Zur bombastischen Wirkung von Literatur

FullSizeRender-1Mit „Munk“ legt der argentinische Schriftsteller Ricardo Piglia Feuer an die Lunte eines literarischen Pulverfasses, dessen bombastische Wirkung mich und andere Leser am Ende bei NSA & Co. verdammt verdächtig macht. Denn was zunächst als harmlos intellektueller Campusroman beginnt erweist sich im weiteren Handlungsverlauf als Thriller vor dem Hintergrund realer tragischer Ereignisse. Und das verführt dann zu verdächtiger Recherche nach vergangenen Terrorakten via Google. In meinem NSA-Dossier werden nun Namen wie Theodore Kaczynski, Mark David Chapman, Anders Behring Breivik sowie Suchanfragen wie „Terror in der Literatur“ etc. auftauchen.

Dieser Roman bietet ein Sammelsurium an Indizien, die uns davor warnen, die Wirkung von Literatur zu verharmlosen. In einer literarischen Chronik schildert Emilio Renzi – Hauptfigur und Ich-Erzähler – rückblickend wie er als Gastdozent der Literaturwissenschaften an einer Elite-Uni nahe New York in den Strudel eines möglichen Terroraktes hineingezogen wurde. Eine angesehene Literaturprofessorin, mit der er ein intimes und etwas skurriles Verhältnis eingeht, stirbt wenigen Wochen später bei einem mysteriösen Autounfall.

GeheimagentIm Zuge der FBI-Ermittlungen gerät auch Renzi in den Kreis möglicher Verdächtiger. Er selbst ist zunehmend verunsichert, lässt durch einen Detektiv nachforschen und findet zudem unerklärliche Hinweise auf eine Verbindung zwischen dem möglichen Attentäter und dem Opfer – und zwar in einem Buch. Für den Titel gebenden Attentäter Thomas Munk steht der Unabomber Theodore Kaczynski als Pate. Fast eins zu eins übernimmt Ricardo Piglia die realen Ereignisse und das Täterprofil. Und auch das Buch, das den Verdacht auf Zusammenhänge zwischen Täter und Opfer weckt, soll – wie meine Recherchen ergaben – relevanten Einfluss auf Theodore Kaczynski gehabt haben: „Der Geheimagent“, 1907 geschrieben von Joseph Conrad.

Theodore Kaczynski, ein ehemaliger Harvard-Student und Mathematiker, hatte über fast zwei Jahrzehnte hinweg Briefbomben versendet und dabei u. a. Wissenschaftler schwer verletzt und getötet. Dem FBI gelang es über die Jahre hinweg nie ihm habhaft zu werden. Erst als er 1995 erfolgreich mit der Forderung an die Washington Post und New York Times trat, ein von ihm verfasstes Pamphlet zu veröffentlichen – er würde dann die Attentate einstellen – wurde er anhand des Textes von seinem Bruder identifiziert.

Dieses „Manifest des Unabombers“, das in deutscher Übersetzung 83 Seiten umfasst, habe ich im Nachgang des Romans ebenfalls gelesen. Ricardo Piglia zitiert daraus auch in seinem Roman. Es ist beeindruckend und bestechend wie Theodore Kaczynski essayistisch strukturiert die heutige Gesellschaft analysiert und gegen technischen Fortschritt und Kultur argumentiert. Da sich dies alles nicht mehr reformieren ließe, leitet er daraus zwingend eine unerbittliche Revolution ab. Und für seine terroristischen Gewaltakte liefert er eine rationale Argumentation, der sich später u. a. auch Breivik, der Attentäter aus Norwegen, ähnlich bediente:

„Wenn wir nicht gewalttätig gehandelt hätten und die vorliegende Schrift einem Verleger vorgelegt hätten, wäre sie nicht angenommen worden. Wenn man sie aber akzeptiert und veröffentlicht hätte, hätte sie kaum Leser interessiert, denn es ist vergnüglicher, die Unterhaltungssendungen der Medien anzusehen als eine nüchterne Abhandlung zu lesen. Aber selbst wenn diese Schrift viele Leser gefunden hätte, würden die meisten das Gelesene bald vergessen haben, weil ihr Gedächtnis durch die Informationsflut der Massenmedien überladen ist. Damit wir überhaupt eine Chance hatten, unsere Botschaft mit nachhaltigem Eindruck zu veröffentlichen, mußten wir Menschen töten.“

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Nietzsche Radierung von Hans Olde

Diese Begründung übernimmt auch Ricardo Piglia wortwörtlich in seinen Roman. Sie entstammt dem Kalkül einer nietzscheanischen „Herrenmoral“, die buchstäblich über Leichen geht und wohl den meisten Terrorakten bewusst oder unbewusst vorausgeht. Es ist zu befürchten, dass angesichts der wachsenden globalen Medienwirkungen dieses Kalkül weiter befeuert wird.

