Ein verführerisches Angebot

Biblio

In solchen Momenten fühle ich mich sehr geschmeichelt und geehrt als ich diese Anfrage in meinem Postfach fand:

Ich bin ein 22-jähriger Student der schon sein ganzes Leben liest, so langsam aber allerdings den Überblick verliert über Bücher die man gelesen haben muss. Ich folge ihrem Blog schon eine Weile und mir gefallen ihre Buchvorstellungen ausgesprochen gut! Nach dem ich jetzt 2 Jahre den örtlichen Buchshop mit Fragen zu Literaturempfehlungen „genervt“ habe, wussten sie auch keine Neuvorschläge für mich.

Daher meine Frage an Sie: Welche Bücher muss man, ihrer Meinung nach, unbedingt gelesen haben? Dabei ist das Genre und die Thematik mir relativ gleichgültig, ob Trivialliteratur, Gesellschaftskritik, Fachbuch oder auch Biografien!

Wow, was für ein verführerisches Angebot. Und das auch noch nach dem ich zuvor offensichtlich einige junge Menschen vor den Kopf gestoßen habe, in dem ich Fantasy- und eskapistische Literatur zwar für akzeptabel, jedoch deren Reflexions- und Rezeptionsangebote für recht beschränkt erachte. Nebenbei: mein Angebot zum Austausch zwischen den Welten bekam noch keine Rückmeldung aus der „Szene“.

Doch nun ein junger Mensch (so alt wie Sara Bow), der sich von mir Buch-Vorschläge wünscht. Das ist herrlich, ein Traum denke ich für jeden Literaturbegeisterten. Schnell sammelte ich in Gedanken schon eine Liste an Literatur, von der ich glaubte mich zu erinnern, dass sie mich mit Anfang zwanzig begeisterte. Doch bald wurde mir klar: so geht das nicht. So wird das nur ein Vorschlag ins Blaue hinein mit der minimalen Chance einen guten Treffer zu landen. Und schnell wäre die Chance vertan, einem begierigen, literaturinteressierten Menschen etwas Zielführendes mit auf den Weg zu geben.

Folie01Es irritierte sicher nicht nur mich beim Lesen der Mail zu erfahren, dass man im Buchladen vor Ort schon ratlos sei wie man sein Begehren erfüllen könne. Eine Analogie machte es mir dann plausibel: Lesen ist ja wie Reisen. Und wenn jemand jung und reiselustig ist, ihm ja buchstäblich die Welt offen steht, und er dann in ein Reisebüro geht und fragt, wohin muss man in seinem Leben gereist sein, wäre wohl ein seriöser Reisebürokaufmann auch überfordert mit einer einfachen, klaren und befriedigenden Antwort.

Die Analogie des Reisens kann man durchaus weiter strapazieren. So gilt für mich zuvorderst, dass man in seinem Leben nirgendwo hingereist sein muss genauso wie man nichts gelesen habe muss. Beides sind Optionen, die man für sich frei entscheiden kann, ohne Gefahr hierdurch persönlich weniger wertgeschätzt zu werden, wenn man darauf verzichtet. Menschen, die herablassend über andere urteilen anhand dessen was sie gelesen oder von der Welt gesehen haben, sind Snobs. (Was man in seinem Leben wirklich tuen muss, wäre eine erste spannende Frage, der man literarisch nachforschen könnte.)

Wenn man sich nun aber schon mal entschieden hat, reisen oder lesen zu wollen, dann muss man sich als nächstes fragen: Was möchte ich dabei erfahren? Und auch hier gilt, dass die überwiegenden Reisegründe eine naheliegende Analogie zur Literatur bilden. Sie sind entweder geschäftlich intendiert oder Entspannung und Erholung suchend. In der Literatur bedient das eine dann Sachbücher, die mich beruflich weiterbilden, und das andere bietet Unterhaltungsliteratur, die auf bekannte bzw. gelernte Stereotypen setzt, so dass ich ohne Eingewöhnung und Anstrengungen der Geschichte folgen kann. Was in der Literatur dann beispielsweise stereotypisch Liebe, Lust und Leidenschaft ist, ist beim Reisen dann Sonne, Strand und Meer. Vielen ist dies dann auch genug an reisen bzw. lesen.

Folie07Es wird hier wohl schon deutlich, worauf ich hinaus will. Der Anspruch wächst beim Lesen und Reisen je nachdem was ich dabei erfahren möchte. Wer ein fernes Land bereist, kann sich dem auf sehr unterschiedlich Weise widmen. Die einen wollen Land und Leute dort kennen lernen, andere vorwiegend kulturelle Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen, dritte sind an der besonderen Natur dort interessiert. Die einen bereiten sich akribisch vor, lernen die Sprache und lesen mehrere Reiseführer. Andere vertrauen auf einen Guide vor Ort. In der Literatur bevorzugte ich z. B. beim Zugang in die Philosophie die „guided Tour“. Mein persönlich bevorzugter Begleiter ist Rüdiger Safranski, dessen Biografien und Themenbücher ich fast alle sehr inspiriert gelesen habe und mich durch sie bestens eingeführt fühlte.

