Am Ende war mir komisch zumute.

Oktoberfest

Mit welchem Buch-Blogbeitrag kann man dieses durchwachsene Jahr abschließen? Zunächst habe ich es ernsthaft versuchen wollen mit dem sehr britischen Roman von Jane Gardams „Ein untadeliger Mann“. Mmmh, die Begeisterung allenthalben konnte ich nicht teilen – außer, dass er sicher hervorragend von Isabel Bogdan übersetzt ist. Die Geschichte ist mir völlig fern und die Aspekte, die sie spannend hätten machen können, spart die Autorin gänzlich aus. Der Mann bleibt bis zum Schluss untadelig und seine Lebensgeschichte lässt sich so wie von Kollegen im Club beschrieben zusammenfassen:

„Hat sich gut gehalten“

„Na ja, war in einer Wirtschaftskanzlei. Reich wie Krösus. Aber guter Mann.“

„Er hat es aber auch einfach gehabt. Anscheinend ist ihm nie irgendwas zugestoßen.“

Nein. Nie.

FullSizeRenderSicher gibt es ein paar beschriebene Episoden im Leben von Old Filth von denen manche skurril – eben britisch – und andere recht abenteuerlich – eben exotisches Empire à la Kipling – anmuten. Doch dort, wo ich erwartet hatte, dass es nun zur Sache geht, dass die Leichen aus dem Keller geholt werden, zum Beispiel die Aufdeckung fieser juristischer Machenschaften in Hongkong, auf denen sein Wohlstand fußt, oder die Erkenntnis einer Lebenslüge nach dem Tod seiner Frau, wenn er erfährt, dass sie ihn seit Jahren mit seinem Erzfeind hintergangen hat – von all dem fand sich nichts dergleichen. Und auch Edwards Geständnis am Ende erhellt mir nicht seine Biografie.

Dafür las ich so prickelnd wie ein Kaffeekränzchen beschriebene Wiederbegegnungen mit seinen beiden exzentrisch gewordenen Cousinen – sehr britisch – und nur biedere Andeutungen darüber, dass die Königin Mutter, der der junge Edward während des Krieges begegnet war, an ihm einen Narren gefressen hätte und ihm wohl sein weiteres Leben mit unsichtbarer Hand versüßt habe. Alles in allem schloss ich nach 300 Seiten einen Roman, der zwar in einem wunderbar distinguierten Plauderton erzählt wird, jedoch in allen Episoden vage bleibt und mir weder überzeugend die Entwicklung einer interessanten Persönlichkeit skizzieren konnte noch mir ein mit Weisheiten gespicktes, tiefsinniges Lebensdrama offenbarte.

So ungnädig, wie ich Jane Gardam las, hätte ich es eigentlich auch gleich besser wissen müssen als ich mich dann Thees Uhlmanns „Sophia, der Tod und ich“ zuwandte. Ich weiß nicht, welche begeisterte Empfehlung mich bewegt hat, diesen Roman in die Hand zu nehmen.

„Eines der amüsantesten und zugleich klügsten deutschen Bücher des Herbstes.“, soll Denis Scheck in Druckfrisch am 29.11.2015 gesagt haben. Nun ja, die Story ist hanebüchen, die Komik darin finde ich ziemlich platt, was wohl auch an dem Plapperjargon liegt, in dem sie verfasst wurde und der mir nach etwa 50 Seiten zunehmend „auf den Senkel“ geht. Aber so empfiehlt sich der Roman sicher als Drehbuch-Vorlage für eine Til-Schweiger-Verfilmung im Stile von „Knockin´ on Heaven´s Door.“ Es gibt eine Stelle, anhand derer man meines Erachtens ein gutes Gefühl dafür bekommt, ob dies ein geeignetes Buch für einen ist:

image1„Als ich einmal mit ihr in einem Supermarkt gegangen war, sagte sie an dem Fahrradständer davor: „Wie viel Zeit meines Lebens ich dafür verschwende, mein Fahrrad an- und abzuketten. Was man in dieser Zeit alles tun könnte. Wie kann man nur ein Fahrrad klauen? Wie niederträchtig in jeder Faser seiner Existenz der Fahrradklau ist. Alle Leute, die von Anarchie reden, was für Arschlöcher! Ich sage es dir. Anarchie? Anarchie ist der Zustand, in der die Schlossindustrie vor die Hunde geht. Diese Arschlöscher! Da braucht keiner ankommen und mir was von Anarchie erzählen, solange es noch eine Fahrradschlossindustrie gibt und ich mich am Tag neunmal bücken muss, um mein Rad abzuschließen.“

