Ach, in welch schlechter Gesellschaft wir uns doch befinden.

TransparenzgesellschaftByung-Chul Han, geboren 1959 in Korea, lebt seit mehr als 25 Jahren in Deutschland, promovierte über Heidegger und doziert heute als Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin. Vor kurzem stieß ich auf seinen Artikel „Das Smartphone ist ein Pornoapparat“ im schweizerischen „Das Magazin“.

Der Philosoph Byung-Chul Han ist der treffendste Kritiker unserer Art zu leben“ untertitelte die Redaktion seinen Artikel.

Zumindest ist er wohl derzeit einer der pessimistischsten Kulturkritiker. Seine Urteile über die Entwicklungen der Moderne sind durchweg vernichtend und kumulieren in einem – vielleicht nicht ganz Ernst gemeinten – Hinweis, „einer Öffnung“, zur Lösung des Dilemmas: „Idiotismus“.

Ich verstehe den Idiotismus positiv. Der Idiot ist der Nicht-Verbundene, der Nicht-Vernetzte. Er ist ein Häretiker, ein Außenseiter, der mit dem heutigen Konformismus radikal bricht.

Nun ja, Idioten haben wir eigentlich schon genug. Das macht die von ihm ebenfalls kritisierte Transparenzgesellschaft derzeit sehr offensichtlich. Jeder Idiot glaubt ja seine Meinung kundtun zu müssen und sich liken zu lassen, und zugleich erhöht sich der Druck auf die Zurückhaltenden, sich dem aktiv entgegen zu stemmen. Was im ersten Moment sicher richtig klingt, nämlich Haltung nicht nur zu haben, sondern auch zu zeigen, löst bei einem zweiten nachdenklichen Moment einiges Unbehagen bei mir aus. Muss ich jetzt allen Idioten sagen, dass sie Idioten sind? Was sagen denn erfahrene, stationär in der geschlossenen Nervenheilanstalt arbeitende Psychologen zu dieser Behandlungsmethode?

Kleines Brevier über die Tücken der Moderne

Doch zurück zu Byung-Chul Han und seinem kleinen Brevier über die „Transparenz-Gesellschaft“. Wie schon in dem oben genannten Artikel versteht er es auch hier sehr prägnant auf knapp 80 Seiten zehn aktuelle Phänomene in unserer Gesellschaft zu beschreiben, für die andere Autoren jeweils 500seitige Sachbücher erstellen würden. Das macht ihn auf jeden Fall reizvoll zu lesen (nicht für alle) und rechtfertig irgendwie auch die € 10,– für diese schmale Büchlein im Programmheftformat.

Doch bevor ich auf die einzelnen denkwürdigen Aspekte komme, muss ich zuvor gestehen, dass mir sein Kanzelpredigerstil überhaupt nicht behagt. Die einzelnen Kapitel lesen sich wie Epistel und haben einen missionarischem Beigeschmack („Wendet Euch ab von dem Teufelszeug.“)

Überraschend repräsentiert Byung-Chul Han mit seinen vorgetragenen gesellschaftskritischen Thesen eine Schwarz/Weiß-Haltung, ja Ideologie, die nicht nur sehr westlich ist, sondern die er auch sehr apodiktisch westlich vertritt, so dass ich bei ihm die fernöstliche Prägung vermisse – man verzeihe mir mein Klischee. Doch Dank eines sehr lesenswerten persönlichen Blogbeitrages von Stefanie Leo, in dem sie auch auf das oben angesprochene Thema „Idioten“ eingeht, stieß ich auf ein Zitat des Dalai Lama, dem ich nickend zustimmte:

„Im Allgemeinen bin ich sehr beeindruckt von der westlichen Gesellschaft. Ich bewundere vor allem ihre Energie, ihre Kreativität und ihren Wissenshunger. Aber einige Aspekte des westlichen Lebensstils scheinen mir beunruhigend zu sein. Ich habe zum Beispiel bemerkt, wie sehr die Menschen im Westen dazu tendieren, alles entweder schwarz oder weiß zu sehen oder als Entweder-oder zu begreifen und die Bedingtheit und Relativität der Dinge vollkommen außer Acht zu lassen. Sie ignorieren gerne die Grauzonen zwischen zwei Meinungen.“

