Zehn Bücher, von denen ich mir wünschte, dass Frauen sie gelesen haben.

Bildschirmfoto 2015-03-31 um 22.14.30Ruth Klüger hat vor Jahren mal einen Essay zu einem heiklen Thema verfasst: Frauen lesen anders. Das hab ich mir jetzt antiquarisch bestellt. Bin gespannt. Gekürzt findet man ihre Gedanken auch noch in einem älteren Beitrag der Zeit.

Sie spricht einen Aspekt in der literarischen Rezeption an, der meines Erachtens nur sehr selten betrachtet wird und mir schon immer etwas rätselhaft war: das Ungleichgewicht von männlichen Autoren, die über männliche Protagonisten schreiben, die mehrheitlich von Frauen gelesen werden.

Sicher, in der Literaturwissenschaft und der anspruchsvollen Literaturkritik gilt der Aspekt der Leseridentifikation mit dem Protagonisten als zweitrangig und dessen kritische Würdigung als verpönt. Er „wird uns“, wie Ruth Klüger schreibt, „als eine kindliche Vorstufe des reifen, kritischen Lesens ausgelegt.“ Doch in dieser Adoleszenz verharrt die Mehrheit der Leser, wie die Buchbesprechungen von uns Sonntags-Rezensenten auf amazon, LovelyBook & Co. offenbaren.

Es ist angesichts der aktuellen Gender-Diskussionen fasst verwunderlich, dass in der Geisteswissenschaft bis heute kaum Gender orientierte Literaturanalyse und – kritik gefordert wird. Nicht, dass ich dafür plädieren möchte, da mich ja die überwiegend männliche bzw. „neutrale“ literaturkritische Betrachtung nicht befremdet. Doch rätselhaft finde ich es bis heute, dass meine weiblichen Kommilitonen, die ja im Fachbereich Germanistik in der Überzahl waren (Habe auch BWL studiert. Da war das Verhältnis umgekehrt.), nie diesen Aspekt in die Debatte einführten.

Ich gehe sogar soweit, mich als literarischer Macho zu bekennen, und vermute stark, wenn die Literaturwissenschaft und Literaturkritik sich mehrheitlich weiblichen Autoren und Protagonisten widmete, sie nicht nur von mir weit weniger beachtet würde. Ausnahmen (Anna Seghers, Annette von Droste-Hülshoff, Mary Shelley, Virginia Woolf, George Sand, Simone de Beauvoir etc.) bestätigen hier nur die Regel.

Auf den ausführlichen Essay von Ruth Klüger bin ich nun sehr gespannt. Dennoch werde ich sicher auch nach der Lektüre an dieser Stelle keine allzu ernsthafte Debatte anstoßen. Denn glücklicherweise können sich ja die meisten Leserinnen und die wenigen Leser auch unabhängig von diesen kritischen Vorfragen für Literatur begeistern, weil sie darin etwas für sich entdecken, gleich, ob dies nun allgemeingültig sein sollte oder auch nicht.

Was ich aber gerne anregen möchte, ist eine kleine von meiner Neugier geleitete Spielerei. Ich würde gerne erfahren, welche Bücher aus Sicht von Frauen ein Mann gelesen habe sollte.

Damit ich aber nicht nur herausfordere, eröffne ich erst mal meinerseits und lege eine Auswahl vor, von der ich denke, das sind Bücher, die ich einer Frau empfehlen würde (z. B. meiner Tochter, wenn ich eine hätte), um sie mit den wesentlichen Stereotypen von Männern (in der Literatur) vertraut zu machen.

Vielleicht haben ja einige Frauen (und auch Männer) ebenfalls Spaß daran, ihr Top-Ten für das andere Geschlecht (gerne auch unter einem anderen Aspekt) zusammenzustellen.

Hier nun meine zehn Ausgewählten ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. Wolf Wondratschek „Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre

IMG_0087Der pathetische Macho, der sein Leiden zu inszenieren weiß.

  1. J. D. Salinger „Der Fänger im Roggen“

IMG_0089Der junge Mann, der schon in Endzeitstimmung verfällt, bevor er zu leben begonnen hat.

  1. Goethe „Faust“

IMG_0090Der intellektuelle Nimmersatt, der wenn es drauf ankommt, den Schwanz einzieht.

  1. Sten Nadolny „Die Entdeckung der Langsamkeit“

IMG_0096Der ewige Trödler, der jeder Rekruterin eine Geduldsprobe abverlangt.

  1. Henry Miller „Stille Tage in Clichy“

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Der hemmungslose Selbststilisierer, der nie nach Kreuzberg gezogen wäre.

  1. Albert Camus „Der Fremde“

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Der Indolente, der so cool ist, dass er nicht mal seine Mutter alle zwei Monate anrufen würde.