Ich liebte es, dass Sophia es irgendwie schaffte, ganze politische Systeme anhand von Fahrradschlosstheorien zum Einsturz zu bringen.“

Das ist nicht schlecht, aber nicht meins. Kaffeehaussitzer Uwe, dessen Urteil nicht nur ich sehr schätze, soll hier nun mit seiner Besprechung maßgeblich für all die sein, denen so etwas zusagt und die noch eine begeisterte Besprechung lesen möchten.

Mein dritter literarischer Versuch zum Jahresende war dann dem Witz als solches gewidmet und zugleich einem Autor und prominenten Kritiker, der in diesem Jahr starb: Hellmuth Karasek. „Soll das ein Witz sein?“ ist der Titel seines Buches, das sich wohl einer Laune aus einem weinseligen Abend von Hellmuth Karasek mit Deutschlands komischstem Arzt, Dr. Eckart von Hirschhausen, verdankt. Auch dieses Buch habe ich ausgelesen und war ob dem sehr mäßigen Niveau ziemlich irritiert. Dennoch hat es mich zeit- bzw. seitenweise amüsiert.

Karasek

Wer eine geistreiche Einführung in das Wesen des Witzes sucht oder sich seine kulturelle Einordnung wünscht oder gar einen philosophischen bzw. soziopsychologischen Diskurs über Humor und grenzenlose Witzigkeit, der wird hier enttäuscht. Er bekommt zwar den Hinweis auf Freuds „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ sowie auf Henri Bergsons Essay über „Das Lachen“, jedoch erschöpft sich damit auch die intellektuelle Erörterung. Es verwundert denn auch nicht, dass es keinerlei weiterführende Verweise im Anhang gibt.

Witze werden fast immer auf Kosten anderer gemacht. Nur wenige verstehen sich auf selbstironischen Humor. Und nur ganz wenige Menschen haben die Größe, über sich als „Witzfigur“ lachen zu können. Die Mehrheit tendiert bei ihrem Verständnis für Witze über ihre Person wohl zu der Haltung Putins (oder Erdogans), wenn sie die Macht hätten:

Merkel fragt Putin: Sammeln Sie auch Witze, die die Leute über Sie machen?

Putin: Nein, ich sammle Leute ein, die Witze über mich machen.

Nichts offenbart den Charakter eines Menschen besser als sein Sinn für Humor. Ich erachte sogar die Übereinkunft beim Humor als einen entscheidenden Aspekt in menschlichen Beziehungen. Von Hirschhausen betont dies im Vorwort für die klassische Zweierbeziehung: Die Frau bevorzugt einen Mann, der witzig ist und der Mann sucht eine Frau, die ihn witzig findet.

Wie enervierend es sein kann, wenn Paare humorig nicht harmonieren, wissen wir alle, wenn sie gemeinsam versuchen einen Witz zu erzählen und es dann so verläuft, wie von Tucholsky wunderbar in der Geschichte „Ein Ehepaar erzählt einen Witz“ beschrieben.

Mir sehr nah ist der selbstironische, manchmal auch zynisch-sarkastische Humor, den wir häufig in jüdischen Witzen finden. Ihm widmet Hellmuth Karasek auch sein längstes Kapitel im Buch. Die Gefahr bei diesen Witzen ist leider, dass sie einige semitische Vorurteile zementieren. Doch letztlich sollte man sich im klaren sein, dass fast alle Witze auf Klischees über Menschentypen, Gruppen, Kulturen und Nationen basieren. So sind wir Deutsche ja für unsere penetrante Rechthaberei bekannt.

