Über die Würde des Menschen ist zu diskutieren. Von Schirachs „Terror“

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Am Montag, den 17. Oktober, wird die TV-Produktion des Theaterstücks „Terror“ im ARD ausgestrahlt. Es ist zu wünschen, dass es ein Blockbuster wird. Bislang wurde das Stück sehr erfolgreich auf vielen nationalen und auch internationalen Theaterbühnen aufgeführt. Eine sehr außergewöhnliche Zuschauerreaktion gab es offenbar in Japan.

Ich habe Ferdinands von Schirach Justizdrama bislang nur gelesen. Und im Gegensatz zu Rechtsexperten wie Gerhard Baum und Burkhard Hirsch bin ich beeindruckt und begeistert. Die Herren Baum und Hirsch tappen meines Erachtens mit ihrem Lamento gegen die Aufführung des Stückes in ihre Expertenfalle, wenn sie dem Bürger hierfür einfach unzureichendes Urteilsvermögen attestieren. Denn in dem verhandelten Fall geht es nicht nur um eine juristische Klärung, sondern weit mehr um eine ethisch-moralische Standpunkt-Diskussion in unserer Gesellschaft.

Das Stück konfrontiert uns mit einem nicht befriedigend zu lösenden Dilemma, manchen auch bekannt als „Weichenstellerfall“: Der Frage, ob man das Leben weniger Menschen zugunsten vieler opfern darf, ja sogar müsste. Konkret geht es darum, ob es mit unserer Rechtsauffassung zu vereinbaren ist, vorsätzlich eine von Terroristen entführte Zivilmaschine mit 164 Menschen an Bord abzuschießen, um zu verhindern, dass das Flugzeug in ein mit 70.000 Menschen besuchtes Stadion gestürzt wird.

Dieses denkbare Szenario wurde nach dem 11. September 2001 juristisch und politisch in vielen Ländern hinterfragt und in Deutschland 2005 mit dem Luftsicherheitsgesetz beantwortet. Die darin vorgesehen Möglichkeit, den Abschuss eines Flugzeuges befehligen zu können (§14, Absatz 3), wurde jedoch nach Verfassungsklage der Ex-Innenminister Gerhard Baum und Burkhard Hirsch vom Bundesverfassungsgericht aus Kraft gesetzt.

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Am Montag, den 17. Oktober, Premiere in der ARD: Die Verfilmung von Terror. Mehr hier.

Exakt gegen diese ausdrückliche Entscheidung des höchsten Gerichts hat der Angeklagte Lars Koch, Pilot bei der Bundeswehr, im Theaterstück verstoßen und ist deshalb des Mordes an 164 Menschen angeklagt. Am Ende der aufgeführten Gerichtsverhandlung, in der herausragenden Dialoge geführt und sehr beeindruckende Plädoyers der Staatsanwaltschaft und Verteidigung gehalten werden, soll das Publikum in der Rolle der Schöffen über „Schuldig“ oder „Freispruch“ befinden. Der Autor hat denn auch zwei mögliche, alternative Urteile verfasst.

Dass eine signifikante Mehrheit im Volk sich für den Freispruch des Piloten aussprechen würde, war wohl von Beginn an zu vermuten und ist vielleicht auch der Grund, der die Herren Baum & Hirsch antreibt, das Stück als unlautere Beeinflussung zu kritisieren. Nach dem das Stück nunmehr einige hundert Male aufgeführt wurde, wird eine Tendenz deutlich: ca. 60% plädieren für Freispruch und damit juristisch gegen unsere Verfassung. Sie fällen eine Entscheidung, die sie sich mit dem gewagten Argument des kleineren Übels begründen. Einzig in Japan, wo das Stück offenbar viermal aufgeführt wurde, wird der Angeklagte jeweils für schuldig befunden – was von Schirach mit dem „vollkommen anderen“ Ehrbegriff der Japaner erklärt. Mir ist das etwas unklar, was damit gemeint ist. Hoffe, das wird irgendwann noch mal tiefer erörtert.

Es gibt sehr viele Aspekte, die in der Verhandlung zur Sprache kommen, um das Dilemma zu veranschaulichen. Diverse Auffassungen des Abwägens des kleineren Übels werden von der Staatsanwaltschaft überzeugend gekontert. Und die lang anhaltende, moralische Überzeugung des Angeklagten er habe keine andere Wahl gehabt, bricht mit einer Frage der Staatsanwaltschaft gänzlich zusammen:

Hätten Sie geschossen, wenn Ihre Frau und Ihr Sohn an Bord der Maschine gewesen wären?

