Der Club der elitären Schöngeister

Literatursalon2

Der literarische Salon von Madame Geoffrin

Hut ab – Wolfram Schütte (75) will es noch mal wissen: ein Start-Up für eine Literaturzeitschrift im Netz, das sich aus Stiftungsgeldern finanzieren und „Club-Beiträge“ erheben soll.

Einmal mehr wird hier eine „Marktlücke“ intendiert, die aus einem ebenso subjektiven wie sentimentalen Verlustgefühl resultiert: es gäbe immer weniger Literaturbeiträge in den etablierten Medien. Ja, warum wohl? Sicher nicht, weil die Medien diese nicht „produzieren“ wollten, sondern schlicht und ergreifend, weil die Nachfrage danach kaum besteht. Und das nicht erst seit Anbeginn des Internets. Auch zuvor wurde das Feuilleton immer von den anderen Ressorts alimentiert. Doch der damit gewünschte Gesamteffekt, auf den ich weiter unten noch mal eingehe, hat sich allmählich abgenutzt. Daran werden sicher nicht mal ähnlich charismatische Nachfolger auf Joachim Fest, Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki und Frank Schirrmacher etwas ändern.

Von Zeit zu Zeit ist es angebracht vor die Tür zu treten und mal ganz nüchtern mit weitem Abstand auf die Institutionen der Hochkultur im Allgemeinen und auf die der Literaturbranche und des Feuilletons im Besondern zu blicken.

Es gibt Branchen, die sind derart bemüht, ständig ihr Mantra der eigenen Notwendigkeit und Bedeutung vor sich herzutragen, dass man den Eindruck gewinnt, in ihr arbeiten nur Anhänger des Solipsismus. Besonders ausgeprägt ist dies in der Werbebranche und ebenso – auch wenn ihr der Vergleich sicher nicht behagt – in der Literaturbranche. Beiden gemein ist schon mal die unüberschaubare Anzahl an internen Auszeichnungen und Preisverleihung verbunden mit entsprechenden geschlossenen Branchenevents, auf denen sich immer wieder nur die kleine Elite der Branchenvertreter finden, um sich selbst auf ihrem Kleinmarkt der Eitelkeiten zu feiern und dabei überwiegend Arbeiten zu prämieren, die weder wirtschaftlich oder gesellschaftspolitisch relevant sind noch auf ein breites Publikumsinteresse stoßen (siehe hierzu gerne aktuelle Kritik von Thomas Koch in der Wiwo am Werberfestival in Cannes). Was den einen ihr goldener Nagel für eine „Rolling Stones Magazin“ Kampagne ist, ist für die anderen ihr Bachmann-Preis für ein hoffnungsvollen Text in „zeitgemäße(r) Form des Minnedienstes.

Weder gibt es Auszeichnungen für wirkungsvolle Werbung wie die von „Seitenbacher-Müsli“, „Fairy-Ultra“ oder „Charmin-Toilettenpapier“ noch entsprechende Würdigungen von Bestsellerautorinnen wie E. L. James, Kerstin Gier, Jojo Moyes oder Nele Neuhaus, die der Branche die Kassen füllen.

Nebenbei bemerkt: angesichts der Bestseller in den jüngsten Jahren ist das lamentieren darüber, das Autorinnen in der Buchbranche nicht ausreichend Aufmerksamkeit bekämen, absurd. Denn wenn es um Publikumserfolge geht, sind Frauen mindestens genauso erfolgreich – und das sollte doch die wichtigste Anerkennung sein.

Für die Werbe- wie für die Literaturbranche gilt, dass sie 90% ihres Outputs beschämt, doch dieser ihre Existenz erst ermöglicht. Beide thematisieren nur die nach ihren willkürlich intern bestehenden Kriterien beachtenswerten Arbeiten. Das wäre so, wie wenn der VW-Konzern nur über Porsche & Audi berichten möchte.

Wozu dient denn nun das Feuilleton eigentlich, das doch kaum einer liest?

