Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit; so wahr mir die Fantasie helfe.

OonaSalingerDie Wahrheit ist auch nur eine Hypothese. Selten wird uns dies so tragisch deutlich wie aktuell beim Absturz der Germanwings Maschine. Die absolute, objektive Wahrheit über die Ursache gibt es für uns offenbar nicht. Trotz aller konkreten Hinweise und klaren Indizien, weigern sich nicht wenige, diese anzuerkennen. Die vorgebliche Tat eines einzelnen Piloten ist für viele im wahrsten Sinne des Wortes so unvorstellbar, dass sie sich der Anerkennung der Fakten verweigern und sich lieber allen möglichen Spekulation anschließen, die ihrer Vorstellungswelt näher sind.

Im Falle eines biografischen Romans ist dies zwar nicht wirklich tragisch, aber ebenfalls so spekulativ, dass sich eine Reihe von Lesern empört von der Interpretation bekannter Fakten und der daraus entwickelten Fiktion abwenden. Die hitzige Kritik über den Wahrheitsgehalt entbrennt ja oft schon bei Sachbüchern oder Biografien über historische Ereignisse bzw. Personen. Da letztlich alle diese Arbeiten nur Interpretationen von dokumentierten Erinnerungen sind, ist die Form des biografischen Romans zwar nicht unbedingt die, welche der Wahrheit am nächsten kommt jedoch wohl die ehrlichste des Autors. Denn hier wird der Leser sofort gewarnt, dass es sich um eine subjektive Fiktion anhand bekannter Daten und Fakten handelt.

Diese ehrliche Form wählte Frédéric Beigbeder, um sich seinem Heros der Literatur anzunähern: J. D. Salinger. Mit Oona & Salinger verfasste er seine biografische Geschichte über die entscheidenden Jahre der Adoleszenz eines Autors, dessen Ruhm sich einem einzigen Roman und dessen Mythos sich einer einzigartigen manischen Menschenscheu verdankt. Und weshalb verweist er dabei schon im Titel auf eine kurze jugendliche Liaison zu einem 15jährigen Teenager, der später nur deshalb bekannt wurde, da ihn der größte Komiker aller Zeit heiratete und acht Kinder mit ihm bekommen hat? Weil Beigbeder, wie er schon zu Beginn schreibt, wild spekuliert:

„Ich denke, es war Oona, die Salinger zu dem Roman veranlasst hat, der uns für immer verbieten sollte zu altern.“

Bevor wir Leser uns auf diese und weitere Spekulationen Beigbeders einlassen, sollten wir immer einen einführenden Satz von ihm gewahr sein: „Wäre diese Geschichte nicht wahr, so wäre ich zutiefst enttäuscht.“ Zwei kritische Aspekte empfehle ich zu beachten, um sich nicht gänzlich vom Autor aufs biografische Glatteis führen zu lassen.

IMG_0089Zunächst denke ich, dass wer in seinen Jugendjahren nicht der Faszination des „Fänger im Roggen“ erlag die Intention des Romans kaum verstehen wird. Wie auch für Beigbeder so gilt auch für mich und viele andere, dass ich diesem Roman meine jugendliche Erweckung zur Leselust verdanke. Zuvor war mein Interesse an literarischen Fiktionen und Belletristik fast Null.

Doch damit einher geht der zweite Aspekt: im Gegensatz zu vielen seiner Leser war ich nie besonders an der Person des Autors interessiert. Weder wusste ich etwas zuvor über Salinger als ich das Buch geschenkt bekam und las, noch hat es mich im Nachhinein interessiert, mehr über den Menschen zu erfahren, der diese und die wenigen anderen Geschichten geschrieben hatte, die ich damals auch sofort las.

