„Liest Du noch Hesse?“

Hesse-BiografieDiese Frage – von einem Unterton begleitet, der einem sagen soll, dass man wohl beim Literaturgeschmack in der literarischen Adoleszenz stehen geblieben sei – stellt sich öfter, wenn Besuchern die 20bändige Hesse-Gesamtausgabe ins Auge fällt. Und ich gebe zu, dass ich sie zunächst aus Dankbarkeit an Hesse erworben habe. Doch auch der Wunsch, einiges wirklich mal wieder in die Hand zu nehmen, ist noch ernsthaft. Denn Hermann Hesse ist nun mal – neben Frisch, Salinger und Proust – einer der Schriftsteller, der mir den Zugang zu Literatur verschafft hat. Und damit steh ich ja nicht alleine. Eher wohl in einer sehr konventionellen Tradition vergangener und zukünftiger Lesergenerationen. Und ebenso konventionell scheint es zu sein, dass das Lesen von Hesse beginnend mit der Vollendung des 20sten Lebensjahr zunehmend belächelt wird. Warum eigentlich?

Dieser Frage geht Gunnar Decker gleich zu Beginn seiner Biografie Hesses „Der Wanderer und sein Schatten“ nach und räumt bei mir gleich die leichten Zweifel an einer Wiederbeschäftigung mit Hesse aus. Und es wird dann im weiteren Verlauf für mich eine durchweg begeisternde Wieder- und riesige Neuentdeckung Hesses. Ich bin Decker uneingeschränkt dankbar für diese vorbildliche Biografie. Sie macht nicht nur ungeheuer Lust darauf, Hesses Bücher wieder zu lesen, sondern vermittelt auch intensiv und breit, wie spannend der biografische und geschichtliche Kontext dieses herausragenden Autors ist.

Die Biografie fand ich nicht nur inhaltlich packend, sondern auch aufgrund Stil und Form. Ich war nie verführt, Passagen quer zu lesen, da ich alles interessant und relevant fand – trotz der mehr als 600 Seiten. Das Buch ist für Leser, die öfter unterbrechen müssen oder nur in kleinen „Portionen“ lesen wollen sehr entgegenkommend strukturiert.

Ich bin auch ein begeisterter Leser der Biografien von Rüdiger Safranski. Gunnar Decker ist mir jetzt mindestens ebenso empfehlenswert. Ich werde sicher von ihm und bald auch wieder was von Hesse lesen.

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9 Gedanken zu “„Liest Du noch Hesse?“

  1. Es ist wirklich ein eigenartiges Phänomen, welches da in Bezug auf Hermann Hesse existiert. So viele lesende Menschen meinen, Hesse sei einem bestimmten Alter verpflichtet. Das fiel mir schon in der Schule auf, als der gutmütige Geschichtslehrer meinte: „Ja, Hesse…den habe ich in Ihrem Alter auch noch rauf und runter gelesen, aber jetzt…naja das werden sie schon noch merken. Hesse ist für die Jugend.“ Ich finde es generell eigenartig, aufgrund des Alters Bücher abzulehnen. Doch warum das bei Hesse immer wieder passiert? Vielleicht sollte man einfach die Perspektive ändern und sich fragen, was anders wird und was man Neues entdecken kann, wenn man den „Steppenwolf“ später nochmal liest. Gerade ein Wiederlesen ist ja immer spannend. Ich persönlich kann sowohl den späten Werken, als auch der frühen Novembernacht im Hermann Lauscher immer wieder etwas abgewinnen. Ich hatte auch das Glück im Studium einen Dozenten zu haben, der sich nicht zu alt für Hesse fühlte und ich mich seinem Werk dadurch nochmal ganz anders nähern konnte.

    Die Biografie klingt auf jeden Fall spannend. Danke für den Tipp. Gunnar Decker ist mir bereits in Hinblick auf Franz Fühmann begegnet. Ich habe „Die Kunst des Scheiterns“ zwar nicht im Gesamten gelesen, erinnere mich aber an eine sehr spezifische Herangehensweise, die sich von anderen, eher klassischen Biografien abhob.

  2. Gutes Erinnermich. Hesse muss ich unbedingt mal lesen. Gibt wirklich viele, die Hesse seit ihrer Jugend verehren. Fand ich immer schon faszinierend.

  3. Danke für den Tipp – werde ich mir besorgen. Denn: Ja auch ich habe mit Hesse den Zugang zur Literatur entdeckt, es ist, als hätte ich die blauen, grünen und braunen Suhrkamp-TBs noch bei mir…Er war mein Begleiter in den „Coming-of-Age“- Jahren, wie eben bei vielen Lesern hier (woran man wieder sieht, wie „individuell“ wir sind). Lange lag er unbeachtet brach, aber neuerdings entdecke ich ihn wieder für mich. Kecke Frage in die Runde: Kann es sein, dass Hesse der einerseits aufwählende aber auch trostgebende Sinnsucher der Literatur für die kritischen Lebensphasen ist (Pubertät und Midlife-Crisis) und dann für das Ruhigerwerden im Älterwerden?

    Meine Spurensuche geht so weit, dass ich grad auf seinen Pfaden durchs „Ländle“ streife: http://saetzeundschaetze.com/2015/08/13/kloster-maulbronn-hier-kam-hermann-hesse-unters-rad/

    Viele Grüße, Birgit

    • Liebe Birgit, danke für Deinen Kommentar und den Hinweis auf Deine spannende Spurensuche. Ich kann Deine Frage noch nicht beantworten. Denn so gerne ich die Biografie gelesen habe und so spannend die vielen neuen Facetten sind, die ich über Hermann Hesse las, ich bin noch immer nicht so weit, von ihm wieder etwas zu lesen bzw. von ihm etwas wieder zu lesen. Am meisten juckt es mich Narziß und Goldmund wieder in die Hand zu nehmen. Doch es ist wie bei einem guten Wein, den man im Keller hat und ewig vor sich herschiebt, den passenden Moment zu finden, ihn endlich zu öffnen und hoffentlich auch geniessen zu können. Aber sicher gäbe es dann auch noch viel Neues zu entdecken. Wie zu sehen: 20 Bände! Da kenne ich vielleicht ein Viertel von.

      Die Tatsache, dass es bei mir zuerst Narziß und Goldmund ist, was ich wieder lesen möchte und eben nicht Steppenwolf, Siddhartha oder gar Glasperlenspiel, weist schon darauf hin, dass es bei mir eher eine sprachliche und erzählerische Erweckung war, die mir Hesse bot. Dieser dualistisch angelegte Entwicklungsroman, der ja letztlich die eigene Zerrissenheit spiegelt (Zu welche charakterlichen Seite neige ich eher?) hatte mich besonders berührt und entspricht auch noch meinem heute nicht selten hin und her gerissenem Wesen.

  4. Vielen Dank für den Lesetipp. Ich bin sowohl sehr begeistert von Hesse als auch von Biografien über Autoren. Über Hesse habe ich die Biografie von Heimo Schwilk im Regal stehen, leider noch ungelesen. Das sollte sich bald ändern.

  5. Danke dir von Herzen für diesen Eintrag! Mir geht es ähnlich wie dir, Hesse und Frisch haben mir den wirklichen Zugang zu Literatur geöffnet. Auch heute noch nehme ich die Bücher dieser beiden grandiosen Autoren immer wieder gern zur Hand. Die Biografie von Gunnar Decker habe ich gerade erst erworben und jetzt bin ich erst richtig gespannt und freue mich darauf:-)

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