Bekannt aus Juli Zehs „Unterleuten“: Interview mit Manfred Gortz, dem Autor des Ratgebers „Dein Erfolg“

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Manfred Gortz, selbsternannter Lebensberater, der die „“Dein-Erfolg-Methode“ begründete mittels derer seine Klienten sicher auf der Gewinnerseite des Lebens agieren. Bekannt wurde er durch einige Zitate seiner Thesen in dem aktuellen Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh. Ich hatte vor kurzem die Gelegenheit ihm einige Fragen zu stellen, die er mir überraschend offen und ehrlich beantwortete.

Herr Gortz, Sie werden ja im Roman „Unterleuten“ häufiger aus ihrem Ratgeber zitiert. Freut Sie das eigentlich?

M.G. „Dein Erfolg“ ist kein Ratgeber. Kluge Köpfe brauchen keine Ratgeber. Sie brauchen weder Regeln noch Programme. Es reicht völlig, wenn man ihnen die Wahrheit aufzeigt.“

Und die Wahrheit ist, dass im Leben nur Leistung zählt?

M.G. „Leistung ist das wichtigste Kriterium für die Eröffnung von Erfolgs- und Lebenschancen. Leistung muss deshalb gemessen und immer verglichen werden. Wir brauchen Benotung, Bewertung, Ranking und Ratings. Das allerdings schmeckt den Gutmenschen nicht, die sonst bei jeder Gelegenheit Demokratie und Chancengleichheit für alle fordern.“

Diese Gutmenschen sind in Ihren Augen ja auch nur Spaßverderber, oder?

M.G. „Schlimmer. Ich nenne sie Killjoys. Killjoys verderben den anderen auch noch den Spaß, den sie selbst nicht haben. Ein Killjoy sucht Gründe für sein Versagen immer nur bei den anderen und in der Gesellschaft. Sie scheuen alles, was anstrengend ist, zum Beispiel ehrliche Arbeit., Sport oder gesunde Ernährung. Statt an sich selbst zu arbeiten, überziehen sie Menschen, die sich anstrengen, um sich selbst oder ihr Leben zu verbessern, mit Verachtung.“


Haben denn Killjoys in unserer Gesellschaft eine bestimmende Rolle?

M.G. „Viele Akademiker sind Killjoys. Und es sind größtenteils Killjoys, die die Medien beherrschen und damit bestimmen, wie die Gesellschaft über sich selbst nachdenkt und sich selbst sieht.“

Sie meinen, die Gesellschaft wird von spaßbefreiten Schwarzmalern indoktriniert?

M.G. „Unsere Gesellschaft ertrinkt in einer Kultur aus Selbstanklage, Opferverherrlichung und Schuldkomplexen. Sollte jemand versehentlich doch Erfolg haben, so muss er sich dafür schämen, weil er Wohlstand und Glück doch nur auf dem Rücken der anderen erringt.“

Und mit Ihrer Methode „Dein Erfolg“ wollen Sie nun Menschen ermutigen, sich gegen dieses Jammertal zu stemmen?

M.G. „Ja, das Gegenteil eines Killjoys nenne ich Mover. Während die Killjoys den ganzen Tag schwadronieren, also talken, chatten, bloggen, posten und twittern, handelt der Mover und schweigt.“

Ja, und wie wird man ein Mover?

M.G. „Diese Frage ist falsch. Wer etwas bewegen will, darf nicht nach Antworten suchen, sondern muss lernen, auf falsche Fragen zu verzichten.“

Okay. Dann versuche ich es mal so: Was ist der erste Schritt eines Movers?

M.G. „Dein Erfolg ist das Ergebnis eines Spiels, bei dem es nicht darum geht, die Regeln zu befolgen. Sondern sie zu machen. Und ein Mover kennt den Unterschied zwischen versagen und scheitern. Scheitern, bedeutet, trotz aller Anstrengung nicht zum Ziel zu kommen. Versagen heißt, gar nicht erst losgegangen zu sein.“

Dein Erfolg von Manfred Gortz

Dein Erfolg von Manfred Gortz

Und wie besiege ich meinen inneren Schweinehund, der mich zurückhält, den ersten Schritt zu tun?

M.G „Jeder Mover muss lernen, seine Gefühle in nützliche und schädliche einzuteilen. Ich nenne das die WG/NG-Methode. WGs sind wertvolle Gefühle und NGs sind nutzlose. Wertvoll ist z. B. Stolz, wenn einem was gelungen ist. Scham, wenn man etwas nicht erreicht hat. Und Liebe zu Menschen, die es verdienen. Nutzlose sind z.B. Neid, Mitleid, Gier, Eifersucht, Sehnsucht oder Trauer. Sie gilt es richtig und konsequent zu interpretieren. Trauer zeigt uns beispielsweise, dass wir ungesund an der Vergangenheit festhalten.“

Das klingt sehr hart gegen sich selbst. Muss ein Mover so sein?

