Youtube ist kein Kita-Platz

mindyourhead

Liebe Schutzpatrone unserer Youtuber-Jugend,

nachdem ich meine Grenzen widerspruchsloser Toleranz gegenüber „Sara Bow & Co.“ beschrieb, bekam ich u. a. die Rückmeldung, ich würde den Fans von Sara vor den Kopf stoßen. Das habe ich zwar mit meinen Beitrag eigentlich nicht gemacht, da ich ihn gar nicht an die Fans adressierte. Dennoch würde ich auch sie vor den Kopf stoßen. Jedoch nicht ungefragt.

Jetzt bekommt gerade LeFloid auch harsches Feedback für die recht schnarchige Einlage mit unserer Bundeskanzlerin. Das wiederum löst bei vielen Kommentatoren dann gleich wieder einen ähnlichen Welpenschutz-Reflex wie bei Sara aus und sie springen ihm verständnisvoll bei.

Da ich der Ansicht bin, dass auch die neuen, jungen Medien keine Kita-Plätze sind, sollten wir hier mal die sich tummelnde Jugend sich selbst mit dem Feedback überlassen – wie z. B. auch dem vom Blogger Sosojaja, der hofft, dass Florian Mundt noch hinzulernen mag. Denn wir wollen doch LeFloid wünschen, dass er nicht zum ersten Johannes B. Kerner der Generation Youtube wird. Alt genug sind sie ja alle zu entscheiden, was sie davon annehmen wollen und was nicht.

Ohne dieses vor den Kopf stoßen in meiner Jugend wäre ich wohl weit weniger selbstkritisch auf Dinge aufmerksam geworden. Es erdete uns auch immer mal wieder, wenn man in dieser jugendlichen „Mir gehört die Welt“-Stimmung schwebte. Bei mir wirkte es nachhaltig, was mein Interesse für Literatur, Gesellschaft und Politik betrifft. Bis zu meinem 13ten Lebensjahr hab ich fast nichts gelesen. Erst als ich von den Mädels in meiner Klasse und um mich herum vor den Kopf gestoßen wurde in dem sie erstens recht schlaue Sätze u. a. von Goethe, Hesse, Dürrenmatt und Frisch zitierten und sie zweitens ziemlich deutlich machten, dass sie mit mir keine gemeinsame Themen hätten, nahm ich die Bücher zuhause aus dem Regal und fing an zu lesen. Und dann bekam ich zum 15. Geburtstag den „Fänger im Roggen“ von meiner ersten großen Liebe geschenkt. Der hat mich dann auch ziemlich vor den Kopf gestoßen. Der hat mir einerseits mein cooles Lebensunlustgefühl gespiegelt und anderseits aber klar gemacht, dass man mit dieser Lebensweise wohl ein unbeliebter Kotzbrocken wird. Zumindest in den nachfolgenden Jahren tat das dann seine positive Wirkung.

Dieses vor den Kopf stoßen – sei es von Bekannten, Freunden, Fremden oder auch Büchern – braucht es, um mal die Dinge auch anders wahrzunehmen.

Ich wäre in meiner Jugendzeit nie auf die Idee gekommen, über solche kritischen, auch mal herablassenden Reaktionen von Älteren nur zu lachen oder sie in den Wind zu schlagen. Sie haben mich sicher auch genervt und geärgert, denn ich wollte ja schon ernst genommen werden. Gerne hätte ich über dieses „In die Welt geworfen sein“, über Lebenssinn, Freiheit, Willens- und Urteilskraft, Selbst- und Fremdbestimmung, Schuld und Sühne etc. locker philosophiert ohne zuvor ein Buch zu lesen. Doch nachdem ich dann zähneknirschend einige in die Hand nahm (z. B. „Der Fremde“ von Camus, „Ganz unten“ von Wallraff , „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Böll oder „Schuld und Sühne“ von Dostojewski ) begann ich zu ahnen, wie viel Anregung ich wohl erst einmal tanken sollte, bevor ich beginne, mir schon großspurig antworten zu geben.

So viel noch mal dazu, selbst auf die Gefahr hin, dass sich jetzt wieder mancher vor den Kopf gestoßen fühlt.

Advertisements

11 Gedanken zu “Youtube ist kein Kita-Platz

  1. Super Kommentar!!! Da stimme ich zu, Kritik ist sehr wichtig.
    Aber „Ich wäre in meiner Jugendzeit nie auf die Idee gekommen, über solche kritischen, auch mal herablassenden Reaktionen von Älteren nur zu lachen oder sie in den Wind zu schlagen.“ nehme ich Ihnen nicht ab. Da verklären sie Ihre Jugend ein wenig oder vergessen, dass berechtigte oder unberechtigte Kritik (beides kann hilfreich sein) gern auch einmal Tage oder Jahre „reift“ und greift.