Vielen literarischen und künstlerischen Werken verdanke ich erhebende Momente und außergewöhnliche Erfahrungen in meinem Leben. Dennoch ist mir eine verklärende Verehrung deren Schöpfer bis heute fremd. Ich war bis heute nie inbrünstiger Fan von irgendjemand. Ich verneige mich vor der Kunst, jedoch nicht vor dem lebenden Künstler. Und Verneigen wäre denn auch die äußerste Form des Respekts, die ich einem Menschen vor seiner Lebenskunst zolle. Doch Verehren, so wie ich es verstehe, vermag ich weder Menschen noch Götter.

Die persönlich fehlende literarische Offenbarung durch die Lektüre des „Fänger im Roggen“ wäre meines Erachtens ein Hemmnis beim Zugang zu diesem Roman von Beigbeder. Aber ebenso scheint mir eine heftige Neigung zur Autorenverehrung eine bedenkliche Voraussetzung zu sein. Denn dann treffen zwei Verehrer aufeinander, die Gefahr laufen, einen Glaubenskrieg auszufechten.

Frédéric Beigbeders Verehrung Salingers wird an einigen Stellen offenkundig. Nicht zuletzt bescheinigt er Salinger gesellschaftsprophetische Fähigkeiten: „Wir leben jetzt in der salingerschen Ära der hochmütigen Unentschlossenheit, des mittellosen Luxus, der nostalgischen Gegenwart, des Konformismus der hoch verschuldeten Revolte.“ Und er entdeckt den Grund seiner heutigen Panik vor dem Alter in dem damaligen Leseerlebnis: „Salinger ist der Schriftsteller, der die Menschen dazu brachte, Abscheu vor dem Altern zu empfinden.“

Mein jugendliches Erweckungserlebnis mit Salingers „Fänger“ analysiere ich heute nüchtern und abgeklärt. Salinger ist es gelungen in fast zeitlosem Jargon eine den Nerv der Jugend treffende Story über eine häufige aufkeimende Jugenddepression zu schreiben. Die tritt insbesondere bei jungen Menschen auf, die den eigenen und gesellschaftlichen Anforderungen einfach noch nicht gewachsen sind. In ihrer Verzweiflung steigern sie sich dann in eine Endzeitstimmung hinein bevor sie überhaupt begonnen haben ernsthaft zu leben. Üblicherweise legt sich das dann bei den meisten wieder – wie auch bei mir. Ähnlich wie die immer wieder herzzerreißende sentimentale Gefühligkeit der Jugend, die in Goethes Werther das literarisch sublimierte Leiden bis heute ideal ausgedrückt findet.

AschenbecherStorkDiese sentimentale Sublimierung des Liebesleids ist es auch, die Beigbeder Salinger als Auslöser für sein herausragendes Schaffen andichten möchte. Salingers Lotte heißt Oona. Ein wirklich hinreißendes Glamourgirl in der Clubszene der Vierziger Jahre in New York. Der Place to be damals war der Stork Club, vergleichbar dem Studio 54 in den Siebzigern. Dort traf Salinger erstmals auf die fünfzehnjährige Oona, Tochter des Schriftstellers, Nobelpreisträgers und Rabenvaters Eugene O´Neill, die sich mit anderen VIP-Töchtern und auch dem jungen Truman Capote dort amüsierte.

Ein herrlich vorstellbarer Kontrast zwischen dem schlaksigem, 1,90 großen Schweiger Salinger und dem damals sechzehnjährigen, schon süffisante Bonmots feuernden Giftzwerg Truman Capote. Auf deren angebliche gegenseitige Abneigung geht Beigbeder noch mal zum Ende des Romans ein: „Capote hatte Salinger nie ausstehen können: Männer von Welt halten Menschenscheu für Arroganz.“

Oona ließ sich offenbar beeindrucken und auf ein kurzes und sicher nicht sehr ernsthaftes Verhältnis mit Salinger ein. Diese Geschichte wäre es Beigbeder jedoch nicht wert gewesen, erzählt zu werden, wenn sie nicht eine dramatische Wende genommen hätte. Und die folgt auf den Eintritt der Amerikaner in den zweiten Weltkrieg, in den Salinger (der auch Deutsch sprach) freiwillig mitzog.