  1. Haruki Murakami „Gefährliche Geliebte“ oder „Kafka am Strand“

Murakami

Das zartbesaitete Sensibelchen, das Werther als Schutzpatron verehrt und Katzen mag.

  1. Die Nibelungen

NibelungenDer treue Realist, (Hagen von Tronje, die eigentliche Hauptfigur), dem man besser nie den Rücken zukehrt.

  1. Oscar Wilde „Das Bildnis des Dorian Gray“

DorianGray

Der dekadente Narziss, der gerne dazu einlädt, seine Selfie-Sammlung anzuschauen.

  1. Heinrich Mann „Der Untertan“ oder „Professor Unrat.“

IMG_0093Der Opportunist oder Mann ohne Eigenschaften, der heute wohl ein Sky-Abo hat.

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34 Gedanken zu “Zehn Bücher, von denen ich mir wünschte, dass Frauen sie gelesen haben.

  1. Nachdem ich nun auch noch in mich gegangen bin, muss ich meine Vorschläge – ich denke, es sind ein paar dabei, die schon genannt wurden, auch noch loswerden – die Reihenfolge ist willkürlich
    1.) Jane Smiley – Tausend Morgen
    2.) Anne Tyler – egal was – aber auf den Fall Die Reisen des Mr. Leary
    3.) Marilyn French – Frauen oder Tochter ihrer Mutter
    4.) Jane Austen – Stolz und Vorurteil
    5.) Chad Harbach – Die Kunst des Feldspiels
    6.) Simone de Beauvoir – Memoiren einer Tochter aus gutem Hause
    7.) Benjamin Alire Sáenz – Alles beginnt und endet im Kentucky Club
    8.) Michael Chabon – Telegraph Avenue
    9.) F. Scott Fitzgerald – eigentlich alles ;) aber auf jeden Fall Zärtlich ist die Nacht
    10.) Christoph Poschenrieder – Das Sandkorn
    Es gäbe tatsächlich noch viel mehr …
    von den von Dir genannten, habe ich tatsächlich bis auf den Wondratschek und die Marukamis alle gelesen … erstaunlich. Muss mal wieder in mein Regal greifen …

    • Herzlichen Dank. Das ist eine sehr anregende Liste, bei der ich gestehen muss, keines der Bücher gelesen zu haben. Doch wenigstens einige der AutorInnen. Anne Tyler habe ich „Tag der Ankunft“ begonnen, hab es dann aber zu lange zur Seite gelegt. Marilyn French hat mich mit „Das blutende Herz“ (schrecklicher Titel), das ich vor etlichen Jahren las, tief beeindruckt, wie sie auch den männlichen Part beherrschte. Von Simone de Beauvoir habe ich alles von meiner Mutter überlassen bekommen und in meiner Jugend mal die Mandarin von Paris gelesen. Aber aus dem Schatten von Sartre ist sie bei mir nie herausgetreten. Vor kurzem las ich auf Facebook einen geposteten Auszug aus ihren Memoiren, der mich schaudern lies: http://braschbuch.tumblr.com/image/116151565678. Aber ihre Bedeutung weiß ich dennoch – glaube ich – zu schätzen. Alle anderen werde ich auch noch recherchieren und mir bald mal eine Übersicht machen, welche Empfehlungen und Anregungen ich als erstes aufgreife. Nach mal danke.

    • Das wiederum habe auch ich gesehen – wollte nur noch mal darauf verweisen, wegen des Nicht-Auswahlkriteriums … Du hast absolut Recht, ist nicht einfach mit dem Gender-Gedöns *gg*

  2. Ein Trauerspiel. Ich habe tatsächlich nur einen deiner genannten Bücher vollständig gelesen, und zwar „Gefährliche Geliebte“ von Murakami. „Der Fänger im Roggen“ liegt aber bereits auf dem Wunschstapel und aus „Faust“ und „Das Bildnis des Dorian Gray“ kenn ich tatsächlich nur Auszüge, denen ich schulbedingt damals begegnen musste. Von den restlichen Büchern hab ich tatsächlich noch nie etwas gehört, das muss ich zu meiner Schande gestehen. Aber da kann man ja was dran ändern, ne!?

    Liebe Grüße,
    Steffi

    • Das ist mitnichten ein Trauerspiel, sondern zunächst wohl auch Ausdruck von knapp 20 Jahren Altersunterschied. Wolf Wondratschek, Henry Miller, Sten Nadolny und auch Camus ist Literatur meiner Generation. Heinrich Mann ist bestens verfilmt worden, die muss man nicht lesen, da sie literarisch nicht so bedeutend sind. Ok, den Faust muss man jedes Jahrzehnt mal in die Hand nehmen. Der liest sich mit wachsender Lebens- und Literaturerfahrung immer wieder neu. Und Oscar Wilde, der geistreiche, manchmal dekadente Snob, ist in der heutigen Zeit der politischen Korrektheit sicher vielen suspekt.