Exakt dies suche ich bei Byung-Chul Han vergeblich. Er hat fast immer eine sehr dualistische Sicht auf die Dinge. Beginnend mit seinem Plädoyer für das Negative vs. dem Positiven. Das Negative (Ablehnung, Kritik, Schmerz) ist für ihn eine gleichberechtigte stetige Lebenserfahrung ohne die das Leben an Wert verlöre. Die wachsende Vermeidung des Negativen in unsere transparenten „Positivgesellschaft“ (Erstes Kapitel) dient einzig nur dazu, dass alles flutscht. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist der Wandel der Liebe in ein „Arrangement angenehmer Gefühle“ und „psychische Störungen wie Erschöpfung, Müdigkeit und Depression, die auf ein Übermaß an Positivität zurückzuführen sind.“

Dislikes sind nicht Geschäft fördernd.

Ein für mich sehr bemühtes Argument für seine These, dass wir uns in eine übermäßige Positivgesellschaft wandeln, ist der fehlende „Dislike“ Button bei Facebook. Ich gebe ihm recht, wenn er konstatiert, dass sich „Dislikes“ schlechter ökonomisch verwerten lassen und dies ein Grund dafür sein könnte, jedoch sollte man auch einbeziehen, dass somit konkretes „Nicht Gefallen“ eben argumentiert werden muss. Zumindest muss man sich dann die Mühe machen, zu kommentieren. Das gegenteilige Argument finde ich bei meinen Rezensionen auf amazon. Dort nervt es mich, dass Leute abwerten können ohne zu begründen.

Transparente_PolitikAuslöser für sein 2012 erschienenen „Leidfaden“ durch die Tücken der Moderne war vielleicht sein Resümee über die Piratenpartei und ihre propagierte Transparenz. Hier stimme ich mit ihm völlig überein, dass Politik und Transparenz ein völlig ungleiches Paar sind und vereint nicht existieren können. Und in einem späteren Kapitel über die „Intimgesellschaft“ konstatiert er über einen Wandel unserer politischen Meinungsbildung, den auch ich für sehr bedauerlich halte:

Die Tyrannei der Intimität psychologisiert und personalisiert alles. Auch die Politik entkommt ihr nicht. So werden Politiker nicht an ihren Handlungen gemessen. Das allgemeine Interesse gilt vielmehr der Person, was bei ihnen einen Inszenierungszwang erzeugt.

Dieses sich zwanghafte Inszenieren ist denn auch ein weiteres Phänomen, dass Byung-Chul Han unter „Ausstellungsgesellschaft“ und auch „Pornogesellschaft“ moniert. Es ist jedoch ein mediales Netzwerkphänomen, das meines Erachtens noch viel zu jung ist, um es als gesellschafts- bzw. kulturkritisch zu bezeichnen. Noch wissen wir nicht, ob dieses neue Spiel der Netzwerkidentitäten sich nachhaltig zeigt oder nicht schon bald ermüdet und aufgrund der Teilnahmslosigkeit des Publikums wieder verschwindet. Und auch die körperliche und seelische Nacktheit, die er verteufelt, erscheint mir derzeit wie die Entdeckung eines Nudistencamp, das man nach einer Woche wieder verlässt und die geschickte Verhüllung von Körper (oder Geist) zu schätzen weiß.

Hermeneutik kann sehr erotisch sein.

