Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.

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WARNUNG: Dieser Beitrag ist ungeeignet für Personen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne!

Wer betreibt eigentlich die überzeugendste Öffentlichkeitsarbeit für den totalen Überwachungsstaat? Wer suggeriert uns ständig, dass es ohne Rasterfahndung im Netz, ohne Hacker und Lauscher keine Aufklärung mehr gäbe? Und wer beherrscht das Storytelling so geschickt, dass wir am Ende gar froh statt empört über massive Rechtsbrüche sind? Es sind die Schriftsteller. Genauer: Es sind die Roman- und Drehbuchautoren von Krimis und Thrillern. Sie produzieren seit Jahren perfekte trojanische Pferde, die zur gesellschaftlichen Akzeptanz des Überwachungsstaates beitragen.

Wie das? Warum? Weil kaum noch ein Verbrechen in Filmen oder Romanen ohne das Hinzuziehen von Überwachungsanlagen und den Datenspuren im Netz aufgelöst wird. Täter werden anhand von Videokameras in öffentlichen Räumen, Fotografien in sozialen Netzwerken, Smartphone-Bild- und Tonaufnahmen und ihrer Verbindungsdaten zu den Opfern überführt. Fahndungserfolge sind in den sonntäglichen Tatort-Krimis ohne die Segnungen der digitalen Medien und deren Speicherung kaum noch denkbar.

Es sollte uns also nicht wundern, wenn mit gefühlt wachsender Unsicherheit, die uns ebenfalls – entgegen der faktischen Realität – der Medienkonsum suggeriert, eine Mehrheit die digitalen Überwachungsmöglichkeiten segensreich findet.

Aber beklagen sich nicht viele über NSA & Co.? Ja, schon. Doch die meisten erzürnt eigentlich nur, dass es heimlich, ohne ihr Wissen geschah. Hätte es die Gesetzgebung zugelassen – was sie Dank unserer vorausschauenden Verfasser des Grundgesetzes nicht tut – hätte wohl die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung diese staatliche Überwachung akzeptieren. Doch zum Glück gilt der Schutz des Privaten auch für eine Minderheit der Bevölkerung, ja, sogar für Einzelpersonen, die ihr Recht zwar erst noch vor dem Verfassungsgericht oder dem Europäischen Gerichtshof einklagen mussten, es jedoch dann zugesprochen bekamen.

Zumindest so lange noch keine demokratische Willkür herrscht und eine Diktatur der Mehrheit unsere freiheitlich, demokratische Grundordnung aufkündigen will, dürfen noch einige Sonderlinge auf ein Recht zu Geheimnissen pochen.

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Interessante Doku über eine deutsche Familie in Songdo.

Doch die Hoffnung, dass das so bleiben wird und wir in Zukunft noch selbstbestimmt unsere Privatsphären abgrenzen können, schwindet dahin. Eine Vorstellung davon, wie so eine freiwillig geschaffene und bewohnte Welt in Zukunft aussieht, bekommt man heute schon in der koreanischen Stadt Songdo, die Smart-City, in der auch die digitale Überwachung niemals schläft.

Die „Smarte Diktatur“, die Harald Welzer in seinem Buch skizziert, ist ein durchaus plausibles Szenario, das sich aufgrund vieler bislang kritik- und widerstandslos akzeptierter Veränderungen in der Gesellschaft manifestieren kann. Dabei wird der „Angriff auf unsere Freiheit“ (Untertitel) hingenommen und vor den Feinden der Freiheit freiwillig kapituliert. Doch wie er schon einleitend vermutet, ist es offenbar nicht nur die Saturiertheit, die uns lethargisch gegenüber den Angriffen auf unserer Freiheit macht, sondern auch die Furcht vor der Freiheit.

