Und womit schlagt Ihr die Zeit tot?

FullSizeRender-2Es ist herrlich luxuriös, dass sich der Mensch über Dinge Gedanken machen kann, derer er wohlwissend nicht wirklich habhaft wird: über das Sein und das Nichts, über das „Wer bin ich?“, über das „Denken an sich“ und auch über die „Zeit“, wie aktuell Rüdiger Safranski in seinem neuem Buch. Alles Dinge, die zudem unabdingbare Voraussetzungen sind, um sich überhaupt solchen Gedanken widmen zu können.

Das sonderbare Ding „Zeit“, über das wir gerne lamentieren, dass es uns fremdbestimme, dass es uns regiere, ja versklave, dass es uns unaufhörlich durchs Leben hetze, dies „Ding“, das ein knappes Gut sei, dröselt uns Rüdiger Safranski in Hinblick auf die Frage auf, was die Zeit mit uns macht und was wir aus ihr machen.

Wer den sympathischen Wunschonkel-Autor Rüdiger Safranski ebenso schätzt wie ich und einen großen Teil seiner Biografien und Sachbücher gelesen hat, wird in seiner essayistischen Betrachtung der Zeit eine Menge Bekannte treffen. Safranski liebt es, vielerlei Gedanken und passende Zitate großer Geister in den Fluss seines enzyklopädischen Plauderns hineinzuwerfen. Neben den zu erwartenden Philosophen, denen er eigene, sehr lesenswerte Biografien gewidmet hat (Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger) finden da auch viele ihrer Zeitgenossen Erwähnung. Aber auch Analysen neuerer Gesellschaftskritiker – und fast auch schon Klassiker – wie Gerhard Schulze (Erlebnisgesellschaft) und Ulrich Beck (Risikogesellschaft) fließen in diesen anregenden Diskurs über das eigentlich Unfassbare ein.

FullSizeRender-1Gekonnt gelingt es Rüdiger Safranski, Struktur zu suggerieren, wie er sein gewähltes Thema abhandelt. Doch kann er meinen Verdacht, etwas willkürlich Schwerpunkte zu setzen, nicht gänzlich ausräumen. Denn letztlich lässt sich der betrachtete Gegenstand nur gedanklich umkreisen, aber nie dingfest machen. Dies geht aber weder zu Lasten des Gehalts noch des Verständnisses des Buches – im Gegenteil: sehr schlüssig verknüpft folgen in zehn Kapitel gefasste Betrachtungen aufeinander, die jeweils ein Komplex in Verbindung mit der Zeit erörtern: beginnend mit der Zeit der Langeweile als Einstieg, folgen die Zeit des Anfangens, Zeit der Sorge, vergesellschaftete Zeit, bewirtschaftete Zeit , Lebens- und Weltzeit, Weltraumzeit, Eigenzeit, Spiel mit der Zeit und erfüllte Zeit und Ewigkeit.

Schon der Einstieg über die Zeit der Langeweile erinnert an unseren ambivalenten Umgang mit der Zeit. Während die moderne Erziehung gerne vehement darauf pocht, dass Kinder unbedingt auch der Langeweile ausgesetzt werden müssen, damit sie selbst kreative Auswege suchen, ist sie unter Erwachsenen verpönt. Denn für empfundene Langeweile erachten wir uns selten selbst verantwortlich. Fast immer sind es die äußeren Umstände bzw. Ereignisse, die uns vorgeblich langweilen, anöden, Zeit rauben.

Denn Zeit ist, wie Safranski herleitet, die Dauer von Ereignissen. Ohne Ereignisse gäbe es keine Zeit. Langweile tritt somit immer dann bei jemandem ein, wenn sich bei ihm an die Ereignisse kein lebendiges Interesse knüpft. Es ist also eine subjektiv empfundene Ereignislosigkeit. Die Zeit steht für uns still und wir begegnen in diesem Moment dem „Nichts, das sich in der Langeweile zeigt“, entdecken so die ganze „Abgründigkeit des Menschen“ und sind damit einem Kerngedanken Heideggers auf der Spur. Also, beim nächsten Meeting oder wenn sich mal wieder der Zug verspätet, daran erinnern: in diesen Momenten ist eine metaphysische Erfahrung á la Heidegger möglich.