Spannend ist seine Bibel-Exegese im Zusammenhang mit dem Phänomen „Evidenzgesellschaft“. Denn die Texte seien bewusst metaphorisch und vieldeutig verfasst. Denn Gott setze, wie schon Augustinus sagte, „Metaphern ein und verdunkle die Heilige Schrift absichtlich, um mehr Lust zu erzeugen.“ Schön fast er dann zusammen:

„Die Negativität der Verborgenheit macht die Hermeneutik zu einer Erotik. Das Entdecken und Entziffern vollzieht sich als eine lustvolle Enthüllung.“

Dies sollte man eigentlich allen literarischen Analysen und Kritiken voran setzen. Erklärt es doch das libidinöse Verhältnis vieler Rezensenten zu ihren Objekten der Begierde.

Wenn man auf diesem Grat der Erotik wandelt, dann fällt irgendwann auch der Begriff des „Obszönen“, den auch Byung-Chul Han gerne aufnimmt:

Obszön“ sei die touristische Betrachtung der Gegenwart, „diese semantische Verarbeitung, die fehlende Narrativität von Raum und Zeit.“ Im Gegensatz dazu das Pilgern, das ein narratives Ereignis sei, weil nicht zu beschleunigen. Vielleicht erklärt dies den aktuellen Trend zu Pilgerreisen.

Überhaupt sei die fehlende Narrativität ein bedenkliches Faktum in unserer modernen Gesellschaft. Wir speichern nur noch einen Haufen Datenmüll, den wir gedanklich nicht mehr verarbeiten. Dass eben aber gerade hier das von ihm selbstverständlich verteufelte Big-Data ansetzt und ganz narrativ – wenn auch nur computergestützt – neue und eben sehr bedenkliche Geschichten schreibt, macht er weder sich noch uns bewusst.

Jean-Jacques Rousseau – Vordenker von NSA & Co.

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J.-J. Rousseau

Dass die Faszination der Berechnung des Schicksals nicht erst unsere Moderne erfasst, darauf weist auch Byung-Chul Han hin. Und auch den Irrweg zu glauben, dass jegliche Transparenz uns zu besseren Menschen machen würde, beging schon Rousseau, wie er zitiert:

„Ein einziges Gebot der Sittenlehre kann aller anderen Stelle vertreten: Tue und sage niemals etwas, was nicht die ganze Welt sehen und hören könnte. Ich meinerseits habe stets jenen Römer als den hochachtungswürdigsten Menschen betrachtet, der wünschte, sein Haus werde so gebaut, dass man alles, was darin vorginge, sehen könnte.“

Rousseau musste sich ja schon manche kritische Betrachtung (berechtigt) gefallen lassen, doch als Vordenker von NSA & Co. hatte ich ihn noch nicht entdeckt.

Das letzte Kapitel behandelt das auch für mich bedenklichste Phänomen „Kontrollgesellschaft“. Und zwar nicht im Sinne eines Überwachungsstaates, sondern in Hinblick auf unseren Wahn der Selbstoptimierung und Selbstkontrolle. Gerade wurde bekannt, dass die erste Krankenkasse (AOK) eine iWatch bezuschusst. Solche Angebote werden uns nun immer häufiger begegnen. Bis zu dem Zeitpunkt bis auch die letzten Daten-Muffel sich ihre körperliche und psychische Konstitution abfragen lassen müssen, da sie sonst gar keine Versicherung mehr bekommen. Dies wird sich auch auf Haus & Hof oder Auto übertragen und noch viele Dinge mehr. Hierzu habe ich schon einmal ausführlich resümiert, nachdem ich das Buch von Yvonne Hofstetter „Sie wissen alles“ las.

Mehr Amüsement über unsere Naivität, bitte.

