Ein Offenbarungseid der verlegerischen Zunft: Louis Begleys Roman „Zeig dich, Mörder“

IMG_9931Ich bin noch immer fassungslos: 300 Seiten lang habe ich inständig gehofft, dass sich am Ende alles aufklären wird. Doch ich wurde bitter enttäuscht und hab mich furchtbar fremdgeschämt. „Die € 19.90 hättest Du dir sparen können, wenn Du mal auf die seriöse Literaturkritik gehört hättest.“ denkt jetzt sicher ein guter Freund, dem ich meine Lesevorfreude auf den neuen Begley bekundet hatte. Ja, das hätte ich zwar, doch wäre ich dann um eine weitere Einsicht ärmer:

Wo heute Suhrkamp draufsteht ist kein Suhrkamp mehr drin.

Dieser „Krimi“ erfüllt nicht einmal Minimalerwartungen an Spannung, ambivalenten Figuren und unerwarteten Wendungen. Und selbst sprachlich und stilistisch als auch bei der Gestaltung der Charaktere befindet er sich auf dem untersten Niveau eines Schundromans. Man mag fast an einen Fake von Jan Böhmermann glauben, wenn man nicht ahnte, dass der wohl Louis Begley gar nicht kennt. Und letztlich täte ich ihm sicher Unrecht, denn ein von Jan Böhmermann gefakter Roman wäre auf deutlich höherem Niveau. Und eine Parodie auf den aktuellen amerikanischen, Literaturgeschmack der Upperclass in New York, wie ich mir versuchte einzureden, ist es auch nicht.

Selbst einem dilettantischen Krimileser wie mir wäre es ein Leichtes, die Story so umzuschreiben, dass man mit ein paar überraschenden Eingriffen, wenigstens etwas entschädigt würde. Aber nein, Louis Begley hat offenbar nicht mal Erich Kästners „Emil und die Detektive“ gelesen, um sich auf das Genre „Krimi“ vorzubereiten. Völlig glitt mir nach dem Lesen die Farbe aus dem Gesicht als ich auf der Verlagsseite von Suhrkamp auch noch die von Louis Begley verfasste Entstehungsanekdote las.

Nun gut, jeder Autor hat das Recht schlechte Bücher zu schreiben, selbst so hundsmiserable wie dieses.

Denn angeblich werden wir Leser davor durch zahlreiche Instanzen geschützt: seine private Umgebung, sein Agent, sein Verleger, sein Lektor, seine Verlagsrechteerwerber, seine Übersetzer. Auf dieser Kette harter Qualitätssicherung ist die altvordere Verlegerzunft sehr stolz und schwadroniert seit dem Aufkommen der eBooks & Selfpublisher, dass ihre abendländische Buchkultur sichernden Zunftgesetze dort nicht mehr herrschten. Und eines der höchsten literarischen Qualitätssiegel, die deutsche Verlegerzunft zu vergeben hat, ist (war) seit Jahrzehnten Suhrkamp, der Miele unter den deutschen Verlagen (so was nennt man übrigens „Vossianische Antonomasie“).

Es wäre nicht des Schreibens eines Verrisses wert, wenn dieser Roman von einem ambitionierten Unbekannten auf dem hämisch beäugten Wege des Selfpublishing erschienen wäre. Doch wer mit solcher Vehemenz seit Jahr und Tag seinen elitären Anspruch als Kurator lesenswerter Literatur verteidigt, muss sich dieser Anklage stellen: Wer nicht genug Arsch in der Hose hat, etwas völlig Misslungenes auch als solches zu benennen und gar noch erwartungsvolle Leser mit einem solch desaströsen Verlagsprodukt zu schröpfen, ist auf dem Niveau zynischer Konsumhersteller angekommen. Und damit schadet er nicht nur sich selbst, sondern dem Renommee einer ganzen Branche. Wenn bei Miele oder Mercedes so was rausgekommen wäre, gäbe es schon längst eine Rückrufaktion.

Mache ich zu viel Aufheben um einen missratenen Roman den man doch auch einfach stillschweigend in die Tonne stecken könnte?

Das wäre so, wenn es nur um den einmaligen Ausrutscher eines veritablen und von mir sehr geschätzten Autors ginge. Doch wie ich schrieb, geht es hier meines Erachtens um weit mehr, wofür der Roman von Louis Begley nur ein exemplarischer Beleg ist: die hochgepriesene, gesamte Kette eines anspruchsvollen literarischen Kuratoriums bis hin zum Feuilleton und dem Buchhandel agiert hier höchst fragwürdig.

Mit Verlaub, Buchkritiker (z.B. A & B) und –händler, die diesen Roman empfehlen, beweisen mir völlige literarische Inkompetenz. Ernsthafte Kritiker in den Feuilletons haben den Roman zwar ebenfalls heftig verrissen, dennoch nahm dies aber keiner zum Anlass auf die zahlreichen Wegbegleiter hinzuweisen, die so ein Desaster erst zugelassen haben. Wie gesagt, der Autor kann mal völlig neben der Spur sein. Doch auf dem literarischen Niveau eines Louis Begley muss der Autor und seine Leser auf seriöse Verantwortliche in der Verlegerzunft vertrauen können, die sowohl ihn als auch seine Leser vor bodenlosem Fremdschämen schützen.

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12 Gedanken zu “Ein Offenbarungseid der verlegerischen Zunft: Louis Begleys Roman „Zeig dich, Mörder“

  1. Die Frage ist berechtigt. Denn es ist schon große Enttäuschung, die mich zu diesem symbolischen Akt trieb. Doch hier ist auch mal drastisch zu zeigen, zu welch „barbarischen“ Akt man fähig ist, wenn Verlag & Co. keinen Respekt vor ihren Lesern haben.