  3. Jetzt habe ich wenigstens sechs (des Gleichgewichts wegen!) erinnert: Siri Hustvedt, Was ich liebte, E. Annie Proulx, Schiffsmeldungen, Monique Truong, Das Buch vom Salz – Jo Ländle, Die Kosmonautin, Schiller, Maria Stuart, Coetzee, Elizabeth Costello. Und fast jedes Mal war ich verblüfft. Und musste extra noch einmal nachschauen, ob ich mich da gerade nicht verlesen hatte…

  4. Ach verdammt. Diese Diskussion ist schon so vielschichtig geworden, dass man irgendwann den roten Faden verliert und ich erkenne eben auch die Grenzen eines Blogs. Natürlich will man gerade das durch seine Beiträge erreichen: eine intensive Diskussion. Aber in diesem Fall wäre mir ein persönliches Gespräch doch lieber. Dann kann man gleich reagieren und muss nicht auf die Antwort „warten“ bzw. der Gesprächspartner kann sofort eingreifen, wenn er sich missverstanden fühlt (damit meine ich uns beide). Müssen wir also irgendwann bei einem Glas Rotwein nachholen…

    Ich finde männliche Charakter zum Teil einfach nur faszinierend. Wenn sie gut aufgebaut sind, kann man so einiges lernen und vllt. sogar begreifen. Und es gibt Fälle, in denen man sich auch mit ihnen identifizieren kann. Ich finde dies durchaus sehr befriedigend.

    „Das Klassiker überwiegend von männlichen Autoren geschrieben wurden, ist das einen. Dass aber überwiegend männliche Protagonisten in den Klassikern und in der neueren Literatur ihre Entwicklung machen, die Nebenfiguren – oft weiblich – eben nicht, ist es, was mich in der Rezeptionsgeschichte irritiert.“ Das ist doch der Tradition geschuldet und ich stimme dir da nicht zu, da es in jüngerer Zeit eben auch viele weibliche Protagonisten gibt. Vielleicht ist deine Wahrnehmung eine andere ODER du verfällst der Tradition und öffnest dich nicht den neuen Stimmen, die auch Frauen in den Vordergrund stellen??

  5. Liebe Vera, danke auch Dir für deine Liste. Zum P.S. ich habe ca. 5 verschiedene Ausgaben des Faust zuhause, eine davon auch digital auf dem eReader. Doch die klassischste ist immer noch Reclam, weil es die Schullektüre war.

    Ich gestehe, dass es wohl etwas missverständlich ist, worauf ich primär hinaus will. Habe dies versucht schon in einigen Kommentaren zu erläutern, doch ist dieser Beitrag dadurch wohl schon zu umfangreich geworden, so dass jeder bzw. jede nur das liest, was sie zu Beginn an glaubt, verstanden zu haben. Mir geht es nicht um Relevanz- bzw. Qualitätsdiskussion von weiblichen Autoren. Aus dieser Sicht ist ja auch schon viel diskutiert worden und gibt es immer wieder bei Preisverleihungen die ewig wiederkehrende Litanei, dass zu wenig Autorinnen berücksichtig würden. Dieses Feld können andere beackern. Es betrifft meine Intention nur indirekt. Denn mir geht es um die Rezeption von Leserinnen und Leser, die meines Erachtens doch nicht gleich sein können.

    Das Klassiker überwiegend von männlichen Autoren geschrieben wurden, ist das einen. Dass aber überwiegend männliche Protagonisten in den Klassikern und in der neueren Literatur ihre Entwicklung machen, die Nebenfiguren – oft weiblich – eben nicht, ist es, was mich in der Rezeptionsgeschichte irritiert. Denn es sind schon fast zweihundert Jahre überwiegend Frauen, die lesen. Die Zielgruppe ist also überdurchschnittlich weiblich. (Im Gegensatz z. B. zum Film). Wäre es umgekehrt, also die Literatur voll mit weiblichen Hauptfiguren, die sich entwickeln, bewähren, wandeln, über sich hinauswachsen, fiele es mir schwer vorzustellen, dass ich mich für Literatur so begeistern würde. Das ist es, was mich bekennen lässt, dass ich wohl ein literarischer Macho bin.