Byung-Chul Han geht mit seiner Gesellschaftskritik schon einige pessimistische Schritte weiter als ich bislang gegangen bin. Lösungen bietet er keine. Das macht ihn mir sympathisch. Doch seine Grundhaltung ist mir zu defätistisch. Ich wünschte ihm mehr Gelassenheit in seinem Urteil und auch mehr Amüsement über die Naivität, mit der wir häufig die Errungenschaften der Moderne bejubeln. Denn noch hat sich in der Geschichte letztlich jede Generation als kulturell fortschrittlich erwiesen. Sicher gab es auch heftige Rückschläge, doch von dem Punkt, wo wir heute stehen, möchte ich nicht zurückkehren. Ich verkläre nicht die Vergangenheit, sondern erkenne an, dass man weiter voran schreiten und auch viel Gutes schaffen wird. Die Herausforderungen liegen vor uns und die Lösungen dazu nicht in der sentimentalen Rückschau. Ein besseres Leben als heute wird es nur in der Zukunft geben. In der Vergangenheit war es auch nicht schlecht, aber sicher nicht besser.

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8 Gedanken zu “Ach, in welch schlechter Gesellschaft wir uns doch befinden.

  1. Han ist für mich kein Geisteswissenschaftler, der argumentiert. Ich kann in seinen Texten keinerlei Quellenangaben finden. Seine Ausdrucksform sind Hauptsätze. Begründen, diskutieren, abwägen, gegenüberstellen, zitieren, würdigen, beleuchten, alles das finde ich nicht. Stattdessen Aussagen, Aussagen, Aussagen. Wäre er nicht angesetllt an einer Uni und verlegt bei Suhrkamp, kann ich mir nicht vorstellen, dass seine Texte als begründet angesehen würden. Er ist am gleichen Institut wie Sloterdijk, ich finde, dass das passt, weil Sloterdijk sich seine Welt auch gern so baut, wie sie für seinen Erkenntnis- und Empfindungsapparat passt.

  2. Ich habe in Berlin einmal eine Vorlesung (und das ist wörtlich gemeint, also die erste Vorlesungsdoppelstunde des letzten Wintersemesters) von Han gehört. Und sie war, nachdem ich mich an sein verstolpertes (durchaus sympathisches + mit Erkältung durchsetztes) Deutsch gewöhnt hatte unglaublich amüsant. Ich hatte damals den Eindruck, dass er das, was Du mit S/W-Malerei beschreibst, als Provokation versteht und deshalb übertreibt. In der Vorlesung war das zeitweise sehr komisch, aber beim Lesen – das kann ich mir vorstellen – wird’s gleich statisch. Vor allem die Sehnsucht nach dem „Flutschen“ im Leben hat mich sehr getröstet, weil bei mir zu der Zeit wirklich alles quer stand. Bestätigungsliteratur – ja, den Verdacht kann ich auch nicht ganz abschütteln. Aber vielleicht braucht es hier und da ein Quentchen Bestätigung. Einfach, um sich wieder zu vergewissern.

    • Danke Stephanie, es beruhigt mich, dass er „vorlesend“ offenbar etwas amüsanter ist. Ich habe eben Claudias Kommentar unten beantwortet, in dem ich meine Bedenken beschreibe, warum ich eine solche Haltung für wenig konstruktiv erachte. Seine gesellschaftskritischen Analysen laufen meines Erachtens Gefahr bald auf dem Haufen der Grummler zu landen, die man kaum wieder zur Hand nimmt. Im Moment hat er die tröge Rolle des Bedenkenträgers im Projektmeeting „Unsere Zukunft“ eingenommen. Die Rolle ist zwar nötig, jedoch wenn sie konstruktiv sein soll, muss die/derjenige zumindest vom Projekt überzeugt sein.