Er weigert sich letztlich, die Frage zu beantworten, weil er begreift:

„Jede Antwort wäre falsch.“

Und die Entscheidung „Schuldig“ oder „Freispruch“? Auch wenn hier juristisch die Sache eindeutig ist, zumindest in Deutschland, vermag kein beruhigendes Gefühl der Klärung aufzukommen. Trete der Fall tatsächlich ein und eine Verkehrsmaschine stürzt tatsächlich in ein Stadion, dann würde man schrecklich hadern. Und insofern widerspreche ich dem letzten Satz in der Verhandlung, mit dem sich der Richter an das Publikum wendet, bevor er es zur Urteilsfindung entlässt:

„Ich weiß, dass es eine schwierige Entscheidung ist, aber ich bin mir sicher, dass es Ihnen gelingen wird, den Fall des Lars Koch richtig zu beurteilen.“

Nein, ein „richtig“ gibt es hier nicht.

Das Theaterstück kritisch zu hinterfragen ist meines Erachtens berechtigt und notwendig. Das Stück ist eine Zumutung und man kann es wie Gerhard Baum für gefährlich erachten und dem Autor vorwerfen: Er verfälscht die Wirklichkeit und macht die Zuschauer zu Richtern in einer Sache, die sie für die Wirklichkeit halten, ohne die eigentliche Konfliktlage erkennen zu können.

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Von Dontworry – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Nach meinem Abwägen komme ich zu der Auffassung, dass es letztlich ein notwendiges Unterfangen ist, in einer demokratischen, als aufgeklärt und mündig befundenen Gesellschaft ein solch juristisches Dilemma öffentlich zu verhandeln. Ferdinand von Schirach hat hierfür eine brillant erdachte Gerichtsverhandlung entworfen, die – trotz der künstlerischen „Notwendigkeit“ ein emotionales menschliches Drama sein zu wollen – sehr ausgewogen wirkt. Aber sicherlich beeinflussen auch Inszenierung und Rollenbesetzung die Wirkung nicht unerheblich und lenken somit die Meinungsbildung der Zuschauer. Es scheint mir ratsam, dass Stück zuvor zu lesen, wenn man ein nüchternes Urteil fällen möchte.

Mit den beiden alternativ verfassten Urteilen zu „Schuldig“ und „Freispruch“ löst Ferdinand von Schirach zumindest sein Dilemma als Autor geschickt auf und entzieht sich einem persönlichen Bekenntnis. So kommen wir nicht umhin, selbst Stellung zu beziehen, uns zu entscheiden und uns dann aber auch mit den Konsequenzen zu konfrontieren.

Es liegt nahe, dieses Stück als Unterrichtsstoff für Schule und Studium zu empfehlen. Bei der Schule bin ich jedoch noch unsicher, ob hier vielleicht Schüler und Lehrer überfordert sind.

Vom Staat und der Rechtswissenschaft wird weitere Überzeugungsarbeit gefordert sein, um der Mehrheit des Volkes das Verständnis zu vermitteln, dass der Angeklagte zu verurteilen ist. Hier müssen denn doch die Herren Baum & Hirsch zähneknirschend respektieren, dass die Rechtsphilosophie noch einiges zu tun hat.

Nicht nur der konkret verhandelte juristische Fall ist diskussionswürdig. Darüber hinaus stellen sich viele Fragen zum Umgang mit dem Terror, der Erpressbarkeit unserer Gesellschaft und der noch legitimen Mittel zur Gegenwehr. Das Stück verweist zudem auf eine sehr bedenkliche, weil fragile Rechtsverbindlichkeit der Politik gegenüber dem Grundgesetz hin. Denn offenbar muss das Grundgesetz auch vor Ministern geschützt werden, wenn zum Beispiel der damalige Verteidigungsminister Jung bei einem Szenario, wie es im Stück verhandelt wird, von einem „übergesetzlichem Notstand“ faselt.

Und nicht zuletzt macht die beeindruckende Rhetorik der Juristen das Stück zu einem Lehrstück der Redekunst. Es verweist damit auf eine Erkenntnis, die der Philosoph Karneades vor über 2000 Jahr zu vermitteln versuchte, und die der Vorsitzende im Stück so schildert:

Der griechische Philosoph Karneades hielt 155 Jahre vor Christus in Rom an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Vorträge. Am ersten Tag begründete er brillant eine Fülle von Rechtsthesen, am zweiten Tag verwarf er sei ebenso brillant wieder. Die Zuhörer waren empört. Dabei bewies Karneades nur, dass die Wahrheit keine Frage der Argumentation ist.

In diesem vorgestellten Fall finden keine besseren Argumente einen Weg das Dilemma moralisch zweifelsfrei zu klären. Wir werden damit von Fall zu Fall weiter leben und immer wieder neu entscheiden müssen.

Ähnlich beeindruckt von dem Stück ist Marius auf seinem Blog BUCH-HALTUNG.

Cooles Projekt: Hier auf der Seite der Kiepenheuer Medien kann man immer aktuell verfolgen, wie die Urteile weltweit lauten.