    Selbstverständlich bin ich auch an weiblichen Charakteren interessiert, lese gerne eine Siri Hustvedt, Elke Schmitters „Frau Sartoris“, Juli Zeh „Corpus Delicti“ oder auch Javier Marias „Die sterblich Verliebten“. Doch letzterer wäre mir wieder ein Hinweis, dass der Roman, der ihn berühmt machte „Mein Herz so weiss“ einen männlichen Protagonisten ins Zentrum stellt. Letztlich überwiegen bei mir die Bücher mit männlichen Hauptfiguren enorm, ich schätze mal wohlwollend 90/10. Und ich denke, ich habe eine relativ repräsentative Bibliothek eines deutschen Bildungsbürger. Und ich analysiere mich als Identifikationsleser, d.h. die Hauptfigur denkt und handelt so, dass ich mich (in Teilen) damit identifizieren kann, die Rolle nachvollziehen, wie ein Schauspieler.

    Entsprechend distanziert reagiere ich auf weibliche Hauptcharaktere. Hier beobachte ich, bin empathisch, urteile vielleicht, jedoch versetze mich so gut wie nie in die Rolle. Und dies müsste dann nach meiner Auffassung die überwiegende Rezeptionsform von Leserinnen sein. Und das ist mir rätselhaft, da es mich literarisch nicht befriedigen würde.

  6. Ich denke (was den Kanon angeht): es gibt viele Leserinnen und viele Literaturwissenschaftler. Zum Glück ändert sich das. Spannend waren für mich immer Diskussionen gemischter Leserunden, weil sich viele Köche am Brei versuchten. Tatsächlich schienen mir stets auch männliche und weibliche Perspektiven im Raum zu stehen. Mir wäre es, wenn es diese 10 Bücher an jemanden zu überreichen gäbe, tatsächlich wichtig, dass es sich ausnahmslos um Autorinnen handelt. Weil ich mir sicher bin (und ich das dank Deiner Anregung jetzt endlich auch mal genauer überprüfen möchte), dass Frauen anders (und anderes) schreiben als Männer. Aktuelle Beispiele scheinen mir Lutz Seilers „Kruso“ und Ulrike Draesners „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ – … ist jetzt aber sehr aus dem Ärmel gekippt. Ich kann mich übrigens gut erinnern, dass ich hier und da wirklich von den Socken war, wenn ein Autor eine sensationelle Heldin oder eine Autorin einen waschechten Helden in ihre Bücher einschrieben. Mir fällt da gerade niemand ein, aber das werde ich verfolgen…

  7. Lieber Thomas,
    bedeutende Klassiker wurden doch vornehmlich von männlicher Seite als diese deklariert. Die Rezeption der Werke den Frauen erst spät ermöglicht. Was das Schreiben an sich angeht mal ganz zu Schweigen. Bzgl. neuerer Literatur kann ich dir nicht wirklich zustimmen. Bei der Wahl eines Buches spielt es für mich keine Rolle ob es ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin ist und aus welcher Perspektive der jeweilige Autor/Autorin schreibt. Überzeugen muss mich allein der Charakter. Aber da hier nun schon fleißig Listen aufgestellt wurden, will auch ich in mich gehen und hab mal nachgeschaut.
    Autoren/Autorinnen, die aus der Perspektive einer weibl. Protagonisten schreiben und deren Werk ich durchaus einem Mann empfehlen würde:
    Isabell Allende: Das Geisterhaus | Nino Haratischwili: Das achte Leben | Simone de Beauvoir: Sie kam und blieb. Almudena Grandes hat in ihren Romanen und Erzählungen ebenso sehr vielschichtige und interessante Frauenbilder geschaffen, die es lohnen gelesen zu werden. Aus neuerer Zeit vllt. auch eine Karen Köhler. Die Stimmen der jungen Frauen aus ihrem Erzählband waren für mich sehr eindringlich und neu. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Band auch eine Bereicherung für den lesenden Mann ist (das es so ist, war ja überall zu lesen).
    Aber ebenso überzeugten mich Tolstoi mit Anna Karenina und ein Meir Shalev mit seinen Frauenfiguren. Von deinen genannten Titel hab ich sieben gelesen. Auf Salinger hätte ich zum Beispiel komplett verzichten können aber auf Heinrich Mann und „Professor Unrat“ niemals.

    p.s. Leg dir mal eine ordentliche Ausgabe von FAUST zu!!

  8. Die Idee, dem Geschlecht gegenüber ein „best of“ (in welcher Hinsicht auch immer) Bücherpaket in die Hand zu drücken, finde ich witzig. Bücher ist mir auf die schnelle zu aufwändig, aber Autorinnen hätte ich sofort zur Hand (insgesamt Schreiberinnen, die mich beeindruckt haben, auch wenn ich nicht unablässig mit ihnen d’accord gehe): Paula Fox
    Christa Wolf
    Simone de Beauvoir
    Liselotte von der Pfalz
    Yoko Ogawa
    Katja Petrowskaja
    Elfriede Jelinek
    Friederike Mayröcker
    Virginia Woolf
    Patti Smith
    Möglicherweise sähe die Liste morgen schon anders aus… Aber für heute hält die Auswahl.