„Die Furcht vor der Freiheit und vor der Verlassenheit des Einzelnen sind die gefährlichsten Antriebskräfte, die zum Kampf gegen die Moderne und ihre Freiheitszumutungen führen können.“

ESCAPE-FROM-FREEDOM-by-Erich-Fromm-Rinehart_zpsfc944cecAuf dieses Phänomen machte schon Erich Fromm vor über 60 Jahren aufmerksam und erläuterte es in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ (engl. Original „Escape from Freedom“).

Dass wir mit unserer hart erkämpften Freiheit hadern, hat auch mit der parallel verlaufenden Geschichte der selbst auferlegten Disziplin zu tun. Mit dem Untergang der autoritären Mächte entwickelte sich in den liberalen Gesellschaften ein die Freiheit zügelndes Ordnungsprinzip: die freiwillige Selbstdisziplin. Der Philosoph Michel Foucault, der sich diesem Aspekt annahm, sprach deshalb auch von einer„Disziplinargesellschaft“.

Harald Welzers Exkurs zu dem französischen Intellektuellem mit seinem panoptischen Prinzip und der „Mikrophysik der Macht“ verschafft eine sehr erhellende Einsicht in die Konditionierung des modernen, freien Menschen. Von Kindheit an verinnerlichen wir, ständig unter Aufsicht zu stehen und beurteilt zu werden. Stetig werden wir eingeschätzt und wir beginnen selbst unser Tun und die Leistung der anderen zu bewerten. Wir rechtfertigen uns für unser erledigtes Pensum und bilanzieren unsere Interaktionen in der Gesellschaft. Vieles, was heute so explizit an Effizienz- und Optimierungswahn zu Tage tritt, ist schon Generationen zuvor – man denke nur an den Hype des Taylorismus vor 100 Jahren – so angelegt gewesen. Privat fehlten bislang nur die technischen Mittel dazu.

Und obwohl der Fortschritt uns von vielen lästigen Pflichten entbunden hat und uns neben Wohlstand auch viel Freizeit verschaffte, belastet die damit gewonnene Freiheit viele Menschen. Entweder schlagen sie dann gedankenlos die Zeit tot oder sie üben sich auch in ihre Freizeit in Selbstdisziplin und gehen selbst auferlegten Verpflichtungen nach. Beide Typen messen der Freiheit keinen sonderlich hohen Wert zu. Wer keine Lust zu denken hat, fordert auch keine Gedankenfreiheit. Und wer tägliche Selbstdisziplin für die wichtigste Tugend erachtet, dem ist freies Improvisieren suspekt. Freie Menschen, die wie Pippi Langstrumpf leben, können heute kaum noch auf Respekt hoffen.

Auch wenn Harald Welzer uns einen erheblichen Eigenanteil an Verantwortung an der akuten Misere zuspricht, so suggeriert er jedoch auch, dass es eine verschwörerische Elite gäbe, die diese Entwicklung zu ihrem Nutzen vorantreibe. „die … heutigen Freiheitsfeinde (kommen) nicht in Uniform und Panzern daher. Sie sagen sehr freundlich, dass es ihnen um die Verbesserung der Welt ginge. Sie sind smart. Sie fragen nur nie, ob sie jemand um die Verbesserung der Welt gebeten hat. Und sind plötzlich da wie Gäste auf einer Party, von denen jeder glaubt, dass jemand anderer sie eingeladen hat.“

Der noch immer gern gegebene Verweis auf eine Wirtschafts- und Politikelite, die „da oben“ säße und manipulativ sich ihr Volk zu willfährigen Arbeitssklaven und Hyperkonsumenten erziehe, ist schon lange eine ideologische Chimäre. Sie dient den politischen Lagern als gewinnendes Argument für alle jene, die bequeme Antworten für ihre individuelle unbefriedigende Lebenssituation suchen.

Dennoch, Harald Welzers gesellschaftskritische Analyse ist bestechend und überzeugend. Einig bin ich mit ihm in der Ansicht, dass wenn wir den schleichenden Wandel in eine totalitäre Gesellschaftsform vermeiden wollen, wir nicht primär gegen Mächte, Obrigkeiten oder Weltkonzerne, sondern zuerst gegen uns und unser Phlegma kämpfen müssen.

