen hinausläuft.)

    Glückwunsch auch zur Blogpatenschaft.

    Es ist übrigens für einen Literaturblogger geradezu eine unwiderstehliche, herrliche Koinzidenz und Zufall, diesen Namen tragen zu dürfen, wie Sie ihn führen. Ich schätze die Prosa und Dichtung von Thomas Brasch außerordentlich. Aber da bin ich gewiß nicht der erste, der dies anmerkt.

    • Danke für die Kommentierung. Ja, „Die Lust am Text“ fand ich in vielen denkbaren Ausprägung. Und auch am rhetorischen Duell. So manche Replik ist ein Fehdehandschuh. Und wer ihn aufnimmt, sollte sich dann auch schon Mühe geben und eine Grundausbildung absolviert haben.

      Das „ehrfürchtig“ griff ich in Uwes Kommentar gerne auf. Denn im umgangssprachlichen Gebrauch ist es ja überwiegend positiv konnotiert. Für mich umschreibt es z. B. auch den gefühlten Moment nach dem Schlußakt einer herausragenden Konzertaufführung, wenn der Applaus deutlich länger als üblich auf sich warten lässt, weil alle noch etwas berauscht sind. So zumindest ergeht es mir bei solchen Texten und ich nähere mich da vielleicht dem, was Barthes meinte. Hab ihn leider (noch) nicht gelesen.

      Aber da ich ab und an auch das Wortwörtliche und Etymologische in unserer Sprache gerne hinterfrage, so muss ich persönlich sagen, dass ich das Wort „Ehrfurcht“ meist vermeiden würde. Denn ich fürchte um nichts und schon längst nicht um meine Ehre. In diesem Sinne ist dieses Wort anverwandt mit einem meiner persönlichen Unwörter der deutschen Sprache: dem „Ehrgeiz“. Man mag da jetzt gerne einwenden, dass dies im allgemeinen Gebrauch doch positiv verstanden würde. Für mich ist es jedoch Träger einer Lebenshaltung, die mir nicht behagt: Sich angetrieben fühlen, weil man anderen die Ehre geizt. Und ich unterstelle, dass dies bei dem Wort noch heute unterschwellig mitschwingt.

      Ja, zu guter Letzt: Ich bin wirklich dankbar für die zufällige Übereinstimmung des Namens mit dem Schriftsteller Thomas Brasch. Denn sie hat mich schon sehr früh auf ihn aufmerksam gemacht, so dass ich schon Ende der Siebziger seine Prosa „Vor den Vätern sterben die Söhne“ entdeckte und sehr schätzte. Mit Thomas Mann wäre mir das damals nicht gelungen. Dichtung ist mir allgemein etwas fern, so auch seine. Jedoch eine von ihm finde ich zum Abschluss jetzt ganz passend:

      Die freundlichen Gastgeber

      Sie laden mich zur Mahlzeit ein.
      Sie rücken mir den Stuhl an den Tisch.
      Sie schieben mir den Löffel in den Mund.
      Sie drücken mir den Bleistift in die Hand.
      Sie sagen FANG AN und drehen sich weg:
      Jeder hat das Werkzeug,
      das er verdient.

      (Aus: Der schöne 27. September)

    • Ja, Uwe, das hatte ich zuvor auch mal gelesen, wobei ich zu dem Zeitpunkt noch nicht auf dem Blog von Bersarin war. Sein Kommentar ist ja dann – ohne hier Partei für jemanden zu ergreifen (was fast ein Ding der Unmöglichkeit ist) – schon sprachlich wieder höchste Kunst in der Wortfechterei. Rhetorik – womit ich mich ja vor kurzem intensiver beschäftigen durfte – beherrscht er brillant.

      Doch ich schwanke bei seinen Blog-Beiträgen etwas zwischen „ehrfürchtigem“ Respekt und altersbedingter Gelassenheit vor solch sezierendem Tiefgründen. Dazu muss ich gestehen, dass ich mich selbst zu jener Spreu zähle, die ihre ganz naiv angetretene, literaturwissenschaftliche Grundausbildung nur mit Ach und Krach absolvierte und anschliessend alles Halbwissen wieder abgeschüttelt hat. Und das hatte bei mir einen ganz eigennützigen Grund: ich realisierte, dass ich allmählich zu viele meiner Freunde verlor. Nein, nicht die Freunde, die man so auf Facebook versammelt. Die haben mir das nie übel genommen, sondern nur belächelt. Die Freunde, die damals schmerzhaft auf Distanz gingen und offen drohten, mir ihre Zuneigung zu entziehen, waren die Bücher.

  3. Deinem wunderbaren Beitrag füge ich nichts hinzu. Die Verbindung zwischen Berg und Literatur finde ich passend. Leider ist es wirklich so, dass die Blogger belächelt werden und von oben herab beobachtet werden. Vielleicht liegt es allgemein auch an der Konkurrenz zwischen gedruckten Medien/Presse und Online, die sich ja auch in Medienhäusern, wo beide Seiten zusammenarbeiten (müssen), immer wieder beobachten lässt. Deshalb sehe ich die Aktion der Buchmesse als besonderes Zeichen, und mittlerweile scheinen auch die Verlage mehr auf die Blogger-Szene zu schauen. Wie schön!

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