  2. Egal wie schlecht das Buch ist und wie sehr es einen enttäuscht – ist es nicht etwas respektlos das Buch wegzuwerfen und davon ein Foto zu veröffentlichen? Immerhin hat jeder Autor sein gesamtes Herzblut und viel Zeit investiert…

  3. Verriss? Wo denn? Außer einem veritablen Geschimpfe auf Autor, Verlag und einige – vorsichtig formuliert – exotische, nicht unbedingt literarisch avantgardistisch hervorgetretene Publikationsorgane lese ich wenig bis nichts. Was ist an dem Krimi schlecht; was ist genau desaströs? Die Sprache, der Plot?

    Es ist übrigens eine Mär, dass bei Unseld keine schlechten Bücher erschienen wären. Aber es waren natürlich immer sehr viele. Da sind die schlechten nicht so aufgefallen. Dass ein Verlag mit einem Autorennamen ein Produkt in den Markt bringt, dass den eigenen hehren Kriterien nicht standhält, ist nicht ungewöhnlich. Die Unseld-Linie ist ja im übrigen, Autoren zu verlegen, was auch einschließt, dass sie sich schlechte Bücher leisten dürfen.

    Interessant wäre die Frage, warum Literaten immer mehr zu glauben scheinen, dass sie auch Krimis schreiben können. Manchen treibt da eine gewisse Hybris an. Inzwischen schreiben ja auch Schauspieler und Rechtsanwälte angeblich gute Prosa – was aber oft genug nicht stimmt. Bewertet wird fast immer nur die Prominenz und das Standing im Kulturbetrieb. Wenn es ein Versäumnis gibt, dann das des amerikanischen Verlegers, der Begley nicht gewarnt hat. Aber auch hier greift vermutlich das kommerzielle Argument.

    • Es ist kurios, dass man mein Anliegen dahingehend diskutiert, ich sei zunächst mal in der literaturkritischen Beweispflicht, dass dies ein schlechter Roman sei (Siehe auch Facebook: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1557403264526928&id=100007718085247).

      Dieses Medium „Blog“ ist ein Netzmedium und bietet die hervorragende Möglichkeit, auf andere Inhalte im Netz zu verweisen. Auf die im Netz spärlich vorhandenen Besprechungen (warum eigentlich?) habe ich hier im Text verwiesen. Sie sollten zunächst ausreichend sein, um meinen Ärger zu untermauern. Ich muss jetzt nicht auch noch beschreiben, dass die völlig stereotypen und zugleich unwirklich idealisierten bzw. dämonisierten Figuren in dem Roman auf dem Niveau eines Groschenromans sind. Dass die Sprache, die Dialoge suggerieren soll, derart flach ist, dass man sie nicht mal Comicfiguren in die Sprechblase schreiben würde. (Man lese hierzu die Kritik in der FR) Die gesamte Konstruktion der Geschichte ist völlig wirklichkeitsfern und dennoch lahm, da nichts, aber auch gar nichts Unvorhersehbares passiert oder irgendeine vom Helden geplante Aktion schief geht. Das ganze Setting „Upperclass New York“ ist nur platte, austauschbar Kulisse.

      Aber um all das geht es mir im Kern gar nicht. Der Kern meine „Suada“ (Thomas Hummitzsch) ist die Unverfrorenheit, solche Literatur mit dem Label eines solchen Autors und eines solchen Verlags auf den Markt zu bringen. Ob Suhrkamp sonst noch Bücher herausgebracht hat, die so offensichtlich schlecht sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Die ich kenne, sind es auf jeden Fall nicht.

      Ich plädiere einzig darauf, dass man sich in der Verlegerzunft auf den Kern seiner Aufgabe konzentriert und eine klare Haltung haben muss. Wenn die dem Kommerz geopfert wird, ist die pathetisch erklärte Kette der verlegerischen und Buchmarkt Qualität gänzlich Makulatur. Derzeit ist es ja nur dieses eine Beispiel. Und unter den großen Verlagen, die als Siegel für Qualität stehen, habe ich mit dem Hanser-Verlag derzeit einen, der mir bislang als vorbildlich gilt.

  4. Ach Du liebe Güte, sehe ich doch auf meinem Reader als allererstes von Deinem Text den Mörder des guten Begley, auf den ich mich für die Osterferien so gefreut habe, im Mülleimer! Und dann auch noch Deine laute Anklage gegen Lektorat, Verlag und Kritik. Und dabei habe ich mich – wirklich! – wegen des Namens des Autors und des Verlags bei meiner Osterlektürenauswahl sooo auf der sicheren Seite geglaubt. Und die Story, auf dem Klappentext kurz umrissen, las sich ja auch so viel versprechend. Da habe ich erst gar nicht Kritiken und andere Buchprüfer zu Rate gezogen, sondern das Buch sofort für den Reisebücherkoffer sichergestellt. Und nun überlege ich ernsthaft, ob ich den Roman nicht schnellstens wieder auspacke. Wäre ja blöd, wenn ich mich, noch dazu im Urlaub, mindestens so ärgern müsste, wie Du Dich geärgert hast. In diesem Sinne: vielen Dank für die eindringliche Warnung und Deinen Furor – es hat auch einmal viel Spaß gemacht, Deinen Verriss zu lesen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Man muss natürlich den Aspekt meiner Erwartungen an einen neuen Louis Begley berücksichtigen. Wenn man zu Witzigmann essen geht und dann einen Hamburger als Gruß aus der Küche bekommt, regt man sich einfach mehr auf.

    • Immer die Frage unter welchem Blickwinkel. Ich hab es ja auch gelesen, weil ich es nicht glauben wollte, dass eine Roman von Louis Begley so unterirdisch sein kann.

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