„Wofür und wogegen schreibe ich an?“

Holtrop1Eine Frage, die ich zwar auch mir in aller Bescheidenheit ab und an stelle, jedoch für all jene, für die Schreiben Profession ist, ist sie eine zwingende Ausgangsfrage. Ist doch jedes Schreiben letztlich ein Plädoyer. Mal Anklage, mal Verteidigung bzw. Rechtfertigung. Deshalb Vorsicht vor denen, die vorgeben, uns nur berichten zu wollen. Niemand erinnert neutral, jeder ist zugleich Schöpfer und Richter seiner Anekdoten und Geschichten.

Lesen sollte deshalb immer von Skepsis begleitet sein, wenn wir es vorziehen, selbst zu einem Urteil zu gelangen. Ein Anspruch, dem wir jedoch häufig aus Bequemlichkeit nicht gerecht werden. Bequem, weil wir zum einen unsere Vorurteile nicht ständig in Frage stellen wollen, und zum anderen, weil wir kaum Autoren oder Medien wählen, die nicht mit unserer Haltung, unseren Werten, Idealen oder auch Ideologien in Einklang sind. Wir ziehen Bestätigungsliteratur nicht nur vor, sondern lehnen oftmals auch das Widersprüchliche kategorisch ab. (Selbst wenn wir uns damit konfrontieren, ist es uns kaum möglich nüchtern zu rezipieren.) Bei der Medienauswahl ist das offensichtlich, bei der Wahl der Autoren mag das nicht immer so augenscheinlich sein.

Ich hatte es mir bei Rainald Goetz so bequem gemacht. Das Bild, das mir über ihn vermittelt worden war, war mir wenig sympathisch: Provokateur, Miesepeter, Verächter und als Autor nicht nur Richter im oben beschriebenen Sinne sondern gleich selbstgerechter Schafrichter. (Ein Nachfahre von Robespierre)

Rainald_Goetz

Quelle Wikipedia

Nachdem nun Rainald Goetz der Büchner-Preis (Volker Weidermann Kommentar dazu, der interessant ist im Vergleich zu seiner unten genannten Kritik zu „Holtrop“) zugesprochen wurde, habe ich meine Aversion gegen ihn überwunden und seinen Roman „Johann Holtrop“ gelesen – zugegeben mit viel Vorbehalten. Alles, was ich darüber las, kumulierte in dem Bild „Tröge Klischee- und Bestätigungsliteratur über die Exzesse in einer entfesselten neoliberalen Gesellschaft.“ Und das leidige ewig gleiche Fazit daraus: Der Kapitalismus korrumpiert uns letztlich alle.

Ich habe mit dieser Einschätzung fast vollkommen Recht behalten. Es ist ein Roman über die menschlichen Abgründe in der Welt der Konzerne, in der sich eine Gesellschaft bildet, die letztlich nur Egomanie, Hybris und gegenseitige Verachtung kennt. Und doch habe ich mich in einem gewaltig geirrt: Es ist nicht tröge. Das liest sich über lange Strecken alles prächtig, mächtig fies und voll eloquenter Lust am sarkastischen Zermalmen einer in ihrer Selbstgefälligkeit sich suhlenden Mischpoke von menschlich erbärmlichen Charakteren.

DAVOS/SWITZERLAND, 25JAN07 - Thomas Middelhoff, Chief Executive Officer, KarstadtQuelle, Germany captured during the session 'Ensuring Future European Growth' at the Annual Meeting 2007 of the World Economic Forum in Davos, Switzerland, January 25, 2007.  Copyright by World Economic Forum    swiss-image.ch/Photo by E.T. Studhalter +++No resale, no archive+++

DAVOS/SWITZERLAND, 25JAN07 – Thomas Middelhoff Copyright by World Economic Forum swiss-image.ch/Photo by E.T. Studhalter

Dass es sich bei der Hauptfigur des Romans „Johann Holtrop“ recht unverhohlen um eine literarische Karikatur der Reizfigur in der jüngsten Geschichte der deutschen Wirtschaft Thomas Middelhoff handelt, ist unbestritten. Die biografische Fiktion zeigt, wie weit künstlerische Freiheit gehen darf, ohne sich Klagen persönlicher Diffamierung und übler Nachrede einzuhandeln.

Aus dem Roman trieft ständig die Verachtung aller über alle. Doch die blasierten Charakterzüge, die der Autor seiner Hauptfigur und anderen Nebenfiguren unterstellt, dürften für ihn im mindestens gleichen Maße gelten:

„Holtrop glaubte einschränkungslos an die Freiheit seines selbstbestimmten Handelns. Und die strukturelle Kaputtheit des Systems der Verachtung erzeugte bei ihm vorallem den Überlegenheitsgedanken: gut, dass ich weiß, dass alle kaputt sind, denn dann kann ich davon profitieren.“

In einem sehr aufschlussreichen Interview mit der Zeit offenbart Rainald Goetz, dass auch er durchaus selbst so herablassend auf die Gesellschaft blickt:

„Ich beschreibe eben nicht die gemütliche Art des Lesens, sondern ich beschreibe die reale Art des Erlebens. Und die reale Art des Erlebens ist: Da kommt einer rein, ich taxiere ihn und denke mir: oh Gott, noch so eine Ratte. So geht man durch die Welt, so orientiert man sich im Leben.“

Das literarische Vergnügen, das uns dieser Roman bereiten will, sind intellektuelle Schenkelklopfer über die alte Volksweisheit „Hochmut kommt vor dem Fall“. Die Skepsis des meist macht- und tatenlosen Intellektuellen gegenüber „Machtmenschen“ in der Wirtschaft und Politik wird hier selbstbefriedigend bestätigt, wenn Goetz seiner Figur Holtrop unterstellt:

„Er hatte Sehnsucht nach Tiefgang, genau weil er selbst keinen Zugang dazu hatte, und sehnte sich nach großen Fragen, die sich ihm nicht stellten.“

Dieses Klischee vom fehlenden tiefgründigen Denken bei vielen Machtmenschen und den daraus resultierend auch fehlenden gesunden Selbstzweifeln erklärt Goetz im Interview so:

„…, weil die Leute, die extrem stark – das habe ich auch in der Politik beobachtet – im Handeln verfasst sind und sich erfahren, nicht über Introspektion irgendwas ermitteln können. Das ist bei allen wirklichen Machern so. Da ist die Introspektion genauso unausgebildet, wie sie bei uns Schreibern überwertig ausgebildet ist.“

Holtrop5Da ich selbst viele Jahre im Dunstkreis von Konzernführungen tätig war, kann ich das Klischee bestätigen. Introspektion und offen ausgetauschte Selbstzweifel am Tun und Lassen sind in den Führungsetagen unangebracht. Sie sind von allen, nicht nur dem Führungspersonal, sondern von allen Konzernmitarbeitern nicht erwünscht. Keine Sachbearbeiterin, kein Lagerarbeiter respektiert nachdenkliche, abwägende und zögerliche Chefs. Alle wollen souveräne Kapitäne, die ihnen sagen, wo es langgeht. Und ich kann nur mit Hochachtung bestätigen, dass Goetz bei allem Sarkasmus den Konzernalltag sehr treffend und detailreich durchdrungen hat und beschreibt. Auch der Zynismus, dem wohl fast jede Führungskraft mit der Zeit erliegt, ist am Beispiel des so gern notwendig erachteten „guten Betriebsklimas“ sehr treffend offenbart:

„betriebsklimatische Probleme… waren zwar primär ein Unterschichtenphänomen in der Firma, aber für die Mitarbeiter unterhalb der Ebene der mittleren Führung, die faktisch aus der gehobenen Unterschicht rekrutiert wurden, war Stimmung eben alles, …Wer so anspruchsvolle Aufgaben hatte, dass es sich mit deren Inhalt und also mit seiner Arbeit selbst identifizieren konnte, brauchte kein gutes Betriebsklima, die anderen schon.“

Doch mit der Zeit wird der bissige Humor schon recht ermüdend, wenn denn alle Romanfiguren so vorgestellt werden könnten:

„der subalterne Idiot, der froh war, sich als erstes gleich ein bisschen locker lachen zu dürfen, ja, zu sollen, war leider der bei weitem häufigste Fall, …“

Und ich kann Volker Weidermann nachvollziehen, der in seiner Kritik über „Holtrop“ schrieb:

„Den ganz großen Größenwahn seines Projektes hat Goetz ja schon in den Untertitel des Romans hineingelegt: „Abriss der Gesellschaft“. Wenn man den Roman ganz gelesen hat, ist klar, dass es Goetz mit diesem Buch vor allem um die zerstörerische Lesart dieses Untertitels geht. Der Gesellschaft, die hier vorgestellt wird, kann nur durch kompletten Total-Abriss geholfen werden. Mit diesen Menschen, diesem System ist keine Hoffnung möglich.“

„Denn einen reinen Helden kennt dieses Buch natürlich doch, und das ist der Erzähler, der, mit seinen Vernichtungsnoten herumwerfend, ganz ernsthaft durch diese Romanwelt spaziert: Er ist der Einzige, der weiß, wie’s läuft, der Einzige, der weiß, wie erbärmlich alle sind. Alle, alle außer: Ich. Giftzwergprosa, jämmerlich.“

Nicht zuletzt sollte man als Leser auch bedenken, dass Rainald Goetz sich selbst auch nicht der Faszination des persiflierten „Machtmenschen“ entziehen kann. So gesteht er im Interview mit der Zeit:

„Übrigens hat der Michi Kern, ein Freund von mir, mir eine SMS geschickt: bin jetzt Middelhoff-Fan. Und da habe ich mir gedacht, ja, ich natürlich auch. Es gibt in meinem Buch Abfall, das wollte ich auch immer mal bei einer Lesung vorlesen, eine Passage, wo es über Erzählung und Märchen geht, und da kommt Middelhoff vor und da heißt es, das war 1998, dass so ein Mensch mit seinen fünf Kindern, der so ein unfassbar tolles Wirtschaftsimperium leitet, sich nebenher auch diese familiäre Beanspruchung leistet, das erfüllt mich mit unendlicher Begeisterung. Die Basis der Auseinandersetzung mit dieser Figur, der man sich so interessiert und intensiv zuwendet, ist natürlich Nähe, Faszination und Begeisterung.“

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3 Gedanken zu “„Wofür und wogegen schreibe ich an?“

  1. Ich hege in bezug auf dieses Werk einen ganz ähnlichen Verdacht: es ist gründlich mißlungen und es ermüdet. Ich hatte vor sechs oder sieben Wochen anläßlich des Büchnerpreises bereits 2 Seiten gelesen und mir überlegt: Ich schreibe einfach mal einen grandiosen Verriß, ohne das Buch im Gesamt zu kennen. Mal sehen, was dabei herauskommt. Und dann lese ich es vielleicht doch noch zu Ende. (Ach, die schöne Lebens- und Lesezeit!. Aber wie es so ist: es kam wieder anderes dazwischen. Insofern lege ich dieses Projekt beiseite und werde kurz vor oder kurz nach der Preisverleihung zu diesem Buch etwas schreiben. Ich bin nach wie vor gespannt wieweit Vorurteilsstruktur und ästhetisches Urteil zur Deckung kommen werden.

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