Die Faszination der Romanidee entfaltet sich besonders ab diesem Moment. Denn nun betreibt Beigbeder das perfide Spiel mit dem Leser, das schon Hitchcock in seinen Filmen mit den Zuschauern gerne trieb. Beigbeder inszeniert die Parallelität zweier dramatisch auseinander driftender Leben, die eigentlich real nichts mehr miteinander zu tuen haben. Hierzu erfindet er ein „Bindemittel“, über dessen Legitimität man streiten kann: er zitiert Briefe von der Front, die Salinger an seine noch immer geliebte Oona schreibt. So lesen wir einerseits von den beklemmend beschriebenen grauenvollen Kriegserfahrungen Salingers, die in traumatisierten. Und anderseits erfahren wir zugleich von dem glücklichen Glamourleben seiner Angebeteten Oona in den kriegsfernen USA, die zeitgleich zur Traumfabrik Hollywood zieht und dort schon bald ihren zukünftigen Ehemann trifft.

KZ-Kaufering

Amerikaner 1945 im KZ-Kaufering, mehr dazu Bild klicken.

Während Salinger in der Normandie zuerst hunderte Kameraden um sich elendig verrecken sieht und dann später völlig geschockt als Befreier des KZ Kaufering IV bei Dachau Massen an Totenbergen und ein paar wenigen dahinvegetierenden Lebenden ansichtig wird, liegt sein Schwarm Oona räkelnd auf der Sonnenliege, immer einen Drink in Reichweite – den Blick vom herrlichen Anwesen Chaplins versenkt in die Weite des Pazifik erwartet sie glückselig ihr erstes von acht Kindern: Geraldine Chaplin.

ChaplinOona

Oona & Chaplin mit ihren ersten beiden Kindern

Dieser Kunstgriff der Parallelisierung lockt den unbedarften Leser schnell in die Verurteilungsfalle, in die wir heute durch 24h-Weltberichterstattung ständig zu tappen versucht sind. Wir beginnen all jene zu verachten und zu verurteilen, die uns als teilnahmslos gegenüber dem Elend auf der Welt gezeigt werden oder die gar vergnügt und hemmungslos ihr komfortables Leben weiterführen anstatt angesichts des Elends und der Tragödien auf der Welt Mitgefühl, Solidarität und Aktivität zu demonstrieren.

Man könnte Beigbeder böswillig vorwerfen, er wolle uns manipulieren. Ich denke jedoch, dass dies zur künstlerischen Freiheit zählt die auch in einem biografischen Roman zulässig ist. Wir sollten dies nur durchschauen. Er tat es in bester Absicht, wie es nun mal Verehrer gerne tun. Letztlich wünschte er sich nur eine plausible Antwort auf die Frage zu finden, die tausende hingebungsvolle Salinger-Fans seit Jahrzehnten beschäftigt: Vor was ist Salinger eigentlich geflohen? Wir lieben ihn doch.

Es ist letztlich eine wirklich lesenswerte, wenn auch recht krude Fiktion herausgekommen. Ohne die Fakten im Einzelnen zu kennen erachte ich es als naiv der Liebelei des jungen Salingers mit einer Fünfzehnjährigen so viel Gewicht beizumessen. Aber die Stoffidee ist so wundervoll tragisch, ja fast kitschig schön und deshalb für einen Romancier sehr verführerisch.

Nachtrag: Viel zum aktuellen Stand der „Salinger-Forschung“ weiß Peter Münder zu berichten. Sehr launisch geht er auf die aktuellen Veröffentlichungen ein und haut auch dem Beigbeder eins auf die Nase: Diese melodramatische Love Story liefert die schillernde Vorlage für eine eitle Selbstdarstellung des ehemaligen Werbetexters Frederic Beigbeder, der jedoch vorgibt, über die Beziehung Oona-Salinger zu reflektieren. Das kann man machen, aber bitte mit der Einsicht verbunden, dass die Eitelkeit in der Kulturgeschichte kein Laster, sondern eine Tugend ist, ohne die unsere Kultur & Literatur sehr, sehr arm wäre.

