Wer war ich und wenn ja wie viele?

 

Keine-Helden-Tiger

©2015 | Anke Koopmann | designomicon, München

So sind wir, Geliebte, allmählich erkaltet.

Da hilft auch die Erkenntnis nichts, daß die Kunst

ihre Kraft nur im Verfall entfaltet.

Wolf Wondratschek  (Carmen oder bin ich das Arschloch der achtziger Jahre)

 

Hach ja, damals! Solche biografisch inspirierten Romane wie das aktuelle Debüt von Candy Bukowski – Babyboomer-Generation wie ich, wenn auch ein paar Jahre jünger – wecken nicht selten manch wehmütige Erinnerung. Doch die Wehmut, wie das Alter Ego von Candy Bukowski Sugar bemerkt, ist eine zwiespältige Befindlichkeit. „Wehmut“ sei „ein weiches Wort, aber ein hartes Gefühl.

„Wer Wehmut mit etwas Sanftem gleichsetzt, weiß nicht, wovon er spricht. Wehmut ist Vermissen in Akzeptanz, man müsste Gandhi sein, um darin etwas Sanftes zu finden. Ich bin nicht Gandhi, ich bin Lara Croft, ich trage einen unsichtbaren Munitionsgürtel um die breite Hüfte und bin bereit zu töten. Immer wieder töte ich den armen Gandhi und schneide Gefühlen schön langsam die Pulsadern auf. In Längsrichtung bis runter auf den Knochen.“

Diese Anmerkung über die Wehmut erschien mir der Nucleus des Romans. Das Leben mag ja – wenn man fantasiebegabt ist – Stoff für Romane bieten, doch der Blick zurück ist zumeist ernüchternd. Was wir erinnern oder nicht vergessen können, beginnen wir fein säuberlich zu sezieren und kommen nach kritischer Begutachtung überwiegend zu dem Fazit: „Noch mal wie damals? Nein, danke.“

80er-mode-203873_w1000Sicher, an weinseligen Abenden machen Rückschauen Vergnügen. Besonders die Erinnerungen an die Moden, die Musik, Filme und TV-Serien und an die intimen, privaten Anekdoten, die oftmals nur deshalb im Gedächtnis verblieben sind, weil sie von ziemlicher Pein begleitet waren. Man möchte dies kaum noch ein zweites Mal durchleiden, es sei denn, es gelingt uns – wie Candy Bukowski – diese Erinnerung literarisch zu sublimieren. Pure Glücksmomente – wie es z. B. der erste Kuss sein kann – sind viel seltener oder die Erinnerungen daran verblassen schneller. Literarisch sind es dann wohl auch eher fiktive Vorstellungen als erinnerte Empfindungen oder weiß noch jemand, wie der erste Kuss geschmeckt hat?

Über die Authentizität der Anekdoten mag man spekulieren. Die Lebensgeschichte Sugars wird jedenfalls offenherzig, glaubwürdig und nicht sich schonend in gesprächiger Ich-Form erzählt. Als Leser fühlt man sich – ab und an schon sehr intim – ins Vertrauen gezogen. Die Erzählerin – und vielleicht ja auch die Autorin – setzt offenbar darauf, dass ihre Geschichten nicht gegen sie verwendet werden.

Mit dem Rückblick auf die eigene Biografie kommt mir immer der Titel des Buches von Richard David Prechts Bestseller in den Sinn: „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ Wobei ich hier expliziter frage, „Wer war ich?“. Ich bin heute nicht der, der ich mal war. Und schon morgen werde ich wieder ein anderer sein. Und umso weiter mein gewesen sein zurückliegt, desto weniger erkenne ich mich selbst. Ich sehe einen anderen und nicht selten einen, den ich heftig ins Gericht nehme, den ich nicht mag, den ich peinlich finde, kritisiere und am liebsten ganz vergessen möchte.

Auch Sugar häutet sich mehrmals und ändert sich und ihr Leben massiv. Das Pubertier, das uns am Anfang des Romans vorgestellt wird, lässt die weitere Entwicklung nicht vermuten. Es ist kein konventioneller Entwicklungsroman, der die Lebensgeschichte vom Auf- und Abstieg einer Sugar B. erzählt. Es ist vielmehr ein Roman die Reinkarnationsgeschichten eines Menschen, der in der heutigen Moderne vielleicht viel häufiger anzutreffen sein wird als in der Vergangenheit.

Denn heute können und müssen wir nicht selten Lebensphasen als abgeschlossen Episoden begraben. Ein neuer Job, ein neuer Wohnort, ein neuer Partner, eine neue Leidenschaft, Kind oder ein unerwartetes Ereignis lässt uns nicht selten völlig neu beginnen. Sugar ist ein Kind dieser Moderne. Nur eine Konstante in ihrem Leben gibt es: ihr (meist) platonischer Freund Pete, der einst vom Himmel fiel. Ein eigenwilliger, selbstbewusster Nonkonformist. Der Roman ist ganz offensichtlich auch eine große Danksagung für solche „seelengevögelte“ Freundschaften.

