Alles nur ein großer Witz. Danke, Herr Kundera.

KunderaManche Wörter begegnen einem erst sehr spät im Leben. So ein Wort war bei mir „Resilienz“. Resilienz meint in der Psychologie die Fähigkeit, heftige Krisen und traumatische Erlebnisse bewältigen zu können. Diese Fähigkeit ist eine angeborene Eigenschaft, die jedoch auch stark von Umfeldern geprägt wird und sich angeblich auch ausbilden lässt.

ResilienzResiliente Menschen trotzen ihrem Schicksal. Gegen alle Widrigkeiten und Angriffe gelingt es ihnen ihre Werte nicht zu verleugnen und sich trotz aller persönlichen Tragik im Leben gut zu behaupten. So ein resilienter Mensch scheint mir angesichts seiner Biografie und dem zuletzt 2008 geäußerten Denunzianten-Vorwurf, der nie gänzlich entkräftet wurde, Milan Kundera zu sein.

Mehr noch, er hat seinen Humor nie verloren oder zumindest vor kurzem wieder gefunden. „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ hat mich häufig schmunzeln und ab und an auch lachen lassen. Allein schon, dass er nach 15 Jahren schriftstellerischer Abstinenz dieses schmale Oeuvre von 144 Seiten herausbringt und auch noch als Roman bezeichnet, ist ein großer Witz – ein ziemlich gelungener, finde ich. Andere ziehen da bittere Mienen, wie Volker Weidermann, der in der FAZ schrieb: „Es ist aber leider langweilig, unlebendig, ausgedacht und leer. Die Herren sind Herren aus Papier, die gute Laune ist aus Büchern abgeschrieben, die Leichtigkeit ist tonnenschwer.“

Doch die Mehrheit der Feuilletonkritiker ist angetan oder gar begeistert wie ich. Sicher, es ist keine stringente, sich allmählich entfaltende Prosa. Weit eher amüsiert und überzeugt es als geistreiche, verspielte Plauderei. Schon die zu Beginn vorgestellte kulturphilosophische „Nabelschau“ Ramons, einer der vier zunächst vorgestellten Hauptpersonen, ist sehr charmant. Ramon stellt angesichts der aktuellen Bauchfrei-Mode in Paris die Überlegung an, dass wohl jede Epoche ihren eigenen Mittelpunkt weiblicher Verlockung hat. Mal sind es die Schenkel, mal der Busen, mal der Hintern und aktuell der Nabel. Doch was sagt das über die jeweilige Epoche aus? Für die vorhergehenden findet er eine These, doch angesichts der aktuellen Verlockung ist er noch am Grübeln.

Die Deutungsvielfalt über den Nabel wird in der Erzählung noch mehrmals aufgegriffen. Ebenso die meist fehlende Wertschätzung der titelgebenden „Bedeutungslosigkeit“. Ihre Bedeutung anzuerkennen, erfordert denn auch ein Fähigkeit, die ebenfalls mehrfach philosophisch betrachtet wird: Humor. „…der wahre Humor sei undenkbar ohne die unendliche gute Laune.“ belehrt Ramon seinen Freund Caliban. Und zwar im Sinne von Hegels „unendlicher Wohlgemutheit.“ Doch sei die Dämmerung der Scherze angebrochen und die Epoche des Après-Witzes hätte begonnen.

Schon zuvor lamentiert er über ihre altgewordene Generation: „Wir haben seit langem begriffen, dass es nicht mehr möglich ist, diese Welt umzustürzen oder neu zu gestalten oder ihr unseliges Vorwärtsrennen aufzuhalten. Es gab nur noch einen einzigen möglichen Widerstand: sie nicht ernst zu nehmen. Aber ich stelle fest, dass unsere Witze ihre Macht verloren haben.“

Das klingt bitter, ist im Kontext aber auch komisch. Ebenso kurios sind die Randbemerkungen der Romanfiguren über ihren Meister, der sie erschaffen habe und ihnen z. B. aufträgt, Hegel, Kant oder „Chruschtschow erinnert sich“ zu lesen. Letzterem verdanken wir (erfundene?) Einsichten in die Witzigkeit von Josef Stalin, der unter anderem dem ehemals ostpreußischen Königsberg – der Wirkungsstätte Immanuel Kants – den bis heute gültigen Namen „Kaliningrad“ einbrachte. Neben Ramon und Caliban komplettieren noch Alain und Charles den lockeren Freundeskreis vierer älterer Herren, die alle auf ihre Art ihr Leben mal meistern, mal fristen, je nach Laune.

Die Handlung, die etwas verworren erzählt wird, so dass Helmuth Karasek sie auch nicht gänzlich korrekt wiedererzählen kann, ist nebensächlich. Es sind einzelnen Anekdoten, die ineinander geflochten sind, die auch mal nur ein Hirngespinst sein können oder eine gewagte Erinnerung. Alain ist hier der besonders Geschlagene mit einer Mutter, die ihn gänzlich ablehnte, gleich nach der Geburt verlies und ihm nur noch einmal im Alter von 10 Jahren wieder begegnete. Sie imaginiert sich Alain gar als Mörderin und verbitterte Misanthropin, die ihn schon beim Akt seiner Zeugung hasste. Dies brachte ihn auch noch auf eine, wie ich finde, amüsante Vermutung:

„Nicht zum ersten mal hatte sich Alain ihren Koitus vorgestellt: dieser Koitus hypnotisierte ihn und ließ in vermuten, dass jeder Mensch die Blaupause der Sekunde ist, in der er empfangen wird.“

Die „Schrecksekunde“ seiner Mutter macht Alain Zeit seines Lebens zu einem „Entschuldiger“, wie er sich von seinem Freund Charles aufklären lassen muss. Nachdem Alain ihm erzählt, dass er immer zu denen gehöre, die sich sofort entschuldigen, wenn sie zum Beispiel bei einem Spaziergang angerempelt werden, stellt Charles ihm tief bedauernd das Zeugnis aus, dem „Heer der Entschuldiger“ anzugehören.

