Endzeit? Danke, mir reicht „Die Straße“ von McCarthy

DieStrasse

„Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?“

Diese berüchtigte Frage aus dem Fragebogen von Max Frisch hielt ich immer für eine rhetorische. Es kam mir nicht in den Sinn, dass diese Frage jemand ernsthaft mit „Ja“ beantwortet. Doch da war zunächst Jonathan Franzens „Jein“ und dann Alexander Kluges felsenfestes „Ich bin sicher.“. Und nach etwas Besinnung gestand ich mir ein, dass mein leidenschaftslos nüchternes „Nein“ wohl doch nur eine Minderheit teilt.

Interessant wäre es zu erfahren, wie Corman McCarthy die Frage wahrheitsgemäß beantworten würde. Denn das gewählte Ende seines düsteren Romans „Die Straße“ lässt die „Ja“-Sager unter den Lesern aufatmen und manchen „Nein“-Denker wie mich doch eher ambivalent und über die Aufrichtigkeit des Autors zweifelnd zurück. Doch gleich wie, das Buch wird jedem, der es zu Ende gebracht hat, unvergesslich bleiben.

Der 2006 in den USA erschienene Roman – 2007 übersetzt von Nikolaus Stingl – kann meines Erachtens schon heute einen festen Platz im Kanon der Weltliteratur beanspruchen. Er inspiriert sicher nicht nur, sondern repräsentiert eine literarische Gattung, die seit einigen Jahren prosperiert: Endzeit-Literatur. Wer hierin debütieren möchte, wird sich wohl immer an diesem mit dem Pulitzer-Preis 2007 ausgezeichneten Meisterwerk messen lassen müssen.

Interessante Besprechung dazu von Jochen auf seinem Blog Lustauflesen

Interessante Besprechung dazu von Jochen auf seinem Blog „lustauflesen“.

Aktuell beispielsweise scheint Heinz Helles Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ so ein Kandidat zu sein. Ich selbst werde ihn nicht lesen. Mir reicht der eine Geniestreich in dieser Gattung. „Die Straße“ ist für mich eine einmalig „genossene“, keine Wiederholung gewünschte Leseerfahrungen wie vor vielen Jahren „American Psycho“ von Bret Easton Ellis.

Diese Art Romane sind (für mich) elementare Schockerlebnisse, literarische Grenzerfahrungen. Vergleichbar mit dem ersten drogenbedingten Blackout, der ersten nahen Begegnung mit dem Sterben oder der ersten körperlichen Gewalterfahrung. Man mag die Erfahrungen im Nachhinein als prägend und wichtig in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit verbuchen, doch wiederholen will man sie nicht.

Und empfehlen mag man die literarischen Pendants deshalb auch nicht. Jeder wird diesen Moment selbst verspüren, an dem er sich solch einer Leseerfahrung stellen möchte. Manch einer wird es wohl nie – wofür ich Verständnis habe. Ich selbst zögere auch, mir noch die Verfilmung anzuschauen, die es auf YouTube zu sehen gibt.

In diesen Romanen werden Räume geistiger Vorstellungskraft ausgelotet, welche menschlichen Abgründe sich auftuen können und wie viel wir uns davon auch zumuten wollen. Während Ellis diesen Weg der literarischen Zumutungen mittels einer detailbesessenen Beschreibung der Gedanken und Handlungen eines vollends pervertierten Sadisten sucht, gelingt dies McCarthy in „Die Straße“ mit einem fast gegenteiligen Weg: es sind nur sehr seltene und dann auch nur ganz kurze Flashs des Grauens, doch die brennen sich ganz tief ein.

„Die Straße“ ist kein Pillepallekram wie z. B. diese Spooky TV-Serie „The Walking Dead“. Wer angesichts der knapp 300 Seiten Umfang dankbar denkt, passende Wochenendlektüre einzustecken, würde mich zutiefst beeindrucken, wenn er es tatsächlich schafft, sie auch so zu lesen. Bei mir erstreckte sich die Lektüre über gut drei Wochen. Aber ich bin auch ein Weichei.

maslow-social-media-needsUnausweichlich konfrontiert uns Cormac McCarthy mit solch essentiellen Lebensfragen à la Max Frisch. Er stupst uns von der Empore der maslowschen Bedürfnispyramide, auf der wir uns gemütlich selbstverwirklichend, saturiert nörgelnd eingerichtet haben. Nach wenigen gelesenen Seiten liegen wir am Fuße der Pyramide, also an dem Ort ganz unten, wo angeblich zuerst das Fressen und dann die Moral kommt.

Ab wann beginnt die Moral? Ab wann ist ein Leben lebenswert? Warum halten wir an unserer Existenz so fest? Was treibt uns zu leben an? Was ist human? Und wer sind die Guten?