Ich selbst bin nicht reisefreudig. Doch Dank meiner Frau, für die das Reisen ein bedeutender Bestandteil eines erfüllten Lebens ist, wurde ich mitgezogen. Besonders Fernost haben wir häufig bereist. Myramar, Kambodscha, Vietnam, China, Bali, Singapur, alles Länder, die ich ohne sie wohl nie kennengelernt hätte. Was meine Frau trotz meiner fehlenden Begeisterung zum Reisen an mir schätzt, ist dass ich dabei offenbar ein ziemlich unkomplizierter und offener Reisebegleiter bin. Bin ich mal vor Ort, lass ich mich gerne auf alles ein. Die Menschen, das Essen, die Lebensgewohnheiten etc.. Ja, das macht mir wirklich Vergnügen und ich nehme viel an ungewöhnlichen Eindrücken und nachhaltigen Erlebnissen mit. Und auch dies ist meines Erachtens wieder eine passende Analogie zum Lesen. Auch hier gilt, dass wir aus der Literatur am meisten mitnehmen, wenn wir ihr offen, vorbehaltlos und mit Lust auf Neues begegnen.

Zuletzt strapaziere ich die Analogie gerne noch mal in Hinblick auf den Anspruch an die Literatur bzw. das Reisens. Es gibt literarische Werke, die sind wie eine Himalaya-Tour oder ein Segeltörn über den Atlantik. Sie fordern uns fiel ab und wir können an ihnen scheitern und unsere Grenzen erfahren. Hatte dies auch mal in diesem Beitrag aufgegriffen. Für mich war Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ so ein Segeltörn. Und „Ulysses“ von James Joyce so eine Bergtour, die ich abgebrochen habe. Überhaupt erachte ich mich oft als zu klein für große Literatur, wie ich hier auch mal schrieb.

IMG_7250Es gibt Romane, die ragen offenbar so bedeutend aus der Welt der Literatur heraus wie Metropolen. Von den geografischen kenne ich u. a. New York, Shanghai, Peking, Hongkong, Singapur, Moskau, London, Paris, Rom, Lissabon, Amsterdam, Wien, Zürich, Berlin. Fast jeder Besuch war interessant und bereichernd. Doch sicher war keiner erforderlich, um ein weltoffener Mensch zu sein. Doch manches Metropolenerlebnis gleicht einer literarischen Erfahrung.

Jeder kennt die Buddenbrooks unseres Grand Seigneurs der deutschen Literatur Thomas Mann. Ich hab den Roman dreimal abgebrochen. Ich empfand ihn als Tortur wie unsere Reise nach Moskau, eine Stadt, in der sich alles extrem zäh fortbewegt und in die ich nicht ein zweites Mal reisen möchte. Aber den Russen Dostojewski und besonders „Schuld und Sühne“ würde ich nicht missen wollen. Lissabon liebe ich (obwohl ich weder die Sprache spreche und nur zweimal wenige Tage dort verbrachte) wie ihren berühmten Autor Fernando Pessoa und sein „Buch der Unruhe.“

Mein erster Besuch in New York war ein Déjà Vu. Keine andere Metropole kennt man schon vor dem ersten Besuch so detailreich durch Filme, TV-Serien und Reportagen wie diese Stadt. Einzig überrumpelt hat mich die Größe dieser Stadt. Dass man Stunden wandern muss, um von der Ferry im Süden Manhattans bis zum Central Park zu kommen hatte ich nicht erwartet. Und so geht es mir oft mit amerikanischer Literatur. Sie überrascht mich selten und dauert mir zu lang. Dennoch habe auch ich die ersten Irvings gerne gelesen, schätze Paul Auster sehr und war vor kurzem sogar von Donna Tartts 1000seitigem „Distelfink“ sehr begeistert. Doch Autoren wie Updike, Franzen, Roth oder David Foster Wallace sind mir fern geblieben.

IMG_0113Ganz anders Paris, wo ich zwar auch schon viele Klischees zuvor im Kopf hatte, doch dann erstmals vor Ort von der überbordenden Fülle an schönen Szenerien begeistert war. Und so fand ich auch viele französische Autoren und ihre Werke, die mich packten und lange nachhallten. Neben genanntem Proust, Balzac, Flaubert, Stendal, Gide und unvergessen Camus.

Um es an dieser Stelle abzukürzen, hoffe ich schon genügend Anregung und Inspiration gegeben zu haben, wie sich ein junger Mensch auf literarische Reisen begeben kann, wenn er nicht einfach nur einen Dartpfeil auf die Landkarte werfen möchte. Was möchte man denn am liebsten entdecken? Land, Leute oder erst einmal sich selbst?

Zuletzt denn doch noch konkrete Buchempfehlungen: zwei literarische Reiseführer durch die Deutsche Literatur, die mir besonders geeignet erscheinen, um Leselust auf mehr zu wecken:

„Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute.“ von Volker Weidermann

„Die wunderbaren Falschmünzer“ von Rolf Vollmann, die es offenbar nur noch antiquarisch gibt.

