Wo liegen die Grenzen unserer ethnischen Toleranz?

Foetus-Bild

by Wolfgang Moroder

Vor kurzem berichteten einige Medien über die Klage einer weißhäutigen Amerikanerin gegen eine Samenbank. Sie hatte versehentlich die Samenspende eines dunkelhäutigen Spenders erhalten und bekam eine dunkelhäutige Tochter, die heute drei Jahre alt ist. Im Artikel wird sie zitiert sie liebe ihre Tochter und für nichts auf der Welt würde sie das Mädchen hergeben. Doch eine farbige Tochter wäre nicht das, was sie gewollt habe. In ihrer gesellschaftlichen Umgebung gäbe es fast nur Weiße, sie sei somit als Außenseiterin stigmatisiert. Nebenbei bemerkt: sie lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Die Klage wurde – vorerst – abgewiesen.

So weit, so gut, könnte man meinen. Doch mich hat dieser Bericht etwas vor den Kopf gestoßen. Denn er rührt an einem Umstand, der uns in mehreren Hinsichten ein moralisch-ethisches Dilemma veranschaulicht.

Zunächst stelle ich mir die medizinisch-ethische Frage nach der Grenze des „Kinderwunschprogramms“. Heftig werden ja mit Recht die Konsequenzen der Pränataldiagnostik und auch den sich aktuell abzeichnenden gentechnologischen Möglichkeiten beim Menschen diskutiert. Während wir es bei der Diagnose einer Behinderung wohl mehrheitlich als legitim erachten, den Fötus abzutreiben, wären wir sicher überwiegend empört, wenn das diagnostizierte Geschlecht dazu den Anlass gibt. Doch worauf basiert hier unsere selbstgerechte Anklage? Ist es nicht legitim, dass Eltern auch eine Genderquote durchsetzen möchten, wenn sie eine Tochter haben und jetzt einen Sohn wünschen?

Ebenso selbstverständlich erscheint es uns, dass man sich aus dem „Katalog einer Samenbank“ anhand ausführlicher Profile der Samenspender einen wunschgemäßen Erzeuger auswählen kann. Wem dies so nicht bekannt ist, der schaue mal online. So lässt sich zwar nicht das Geschlecht bestimmen, jedoch einige „Ausstattungsmerkmale“ werden deutlich wahrscheinlicher, u.a. Körpergröße, Intelligenz, Haar- und Augenfarbe.

Bildschirmfoto 2015-09-24 um 12.45.30Und wohl ganz erwartungsgemäß steht am Anfang aller Auswahlkategorien die ethnische Herkunft des Spenders. Und spätestens da trifft die Mehrheit auf das zweite ethisch-moralische Dilemma: während mir vielleicht noch viele zustimmen, wenn ich die Ansicht vertrete, dass es ethisch doch recht zweifelhaft ist, vermeintlich bessere Erbanlagen für mein Kind erwerben zu können, so erachtet es vermutlich die Mehrheit als selbstverständlich, dass man zumindest die Ethnie als Wahlkriterium gelten lässt.

Es wäre kaum vorstellbar, dass das Geschäft mit Samenspenden boomen würde, wenn es rechtlich festgelegt wäre, dass keinerlei Merkmale über den Spender bekannt gemacht werden dürfen – selbst die ethnische Herkunft nicht. Und wenn zudem alle Samenbanken verpflichtet wären, alle Ethnien weltweit im „Portfolio“ anteilig der Weltbevölkerung zu führen und den Empfängerinnen den Spendersamen nach dem Zufallsprinzip zukommen lassen müssten, wäre die Form dieser Zeugung wohl ein winziges Nischengeschäft.

Soweit geht die ethnische Toleranz denn doch nur bei wenigen. Völlig unwissend zu sein, welcher Ethnie der Erzeuger ihres Kindes zugehört, werden die meisten Empfänger wohl nicht hinnehmen. Das Argument, im Leben würde man ja auch seinen Partner auswählen, sticht hier nicht. Denn dabei geht es ja zumeist um die Wahl des Lebenspartners. Hierbei können sicher ethnische Bedenken eine Rolle spielen, wenn man der Ansicht ist, dass bestimmte unterschiedliche ethnisch-kulturelle Prägungen die Beziehung langfristig belasten könnten. Doch wer dies bewusst oder unterbewusst bei der Samenspende unterstellt, nähert sich irrationalem, rassistischem Gedankengut.