    • Nun, eigentlich nicht ;-). Im zitierten Satz schließen Sie etwas aus, der nächste führt das weiter aus. Wie erwähnt, gelungener Kommentar, der ohne das von mir angeprangerte Zitat rund gewesen wäre. Kritikfähigkeit muss gelernt und geübt werden, eine lebenslange Auseinandersetzung. Dazu gehört insbesondere in jungen Jahren rigorose Ablehnung.

    • Da konnte ich offenbar den Unterschied sprachlich nicht klar herausarbeiten. Vielleicht mal so: man kann massiven Widerspruch an sich abperlen lassen oder ihn schmerzlich empfinden. Das Abperlen lassen gelingt mir heute – nach 50 Jahren – ab und an. Doch als Jugendlicher wollte ich ja gerne mit diesen ein paar Jahre älteren Kritikern auf Augenhöhe kommen. Da tat es dann weh, wenn die einem deutlich machen, dass einem Lebensreife und reifliches Denken fehlt. Es kann aber sein, dass es denen derzeit auch so geht und ich merke es halt nicht. Mal sehen.

  2. Ich fange an Toleranz in Frage zu stellen. Anlass u. a. hier gefundene Kommentare, speziell aber diese auf einer social reading Plattform gefundene „Rezension“: Cuty
    Rezension zu „Herbstblond“ von Thomas Gottschalk
    Ich bin total begeistert von dem Entertainer Thomas Gottschalk und bin seid meiner Kindheit schon einriesen Fan von ihm. Die Einleitung in seine Autobiographie zeigt wiedermals, das er zum entertainen geboren ist und dies auch in schriftform!
    Es wird einfach nie langweilig, er schreibt über seine Anfänge und wie alles seinen Lauf genommen hat. Natürlich kennen seine eingeschweißten Fans die Story bestimmt schon,aber ich finde ein paar Hintergrund Informationen bekommt man durch die Autobiographie auf jedenfall! Er erzählt auch viel über Frauen, seinen Anfang beim Radio und nimmt keine Hand vor dem Mund, dass in der damaligen Zeit die Kinder Erziehung noch anders verlaufen ist als heute – da war ein Klapps noch nicht so“schlimm” wie heute.

    Nachdenkliche Grüße

  3. Warum hält man sich für etwas Besseres, wenn man kritisiert?
    Bei guten Kritikern/Bloggern kommt Kritik keinesfalls von oben herab, sondern aus dem Herzen. Auch ist sie i.d.R. ein in Worte gefasstes subjektives, individuelles Empfinden. Jeder hat seine eigenen Maßstäbe, anhand derer er die (eben subjektiv wahrgenommene) Qualität verbalisiert.
    Oftmals wird „Toleranz“ auch mit Gleichgültigkeit verwechselt. Denn vielen, die bspw. via Amazon auf einmal Geld verdienen, ist es urplötzlich völlig egal, ob das Unternehmen, das ihnen nun Geld aufs Konto überweist, ein eigentlich nicht nettes Unternehmen ist.
    Ich mag den letzten Satz übrigens nicht. Das impliziert für mich, dass die, die beruflich zu kämpfen haben, deutlich weniger bis gar nicht tolerant sind. Und das ist meiner bescheidenen Meinung nach völliger Unsinn.

    • Im Arbeitsvertrag ist die vereinbarte Arbeitsleistung des Arbeitnehmers und die Vergütungspflicht des Arbeitgebers geregelt. Da steht nichts von kämpfen.

  4. Bei Bloggern die viel lesen und schreiben, kommt Kritik fast immer von oben herab. Keine Ahnung warum sich solche Menschen für etwas besseres halten. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass beruflich erfolgreiche Menschen extrem tolerant sind.

    • ws verstehen sie unter beruflich erfolgreich ?? gehören sie auch zu den menschen die meinen, das nur jemand erfolgreich ist der viel geld verdient ?? ..wenn jabrauche sie sich nicht wundern das niemand in der alten oder krankenpflege arbeiten will. aber natürlichsinddiese berufe auch unwichtig..denn da man nicht viel verdienen kann, ist man 1. unwichtig ..und 2. niemals erfolgreich..oder ??

    • Beruflich erfolgreich sind Menschen die Soft und Hard Skills besitzen, die notwendig sind um die Ziele des Arbeitgebers zu erfüllen, wie zum Beispiel Kundenzufriedenheit. Beruflicher Erfolg hat nichts mit dem Verdienst zu tun. Eine Verkäuferin, ein Altenpfleger, Bauarbeiter, Zahnarzt oder wer auch immer kann in seinem Arbeitsbereich erfolgreich sein.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.