Interessant ist aber auch, dass der sehr belesene Ricardo Piglia dieses Kalkül zuvor schon bei Joseph Conrad im „Geheimagent“ beschrieben findet, also jenem Buch, das auch der reale Unabomber mehr als ein Dutzend Mal gelesen haben soll. Joseph Conrad wiederum ist ein bekennender Verehrer des argentinisch-britischen Schriftstellers William Henry Hudson, über den Renzi aufgefordert war an der Elite-Uni zu dozieren.

Viele weitere literarische Bezüge und Anleihen nimmt Ricardo Piglia in seinem Roman auf. Manche dienen der Hauptfigur einzig zur persönlichen Gemütsbeschreibung, doch andere kreisen immer wieder um das Thema revolutionärer Terror und Gewalt in der Literatur. Ob Piglia nun mit seiner Figur Munk ebenso sympathisiert, wie offenbar viele Amerikaner damals und bis heute mit Theodore Kaczynski, bleibt offen. Doch die Vermutung steht bei mir im Raum. Denn einerseits beschreibt er in seinem Roman eine akademische Gesellschaft aus der seine Hauptfigur letztlich flieht, die der Analyse von Theodore Kaczynski sehr nahe kommt:

„Der unter den Linken verbreitete überangepaßte Typus ist der Intellektuelle oder Angehörige der oberen Mittelschicht. Bemerkenswert ist, daß Intellektuelle mit Universitätsbildung der am stärksten angepaßte Teil unserer Gesellschaft sind und gleichzeitig den Flügel der äußersten Linken darstellen.“

„In den Problemen der Linken zeichnet sich die Problematik unserer gesamten Gesellschaft ab. Geringes Selbstwertgefühl, depressive Tendenzen und Niedergeschlagenheit sind nicht allein auf die Linken beschränkt. Wenn sie auch ein besonderes Charakteristikum der Linken sind, so sind sie auch in der gesamten Gesellschaft weitverbreitet. Die heutige Gesellschaft versucht uns in einem weitaus größeren Umfang anzupassen als irgendeine frühere. Experten bringen uns sogar bei, wie wir essen, uns bewegen, lieben und unsere Kinder erziehen sollen.“

Und nicht zu Letzt kann man in diesen Zeiten des medienhysterisch behandelten Terrorismus den Entschluss einen Roman über einen Terroristen zu schreiben, dessen revolutionäres Anliegen noch heute Sympathie gewinnen wird, zumindest als gewagt bezeichnen. Das Wagnis wiegt umso schwere, da der Roman ja auch ein unmissverständliches Plädoyer dafür ist, dass sich gefährliche Verwirrungen einzelner Leser durch Literatur steigern ließen und so manch einer gar seine menschenverachtenden Taten damit legitimiert, man also mit Literatur durchaus gefährlich zündeln kann.

Bislang ist nicht bekannt, inwieweit z.B. J. D. Salinger bedauert, dass sein „Fänger im Roggen“ zur Verwirrung von Mark David Chapman beigetragen hat. Doch überraschender Weise hat der Filmemacher Lars von Trier öffentlich seine Film „Dogville“ bereut, nachdem Anders Behring Breivik den Film als seinen Lieblingsfilm nannte.

PoetikdesTerrorsIn diesem Zusammenhang ist denn auch der Blog von Michael König „Poetik des Terrors“ sehr interessant. Aktuell hat er das gleichnamige Buch dazu veröffentlicht (habe es nicht gelesen) und einige interessante Beiträge auf dem Blog gesammelt, die sich weitgehend um politisch motivierte Gewalt in der deutschen Gegenwartsliteratur beschäftigen. U. a. hat ihn dazu auch Jan Drees interviewt.

In den Feuilletons gab es zu „Munk“ bislang nur zwei Stimmen – eine enttäuschte in der Frankfurter Rundschau und eine enthusiastische in der „Welt“. Letztere bewog mich, den Roman zu lesen.

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2 Gedanken zu “Zur bombastischen Wirkung von Literatur

  1. Ich würde das Buch gleich mal auf die Liste der Geheimtipps setzen. Ich kannte den Titel und den Autor vorher nicht, finde aber die südamerikanische Literatur sehr spannend und in diesen Breiten leider etwas unterschätzt, abgesehen von den großen bekannten Namen. Interessant sind auch die Bezüge und Querverweise zu anderen literarischen Werken. Sofort erinnere ich mich da an ein Uni-Seminar zum Thema Hypertextualität. Wunderbar, wie du Buch und Thema in deinem Beitrag „verwoben“ hast.

    • Danke Dir. Was die Südamerikaner betrifft, lohnt es den Beitrag der Welt zu lesen. Da gibt es noch einige Empfehlungen, über die ich nachdenke. „Munk“ entspricht nicht ganz der Erwartung, die wir von südamerikanischer Literatur haben, auch wenn Piglia einige komparatistische Einschübe macht. Aber er ist wirklich sehr weltliterarisch belesen.

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