Konsequent weiter gedacht wird meines Erachtens deutlich, dass zwischen Weiß und Schwarz jede Menge graue moralisch-ethische Haltung liegt. Das sollten wir uns eingestehen, bevor wir über Moral und Haltung anderer urteilen. Denn völlig vorurteilsfreie Toleranz, wie ich sie hier angedeutet habe, bringen meines Erachtens nur sehr wenige auf. Und dies gilt einerseits in Bezug auf ethnische Voreingenommenheit und anderseits auch in Bezug auf pränatale Manipulationen.

Es gibt hier kein klares Richtig oder Falsch, sondern nur ein vom Zeitgeist beeinflusster und immer wieder neu auszuhandelnder Konsens. Oder wie seht Ihr das?

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10 Gedanken zu “Wo liegen die Grenzen unserer ethnischen Toleranz?

  1. Für die meisten Paare, die auf Samenspende angewiesen sind, geht es schlicht darum, überhaupt Kinder zu haben. Vielen ist es absolut egal, wie schlau oder dumm das Kind später mal ist, wie groß oder klein und wie blond oder schwarzhaarig.

    Zur Wahl der Merkmale des Spenders: In vielen (deutschen) Samenbanken kann man sich den Spender nicht selbst aussuchen, oder man darf höchstens aus drei von der Samenbank vorausgewählten Spendern wählen. Die Samenbanken suchen meistens einen Spender aus, der dem 2. Elternteil möglichst ähnlich sieht. Unter anderem deshalb, damit zumindest Heteropaaren die Wahl gelassen wird, ob die Kinder über die Entstehung aufgeklärt werden sollen. Dies wäre nicht möglich, wenn der Spender eine andere ethnische Herkunft hat, als die Eltern… Von „ich kauf mir mal die Gene für mein perfektes Wunschkind“ ist das, wie es hier in Deutschland durchgeführt wird, also weit entfernt. Mal abgesehen davon, dass man Samenspende eh nur wählt, wenn man keine andere Wahl hat, d. h. wenn es nunmal keinen fruchtbaren Mann als mögliches Elternteil gibt (sei es nun bei Frauenpaaren oder Heteropaaren mit unfruchtbarem Mann oder Singles mit Kinderwunsch). Nur, um da irgendwo was zu optimieren sich Gene kaufen, die möglichst ideal und perfekt sind… Nein, das dürfte, wenn überhaupt, nur einen ganz geringen Prozentsatz der „Kunden“ einer Samenbank ausmachen.

    … Im übrigen haben wir unsere beiden Kinder dank eines Spenders aus genau der gezeigten Samenbank bekommen dürfen. Und den haben wir nicht ausgesucht, weil er x cm groß war und blond/braun/schwarze Haare und blau/grün/graue Augen hatte oder wir uns erhofften, dass daraus besonders hübsche oder kluge Kinder werden.

    • Danke für den aufklärenden Kommentar. Es ist sicher noch ein weiterer, individueller Aspekt, den Spender nach dem Kriterium von Ähnlichkeiten auszuwählen, um das Kind nicht früh über seine biologische Herkunft aufklären zu müssen. Und schon die Frage, ob man überhaupt aufklären soll oder gar muss ist sicher schwer konsensfähig zu beantworten. Nicht ganz nachvollziehen kann ich, dass Sie einerseits keinerlei Intention bestätigen wollen, bei dieser Form der Zeugung nach Wunschkriterien auszuwählen. Man muss ja wählen. Ich kann mir beispielsweise kaum vorstellen, dass ein Paar, das unterdurchschnittlich groß ist, einen Spender aussucht, der auch unterdurchschnittlich groß ist. Und zudem repräsentiert die Samenbank bzw. die Spender ja nicht die Gesellschaft, sondern sind ja schon eine „optimierte“ Vorauswahl an besonders geeigneten Erzeugern. Zudem fand ich beim Check der Profile nur Spender, die eine höhere, meist akademische Ausbildung hatten.

    • Wir hatten bei unserer Suche durchaus auch Spender gesehen, die eine ganz normale Ausbildung hatten, entsprechend einer „Lehre“ in Deutschland. Zimmermann z. B., oder Maurer ;) Akademiker sind dort keineswegs alle.