  3. Bisher habe ich mich erst mit „Psychopolitik“ beschäftigt, habe aber einige Aspekte, die Du hier geschildert hast, durchaus wieder erkannt. Das hat möglicherweise etwas mit Mehrfachverwertung von Erarbeitetem zu tun, naja.
    Mir hat in „Psychopolitik“ das Ausloten der kritischen Aspekte der gesellschaftlichen, der wirtschaftlichen und der medialen Entwicklungen insofern gut gefallen, als dass ich sie als wichtige Gegenargumentation sehe zum freudigen und permanenten Verteidigen der Wonnen des „Neoliberalismus“, wie er fast durchgängig nicht nur durch alle Wirtschaftsteile der sog. Qualitäpresse geistert, ganz so, als wären alle dort Schreibenden derselben Gehirnwäsche unterzogen worden (Achtung: böswillige Verllagemeinerung). Der Untertitel zu „Psychopolitik“ weist ja auch deutlich auf die Richtung der Auseinandersetzung hin: „Neoliberalismus und die neuen Markttechniken“.
    Auf problematische Entwicklungen für den einzelnen und für die Gesellschaft hinzuweisen ist aus meiner Sicht wichtig, um auch kritischen Stimmen eine mediale Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Aus meiner Sicht heißt es auch nicht unbedingt, dass damit ein absoluter Kulturpessimismus einhergeht, aber eine spitze, auf den Punkt gebrachte Formulierung, ohne gleich eine ebenso pointiert erarbeitete Liste der Vorteile gegenüberzustellen und sich somit selbst den Wind aus den Segeln zu nehmen, halte ich durchaus für angebracht. Das unterstreicht wiederum die Bedeutung des kritischen Blickes, auch wenn der Autor dann wie ein „prostestantischer Wanderprediger“ daherzukommen scheint.
    Die Idiotie ist, zumindest nach meiner „Psychopolitik-Lektüte, ein Lösungsansatz. Auch hier nutzt Han einen Begriff, der erst einmal aufhorchen lässt, wer will schon ein Idiot sein? Neben der klinischen Bedeutung hat der Idiot aber im Umgangssprachlichen gerade keine pathologische, sondern eher bewertend-beleidigende Bedeutung im Sinne von „Dummkopf“. Im Griechischen, so ist im einschlägigen Internetlexikon zu lesen (!), bedeutet das Wort „Privatperson“, es ist also jemand, der sich aus öffentlichen Angelegenheiten heraushält. Im Lateinischen, das sich das griechische Wort angeeignet hat, ist es dann die Bezeichnung für den „Laien“, aber auch schon den „Pfuscher“ oder „unwissenden“ Menschen. In der Medizin wird dann daraus die Zuordnung zu einer geistigen Behinderung.
    Han führt in der „Psychopolitik“ aus, der Idiot sei der Außenseiters, der sich nicht verhält, wie alle es tun. Und er erklärt, dass die digitale Entwicklung gerade den Konformitätszwang erhöhe – Du hast ja auch auf Yvonne Hofstetter verwiesen. Und so sieht er die Idiotie – eben nicht im Sinne der medizinischen Zuschreibung – als Lösungsansatz, um der Kontrolle (z.B. Quantified-Self-Bewegung), der Konformität, dem Konsum, der ständigen Kommunikation zu entkommen: Indem der Mensch sich selbst entscheidet (seine Intelligenz nutzt, als zwischen etwas auswählt), indem er sich dem Druck der Vernetzung an ausgewählten Stellen entzieht, sich bewusst zum Außenseiter macht, kann er ein Stück Freiheit für sich gewinnen.
    Und darum geht es doch: Nicht darum, sich komplett zu entziehen, sondern bewusste Entscheidungen zu treffen. Insofern bin auch ich gerne ein Idiot.
    Viele Grüße, Claudia

    • Danke, Claudia, für Deinen ausführlichen, ergänzenden Kommentar. Den Idiotismus benennt Han im Artikel, im Buch taucht er nicht auf.

