Mal die Kultur im Dorf lassen, Herr Niemann.

KircheimDorfDank des digitalen Netzes konnte ich heute den Gastbeitrag zur Lage der Kultur vom 7.6.. „Erst verschwinden die Dörfer, dann wir“ von Norbert Niemann in der FAZ lesen. Den Link dazu bekam ich von einigen Twitterern und Freunden bei Facebook, die den darin verbreiteten bitteren kulturpessimistischen Tenor teilten – durchweg wohl im doppelten Sinne. Jetzt teile ich ihn auch, jedoch keineswegs inhaltlich.

Ich habe ihn zweimal mit Mühe konzentriert gelesen. Wissend, dass es sich um den Text einer leicht gekürzten Dankesrede zum Carl-Amery-Preis handelt, frage ich mich, wie die Zuhörer dieser Rede inhaltlich folgen konnten. Auch nach dem zweiten Lesen bleibt bei mir nur der monotone Singsang der ewigen Litanei über die alles knechtende Marktwirtschaft im Ohr und dazu das Bild von einer nostalgischen, fast kitschigen Sehnsucht nach einem vergangenen Kulturbetrieb, den es meines Erachtens so nie gegeben hat. Wir finden ihn nur immer wieder in den verklärenden Lebensrückblicken anerkannter Kulturschaffender. Und bei denen steigt der fatalistische Grundton mit jedem Lebensjahrzehnt an. Norbert Niemann und ich gehören dem selben Jahrgang an.

Die verklärte Rückschau auf vergangene Zeiten, die verallgemeinernd urteilt, dass so vieles heute im Argen läge befremdet mich. Doch Norbert Niemann verwirrt mich zudem mit seinem „Bild vom Dorf“, das er eingangs wählt, um sich auf Amery zu beziehen. Der hatte 1978 einen Beitrag „Das Dorf – Anachronismus, Zerstörung, Zukunft“ verfasst, in dem er den Wandel der „landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft in eine Mixtur aus Pendlerschlafstatt, Seniorenheim und Tourismuskulisse“ beschrieb. Verantwortlich dafür sei die ökonomische Globalisierung.

Die mir hier suggerierte Wehmut nach kaum noch vorhandenen „intakten“ mikroökonomischen Parzellen steht für mich jedoch im Widerspruch zu den eingangs geäußerten Befürchtungen einer geistigen Provinzialisierung heute. Der Wegzug aus den Dörfern, die Flucht aus der Provinz ist ja nicht nur der Marktwirtschaft geschuldet. Zumindest für weltoffene Intellektuelle ist die Kulturwirtschaft dafür sicher maßgeblicher. Ein neugieriger, wissbegieriger heranwachsender Mensch, der die dörfliche Idylle einer bunten Metropole vorzieht, wäre bis vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Erst gegenwärtig – mittels globaler Mobilität und neuer Medien – könnte jeder auch in einem Dorf an vielen Kulturereignissen in der Welt teilhaben und sich dazu intensiv austauschen – auch mit Provinzlern in entfernten anderen Regionen.

Doch letztlich schätzen wir alle die leibhaftige Zusammenkunft von Gleichgesinnten, so dass der Wegzug aus der Provinz in ein kulturelles Zentrum noch immer eine große Sehnsucht des intellektuell anspruchsvollen Adoleszenten sein wird. Darin wird er sich kaum von einem Sporttalent unterscheiden, das auch nicht im örtlichen Sportverein seine Möglichkeiten ausgeschöpft sieht.