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So, wie ich zu Anfang die Selbstkritik der Krimifans kitzeln will, so selbstkritisch sollte jeder tagtäglich sein Handeln hinterfragen und auch der Leser Harald Welzers Buch resümieren. Schon das Vorgängerbuch „Selbst denken“, das eigentlich auch Anleitung zur kritischen Rezeption sein will, verführt wie dieses zu nickendem Beipflichten und kommoden Zurücklehnen. Hier hat uns einer schon viel Querdenkerarbeit abgenommen. „Besinnungslektüre für den dauerchattenden Nachwuchs“ nennt das Dorion Weickmann in seiner SZ-Kritik. In „Selbst denken“ deutete Harald Welzer schon das später ausgearbeitete Thema an. Seine Kritik an der digitalen Technologie und smarten Zukunft äußert er dort so: „… diese Smartness besteht exakt darin, dass der Nutzer nicht einmal realisiert, dass er seine Freiheit unbemerkt, aber freiwillig an das Gerät abgegeben hat, das für ihn denkt, fühlt, plant und Entscheidungen trifft.“

Er verteufelt die aktuelle Technologie wie einstmals der Klerus den Buchdruck und 2000 Jahre zuvor Sokrates die Schrift. Und alle haben recht in Bezug auf jenen Teil an Nutzern, die naiv und unkritisch Medienprodukte rezipieren. Über die Jahrhunderte hinweg tendiert bis heute die Mehrheit dazu, zwischen Buchdeckel gepackte Weisheiten und Wahrheiten zu überschätzen. Das gleiche trifft zwar auch auf die elektronischen und digitalen Medien zu. Doch denen gelang es bislang nie, eine gleichermaßen hohe Seriosität zugesprochen zu bekommen.

Dass man Bücher immer kritisch lesen sollte, bestätigt Harald Welzer selbst, wenn er sich darüber echauffiert, dass die „totalitären Phantasien“ von Silicon Valley Milliardären und Finanzinvestoren wie Peter Thiel, Eric Schmidt und Nicolas Berggruen von seriösen Verlagen publiziert und in 100.000er Auflage verkauft werden.

„Liest das außer mir eigentlich niemand?“ fragt er sich zurecht wenn ein Eric Schmidt begeistert in seinem Buch schildert, dass in Zukunft Politikberater aus der Informatik und Kognitionspsychologie kommen und mit Hilfe von Daten politische Persönlichkeiten aufbauen und Profile polieren. Offenbar sind die Leser von Eric Schmidts „Die Vernetzung der Welt“ allesamt Zyniker (Ausnahme hier Benjamin Stein von der Zeit), wenn sie diese Statements und solche Ansichten stillschweigend abnicken:

„In einer Demokratie, in der freie Meinungsäußerung und Bürgerbeteiligung zu Veröffentlichung ermuntern, werden Bürger zunehmend zu Richtern ihrer Mitbürger. Je mehr Daten über jeden Menschen verfügbar sind, umso stärker wird dieser Trend.“

IMG_0721Wenn die Visionäre der digitalen Zukunft uns solche Aussichten geben, können wir später nicht behaupten, wir hätten von nichts gewusst. Uns erwartet eine kafkaeske Gesellschaft, in der niemand mehr Privates/Vertrauliches/Intimes respektiert, die sich auch ohne Obrigkeiten selbst diszipliniert, zensiert und kontrolliert – wobei sie das Selbstoptimierung nennen wird – und in der Opportunismus niemanden mehr diskreditiert, sondern wohl eher zu den Lerneinheiten eines Social-Survival-Trainingskurs zählen wird.

„Längst schon haben andere Formen der Selbstkontrolle Macht über uns ergriffen, längst zensieren wir uns, bevor andere es tun, längst haben wir Angst dass irgendwas „von früher“ zutage tritt, das heute negativ betrachtet wird, längst sagen wir wirklich Privates, gar Subversives nur noch unter genau geprüften Bedingungen.“, konstatiert auch Harald Welzer.