„Du denkst, du kannst den anderen mit deinen Entschuldigungen beschwichtigen.“

„Sicherlich“

„Und damit liegst du falsch. Wer sich entschuldigt, bekennt sich schuldig.“

Und man brauche sich dann nicht zu wundern, dass man eher noch mehr Beschimpfungen provoziere.

Kundera-Portrait

Da lächelt er.

Trotz dieser und vieler anderer bitterer Erkenntnisse, ist die Erzählung immer auch vergnüglich. Und bei aller Komik nimmt man sie dennoch ernst. Es ist wohl auch eine Ironie, die erst die Weisheit des Alters mit sich bringt. Auch wenn ich mir selbst diese Weisheit (noch) nicht anmaße, so verspüre auch ich eine zunehmende Gelassenheit mit den Jahren. Eine Gelassenheit, die vielleicht der Erkenntnis von der Bedeutungslosigkeit allen Geschehens vorausgeht und die Milan Kundera und seine Schützlinge im Roman schon erlangt haben. Vieles erinnert auch an Alain de Buttons Buch „Trost der Philosophie“

Was einige Kritiker als besonders hohle Erkenntnisbeschreibung im Roman zitieren, berührte mich sogar tief, nicht zuletzt in Anbetracht des aktuellen Ereignis #4U9525 und in Erinnerung an die Attentate vor 3 Monaten in Paris:

„Jetzt erscheint mir die Bedeutungslosigkeit in einem ganz anderen Licht als damals, die Bedeutungslosigkeit, mein Freund, ist die Essenz der Existenz. Sie ist überall und immer bei uns. Sie ist sogar dort gegenwärtig, wo niemand sie sehen will: in den Greueln, in den blutigen Kämpfen, im schlimmsten Unglück. Das erfordert oft Mut, sie unter so dramatischen Umständen zu erkennen und bei ihrem Namen zu nennen.“

Vielleicht muss man dafür auch mit der eingangs beschriebenen Resilienz ausgestattet sein. Diese Resilienz ist sicher einigen auch suspekt. Mancher spricht dann Verdächtigungen aus, so wie Volker Weidermann, der Milan Kundera hier nah am Kitsch sieht. Aber Milan Kundera wird sicher auch dies mit Fassung tragen und vielleicht verschmitzt lächeln, wenn er sich später daran erinnert.

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10 Gedanken zu “Alles nur ein großer Witz. Danke, Herr Kundera.

  1. Ich habe auch schon mehrere Besprechungen zu diesem Buch gelesen. Mir scheint, es ist wieder eines dieser Bücher, die man entweder liebt oder hasst. Mich reizen solche Bücher, die die Leserschaft so teilt. Es steht schon länger auf meiner To-Read-Liste, und Deine Besprechung sagt mir … jetzt erst recht. Danke! :-)

  2. Ich danke dir für diese hochinteressante Besprechung, die ich gerne gelesen habe. Es ist dem Zufall geschuldet, dass ich ein Exemplar des Buches bereits zu Hause habe. Bisher hatte ich jedoch noch kein Bedürfnis, hinein zu lesen – vielleicht liegt das daran, dass ich tatsächlich noch nichts von diesem Schriftsteller gelesen habe. Du hast mich nun aber auf jeden Fall mehr als neugierig gemacht!

    • Das freut mich einerseits, wird aber auch eine harte Probe für Kundera und mich sein. Denn man ist schon sehr für ihn eingenommen, wenn man einige seiner Romane kennt. Und dieser hier ist nun sicher nicht ganz typisch. Es ist ein wenig wie bei Botho Strauss „Herkunft“. Das wäre auch keine wiedererkennbare Einführung in sein Werk.

  3. Ein wunderbarer Bericht, der so viel Wissenswertes und Nachdenkliches enthält. Ich habe Kundera auch immer sehr gern gelesen und diese jahrelange Stille sehr bedauert. Aber nun ist er ja wieder da. Das beste literarische Comeback der letzten Zeit könnte man fast meinen. Ich werde seinen neuesten Band mir sicher bald mal vornehmen.

    • Herzlichen Dank. Ja, ich fand in diesem „Bändchen“ so eine Fülle an Anregendem, dass meine erste Enttäuschung darüber, keinen echten Roman in den Händen zu halten, sehr bald verflog.

  4. Na, dann vertraue ich doch mehr Brasch als Weidermann und hole mir das neue Buch von Kundera. Ich mochte die Mehrzahl seiner Romane. Warum er besonders den lesenden Männern viel zu sagen hat? Da wäre ich für eine Erklärung dankbar :-) Ich finde seinen leisen Humor – auch in Beziehungsangelegenheiten – durchaus auch was für Frauen. Zumal von Beginn an – ja auch in der unerträglichen Leichtigkeit des Seins – die Herren der Schöpfung nicht so ganz gut wegkommen.
    Aber das nur ein Ausflug, da ich zum aktuellen Buch ja noch nichts Substantielles sagen kann :-)

  5. Ach ja, Milan Kundera, auch einer meiner literarischen Helden. Und ein Autor, der – wie ich finde – besonders uns lesenden Männern viel zu sagen hat. Deine positive Besprechung zeigt mir, dass sich das auch bei diesem Roman nicht geändert hat. Muss ich mir unbedingt auch noch holen!

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