Rocky_iii_posterDie Geschichte von Sugar wird zwar chronologisch, doch fast gänzlich ohne Verweise auf historische Ereignisse erzählt. Einzig wird jedem Kapitel, derer es viele gibt, ein populärer Song der Zeit vorangestellt. (z.B. Phil Collins „You can´t hurry love“ (1983), Survivor „Eye of the tiger“ (1983), Frankie goes to Hollywood „Relax“Frankie goes to Hollywood „Relax“ (1984)). Diese Erinnerungen an die Songs offenbaren mir mal wieder, welch intensives Vermächtnis Musik sein kann. Mit nur wenig erinnerten Tönen der Refrains klingt zugleich ein ganzes, breites Stimmungsbild der Zeit an und eine Diashow an Ereignissen flackert durch mein Gedächtnis. Doch muss ich zugeben, dass dies bei mir nur bis Anfang 2000 vorhält. Mit den Hits danach verbindet sich nicht mehr viel mit meinem Leben.

Der Fokus auf die privaten und intimen Ereignisse des Lebens bei fast völliger Ausblendung des historischen Kontextes macht mir die fiktive Biografie sehr authentisch. Manch einer wird diesen Fokus als solipsistisch kritisieren, doch letztlich erscheint mir das wirkliche ungestützte, ungegoogelte Lebenserinnerung zu sein. Und dann wird da auch mal ganz unsentimental das Wesentliche eines Lebensabschnitts ganz kurz so zusammengefasst:

„Dabei war ich immer da, nur eben immer zu Hause, ich habe jahrelang fast jeden Abend in den eigenen vier Wänden verbracht, Abendessen zubereitet, Hausaufgaben kontrolliert, Geschichten vorgelesen. Was man zu Hause mit dem liebsten kleinen Menschen eben so tut, der nicht abends noch mal auf ein Bier loszieht und sich einen Ausgleich zum Alltag sucht, sondern seine frühen Schlafenszeiten schätzt. Kinder mögen Alltag, das unterscheidet sie von Erwachsenen. Das ist der eine fiese Punkt, an dem Kinder und Eltern nicht so richtig zueinanderpassen.“

vokuhila

Vokuhila – gehört schon Courage dazu, sich zu diesem Fehlgriff zu bekennen. Mehr dazu im Buch

Der Roman weckt eigene Erinnerung, obwohl die beschriebenen Lebensumstände sich nur selten mit den meinen decken. Doch offenbar zählt unsere Generation erstmals zu denen, die ihre Lebensphasen mit dem Bedürfnis völliger Erneuerung beenden.

Zuletzt stell sich die Frage, wie diesen Roman die aktuell junge Generation auffasst. Ein Generation, die z. B. mein studierendes Patenkind repräsentiert. Eine Generation, die ich nicht wirklich beneide. Denn zum einen haben sie uns als Elterngeneration, die ihre Lektion aus der Jugend mitgenommen hat: zu viel laissez faire und zu wenig fokussiert. Das müssen heute unsere jungen Hoffnungsträger ausbaden. Das Leben ist heute ein Projekt. Und mindestens bis zum Abi sind die Eltern die Projektleiter.

Unserer Generation geht der Arsch auf Grundeis, dass unsere Kinder mit 50+ auch ins Leere schauen und sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit machen.

Wir haben das Leben sehr entspannt genossen. Besonders die Zeit Ende der 70iger, Anfang der 80er war herrlich unbeschwert, völlig bedenkenlos und frei von Zukunftsängsten. Ich würde unsere Generation als die Generation der Unbekümmerten bezeichnen. Es gab immer was zu tun, es gab immer irgendwo Party und es war ein völlig entspanntes Miteinander zwischen den Geschlechtern, bei dem man(n) auch gerne mal das „Arschloch der achtziger Jahre“ war. Denn jede zweite Frau war ja „Carmen“. Und „Schwul sein“ war absolut hipp in der Szene. Die Zeitschrift „Emma“ lag ab 1977 ganz harmonisch neben der Zeitschrift „Brigitte“ in unserem Haushalt einer alleinerziehenden, vollberufstätigen Mutter mit einem Kind.

Atomkraft_Nein_DankeErst Mitte der 80er als die AIDS Epidemie offensichtlich wurde, endet die sexuelle Unbekümmertheit, 1986 mit Tschernobyl endete der Glaube an die Beherrschung der modernen Technik und mit der politischen Ära Reagan, Thatcher und Kohl begann die Ernüchterung über den Sozialutopismus mit dem die Baby-Boomer Generation groß geworden ist. Danach war nichts mehr so lässig wie vorher.

Aber dennoch blicke ich nicht sentimental zurück, sondern gespannt nach vorne. Wie auch Candy Bukowski mit „Wir waren keine Helden“. Denn was nicht ist, kann ja noch werden.

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3 Gedanken zu “Wer war ich und wenn ja wie viele?

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