Die Analyse von Harald Welzer ist in großen Teilen brillant und sehr anregend. Als Lifestyle-Verachter sei ihm zugestanden, dass er sich bei der Kritik digitaler Innovationen m. E. ab und an etwas verhebt. So sind für ihn Angebote wie Spotify symptomatisch für den Verzicht auf Selbstbestimmung. „Sie müssen ja heute nicht einmal mehr entscheiden, welche Musik Sie für Ihre Joggingrunde am Morgen aussuchen, das macht Spotify für Sie.“ Auch das „selbstfahrende Auto“ ist für ihn primär Abgabe von Souveränität. Dem mag ich nicht folgen. Beides ist für mich eine sinnvolle Option, wie z. B. auch ein eBook zum Buch.

Amüsiert habe ich mich darüber, als er IKEA-Kunden zunächst abwatscht, die doch „in hohem Maße unbezahlte Eigenarbeit leisten, wenn sie das halbfertige Zeug zur Kasse und ins Auto wuchten und später stundenlang zusammenschrauben. Wenn das nicht blöd ist.“ Später jedoch, wenn er über diverse Formen des Widerstandes sinniert, stellt er begeistert den Schweizer Ökonom Bruno Frey vor, der mit seiner These vom „Prozessnutzen vs. Ergebnisnutzen“ den IKEA-Erfolg bestens erklärt: Wenn der Mensch in irgendeiner Weise an einem Entstehungsprozess beteiligt ist, sei es an einem Produkt, einem Unternehmen oder einer gesellschaftlichen Veränderung, zieht er den Prozessnutzen dem reinen Ergebnisnutzen vor. Beteiligt zu sein gibt ihm nun mal das befriedigende „Dies ist auch mein Werk“-Gefühl.

Hingegen sollte sich mancher seinen Hinweis auf einen häufigen Trugschluss in unserer Weltanschauung rahmen und an die Wand hängen: „Es ist ja eine Fehlwahrnehmung, dass die Welt komplexer würde: Die Gesellschaften dieser Erde gleichen sich an wie die Fußgängerzonen und Hotelzimmer in den Städten, wie die Warenangebote und die Sprachen.“

Uneingeschränkt folge ich auch seiner kritischen Analyse des Plattform-Kapitalismus. Der zeichne sich dadurch aus, „dass er soziale Intelligenz und eingeübte soziale Praktiken monetarisiert, selbst aber kaum Arbeitsplätze schafft und durch die Förderung der Privatisierung von Dienstleistungen auch für Minderungen von Steuereinnahmen sorgt, von ethischen Fragen beim Sharen mancher Dinge ganz abgesehen.“ Ergänzend sollte man hierzu auch die ebenso fragwürdigen Open-Source-Netzaktivitäten sowie das Angebot vieler Expertenblogs nennen. Denn sie sind meist nur aufgrund einer anderweitig bezahlten beruflichen Erfahrung möglich, die hier in der Freizeit verschenkt wird. Und das geht zu Lasten derer, deren berufliche Existenz von diesem verschenkten Know-how abhängt.