Das Feuilleton dient zuvorderst den Medien zur Positionierung ihrer Marke. Es ist Common Sense unter Medienmachern und ihren Rezipienten, dass ein seriöses bildungsbürgerliches Medium ein Feuilleton hat so wie man in einem fünf Sterne Hotel ein Wellness-Bereich erwartet. Vergleichbar auch mit dem heimischen Bücherregal, dass doch mindestens eine gediegene Auswahl an ca. 500 Büchern, vorwiegend Hardcover umfassen sollte, bevor man von einem bildungsbürgerlichen Haushalt spricht – völlig unabhängig davon, ob die gelesen wurden.

Eine wesentliche zweite Funktion hat das Feuilleton als institutionalisiertes Branchenblatt. Es ist der Ort, in dem die Lobbyisten und PR-Strategen der Kulturbranche die Inhalte beeinflussen. Dabei sind sie über die Jahrzehnte deutlich erfolgreicher als die Politik oder Privatwirtschaft. Beispielsweise wären die Energieversorger hoch zufrieden, wenn im Wirtschaftsteil der Medien nur ihre kläglichen 10% an regenerativer Energiegewinnung thematisiert würden.

Und das Feuilleton ist auch das wichtigste Organ für die Krisen-PR in der Branche. Seien es Durchhalteappelle an den stationären Handel, der letzten Bastion gegen den Einbruch der literarischen Barbarei, oder wenn mal wieder Radaumacher die edle Form des Buches diskreditieren. Zwar sind sie als Bestseller-Autoren im Buchhandel willkommen, doch müssen die inhaltlichen Zweifel der tugendhaften Buchhändler über Werke von Autoren wie Thilo Sarrazin, Akif Pirinçci oder Udo Ulfkotte argumentativ ins rechte Licht gerückt werden, so dass man den Verkauf ihrer Bücher denn als demokratisch freiheitlichen Akt versteht, der politische Diskursangebote macht.

Jetzt könnte mancher ja argumentieren, dass von den branchenintern prämierten Arbeiten und der damit begleitenden Berichterstattung ja auch eine ästhetische Erziehungswirkung ausgehe, die sich allmählich in der Gesellschaft verbreitet. Hier würde doch der jungen Avantgarde ein Forum gegeben, um sie einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Doch dieses Argument verfängt nicht, denn die einzige mediale Präsenz ist wieder nur das Feuilleton, das die breitere Öffentlichkeit nicht liest.

Das Feuilleton ist das Club-Magazin des Bildungsbürgers.

Die wenigen Leser des Feuilletons, die kein berufliches Interesse bewegt, gehören überwiegend dem gut situierten Milieu der Bildungsbürger an. Und auch die Produzenten von anspruchsvoller Literatur dürften sich überwiegend aus diesem Milieu rekrutieren – anfänglich natürlich wild und unangepasst. Dieses Milieu – zudem ich selbst zähle – leidet schon immer an der Hybris, maßgeblich die qualitativen Kriterien der Kultur zu bestimmen. Sie oder besser „Wir“ gestehen uns ungern ein, dass wir einzig aufgrund unserer Dominanz und unseres Einflusses in den Institutionen und Medien diese Qualität der gesamten Gesellschaft oktroyieren. Dabei können wir nicht einen kleinen Beweis dafür liefern, dass wir der Gesellschaft damit Gutes tun. Nichts beweist, dass unsere Gesellschaft von unserem festgelegten Kanon der Hochkultur profitiert. Besonders die Geschichte Deutschlands zeigt, dass auch ein hochkultiviertes Volk nicht im Stande ist die Barbarei zu verhindern.

Anspruchsvolle Literatur mag uns Club-Mitgliedern Denkanstöße geben, inspirieren und zur selbstkritischen Reflexion anregen. Wir mögen glauben, dass sie uns erhebt, empathischer macht oder insgesamt zu einem besseren Menschen. Doch wir alle, die wir dies für uns in Anspruch nehmen, müssen uns eingestehen, dass dies unser individueller Glaube, unsere Liebhaberei ist. Wir sollten sie deshalb auch selbst bezahlen und nicht von der breiten Gesellschaft alimentieren lassen. Es reicht schon, dass wir dies für die Kirche und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einfordern.