    • Herzlichen Dank auch für diese spontane Liste. Einige Autorinnen kenne ich nicht nur, sondern habe auch etwas von ihnen gelesen. Einige stehen auf meiner Wunschliste. Doch wie ich schon oben in den Kommentaren geschrieben habe, ging es mir nicht zuvorderst um lesenswerte Autorinnen, von denen ich auch einige sehr schätze, auch wenn ich oben eingestehe, dass ich bei weiblichen Autoren immer etwas zögerlicher bin. Doch das ist mein individuell konditionierter, leicht zu durchbrechender Widerstand, wenn die entsprechende Empfehlung dann meine literarische Neugier weckt.

      Weitaus spannender fand ich die Überlegung, ob Literatur unterschiedlich von Frauen/Männern rezipiert wird, und insbesondere die Frage, wie es sein kann, dass Literatur, die bekanntlich überwiegend von Frauen gelesen wird, letztlich zu einem doch weit gehend Geschlechter übereinstimmenden Kanon kommt, wenn es um bedeutende Klassiker oder auch wichtiger, neuerer Literatur geht. Denn diese sind überwiegend bevölkert von männlichen Hauptfiguren, die sich entwickeln, während die (weiblichen) Nebenfiguren selten eine Entwicklung im Roman erfahren. Wie können z.B. Romane wie „Werther“, „Fänger im Roggen“ oder auch „Faserland“ über Jahre als Kultroman einer Generation gelten, obwohl sie nur eine sehr männliche Sichtweise und Entwicklung beschreiben?

      Aber auch die Frage, ob die Wahl – gleich, ob weiblicher oder männlicher Autor – des Geschlechts der Hauptfigur nicht zwangsläufig die unterschiedliche Rezeption beeinflusst. Wäre der Roman „The Circle“ ebenso wirkungsvoll gewesen, wenn die Hauptfigur ein Mann wäre?

      Interessant fand ich dazu auch Deinen aktuellen Beitrag, der dies ja auch ein wenig impliziert: https://klunkerdesalltags.wordpress.com/2015/04/07/ich-als-mann/

  9. Danke noch einmal für die Erörterung. Wie ich schrieb, sind mir ja nur zwei Bücher bekannt. Besonders Beauvoir zählt sicher zu den Zeitdokumenten, die auch heute noch ihre Relevanz haben. Hab jedoch nur „Mandarins von Paris“ gelesen. Das andere Geschlecht habe ich seit meiner Jugend stetig im Regal vor Augen, jedoch nie für mich das Bedürfnis verspürt, es zu lesen. Ich komme aus einem „zwangsemanzpierten“, linksliberalen Haushalt der 60er Jahre (Bin unehelich von meiner vollberufstätigen Mutter allein erzogen und mit dem Rollenbild einer selbstständigen, gebildeten, in der Großstadt lebenden und über meine gesamte Kindheit und Jugend ihre Affären und Beziehungen geniessenden selbstbewussten Frau aufgewachsen, die Emma und Brigitte zugleich abonniert hatte.)

    Bezüglich der Kulturkreis These muss ich noch etwas drüber nachdenken, insbesondere in Hinblick der ja implizierten Ausgangsfrage „Warum haben Frauen und Männer annähernd den gleichen Literaturkanon, obwohl sie doch unterschiedlich rezipieren müssten.“ Und mir ist derzeit kein Kulturkreis bekannt, in dem dies nicht so wäre.

  10. here you go:
    1. Simone de Beavoir: das andere Geschlecht/ Le Deuxième Sexe​
    2. Alice Walker: die Farbe Lila
    3. Andrew Martin: How to get things really flat alternativ EINE Ausgabe des Haushaltsbuches von Heriette Davidis
    4. Cobb/Sennett: The hidden injuries of class
    5. Allen G. Johnson: The gender knot
    6. Janet Mock: Redefining Realness
    7. Rachel Carson: Silent Spring
    8. Cordelia Fine: die Geschlechterlüge (delusions of Gender)
    9. Hudson i.a.: Sex and World peace
    and 10. One good book on sex& intimacy