      Wählen mussten wir nicht wirklich – von unserer Kinderwunschklinik war für die Behandlung, die wir anstrebten (IUI) eine gewisse „Mindestqualität“ (Samenzellen pro ml) vorgegeben, um eine möglichst gute Chance auf eine Schwangerschaft zu haben – und zu dem Zeitpunkt gab es bei der Samenbank genau 3 Samenproben, die diese Kriterien erfüllten. Nach Äußerlichkeiten sind wir deshalb nicht gegangen. Uns wäre es aber so oder so egal gewesen, ob der Spender 1.65 m oder 1.95 m groß gewesen wäre. Unsere Kinder werden von Anfang an mit dem Wissen aufwachsen, wie sie entstanden sind, da fanden wir es sehr unsinnig, den Spender nach Ähnlichkeit zum nicht-genetischen Elternteil auszusuchen.

      Normalerweise besteht die Vorauswahl der Samenbanken lediglich darin, Männer mit geeigneter Samenqualität auszuwählen. Durch den Vorgang des Einfrierens/Wiederauftauens der Samenproben müssen diese überdurchschnittlich gut sein, damit eine Schwangerschaft überhaupt möglich ist. Soweit ich weiß, ist dies – neben Altersgrenzen, oft müssen die Männer zwischen 20 und 40 Jahre alt sein – bei vielen Samenbanken das einzige Kriterium. Also werden durchaus auch Männer mit nicht-akademischer Ausbildung als Spender zugelassen. Nun wäre die Frage, warum gerade Akademiker überdurchschnittlich oft in den Samenbanken vertreten sind ;) Vielleicht weil man im Studium mit vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt kommt und von den Problemen, die Unfruchtbarkeit mit sich bringt, weiß? Und deshalb helfen möchte? Zumindest ist „helfen wollen“ ein sehr häufiges Motiv.

      Im übrigen suchen sich die meisten (Hetero-)Paare einen Spender aus, der möglichst ähnlich zum sozialen Vater ist. Einfach auch deshalb, um nicht immer und überall darauf angesprochen zu werden, ob der soziale Vater der „richtige“ Vater ist, oder um unangenehme Kommentare zur fehlenden Ähnlichkeit zwischen sozialem Vater und Kind(ern) zu vermeiden. Denn selbst wenn man seine Kinder über die Entstehung aufklären möchte, möchte man dies möglicherweise nicht in der Dorfbäckerei oder beim Kinderarzt mit unbeteiligten, neugierigen Menschen ausdiskutieren müssen ;)

  2. Es stößt ja auch, heftig sogar. Es ist aber, denke ich, schwierig sich dazu öffentlich zu äußern. Privat wüsste ich sehr genau, wie ich dazu stehe, und was ich moralisch vertreten kann. Aber das ist etwas anderes, als seine Ansicht zur Diskussion zu stellen.
    Aber es stimmt ja: Die moralischen Schwierigkeiten sollte man nicht beseiteschieben. Und ich bin der Ansicht, man sollte das nicht mit dem Beispiel „Verhütung hat nicht geklappt“ in einen Topf werfen. Dann kommt alles durcheinander. Dann wären die moralischen Schwierigkeiten schnell vom Tisch, wenn ich über meinen natürlich gezeugten Sohn sagen würde, er hätte etwas größer sein sollen, mit blonden Haaren, kleinerer Nase, weniger ausgeprägte Segelohren, dunkler Teint, etwas freundlicheres Wesen und überhaupt am besten ein Mädchen etc. etc. Darunter könnte ein Kind leiden, wenn man es damit konfrontiert, ganz gleich, wie es gezeugt wurde. Aber es wird kein moralisches Problem daraus, denn der Junge ist so groß, wie er ist. Und er ist so blond, wie er ist. Oder eben nicht. All mein Wünschen im Vorfeld – hach, was wünsche ich mir doch einen starken, blonden Jungen – hat eben keine Konsequenz. Wenn man allerdings, wie bei einem Bestellvorgang, darauf Einfluss nehmen kann, die Wünsche also Gewicht haben, dann trägt man plötzlich eine andere moralische Verantwortung.

    Das hilft nun kaum weiter… Aber jedenfalls Danke für den Artikel…

    PS. Mein erster Versuch zu kommentieren ist offenbar im WordPress-Nirvana verschwunden.

    • Danke für den Kommentar. Das Unbehagen ist für mich immer der erste Schritt, um sich weitere Gedanken zu machen. Und dieses Thema ist eines, über dass man sich eine Meinung bilden muss. Denn es ist ein gesellschaftspolitisches. Wer nicht in einer Zukunft leben will bzw. seinen Kindern überlassen möchte, in der willkürlich und nach finanzieller Potenz Kinderwünsche erfüllt werden, muss entsprechend Stellung beziehen.