Auch stilistisch werden wir heftig geerdet. Hier wird nicht geschwafelt oder poetisiert. Jeder Satz ist serifenlos gemeißelt, jeder Dialog schnörkellos perfekt. Die Story wird durchweg in knappen, höchstens eine Seite umfassenden Absätzen erzählt, als wäre der Autor ebenso kurzatmig wie seine namenlosen Figuren, die in der ascheverschmutzten Luft einer postapokalyptischen Welt nur noch schwer atmen können.

So lässt sich auch als Leser jederzeit eine Atempause einlegen. Die mir ansonsten oftmals zu verkitschte Metapher des Eintauchens in einen Roman, trifft es hier für mich sehr eigenwillig: Man taucht ein und liest immer nur so lange bis man wieder Luft zum Atmen braucht.

Als Vater eines achtjährigen Sohnes wurden meine Tauchphasen zunehmend kürzer. Die Vater/Sohn-Geschichte war der Anlass, dieses Buch zu lesen. Aufmerksam darauf hatte mich die Besprechung von Uwe auf Kaffeehaussitzer gemacht. Es war also ein höchst sentimentaler Aspekt, der mich durch dieses schaurige Szenario ziehen lies: kindliches Urvertrauen und bedingungslose väterliche Liebe. Auch Michael Köhlmeier erkennt darin den Kern, der diese eigentlich unerträgliche Erzählung doch noch erträglich macht.

Dieser Roman erzählt zweifellos auch ein sehr archaisches Macho-Heldenepos – euphemistisch gern auch als „alttestamentarische“ Erzählweise beschrieben. Frauen spielen hier nur unliebsame Rollen. Und „Männer“ – groß oder klein – verstehen sich ohne viele Worte zu machen:

Was ist denn Papa?

Nichts. Alles in Ordnung. Schlaf weiter.

Wir schaffen es doch, oder Papa?

Ja, wir schaffen es.

Und uns wird nichts Schlimmes passieren?

Richtig.

Weil wir das Feuer bewahren.

Ja. Weil wir das Feuer bewahren.

Mir genügten schon wenige Seiten zu Beginn, um den Roman als Untermauerung meines „Nein“ als Antwort auf die Eingangsfrage von Max Frisch zu lesen.

Er hielt den Jungen eng an sich gedrückt. So dünn. Mein Herz, sagte er. Mein Herz. Aber er wusste, dass es, auch wenn er ein guter Vater war, trotzdem durchaus so sein könnte, wie sie gesagt hatte. Dass der Junge das Einzige war, was zwischen ihm und dem Tod stand.

Jeder, der „Die Straße“ liest und sich dabei ernsthaft hinterfragt, wird danach einige gefestigtere Antworten auf existentielle Fragen wie die von Max Frisch haben. Mit dem gewählten Ende des Romans gibt Cormac McCarthy vor, die Frage Frischs mit einem „Ja“ zu beantworten. Doch ich traue ihm da nicht.

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10 Gedanken zu “Endzeit? Danke, mir reicht „Die Straße“ von McCarthy

  1. Kennst Du weitere McCarthy-Bücher, etwa „all the pretty horses“ oder die „Abendröte“? Alles, was Du über die „Straße“ hier schreibst (das ich selbst NOCH nicht kenne), kann ich für die genannten ebenso sagen, v.a. für .“Die Abendröte des Westens2, ein schier unglaubliches Buch.
    Ich weiß, Ranking ist was für Kinder, aber neben Roberto Bolano ist McCarthy einer der zu nennenden Autoren der zweiten Hälfte des 20 Jhd., wenn man denn schon ranken will. Keine Frage.

    • Ich bin erst durch „Die Straße“ auf ihn aufmerksam geworden. Habe dann aber bei den Recherchen über ihn festgestellt, dass es da wohl noch bedeutendes zu entdecken gibt. Nach eine Phase der „Erholung“ werde ich mich dann mal an seine „Pferde“ machen. Oder besser Abendröte?

  2. Nach der Lektüre dieses Romanes habe ich für längere Zeit gar kein Buch lesen können, weil ich gedacht habe, Cormac McCarthy hätte mit diesem Buch eigentlich alles gesagt.

    Ich finde übrigens den Comic „Komm zurück, Mutter“ des Amerikaners Paul Hornschemeier von einer ganz ähnlich niederdrückenden Atmosphäre. Auch dort Vater und Sohn, etwas anderes Setting, aber in wesentlichen Punkten ganz nah beieinander.

  3. Du schaust „hinter“ die Bücher oder „rundherum“ – das fasziniert mich an Deinen Beiträgen immer wieder. Auch für mich zählt „Die Straße“ zu den großen Leseerfahrungen der letzten Jahre. Wie im Übrigen auch „Die Wand“ von Marlen Haushofer, obwohl sich dort die Geister streiten, ob ihr Werk eine Dystopie ist. Viele Grüße

    • Ich danke dir. Ohne deine Besprechung hätte ich mich diesem Roman vielleicht nie angenähert. Und das wäre dann eine große Lücke in meiner Lesebiografie.

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