Deshalb befürworte ich die Club-Idee – und zwar in voller Konsequenz. Endlich offen zeigen, wo das Feuilleton positioniert ist, wo es hingehört: elitär, selbstreferentiell und für Leute, die neben ein wenig Geld auch über den größten heutigen Luxus verfügen: Zeit und Muße. Das macht es hoch begehrlich. Da bin ich dann gern dabei – wenn ich darf und es mir leisten kann.

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6 Gedanken zu “Der Club der elitären Schöngeister

  1. Das Feuilleton als Wellnessbereich der Zeitung – ein schönes Bonmot!
    Mit Ihrer Analyse bin ich allerdings nur halb einverstanden. Einerseits gibt es diese Form des (halb) verlogenen Bildungsbürgertums. Doch es gibt auch die authentischen Leser, für die Literatur (und überhaupt Kunst) ein Lebenselixier ist. An diese sollte sich m. E. ein solches Magazin richten, das Sätze unter die Lupe nimmt und dem nachforscht, was Literatur mit ihren Lesern anstellt (oder eben nicht anstellt, wenn sie eigenschaftslos bleibt).

    • Es lag nicht in meiner Absicht, Bildungsbürger per se Unlauterkeit vorzuwerfen. Was mir wichtig ist, ist die häufig aus diesem – auch meinem – Milieu geforderte selbstkritische Haltung auch mal gegen sich selbst anzuwenden. Hochkultur, wie wir sie gerne fördern, hat nun mal gesellschaftspolitisch keine Relevanz. Ein Volk lässt sich auch nicht wirklich ästhetisch erziehen. Wir fordern jedoch stetig ein, dass unsere Liebelei von der gesamten Gesellschaft finanziell mitgetragen wird. Und dies können wir eben nur, da wir Bildungsbürger an den politisch einflussreichen Schalthebeln sitzen – sprich in den Institution und meinungsmachenden Medien. Wir sitzen dort aber nicht, weil wir so kultiviert sind, sondern aufgrund milieubevorzugter Seilschaften. Das ist nicht unlauter, sondern soziologisch ein völlig nachvollziehbares Verhalten.

  2. Dein wunderbarer Beitrag ist nicht nur wieder voller Denkanstöße, sondern enthält auch Sätze, die man immer wieder lesen sollte. Ich ziehe meinen Hut. Die Angehörigen der Hochkultur sollten weder auf andere Schichten hinabblicken, noch sie überreden, sich lernend, lesend und debattierend anzuschließen. Es wird weiter unterschiedliche gesellschaftliche Schichten geben. Was mir indes Sorgen bereitet, dass Kinder aus bildungsfernen Bereichen es schwerer haben werden, einen Aufstieg zu wagen. Nicht weil ihnen die finanziellen Möglichkeiten/Förderungen fehlen, sondern weil sie kein Umfeld (Eltern, Familie, Lehrer etc.) haben, das sie bei ihren Bemühungen bestärkt.

    • Danke Dir für das schmeichelnde Feedback. Deine angesprochenen Bedenken bezüglich der Bildungsschranken und der Bildungsschere in unsere Gesellschaft sind ein komplexes Thema. Einerseits war es noch nie so einfach, sich selbst Fort- bzw. Weiterzubilden wie heute. Doch zugleich gibt es auch eine wachsende Bequemlichkeit und Versuchung, sich den damit verbundenen Anstrengungen zu entziehen. Gebildete Kreise vermögen es immer weniger, die Desinteressierten zur Aufklärung zu bewegen, die beKANTlich der Ausgang aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit ist. (Kant weiter: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“)

      Und nicht zuletzt wächst vielleicht auch die Zahl derer, die die Verbreitung von Bildung nicht mehr fördern wollen, weil sie ihnen heute auch als Selbstschutz zur Abgrenzung gegenüber dem Prekariat dient.

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