Zudem sollte die Analyse der smarten Netzökonomie die Tendenz zur Monopolisierung nüchtern erörtern. Dass Plattformen wie Google, facebook, alibaba , YouTube, amazon, expedia, zalando, airbnb, uber, aber auch Non-Profit orientierte wie wikipedia etc. über kurz oder lang monopolistische Anbieter sein werden, hat mit einer sozialen Dynamik im Netz zu tun. Im Netz entwickeln sich solche Anbieter quasi nach dem Gesetz der Gravitation. Je gewichtiger, also je mehr Nutzer eine Plattform gewinnt, desto mehr zieht sie weitere Nutzer an. Ab einer bestimmten Größe, wie z. B. Google, sind es „Schwarze Löcher“, die alle Nachfrage ihrer angebotenen Dienstleistung an sich ziehen. Es ist für uns Nutzer nun mal ineffizient, auf mehreren Plattformen das Gleiche zu suchen. Habe ich z. B. ein Hotel, und weiß, dass dies mit einem Inserat auf Expedia zu 90% ausgebucht sein wird, werde ich nicht nochmals für das gleiche Geld auf zig anderen Reiseportalen inserieren. Umgekehrt ist jeder Kunde, der eine Reise plant, dankbar, wenn er weiß, dass er auf einer Plattform ca. 90% aller Reiseangebote vorfindet. Hat er zudem dort schon seinen Kundendaten hinterlegt, wird er zudem den Aufwand scheuen, andere Plattformen zu nutzen. Die Monopolisierung im Netz ist also keine diabolisch geplante Weltverschwörung eines elitären Grüppchens, sondern ein soziales Massenphänomen.

Leider ist derzeit keine Lösung auf freiheitlich demokratischer Grundordnung in Sicht, die dieser Dynamik und der daraus folgenden Machtkonzentration entgegenwirken kann. Der mögliche Missbrauch dieser Macht – gleich, ob aus unlauteren Motiven oder getrieben von einer weltverbessernden Hybris – ist jederzeit zu befürchten.

Harald Welzer formuliert launisch, süffig und auch mal süffisant, nur nie nüchtern akademisch. Er ist Talkshow erprobt. Seine Bücher lesen sich flott weg und bieten dennoch einiges zu beißen. Die Analysen sind ideologiefrei, auch wenn der Autor sicher nicht verhehlen kann, wes linksbürgerlich Geistes Kind er ist. Man ist jedenfalls klüger, nachdem man seine Bücher gelesen hat. Manch einer mag eine etwas besserwisserische Tonalität bekritteln, doch Gesellschaftskritik ist nun mal immer auch elitär. Einzig, wenn es am Ende um Auswege oder Konzepte geht, die uns aus dem geschilderten Dilemma befreien könnten, hapert es und man fragt sich einmal mehr, wozu beschäftige ich mich damit und wozu belästige ich auch noch andere mit meinem Blogbeitrag dazu?

Unsere Gesellschaft hat ein Kernproblem, das auch Harald Welzer nicht lösen kann: es fehlen uns Utopien, mitreißende Visionen und klare Vorstellungen von wünschenswerten Gesellschaftsformen. Dystopien oder gar Apokalypsen können wir. Aber unsere Kinder und Enkel für den Fortschritt begeistern und sie um ihre Zukunft beneiden, das gelingt uns nicht mehr. Somit ist das Buch auch ein geistiges Armutszeugnis unserer Gesellschaft.

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Nur Berufsoptimisten wie Sigmar Gabriel können wider besseren Wissens Statements formulieren, die mich schaudern lassen und mir die Nackenhaare aufstellen:

„Die Macht der digitalen Revolution liegt darin, dass kein Mensch gezwungen wird, mitzumachen. Jeder will dabei sein und tut es aus freien Stücken.“

Ich war lange Zeit Evangelist der Digitalisierung und trotz zunehmender Skepsis begeistern mich immer noch viele Optionen, die uns diese Technologie in jüngster Vergangenheit verschafft hat und auch in Zukunft noch bieten wird. Doch aktuell nehme ich eine wachsende Verblendung in Teilen der Gesellschaft war, die verkennen oder ignorieren, welch enorm bedenkliche gesellschaftlichen Umbrüche und irreversible Zerstörungen von kulturellen und sozialen Errungenschaften derzeit vonstatten gehen.

Unbehagen bereitet mir die Erosion des Solidaritätsprinzips. Wo immer möglich, wird zunehmend gefordert, dass man Nachweise für seinen Lebenswandel erbringt und entsprechend boni- bzw. malifiziert wird. Solidarität wird zunehmend an Bedingungen geknüpft. Solange die Bedingungen noch abstrakt klingen, stimmt die Mehrheit da gerne zu: Lebe gesund, sei achtsam und sorge bei Zeiten vor. Engagiere dich nachweislich für die Gesellschaft. Zeige, dass du regelmäßig an dir arbeitest, dich geistig und körperlich fit hältst und dich weiterbildest. Wer sich erkennbar und messbar anstrengt, bekommt entsprechende Zuwendungen.