      Ich verstehe den Begriff Idiot heute – von der etymologischen Veränderung mal abgesehen – als Beschreibung des Gegenteils eines aufgeklärten Bürgers im Sinne von Kant. Der Idiot steht für mich (auch wohlwollend) für den Typus Mensch, der sich nicht aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien will. Der Idiot ignoriert ja nicht bewusst und in klarer Absicht die Veränderungen in der Gesellschaft, wie Han suggeriert, sondern ist entweder intellektuell nicht fähig, ihnen zu folgen oder – was wohl auf die Mehrheit zutrifft und in Teilbereichen auf uns alle – einfach zu bequem, sie zuerst denkend zu durchdringen bevor er sie beurteilt. In diesem Sinne verstehe ich auch Sascha Lobos kritische Einschätzung zu Han, die er mir in einem FB-Kommentar gab:

      „Mein größtes Problem mit ihm aber ist, dass meiner Überzeugung nach die digitale Sphäre nicht theoretisch begriffen werden kann, wenn man sich ihr nicht auch praktisch nähert. Das schimmert jetzt leicht antirationalistisch sturm-und-dranghaft, weil ich damit, ob ich will oder nicht, eine „Magie“ des Digitalen beschwöre, die nur erlebt und nicht gemessen werden kann. Aber da kann ich ja im Notfall immer noch Tocotronic zitieren und darauf hoffen, dass der Funken meiner irrationalen Resthoffnung mich nicht allzu bekloppt erscheinen lässt. Oder wenigstens freundlich bekloppt.“

      Aus Sicht von ebenso intensiven wie kritischen Nutzern der digitalen Möglichkeiten, ist der darüber urteilende Theoretiker Han ein Idiot. Das kann er nicht mal als Beleidigung auffassen, sondern müsste ihm sogar behagen, denn letztlich handelt er nach seinem selbst angebotenen Lösungsweg.

      Jetzt kann man natürlich darüber diskutieren, ob nicht die theoretische Durchdringung solcher gesellschaftlichen Phänomene ausreicht, um sie auch so scharf verurteilen zu können. Gerne wird das z.B. auch von Medienkritikern bei Computerspielen gemacht und besonders augenfällig ist es bei vielen akademischen Konsumkritikern. Sie be- und verurteilen den Gegenstand ihrer Forschung, mit dem sie kaum praktische Erfahrung gesammelt haben, weil sie ihn schon lange zuvor vorverurteilten. Ein löbliche Ausnahme unter den Konsumkritikern ist hier Wolfgang Ullrich (https://thomasbrasch.wordpress.com/tag/wolfgang-ullrich/) Das Pendant dazu mit meiner Ansicht nach auch völlig weltfremden Lösungsvorschlägen ist Niko Paech (https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/09/27/im-schnitt-besitzen-wir-10-000-gegenstande/)

      Und Han sehe ich da ebenfalls in Gefahr, in einer kaum besuchten Ecke der grummelnden Mahner zu landen. Von Dozenten (besonders Philosophen) wünsche ich mir jedoch mehr aktiven Gang auf die Agora. Und die liegt heute (auch) in der Netzwelt.

  4. Byung-Chul Han ist ein eigenwilliges Phänomen: ein Vielschreiber, ein Querdenker zum Mainstream der neuen Medien, manchmal auch ein Überflieger – anregend allemal zu lesen, auch ex negativo. Was die Phänomene der Moderne oder der Postmoderne anbelangt, halt ich seine Kritik für berechtigt. Mir denn doch lieber als jener teils unreflektierte Euphemismus eines Kittler oder Flusser, der in den neuen Medien, Techniken die Verheißungen der Moderne erblicken will. Dieser Moderne ist jedoch, da können wir uns drehen und wenden, wie wir es mögen, mehrdimensional oder meinetwegen auch dialektisch gestrickt. Die reine Verteufelung der neuen Medien ist mir zu simpel und erinnert an den allbekannten Konservatismus, der bereits der Photographie und dem Kino (wie auch der modernen Kunst) vor 100 Jahren entgegenschlug. Das bloße Glorifizieren ist aber ebensowenig angebracht, wenn ich mir den Müll anschaue, den das Internet hervorbringt. Aber wie es so ist. Twitter kann lustig und gut sein oder es ist ein gigantischer Zeitfresser. Das ist mit einem guten Riesling ebenso: man kann zum Trunkenbold werden oder aber genüßlich den Rausch zelebrieren. Mit Aristoteles gilt vielleicht nicht unbedingt die Devise von der Mitte, wohl aber die, reflektiert mit den Dingen umzugehen. Eine Frage der Technik. Wir sehen also: es geht nie ohne techné, Technik, Phronesis.