Etwas konkreter kommt einem beim Thema Langweile und der Metapher „Zeit totschlagen“ Neil Postmans „Wir amüsieren uns zu Tode“ in den Sinn oder auch Gerhard Schulzes Analyse der heutigen „Erlebnisgesellschaft“. Doch schon als Blaise Pascal die Gesellschaft im 17. Jahrhundert betrachtete, sah er „den Mensch sich verzehren in dem Hin und Her zwischen der Langeweile drinnen, der er zu entfliehen sucht, und der Zerstreuung draußen, in die er sich flüchtet.

IMG_3384Betrachtet man die Zeit im Kontext des Anfangens, wie es Safranski im zweiten Kapitel macht, findet man hier erstmals das Paradox, dass wir uns fast nie in der Gegenwart befinden. Die Gegenwart ist in unserem Bewusstsein bestenfalls ein Moment von wenigen Sekunden (laut dem Hirnforscher Ernst Pöppel 3 Sekunden). Alles andere ist Vergangenheit oder Zukunft. Was wir als gegenwärtig verstehen, ist eigentlich alles nur Erinnerung. Musik bietet ein anschauliches Beispiel, um uns den Moment der Gegenwart klar zu machen. Er ist kein Zeitpunkt, sondern ein kleiner Zeitraum. Denn ansonsten könnten wir keine Melodie wahrnehmen, sondern „immer nur Schnappschüsse von Tönen“.

Die Zeit des Anfangens ist immer der Beginn eines selbstbestimmten Handelns. Dabei muss uns jedoch bewusst sein, dass wir willkürlich diesen „Zeitpunkt“ setzen, an dem wir entscheiden, die Vergangenheit für vergessen oder für „nichtig“ zu erklären, und mit einer Vorstellung von der Zukunft loslegen. Im Leben könnten wir dies nicht, wenn es uns unmöglich wäre, die Vergangenheit „ad acta“ zu legen. Denn der Anfang unseres Lebens ist ja fremdbestimmt, ist dieses existentialistische in die Welt geworfen sein. Wir haben es uns nicht ausgesucht, geboren zu sein. Den Anfang unseres Lebens bestimmen andere: Eltern oder vergleichbare Bezugspersonen. Die Aufgabe der Erziehung ist es, uns so selbstbewusst aus der kindlichen Fremdbestimmung zu entlassen, dass wir irgendwann den Zeitpunkt finden, an dem wir denken, jetzt fange „Ich“ an.

Doch damit endet nicht aller Neubeginn im Leben. Jederzeit stehen wir vor der Möglichkeit, erneut anzufangen. Und ein gesellschaftlicher Common Sense dafür ist eine zyklische Zeitbetrachtung: Jahresende und –beginn. Die existenzielle Frage die man sich stellen kann: bin ich dann noch dasselbe „Ich“? Ein besonderes Gedankenspiel dabei: wenn der Auslöser des Neuanfangs ein Schämen für Vergangenes ist, so ist die Frage, ob dies denn dann nicht immer ein Fremdschämen ist. Denn für wen schäme ich mich? Für den, der ich in der Vergangenheit war, aber eben jetzt nicht mehr bin, dem ich mich entfremdet habe, da ich geläutert bin und mich neu erfinden will. So ist Schämen eigentlich immer ein Fremdschämen.

Es gibt zahlreiche weitere Gedanken, die Rüdiger Safranski im Kontext mit den Fragen zum Phänomen „Zeit“ anregt und selbst erörtert. Jedem der zehn Kapitel könnte man einen eigenen Essay widmen. In der „Zeit der Sorge“ verweist er u. a. auf die von Ulrich Beck konstatierte Risikogesellschaft. Alle Zeit ist von der Sorge über die Zukunft geprägt und entsprechend betreiben wir stetig Vorsorge. Doch „die Sorgen wachsen auch mit der Vorsorge, die außerdem die Spielräume der Freiheit einschränken. In der Regel ist man bereit, diesen Preis zu zahlen.“ Doch aktuell ist der Preis verdammt hoch.

IMG_3382Auch Proustianer finden ihren literarischen Sucher der verloren Zeit ausreichend gewürdigt. Er ist sicher einer der berühmtesten Repräsentanten in der Literatur, die unseren sehnlichen Wunsch, Zeit konservieren zu können, zu erfüllen versuchte. Dass dies jedoch niemals befriedigenden gelingen kann, da wir Zeit bzw. die Ereignisse nur selektiv und interpretiert erinnern, dieser Tücke ist sich ein Biograf wie Rüdiger Safranski wohl kritisch bewusst.