Doch konkret sieht das dann bald so aus, dass alles erfasst, quantifiziert und evaluiert wird. Nach individueller Bewertung unseres durchgängig erfassten Lebenswandels erhalten wir in Zukunft individuelle Tarife der Versicherungen und irgendwann auch gar keine mehr. Jobangebote werden uns erst nach vorherigem Online-Screening unseres Netzprofils offeriert. Stolz wird man uns irgendwann ökologische Fußabdrücke in den Netzwerken vorhalten, so dass sich bald jeder gezwungen sieht, sein Umweltverhalten erfassen zu lassen. Private und staatliche Institutionen werden unser Sozial- oder Konsumverhalten evaluieren und unseren Score in öffentlichen Ranglisten führen.

Wer nicht alles daran setzt, sich selbst zu optimieren, wer sein Leben und seine Lebensweise nicht allen transparent macht, wer sich nicht bewerten lässt, der rückt zunehmend an den Rand der Gesellschaft oder fällt bald ganz raus. Denn warum sollen wir jemanden helfen, bei dem nicht ersichtlich ist, dass er sich zuvor eifrig bemüht hat. Und um auch das noch mal ganz deutlich zu machen: Umso weniger Daten über uns verfügbar sind, desto verdächtiger werden wir für alle anderen in Zukunft sein.

Wie war das nochmal, Herr Gabriel? „Jeder will dabei sein und tut das aus freien Stücken.“

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Vorhang zu.

 

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3 Gedanken zu “Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.

  1. Ja, hast Recht, ich habe mich bewusst weit aus dem Fenster gelehnt … wollte die Erwartungen in die Höhe treiben ;-) Und du hast auch Recht, dein Text ist natürlich weit mehr als eine Inhaltsangabe; wollte ein bisschen polemisch sein. Ich kann viel nachvollziehen an deiner und an Welzers Herangehensweise. Solche Angebote, die uns Silicon Valley macht, sind immer genau zu prüfen. Was ich ihm nur vorwerfe, ist eine Verschiebung des Fokus: Ich habe weniger Angst vor Menschen „die glauben, an ihrem Wesen könne die ganze Welt genesen“, wenn diese Menschen Unternehmer sind, als wenn diese Menschen Politiker sind. Und dass wir die Angebote nutzen können oder nicht, halte ich für sehr wichtig – während die Angebote der Politik welche sind, die wir nicht ablehnen können!
    Ich hab jetzt mal in zwei Videos einige meiner Kritikpunkte ausführlicher formuliert: https://www.youtube.com/watch?v=MgNBVZgcqbE und https://www.youtube.com/watch?v=bWZUljXkp3w
    Es geht mir da um die vielen Ungenauigkeiten, Polemisierungen, Pauschalisierungen und Fehler, die Welzer macht, und die die Lektüre für mich zu einer mühevollen Angelegenheit gemacht haben.