    Sicherlich steckt in Han ebenfalls ein Stück weit der Provokateur, der Bewußtsein für den Stand der Dinge schaffen will. Insofern nehme ich seine Befunde durchaus ernst und halte vieles von dem, was er schreibt für richtig. Doch hier kommt schon das große „Aber“, weil mir seine Sicht, wie Du schreibst, viel zu sehr in einer manichäerhaften Weise auftritt. Sein Stil ist in der Tat problematisch. Zur Erweiterung des Themas empfehle ich noch „Im Schwarm“ und „Agonie des Eros“. Diese Büchlein umkreisen im Grunde ganz ähnliche Aspekte. Bei Han zeigt sich gut, in welche Sackgassen denken gerät, das sich der Dialektik entschlägt. Sei es auch bloß die negative. Um die postmoderne Gesellschaft in ihren schlimmen Auswüchsen vorzuführen, bedürfte es vielleicht einer literarisch-essayistisch neu aufgeladenen „Minima Moralia“: Details des Lebens, Regungen, Verhaltensweisen zu beobachten und darüber zu schreiben, sie mit dem eigenen Denken in eine Korrespondenz zu setzen.

    „Obszön“ ist ein für mich übrigens positiv besetzter Begriff.

    Nebenbei noch: Den Dalai Lama halte ich für eine der fragwürdigsten und schlimmsten Figuren. Aufs Westniveau heruntergedampfter Pseudo-Buddhismus. Ideologie eben, die dazu dient die Effizienz, die Funktionalität und damit auch die Fungibilität der Arbeitenden zu steigern. Mit Buddhismus hat das wenig zu schaffen: Das ist in etwa so, als kaufte ich mir in jenem herrlichen Devotionaliengeschäft in Madrid auf der Plaza Mayor Geißelwerkzeuge, um sie dann für spannende SM-Spiele zu verwenden. (Aber das ist ein anderes Thema. Hängt aber durchaus mit den Sinnverlusten oder auch Sinnverlagerungen der Moderne zusammen.)

    • Danke für den interessanten und ergänzenden Kommentar. Ich bin so kurz danach noch unschlüssig, ob ich noch mal nachlege und weiteres von ihm lese. Ich habe zwar viel Anregendes gefunden, doch letztlich wenig neue kritische Gedanken. Wenn auch nicht mit seiner Geisteshaltung, so stimme ich doch im Kern mit ihm ja überein und würde wohl bei weiterer Lektüre das Gefühl nicht los, nur mehr Bestätigungsliteratur zu lesen.

      Sehr schön fand ich im übrigen seine Bezug auf Proust, um sein Verständnis des Obszönen zu erläutern:

      „Der Transparenzzwang vernichtet den Duft der Dinge, den Duft der Zeit. Die Transparenz duftet nicht. Die transparente Kommunikation, die nichts Undefiniertes mehr zulässt, ist obszön. Obszön ist auch die unmittelbare Reaktion und Abreaktion. Für Proust ist der „unmittelbare Genuss“ nicht zum Schönen fähig. Die Schönheit einer Sache erscheint „erst viel später“ im Licht einer anderen als Reminiszenz. Schön ist nicht der der augenblickliche Glanz des Spektakels, der unmittelbare Reiz, sondern das stille Nachleuchten, die Phosphoreszenz der Zeit.“

      An diese Erläuterung musste ich denken als ich Deine Bilder von Lissabon sah. Diese Stadt, durch die ich leider erst dreimal flanieren konnte, zeigte sich mir als eine besondere Schöne (auch unmittelbar), und die Erinnerungen daran lasse ich mir gerne durch solche Bilder immer wieder erwecken. An einigen der Standorte stand ich selbst. Gerne mehr davon.

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