Und nicht zuletzt macht uns Safranski einmal mehr deutlich, dass sich zwar die Zeiten ändern, doch das gleichmäßige Rinnen der Zeit unverändert bleibt. Daran ändert auch die einsteinische Entdeckung der Relativität der Zeit nichts, die Safranski sehr anschaulich erklärt. Wenn wir heute gerne eine notwendige Entschleunigung fordern, wir also meinen, die Zeit rase dahin und hetze uns, dann sind wir bei manchen Dinge einfach nicht mehr Kinder unserer Zeit. Und oftmals sind wir dabei auch recht widersprüchlich. Denn einerseits wünschen wir uns mehr Zeit für die eigene Entscheidungsfindung, doch anderseits empören wir uns, wenn viele Dinge nicht beschleunigt werden. Aktuell erleben wir hier besonders einen wachsenden Gap zwischen Wirtschaft und Politik in demokratischen Systemen. Während in der Wirtschaft nachvollziehbar der Schnellere den Langsameren schlägt, werden in der Politik zunehmend Mitbestimmungsformen eingeklagt, wohl wissend, dass diese die Entscheidungsfindung deutlich verlängert. Länder wie China profitieren derzeit wirtschaftlich auch deshalb, weil sie diese Schere bislang nicht öffnen.

Auch die Medienästhetik, besonders die der Bewegtbildmedien, machen anschaulich, wie sich unser Rezeptionsvermögen beschleunigt und unsere Erwartungshaltung verändert hat. Ein Film heute lebt von schnellen Schnitten, rasenden Kamerafahrten und Computersimulationen. Filme der Vergangenheit, die noch gemächlich mit Schwenks gedreht, in denen auf- und abgeblendet wird oder man mit ruhigem Zoom auf die Protagonisten fokussiert, wirken heute zäh und unnötig gedehnt.

FullSizeRenderDie Erfindung der Schrift war die erste mediale Errungenschaft, die uns suggerierte, Zeit konservieren zu können. Erst sehr viel später kamen dann Speichermedien auf, die Ereignisse als Audio und Bild/Film bewahren konnten. Kann sich heute noch jemand in die Generation einfühlen, die Konzert- und Bühnenereignissen beiwohnten, wissend, dass diese einmalig sind und außer den Besuchern niemand mehr nacherleben wird?

Dies ist nur ein Bruchteil an inspirierenden und faszinierenden Gedanken, zu der mich die Lektüre von Rüdiger Safranski verleitet hat. Ich wünschte, noch einige hier weiter zu entfalten, wie die zyklische vs. der linearen Zeitbetrachtung oder dem literarischen Spiel mit der Zeit – episch vs. dramatisch – doch ich denke, Leser, die mir bis hierin folgten, wissen nun schon, ob es sich für sie lohnen könnte, ihre Zeit doch besser für die „Zeit“ von Safranski zu verschwenden. Denn da findet sich noch sehr viel anregender Stoff für rotweinselige Plauderabende unter Freunden.

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3 Gedanken zu “Und womit schlagt Ihr die Zeit tot?

  1. Danke – seit ich den Herrn Safranski in einem Literaturclub habe sprechen sehen (über das neue Buch von Clemens J. Setz) hätte ich das wohl nie und nimmer gelesen. Sie haben mich mit Ihrem Text dazu nun aber sehr angesprochen.
    Auch ein guter „Zeit Totschlager“: Georgi Gospodiniv, Physik der Schwermut.

  2. Hallo Thomas,
    ein sehr spannender Lesetipp und ein Buch, dass nachdem ich es schon einmal im Buchladen in Händen gehalten habe, dann aber wieder vergessen habe, nun definitiv auf die Wunschliste wandert. Über die Zeit hab ich schon ein Buch gelesen und mein Eindruck war ein ähnlicher, wie du ihn hier hast: Irgendwie ein spannendes Thema um das man herum kreisen kann, das aber dennoch nicht greifbar ist.
    Vielen Dank auf jeden Fall für die hochwertige Besprechung.
    Liebe Grüße
    Tobi

  3. ein wunderbarer Beitrag, der viele interessanten Facetten beschreibt und bei dem sich jede Lesesekunde lohnt. Auch die Idee mit den verschiedenen Uhren finde ich herrlich. Mich würde es mal interessieren, welches Zeitempfinden Naturvölker haben. Vielleicht können wir „Gestressten“ der modernen Welt noch etwas lernen…

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