Doch abgesehen von dem schiefen Bild der Dorfidylle zu Beginn seines Beitrages folgt dann ein ebenso altbekanntes wie schiefes vom Diktat des Marktes, das bei ihm in Aussagen gipfelt wie dieser: „Strukturell unterscheidet sich dieser kommerzielle Realismus in nichts vom sozialistischen Realismus oder einem anderen ideologisch verordneten Literaturprogramm.“ Letztlich ignoriert er wie viele andere Kritiker des aktuellen Kultur- und insbesondere Literaturbetriebes, dass es dank der Entwicklungen der Moderne noch nie so viel kulturelle und literarische Vielfalt gab wie heute. Vielmehr unterstellt er, dass der Literaturbetrieb „keine großartigen literarischen Werke entdecken (will) und … dann als Bücher verkaufen, sondern“ er „will Bücher verkaufen und füllt sie mit etwas, das sich gut verkaufen lässt.

Dass es unter den Kulturschaffenden und den damit Handel treibenden viele gibt, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen möchten, ja, sogar reich werden wollen, und sich deshalb an den Mechanismen des Marktes orientieren, ist seit Menschengedenken gleich. Doch zugleich finden heute weit mehr kreative Menschen einen bezahlbaren medialen Zugang, um ihre Kunst auch dem kleinsten Rezipientenkreis zukommen zu lassen. Doch das sieht Norbert Niemann nicht so. Im Gegenteil: „Die von diesem Diktat angeblich bewirkte Demokratisierung der Literaturlandschaft bedeutet in Wahrheit jedoch die Zementierung einer unterkomplexen literarischen Monokultur, durch deren profitorientiertes Scheuklappen-Raster künstlerisch bedeutende Werke allenfalls zufällig rutschen.

Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen: auf dem Markt findet historisch betrachtet in den vergangenen Jahrhunderten die demokratischste Evolution statt – im Gegensatz zur Politik. Denn auf ihm kommen immer mehr Minderheiten auch zu ihrem Recht, während in vielen politischen Systemen und Kulturen sich fast nur Mehrheiten durchsetzen. Den Markt mit einer Ideologie gleichzusetzen, erachte ich als Unsinn. Der Markt ist eine logische Konstante in jeglicher Gesellschaft. Nur die jeweiligen Regeln auf diesem Markt sind einer Ideologie abgerungen. Und Ideologien bringen es nun mal mit sich, dass sie immer Befürworter und Gegner haben.

Entscheidender jedoch und was viele Kulturschaffende nicht wahrhaben wollen, ist, dass Kultur auf einem Sekundärmarkt stattfindet. Denn erst wenn der primäre Waren- und Arbeitsmarkt etabliert ist, gibt es wirtschaftliche Überschüsse (Zeit und Geld), um Kultur finanzieren zu wollen bzw. zu können. Nur wenn ein Dorf reich ist, wird es auch reichlich (quantitativ und qualitativ) Kultur haben und rezipieren können und nicht umgekehrt. Es ist somit einen Binse, wenn Norbert Niemann am Ende feststellt, dass “marktkonformen Strukturen inzwischen den öffentlichen Raum dominieren, der für die Entfaltung des kulturellen Diskurses konstitutiv ist, …“. Das ist eine Conditio sine qua non. Wenn ich weder Zeit noch Geld habe, bleibt die Kultur auf der Strecke. Doch beides haben wir heute mehrheitlich mehr als jegliche Generation zuvor.

Dass dies Qualitätsdiskussionen nach sich zieht, ist seit Anbeginn der Kulturgeschichte bekannt. Nur wer zahlt bestimmt die Musik. Und wer für seine Musik bezahlt werden möchte, spielt für die, die zahlen wollen. Ob sich deshalb Herausragendes nicht durchsetzen konnte und kann, lässt sich leider nicht verifizieren. Ebenso wenig wie wir heute sagen könnten, dass es drei bessere Liberos als Franz Beckenbauer gegeben hätte, wenn man damals nur besser gescoutet hätte.

Was die Bedeutung von herausragender Literatur betrifft, sollten wir – auch wenn wir sie lieben – die Kirche im Dorf lassen. Hätte der Literaturbetrieb seinen Kafka nicht entdeckt, wäre die Literatur heute nicht ärmer, sondern bestenfalls etwas anders.

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