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5 Gedanken zu “Ein verführerisches Angebot

  1. Ich bin schon eine Weile am Überlegen ob ich mir die Leseliste von Reclam (http://amzn.to/1DJSQaw) holen soll. Aber ich bin mir unschlüssig ob es nicht mehr Spaß macht selbst auf die großen KIassiker zu stoßen. Bisher bin ich damit immer recht gut gefahren. Zudem ist mein Stapel ungelesener Bücher bereits jetzt lächerlich hoch.

  2. Mir gefällt die Analogie zwischen Reisen und Lesen so gut, weil sie darauf weist, wie unterschiedlich die Erfahrungen sein können. Oder Dein Hinweis, dass auch Lesen (wie Reisen) „gelernt“ sein will, also verschiedene Stationen hat: Als Anfänger/in liest man anders, als später, als Kind möglicherweise so und als alte Person quer dazu. Man liest in traurigen Zeiten und in Glücksmomenten verschieden. Am Meer anders als in den Bergen (doch, ja, bin ich sicher), und in Eile anders als an einem ruhigen Tag. Lektüre ist immer das Buch und ich. Deshalb finde ich auch Rezensionen immer wieder spannend. Wer ein Lieblingsbuch später noch einmal liest, mag Überraschungen erleben. Und Lesen ist immer noch eine gute Alternative, wenn Reisen gerade nicht geht.

  3. ich versuche mal eine Liste.

    die ersten 10 Bücher sind Titel, die sehr bekannt sind und bei denen ich dachte: „Oh: Die sind tatsächlich so interessant und komplex und bereichernd, wie Leute sagen.“ also: Kanon-Titel, große Lieblinge, Konsens.

    die zweiten 10 Bücher haben mich geprägt und ich wünsche mir, dass sie möglichst viele Leute lesen. sie sind schrulliger/individueller, aber ich würde sie jedem ans Herz legen.

    Kanon:
    1. Harper Lee: Wer die Nachtigall stört, https://www.goodreads.com/book/show/2657.To_Kill_a_Mockingbird
    2. Ernest Hemingway: Der Garten Eden, https://www.goodreads.com/book/show/3354828-der-garten-eden
    3. George Orwell: 1984, https://www.goodreads.com/book/show/3744438-1984
    4. Anton Tschechow: Die großen Dramen, https://www.goodreads.com/book/show/2000067.Die_gro_en_Dramen
    5. Truman Capote: Katblütig: https://www.goodreads.com/book/show/228691.In_Cold_Blood
    6. Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, https://www.goodreads.com/book/show/1613324.Auf_Der_Suche_Nach_Der_Verlorenen_Zeit_7_B_nde
    7. Alison Bechdel: Fun Home, https://www.goodreads.com/book/show/3024367-fun-home-a-family-tragicomic
    8. Richard Yates: Revolutionary Road, http://www.goodreads.com/book/show/48328.Revolutionary_Road
    9. Jean-Paul Sartre: Geschlossene Gesellschaft, https://www.goodreads.com/book/show/1069238.Geschlossene_Gesellschaft
    10. Thomas Wolfe: Es führt kein Weg zurück, https://www.goodreads.com/book/show/12447.You_Can_t_Go_Home_Again

    persönliche Favoriten:
    1. Ruth Klüger, weiter leben: https://www.goodreads.com/book/show/1591266.Weiter_leben_Eine_Jugend_
    2. Meike Winnemuth, Das große Los: https://www.goodreads.com/book/show/17618911-das-gro-e-los
    3: Fabio Moon, Daytripper: https://www.goodreads.com/book/show/8477057-daytripper
    4: Randy Pausch, The Last Lecture, https://www.goodreads.com/book/show/6163918-last-lecture
    5: Octavia Butler, Kindred: https://www.goodreads.com/book/show/6568047-kindred
    6: Anna Funder, Stasiland: https://www.goodreads.com/book/show/226369.Stasiland
    7: Barbara Demick, Nothing to envy: https://www.goodreads.com/book/show/6178648-nothing-to-envy
    8: Ayn Rand, Atlas Shrugged (furchtbare Logik, aber sehr spannend zu lesen): https://www.goodreads.com/book/show/831563.Atlas_Shrugged
    9: Agota Kristofs Notebook-Trilogie, https://www.goodreads.com/book/show/230514.The_Notebook_The_Proof_The_Third_Lie
    10: und, falls du schreibst – die besten Bücher übers Erzählen und die Arbeit als Schriftsteller, die ich kenne, sind beides Comics. Scott McClouds „Making Comics“, https://www.goodreads.com/book/show/60113.Making_Comics?from_search=true&search_version=service und Tsugumi Ohbas 20 Bände „Bakuman“ (fängt simpel an, aber wird sehr schnell sehr komplex und lehrreich): https://www.goodreads.com/series/52005-bakuman

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