    • Danke dafür. Die Liste muss ich mal in Ruhe recherchieren. Bis auf Beauvoir und Walker sind mir die Bücher unbekannt. Es gelingt mir offenbar schwer zu vermitteln, dass es mir nicht um explizite Frauenliteratur geht. Diese ist wohl selten mit der Ambition geschrieben, dass sie auch Männer gerne aus literarischen Gründe lesen. Worauf ich hinaus will, ist das, was Ruth Klüger ja sehr klar beschreibt: die Rezeption von Literatur kann man sich nicht geschlechtsneutral vorstellen. Als Mann lese ich doch den Fremden von Camus anders als eine Frau. Die Hauptfigur repräsentiert doch einen männlichen Typus, mit dem ich mich abgleiche eventuell in Teilen identifiziere. Bei einer Frau würde ich erwarten, dass sie die Figur als einen männlichen Typus wahrnimmt, für den sie Mitgefühl, Mitleid oder Ablehnung empfindet, jedoch ihn immer distanziert betrachtet. Ebenso lese ich eine „Madame Bovary“ doch als Mann anders als eine Frau. Jede Romanfigur ist ja nicht nur ein singulärer Typus, sondern immer auch Stellvertreter für ein Klischee, dass wir von Menschen haben. Und die härtesten und ältesten Klischee sind die von Geschlechterrollen.

    • Das ist sicher so. (ich fand Bovary nicht so prickelnd)

      (ich verstehe aber nicht warum du diese Liste als „Frauen“ literatur bezeichnest? und die ist NATÜRLICH mit dem Anspruch geschrieben dass auch Männer sie lesen SOLLTEN – wieso nicht? 3 groscheromane sind gendered. Aufklärungsliteratur doch nicht .1 KLASSIKER der philosophischen Weltliteratur, 2. Klassiker der Weltliteratur zum thema rasssismus und leid 3.ein buch von einem Mann für MÄNNER (und zudem sehr witzig) 4. ein Buch über social mibility dass frauen und PoC in radikalster weise ausgrenzt aber dennoch absolut wichtig; 5. ein Buch von einem Mann über Männer und für Männer, 6. ein Buch von mab transgender Aktivist Janet Mock über gender ; 7.ein Buch über Umweltschäden und den schutz der nötig ist auch ein KLASSIKER; 8.ein buch das die wissenschaft und wahrnehmungen in Sachen Gender unter die Lupe nimmt. 9. ein Buch von wissenschaftler die die Daten der UN analysiert haben und zu dem schlussgekommen sind dass die frage wie gut ein Land seine Frauen behandelt ein ROBUSTES Datum dafür ist wie friedlich eine gesellschaft ist. ich verstehe nicht was du daran als „Frauenliteratur“ bezeichnest. )

      Ich mach das schon mal mit Freunden, das wir uns EIN Buch teilen und radikal mit Notizen versehen, so dass man mitbekommt, was der andere in diesem Moment gesehen /gelesen hat. Anhand dieser direkten notizen kann man da schon auch ran wenn man später drüber diskutiert – aber wie so oft eben nur unvollständig.

      Einfache Lesegemeinschaften werden leider dann wieder von dem messbaren Phänomen überlagert, dass stille Menschen weniger sagen, und den Frauen (auch von manchen Frauen) weniger zugehört wird.

      re Archetypus: diese Klischees funktionieren aber nur wenn du kulturkonform bleibst je mehr du außerhalb deiner eigenen Kultur liest (am besten ohne Übersetzer dazwischen) desto klarer wird wie performative Frau und Mann sein sind. Aber nur wenn du nicht in die Falle fällst und deine EIGENEN Stereotypen in diese andere Kultur hineinliest.

      Die offensichtlichste Sache ist, dass während du bei Camus lernst wie du sein kannst oder jener MANN ist, lerne ich als Frau nicht nur wie „Männer“ sind, sondern auch das ich das LERNEN MUSS. und ich MUSS/darf mir selber rauspicken was davon WIRKLICH auf mich anwendbar ist (sehr wenig und sehr viel). Ich empfinde die größte Entfremdung übrigens oft wenn männliche Autoren Frauen darstellen. Je näher an meiner Zeit desto schlimmer ist es. hinzukommt, dass es (gerade bei Krimis) noch immer diese tendenz zu „women in refrigerators“ gibt (http://en.wikipedia.org/wiki/Women_in_Refrigerators) was das Lesen für Frauen um ein so vieles furchtbarer macht.