  2. Danke für die ausführliche Besprechung – die mir aber doch eher in Richtung Inhaltsangabe zu rücken scheint. Ich fand Welzers neues Buch das Furchtbarste dieses Jahres, ich ärgere mich immer noch über unzählige Stellen, die einfach falsch, schlecht gedacht, unausgewogen, vor allem aber UNERTRÄGLICH pauschalisierend und herablassend sind. Du zitierst ja auch solche Stellen, z. B. die über die IKEA-Kunden. Ein derart patronisierender Ton kann mich weder amüsieren noch vom Argument überzeugen. Zornig machen zudem Nullsätze auf jeder Seite: Spekulative Aussagen über „DIE Menschen“, „die Gegenwart“, „DEN Kapitalismus“, die man niemals beweisen kann noch muss. Hinzu kommt ein augenfälliger Unwille, seine Begriffe zu definieren (von sauber definieren zu schweigen).
    Seine Kritik ist wohlfeil hoch zehn. Wer heute Apple oder Google kritisieren will, begibt sich in derart seichte Gewässer, dass es schon wundert, dass hier irgendjemand etwas Originelles wiederfindet. Ganz ganz gaaanz am Rande wird dann noch die Politik kritisiert – aber nicht etwa, weil sie Wohlstand zerstören würde, sondern weil sie nicht genug reguliert. Gerufen wird implizit nicht nach mehr Wahl, Entscheidungsmöglichkeiten, nach mehr Individualität – sondern nach mehr Staat, Zwang, Regulierung, Einschränkung. Welzers „Smarte Diktatur“ ist somit genau das, was es im Untertitel verspricht: Ein Angriff auf die Freiheit.
    Eine ausführlichere Kritik dieses Buches kommt nächsten Dienstag auf http://www.kaisertv.de

    • Da hast Du Dich ja gleich ganz weit aus dem Fenster gelehnt, Gunnar. Ich müsste alle Hoffnung fahren lassen, wollte ich dem Buch so ein miserables Zeugnis ausstellen. Ich bin der Ansicht, dass dieses Buch die passende Form und Inhalt hat, um diesen wichtigen, gesellschaftlichen Diskurs anzutreiben, in Schwung zu halten. Die Resonanz in den Medien gibt ihm da bisher auch Recht. Offenbar haben wir das Buch sehr unterschiedlich gelesen.

      In meinem Resümee fasse ich den Inhalt nur wenig zusammen, sondern sondiere, was mir besonders relevant oder anregend schien bzw. ich weiter gedacht habe bzw. Wert fand, vertieft zu werden. Da wäre zunächst der Verweis auf Foucault und seine These von der „Disziplinargesellschaft“. Dieser Aspekt, dass es eine Korrelation zwischen Freiheit und Selbstdisziplin gibt, war mir bis dato nicht bewusst. Ich finde ihn sehr erhellend.

      Auch der Zusammenhang zwischen Einschränkung oder gar Zerstörung des Privaten als stabilisierende Voraussetzung für totalitäre Gesellschaften erläutert er so klar, dass es auch dem Naivsten bewusst werden müsste, dass gewährte Transparenz ihre Grenzen haben sollte.

      Den Vorwurf, Harald Welzer betriebe wohlfeile Kritik an Google & Co., vermag ich nicht nachzuvollziehen. Sicher ist er pauschalierend in der Kritik der Digitalisierung und Netzökonomie, doch dieser Aspekt ist bei dem Thema „Smarte Diktatur“ sekundär. Er kritisiert jedoch mit Recht die Hybris der Silicon Valley Glücksritter, die zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort waren und nun glauben, an ihrem Wesen könne die ganze Welt genesen und auch die sich ihnen ziemlich dämlich anbiedernden Vertreter der Politik. Und natürlich die kritiklosen Leser der Silicon Valley Weisheiten.

      Seine Gesellschaftskritik verstehe ich primär als Kritik an uns mündigen, aufgeklärten Bürgern, die sich jedoch als zu bequem erweisen, sich ihres Verstandes zu bedienen und somit selbstverschuldet in eine totalitäre Gesellschaftsform driften. Und da erachte ich mich sogar noch unerbittlicher als er, da ich die daran angeblich beteiligte und vorgeblich manipulative Macht von Eliten als Chimäre erachte.

      Wenn in einigen Jahren unsere Kinder keine Versicherung, keinen Job oder keinen Lebenspartner mehr finden, weil ihr Netzprofil nicht überzeugt, dann können wir dies nicht Facebook & Co. oder der NSA vorwerfen, sondern nur einer ehemals zwar liberalen, demokratischen Gesellschaft, die jedoch so phlegmatisch war, dass sie ihre Schicksale den Algorithmen überlassen hat.

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