Advertisements

6 Gedanken zu “Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit; so wahr mir die Fantasie helfe.

  1. Eine tolle Besprechung ist dir da gelungen. Ich bin bereits bei Sophie über das Buch gestolpert. Irgendwie ist nun auch meine Neugierde geweckt. Allerdings hab ich Salingers „Fänger im Roggen“ bis dato nicht gelesen und nun stellt sich mir die Frage, ob ich die Intention dieses Buches wohl ergreifen kann, wenn ich das im Erwachsenenalter nachhole. Dann wiederum frage ich mich, ob Salingers „Fänger im Roggen“ noch für die gleiche Begeisterung sorgen kann, wie sie es warscheinlich im Jugendalter getan hätte. Fragen über Fragen und ich kenne die Antwort nicht. Nun denn, ich sollte es wohl einfach wagen und es dann herausfinden.

    Liebe Grüße,
    Steffi

    • Ich denke, den Salinger irgendwann zu lesen, lohnt immer. Zumindest ist er einen Versuch wert. Sicher, ja hoffentlich, wird man im Erwachsenenalter zwar kein Erweckungserlebnis mehr damit haben, doch leicht erspüren, welche Wucht diese Buch entfaltet, wenn man es in jungen Jahren liest und wie es bis heute einen oft kopierten Jargon in die Literatur bringt, der es zu dem Klassiker macht, der es heute ist.

      Und was den Beigbeder betrifft, so kann man ihn sicher auch lesen, ohne den „Fänger“ zu kennen. Denn fast jeder kennt ja diese Lebensphase als sehsüchtig Suchender in die hineingeworfene Welt, in der man leicht auch mal zu blinder Verehrung neigte als man glaube, endlich seinen Welterklärer gefunden zu haben.

  2. Hallo Thomas,

    ich danke dir für diese ausführliche Besprechung, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Ich habe das Buch selbst noch auf meinem Stapel liegen. Ich lese ja gerade die ausführliche Biographie von David Shields und Shane Salerno, auch dort ist die „Liason“ mit Oona natürlich Thema, aber auch nur am Rande. Alles in allem ist die Einschätzung der Autoren dann doch, dass da nicht wirklich viel zwischen den beiden gewesen ist. Ich hätte ja gerne gewusst, was Salinger zu so einem Bewunderer wie Beigbeder gesagt hätte und habe die Befürchtung, er wäre nicht sonderlich begeistert gewesen.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Hab ja heute schon auf die SZ Rezension in der heutigen Samstagsausgabe dazu in FB hingewiesen. Dort meinte der Rezensent Willi Winkler: Salinger wäre bei Beigbeders „Oona & Salinger“ schreiend davon gelaufen.

  3. Ein Buch, das ich auch unbedingt lesen will. Mich fasziniert gerade dieses Spiel zwischen Fiktion und Realität, wo der Leser auch gefordert wird, sich mit der Geschichte und der Vorlage weiter auseinanderzusetzen, so dass er abgrenzen kann, was wahr und was erdacht ist.

  4. „Letztlich wünschte er sich nur eine plausible Antwort auf die Frage zu finden, die tausende hingebungsvolle Salinger-Fans seit Jahrzehnten beschäftigt: Vor was ist Salinger eigentlich geflohen? Wir lieben ihn doch.“ – Ich vermute, vor genau solchen Fans wie Beigbeder und ihrem parfümiertem, hysterisch-kitschigen Stil. Eine (fiktionale) Biographie über Oona würde ich gerne lesen: Wie das wohl war, sich durch die Ehe mit Chaplin aus allem zu verabschieden, inkl. den USA.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.