      Wenn ich ein Ranking machen sollte was das wichtigste Buch ist auf meiner Liste, dann ist das no. 9 aber jeder der nah an einer Depression ist (ernsthaft) sollte es verschieben. Das ist KEINE Frauenliteratur , es geht um Weltfrieden aber es ist das mit Abstand an schwersten zu ertragenden Buch, dass ich JEMALS das Privileg hatte zu lesen. Und jeder Politiker (in der geschlechtneutralsten Form) sollte es, noch bevor er sich für ein Amt mit echter Macht bewirbt, lesen
      ;) viel Spass bei DEINEM Experiment. bin mal gespannt was da rauskommt
      I

  11. Ah, so meinst du das.
    Amüsant fand‘ ich dein Aussage, weil ich die als Ironie gelesen habe. Zu Gender- oder feministisch informierten Literaturwissenschaft gibt es seit den 1970er ja ganze Bibliotheken. Ein guter Start ist immer noch von Gilbert & Grubar, The Madwoman in the Attic: The Woman Writer and the Nineteenth-Century Literary Imagination. Super auch Elisabeth Bronfen, Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik (aber breit kulturwissenschaftlich, nicht nur Literatur)
    Hier wäre meine Liste:
    Charlotte Bronte, Jane Eyre
    Theodor Fontane, Der Stechlin
    Virginia Woolf, Orlando
    dies., Mrs. Dalloway
    Marieluise Fleißer, Mehlreisende Frieda Geier. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen
    Doris Lessing, Das Goldene Notizbuch
    Choderlos de Laclos, Gefährliche Liebschaften
    A. S. Byatt, Besessen
    Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte
    Und außer Konkurrenz: die Mutter aller Romane Herman Melville, Moby Dick, oder Der Wal

    • Herzlichen Dank für die „Hit-Liste“. Da kenne ich sogar einige und hab sogar welche gelesen. Marieluise Fleißer entdeckte ich dankbarer Weise im Studium. Orlando wäre für mich fast beschämend, wenn ich es nicht gelesen hätte und solche Spielereien einforderte. Doris Lessing war mir in jungen Jahren nicht zugänglich. Vielleicht probiere ich es noch mal, ähnliches gilt für Byatt.

      Noch mal zur Gender-Bemerkung. Die vorgeschlagenen Bücher befassen sich, wenn ich es recht verstehe, vorwiegend mit dem „Weiblichen“ in der Kunst bzw. der Akzeptanz weiblicher Künstler bzw. Literaten. Was ich jedoch damals, ist ja schon gut 25 Jahre her, vermisste und bis heute nicht entdeckte, ist das, was Ruth Klüger ansatzweise beschreibt: „Frauen lesen anders“. Also eine Gender-differenzierte Rezeptionsforschung zur Kunst und Literatur.

      Ich denke einfach, dass doch zu vielen Werken Frau/Mann einen anderen Zugang finden – besonders, wenn sie (noch) nicht literaturwissenschaftlich vorgeschult sind. Eine These könnte lauten, dass Männer häufiger zur Identifikation angeregt werden, während Frauen eher zur Empathie. Zumindest würde ich das für mich in Anspruch nehmen, wenn ich z.B. meine jugendliche Salinger „Fänger im Roggen“ Erfahrung nehme und sie Françoises Sagan „Bonjour Tristesse“ gegenüber stelle. Mit Holden begann ich mich zu identifizieren und verlor somit zunehmend auch kritische Distanz zur Figur. Hingegen hätte ich damals (habe es erst vor kurzem) Françoises Sagan „Bonjour Tristesse“ gelesen, wäre ich sicher sehr distanzierter und urteilender mit der Figur umgegangen.

    • Guter Punkt. Bei Silvia Bovenschen und bei Luce Irrigaray gibt’s ansatzweise sowas, was du einforderst. Zu Holden Caulfield: Als ich das damals lass, habe ich mich total mit ihm identifiziert. Francoise Sagen fand ich absolut unlesbar: ein Backfisch, der für die geilen Blicke älterer Herren posiert und entsprechend banal und langweilig wird, wenn die Jugend verschwindet. So war’s dann ja auch im richtigen Leben. Ganz ähnlich wie heute Helene Hegemann. So geht’s mir eigentlich mit allen Büchern, denen man anliest, dass sie nach einem ganz bestimmten LeserInnen-Bild geschrieben worden sind. Vielleicht sollten wir mal ein Experiment machen: Wir nehmen uns Jane Eyre vor und beschreiben unsere Leseeindrücke. Danach ein „Männerbuch“ wie Moby Dick oder Camus, Der Fremde.

  12. Danke für diese interessante Auswahl … ich muss gestehen, biss auf die beiden von Murakami habe ich nichts gelesen. Die beiden Werke von Goethe im Theater oder der Oper gesehen, Inspiriert von Deine Liste bin ich mal an mein Bücherregal gegangen und habe geschaut, was ich einem Mann spontan empfehlen würde …