  3. Samenbanken verkaufen, profitorientiert, zuvor ausgewählten Samen. Autofirmen Autos. Wenn ich mir einen Jaguar in mattschwarz bestellt habe, oder in british racing green erwarte ich bei Auslieferung exakt diese Farbe, ansonsten wird reklamiert. Die Klage dieser Eltern ist insofern für mich völlig nachvollziehbar und hat für mich nichts mit Diskriminierung zu tun. Schwierig wirddie Angelegenheit, wenn die Tochter in ein Alter kommt in welchem sie mit dieser Angelegenheit konfrontiert wird. Dies als „liebende“ Mutter einem Kind zu erklären wird womöglich fast unmöglich. Andererseits. Wieviel Kinder wissen, dass ihr Leben nur dank Verhütungsversagen entstand? Was technisch machbar ist wird fast immer gemacht. Hier ist die Gesamtgesellschaft gefordert, alles auf den Prüfstand zu legen und zu diskutieren.

    • Danke für den Kommentar. So nüchtern mag ich es für mich nicht halten. Es ist jetzt erst mal ein gedankliches Ausloten. Es sind ja zwei Dinge, die uns in Gewissenskonflikte bringen können bzw. sollten. Einerseits die Frage, wie wunschgemäß lass ich mir meinen Kinderwunsch erfüllen. Hier ereilt uns der Optimierungswahn. Es wird mit der Zeit immer schwieriger werden, als nicht „optimiertes“ Wesen aufzuwachsen. Genetisch bedingt geistig unterbemittelt oder unattraktiv zu sein, wird ein zunehmendes Handicap für ein Teil der Gesellschaft.

      Zum zweiten die Frage, wie ethnisch intolerant wollen wir bleiben. In einer aufgeklärten Gesellschaft gibt es keinen legitimen Grund, warum man bei der künstlichen Befruchtung die Ethnie auswählen kann. Sie ist ja nicht mal ein Teil der Optimierung, es sei denn, man untermauert gerne die bestehenden Ressentiments. Dann müssten sukzessive alle Kinder allmählich hellhäutig werden und es wäre fahrlässig als dunkelhäutige Mutter einen dunkelhäutigen Spender zu wählen. Man würde es ja automatisch benachteiligen.

      Was das Erklären des Kindes betrifft, so ist dies immer ein schwieriger Akt und nicht kalkulierbar, wie das von dem Kind aufgenommen wird – völlig unabhängig davon, wie ähnlich es ist. Interessantes Fallbeispiel hier in der Zeit: http://www.zeit.de/wissen/2013-04/kinderlos-samenspender-eltern/komplettansicht

    • Ich erlebe bei Bekannten und auch im Familienkreis mit wie, mehr oder weniger verzweifelt, hier versucht wird sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Das ist mittlerweile auf natürlichem Wege oft gar nicht mehr so einfach. Als Mutter zweier, bereits älterer Wunschkinder weiß ich, dass sich Kinder nie nach Plan ihrer Eltern entwickeln, sondern ihren eigenen Weg gehen. Unsere Gesellschaft (hier ist der reiche Anteil in den Industrienationen gemeint) versucht alles zu optimieren. Nicht zu altern, gephotoshopt tip top auszusehen, dabei nehemn Druck und seelische Erkrankungen massiv zu. Ich sehe das relativ gelassen, denn Perfektion ist nur den allerwenigsten von uns gegeben. Für bedenklicher als die Auswahl einer Ethnie, finde ich die Pränataldiagnostik und ihre Auswüchse, denn dabei werden Versprechungen suggeriert mit deren potentiellen Auswirkungen die werdenden Eltern doch sehr oft alleine gelassen werden.
      Zu deinem Beispiel. ich glaube, dass sich dunkelhäutige Eltern im „Samenspendenfall“auch immer für ihre Ethnie entscheiden. Angesichts der aktuellen Lage in den USA sollten sie allerdings darauf achten in diesem Falle ein Mädchen zu bekommen.

  4. Nein, da gibts kein Richtig oder Falsch. Das gibts ja überhaupt eigentlich nirgends wenn man immer alle Seiten auszuleuchten versucht. Es ist die Zeit der vielen Möglichkeiten (und zum Teil noch des „alten Gedankenguts“) – die Auseinandersetzung damit kann anstrengend sein, ich bin jedenfalls gespannt wo es hinführen wird.

    Ich bin neu Leserin bei Ihnen – danke schon mal für die ausführlichen Besprechungen.

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