Ein Deutscher, ein Italiener und ein Franzosen sitzen völlig überrascht vor der Himmelspforte. Sie schauen sich fragend an und der Franzose erzählt als erster: „Ich habe Pilze gesammelt. Einer war wohl giftig. Voilà! Hier bin ich“.

Der Italiener: „Mich hat leider der Ehemann meiner Geliebten in flagranti erwischt. Arrivederci dolce vita!“

Und der Deutsche: „Ich hatte Vorfahrt!“

Bewundernswert ist es, wenn man sich das Elend mit einem Witz etwas erträglicher machen kann. Da haben Juden eine lange Tradition.

Ein Emigrant in New York besucht den anderen in seiner Behausung und stellt fest, dass der ein Hitler-Bild an der Wand aufgehängt hat.

Sagt er: „Bist du meschugge, hängst dir den Führer hin?

Sagt der andere: „Das ist gut gegen Heimweh.“

Ob Syrer sich aktuell einen vergleichbaren Witz mit einem Bild von Assad an der Wand erzählen würden? Wäre interessant zu erfahren.

In jüdischen Witzen ist auch die Religion kein Tabu.

Der 18jährige Sohn eröffnet seinem jüdischen Vater, dass er zum Christentum konvertieren wird. Mit nichts gelingt es dem Vater seinen Sohn umzustimmen. Hadernd spricht er zu Gott und der erscheint tatsächlich: „Was ist, Abraham?“ „Mein Sohn will unbedingt Christ werden.“ Gott beschwichtigt ihn und sagt: Ganz ruhig, Abraham, das ist mir auch passiert.“

„Was? Und was hast Du gemacht?“

Darauf Gott: „Was werde ich gemacht haben? Ein neues Testament!“

Ob Christen es vergnüglich finden, wenn man ihnen erklärt, warum der Vatikan in Italien sich besonders zuhause fühlt.

Jesus muss eigentlich ein Italiener gewesen sein.

Warum?

Er lebte noch mit dreißig Jahren zu Hause, und er glaubte, dass seine Mutter eine Heilige und Jungfrau ist. 

Und sie hielt ihn für Gott.

Sind sie hier noch milde gestimmt, werden sicher nicht wenige Christen erzürnt sein, wenn man ihnen die Antwort auf diese Frage gibt:

„Was wäre passiert, wenn Christus nicht am Kreuz gestorben, sondern gevierteilt worden wäre?

Dann hingen heute in allen Kirchen und bayrischen Schulstuben Mobiles.“

Und auch für die von Religion befreiten Ethikkinder gibt es einen schönen Witz:

„Vater, was bedeutet eigentlich Ethik?“

„Ethik?“, sagt der Vater, „Ethik. Ich will dir ein Beispiel geben. Zu mir ins Geschäft kommt ein Kunde, kauft einen Hut für € 60,–, den er mit einem € 100,– Schein zahlt. Als er das Geschäft verlässt, sehe ich, dass er die € 40,– Wechselgeld vergessen hat. So und jetzt kommt die Ethik, mein Sohn. Soll ich das meinem Kompagnon sagen oder nicht?“

Wenn auch dieses Buch nicht wirklich überzeugt, so sorgte es denn zumindest bei mir für einen versöhnlichen Abschluss des Jahres. Denn Humor und Witz fand ich persönlich in diesem Jahr recht rar gesät.

Ich wünsche uns allen eine große Portion Humor und Witz im nächsten Jahr damit es uns nicht irgendwann so ergeht wie Berthold Brecht es in seinen Flüchtlingsgesprächen unkte:

„In einem Land leben, wo es keinen Humor gibt, ist unerträglich, aber noch unerträglicher ist es in einem Land, wo man Humor braucht.“

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3 Gedanken zu “Am Ende war mir komisch zumute.

  1. Karaseks Geschichte des Witzes scheint doch wirklich eine versöhnlich stimmende Lektüre gewesen zu sein. Jedenfalls haben mir die von Dir hier notierten Witze sehr viel Spaß gemacht. Und so wünsche ich Dir schöne und auch humorvolle Feiertage, Claudia

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