    – Peehs Liebe von Norbert Scheuer
    – Das Geheimnis der Eulerschen Formel von Yoko Ogawa
    – Mrs Alis unpassende Leidenschaft von Helen Simonsons
    – Wer ist Martha von Marjana Gaponenko
    – Der Gang vor die Hunde von Erich Kästner
    – Arthur oder Wie ich lernte den T-Bird zu fahren von Hebert Günther, Ulli Günther
    – Diamanten Eddie von Sabine Kray
    – Die Illusion des Getrenntseins von Simin Van Booy
    – Was mit dem weißen Wilden geschah von Francois Garde
    – Ein gutes Mädchen von Jennifer DuBois
    – Manja von Anna Gmeyner
    – Fünf Viertelstunden bis zum Meer von Ernest van der Kwast

    …. Weißer Zug nach Süden von Thommie Bayer hast Du ja schon gelesen :-)

    Dir einen schönen Tag und schöne Ostern …

    • Danke, Angelika. Das ist eine sehr spannende Liste, da mir fast alles völlig unbekannt ist. Ich fang aber mal ganz unten an: den neuen Thommie Bayer habe ich noch nicht gelesen, aber steht natürlich ganz vorne an.

  13. Ganz spontan:
    Margaret Atwood: The Handmaid’s Tale
    Chris Ware: Building Stories
    Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
    Pat Barker: Union Street
    Khaled Hosseini: Tausend strahlende Sonnen

    Interessant, dass mir fast nur englischsprachige Titel eingefallen sind…

    • Herzlichen Dank. Hosseini kenne ich nur den Drachenläufer, den ich herausragend fand. Von „Tausend strahlende Sonnen“ hielt mich bislang die Kritik ab.

  14. Mir ist nicht ganz klar, was du suchst, wenn nicht Autorinnen? Weiblichkeitsstereotype?
    Un das hier: „… dass in der Geisteswissenschaft bis heute kaum Gender orientierte Literaturanalyse und – kritik gefordert wird.“ ist wirklich sehr amüsant.

    • Ich wünsche mir Buchvorschläge, von denen Frauen meinen, wünschen, denken, es wäre gut, wenn Männer sie gelesen hätten. Da dies sehr allgemein ist, habe ich hier als Beispiel einen Aspekt aufgeführt. Der kann auch ein völlig anderer sein. Frau kann sich aber gerne auch anders inspirieren lassen, z.B. Bücher, von denen sie wünscht, dass Männer sie nie gelesen hätten, z.B. „Madame Bovary“.

      Das, was daran amüsant ist, habe ich jetzt nicht verstanden.

  15. 6 von 10 gelesen und danke für die noch fehlenden Vorschläge. Aber ich stelle mir gerade vor: Kommt ein Mann in ´ne Buchhandlung und will was mit Frauenliteratur – möglicherweise landet er bei Jojo Moyes oder Cecelia Ahern. Hier ein paar alternative Tipps:
    Tausend Morgen – Jane Smiley
    Als der Blues begann – Janice Deaner
    Eine englische Art von Glück – Andrea Levy
    Die Reisen des Mr. Leary – Anne Tyler
    Eva Luna – Isabel Allende
    Wer die Nachtigall stört … – Harper Lee
    Der Report der Magd – Margaret Atwood
    Vielleicht auch noch was von Männern geschriebenes, das aber – glaube ich – hauptsächlich von Frauen gelesen wird:
    Tante Julia und der Kunstschreiber – Mario Vargas Llosa
    Die Stunden – Michael Cunningham
    Corellis Mandoline – Louis de Bernières

    • Danke für den Kommentar. Nein, nein. Ich will nicht explizit Vorschläge für Schriftstellerinnen. Da habe ich auch selbst meine Favoritinnen, z. B. Siri Hustvedt, Donna Tartt, Anne von Canal, Karine Tuil, Yasmina Reza, Zoe Beck, Marliyn French, Marguerite Duras, Anna Seghers, Juli Zeh die mir spontan einfallen und wenn ich meine Regale vor mir hätte, kämen sicher noch ein paar hinzu. Anne Tyler und Isabel Allende hab ich gelesen, doch nicht mit Begeisterung ins Regal gestellt. Deshalb auch danke für die Autorenempfehlungen. Ich hoffe, es kommen noch einige, so dass ich vielleicht einen kleinen Kanon erhalte ;-)

  16. Interessante Idee und Buchauswahl. Außer Miller, Nadolny und Wondratschek kenne ich alle. Wie schön dass Hemingway nicht dabei ist, den ich als absoluten macho, schwülstigen Pathosschriftsteller empfinde nicht dabei ist. Salinger langweilte und ich vermisse den Steppenwolf. *g*
    Aktuell würde ich den neusten Anne Tyler (Das blaue Band) empfehlen. Lektüre mit der ein Mann durchaus seine Schwierigkeiten haben könnte, die allerdings sehr genderausgewogen ist. Ansonsten Autorinnen …gehe in mich. Merci für die Anregung.
    Marlen Haushofer – Die Wand ist dabei.

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