M.G. „Ja, konzentrieren Sie sich auf ihre wertvollen Gefühle, eliminieren Sie die nutzlosen. Man wird Sie daraufhin einen ausgeglichenen Menschen nennen. Sie werden leicht durch jeden einzelnen Tag gehen, denn Sie haben sich vom Ballast des animalischen Erbes befreit.“

 Hat ein Mover denn dann noch Freunde?

M.G. „Das bedeutendste Zahlungsmittel des Movers sind seine Beziehungen. Ein Mover aber durchschaut die Nächstenliebe-Propaganda und weiß, dass Hilfsbereitschaft eine scharfe Waffe ist. Schenken ist Manipulation. Geschenke machen unfrei. Sie erheben den Schenkenden über den Beschenkten. Jeder empfangene Gefallen begründet eine Verpflichtung. Nur wer seine Zeche immer und überall bezahlt, bewahrt seine volle Autonomie.“

Also ist es für den erfolgreichen Mover das Bestreben, in der sozialen Bilanz gegenüber anderen immer im Haben zu sein?

M.G. „Genau. Ein Mover achtet stets darauf, wem er einen Gefallen tun kann. Mindestens genauso wichtig ist es, keine Hilfe anzunehmen. Es existiert unter Menschen keine Selbstlosigkeit, sondern nur der Unterschied zwischen offenem und verdecktem Egoismus.“

Herzlichen Dank, Herr Gortz, für Ihre aufschlussreichen Antworten. Jetzt haben Sie was gut bei mir.

Das für die Leser von Juli Zehs„Unterleuten“ besonders lesenswerte Buch von Manfred Gortz ist im Goldmann Verlag erschienen. Auch als eBook.

 

Manfred Gortz kann man auch auf Twitter folgen.

Eine Besprechung von „Dein Erfolg“ findet ihr in dem Blog hier

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11 Gedanken zu “Bekannt aus Juli Zehs „Unterleuten“: Interview mit Manfred Gortz, dem Autor des Ratgebers „Dein Erfolg“

  1. Hui, ein Ratgeber für von Storch und Petry die den Inhalt dieses Interviews womöglich noch zur Aufhübschung ihres Parteiprogramms nutzen könnten. Milton Friedmann ist deutlich herauszuhören. Ein Welt- und Menschenbild wird hier aufgezeigt, welches mich geradewegs in des Hades lauschige Gefilde treiben würde, wenn ich damit leben müsste. Da diese Option nicht realitätskonform ist pour moi, move ich mich jetzt away mit joy, but without sense to kill😊

  2. Der Herr Gortz klingt ein wenig wie die Reader’s Digest-Fassung von Ayn Rand – für „Killjoys“. Sympathisch finde ich allerdings, dass Herr Gortz bei Twitter ist, also nach eigener Definition den Weg zum „Mover“ noch vor sich hat. (Ob ihm die Ironie, dass er gegen seine eigenen Regeln handelt, bewusst ist?) Jedenfalls werde ich jetzt was für meine soziale Bilanz tun, und Herrn Gortz keinen Gefallen tun und sein Buch nicht lesen. Ganz ohne NG.

  3. Danke für das beinahe schon tragischkomische Interview, weiß nicht, ob ich über diese mitunter realitätsfremde Verklärung der kapitalistischen Lebensform zur Selbstverwirklichung lachen oder weinen soll.

  4. Ich will auch ein Mover werden. Mein Leben endlich umkrempeln und voll auf Leistung und Erfog setzen. Es wird schwer werden, denn leider bin ich Akademiker und habe mich bisher ab und zu auch mal für die Demokratie eingesetzt, das wird nun aber nicht mehr vortkommen. Ich werde mein Leben ändern, ich werde endlich beginnen ehrlich zu arbeiten, noch mehr Sport zu machen und mehr Obst zu essen. Das Bloggen lasse ich nach diesem Beitrag, denn ich will ein Mover sein. Ich werde es schaffen, ganz bestimmt.
    Vielen Dank, Claudia

  5. Für mich ist dieses Buch ganz gewiss nicht lesenswert, auch wenn mir oder gerade weil mir Unterleuten sehr gefallen hat. Tatsächlich glaube ich, dass Juli Zeh mit dieser Ratgeber-Linda eine eher ironisch-überspitzt gemeinte Figur gezeichnet hat.

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