Besonders lesenswert ist auch das Gespräch von Uwe Wittstock mit dem Schauspieler Lars Eidinger, der im Film den Verteidiger spielt, und Ferdinand von Schirach. In diesem Gespräch benennt von Schirach einen herausragenden Aspekt dieses Stückes:

„…Helden enden tragisch, sie können keine glückliche Menschen sein. Sie scheitern im Großen, wie wir im Kleinen, das bringt sie uns nahe. Der Held entscheidet sich nicht zwischen Gut und Böse. Das wäre kitschig und vor allem langweilig. Nein, der Held der Tragödie muss zwischen Gut und Gut wählen, zwischen zwei fast gleichwertig hohen Pflichten. Er steht zwischen ihnen, es gibt keinen Ausweg. Beide Entscheidungen kann er moralisch rechtfertigen, aber ganz gleich, was er tut, er wird schuldig. Das ist seine Tragödie. Der Pilot im Stück denkt anders. Er entscheidet sich zwar, aber verneint seine Schuld, er ist kein tragischer Held. Dadurch treten die Zuschauer an seine Stelle. Sie richten über ihn und werden so selbst zum Teil der Tragödie.“

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5 Gedanken zu “Über die Würde des Menschen ist zu diskutieren. Von Schirachs „Terror“

  1. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich entsetzt über die Art und Weise, wie ARD und Schweizer Fernsehen gestern die Demokratie dem Populismus zum Frass vorgeworfen haben. Nicht jeder kann alles entscheiden und beurteilen und nicht jeder muss alles beurteilen und jemanden zu verurteilen ist noch einmal eine ganz andere Nummer. Der Film gaukelt vor, dass alle Experten sein können, ohne juristische Kenntnisse, ohne stundenlange Aktenstudien, ohne Beratungen zwischen Verhandlung und Urteil, die oft Wochen dauern. Ich bin keine Juristin, mir klaut keiner die Butter vom Brot, wenn er die Fernsehzuschauer solche Entscheide fällen lässt. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass wer richten will, über die nötige professionelle Distanz und das geforderte Expertenwissen verfügen muss. Die Fernsehanstalten gaukeln mit dieser Veranstaltung etwas anderes vor und das finde ich gefährlich.

    • Danke für den Kommentar. Vorab eins: das Format einen Prozess im TV zu zeigen und das Publikum abstimmen zu lassen, ist nicht neu und war über Jahre eine sehr spannende Folge im ZDF, die leider 2000 eingestellt wurde. Die Sendung hieß „Wie würden Sie entscheiden?“ Sie war sogar kritischer, da es sich um nachgestellte, reale Prozesse handelte, über die das Publikum dann urteilte und im Nachhinein dann das Urteil erfuhr, das tatsächlich gesprochen wurde. Wer will, konnte daraufhin etwas über Rechtsprechung versus empfundener Gerechtigkeit lernen.

      Auch dieses aktuelle TV-Format gaukelt m. E. nicht vor, dass jeder Zuschauer ein Experte sei, sondern lässt ihn begreifen, wie schwierig und unbefriedigend es ist, ein unlösbares moralisch-ethisches Dilemma juristisch zu behandeln. Es ist auch kein medialer Volksentscheid über das Grundgesetz. Die mehrheitlich Wahl „unschuldig“ war m. E. überwiegend Ausdruck eines emotionales Bedürfnisses, den Angeklagten für seine Tat nicht bestrafen zu wollen.

      Zu bekritteln wären nur die Zuschauer, die darauf pochen, dass der Angeklagte doch auch im juristischen Sinne unschuldig sei und sich einzig korrekt und richtig verhalten habe. Doch den Anteil kennen wir nicht.

      Aktuell irritieren mich weit mehr die vielen herablassenden Kommentare in den Medien, die die „Freisprecher“ als Mob bezeichnen, sie für unzurechnungsfähig erklären und überhaupt stehe doch angesichts dieser Ergebnisse fest, dass das Volk unmündig sei, solche Debatten ernsthaft zu führen. Und Rechtsexperten, die ich sehr schätze, (Heribert Prantl, Thomas Fischer) erklären einzig, dass es doch einen juristischen Weg gäbe (einen sehr zweifelhaften), den Angeklagten milde zu bestrafen oder gar straffrei herauskommen zu lassen. Den hätte der Autor wissentlich vorenthalten. Das ist für mich dann ein rechtsphilosophisches Armutszeugnis.

    • Hier von einem Mob zu sprechen, ist natürlich eine unsägliche Arroganz, damit bin ich einverstanden. Trotzdem teile ich das Unbehagen von Baum und seinen Kollegen. Man weiss von Fussballspielen, wie differenziert Menschen bei Chips und Bier über die Arbeit anderer denken und urteilen. Ich bin der Meinung, dass Schirach, ARD und SRF mit dieser Aktion auf der aktuellen „Wir sind das Volk“ Welle mitsurfen. Von mir aus dürfen Gerichte gerne weniger elitär werden, aber dann bitte indem man Bildung erschwinglich macht, und nicht mittels Brot und Spiele.

  2. Vielen Dank für diesen Lese- wie TV-Tipp und einen herausragender Beitrag, der wieder über den eigentlichen Inhalt des Buches hinausschaut und wichtige Denkanstöße gibt. Von Schirach habe durch seine Krimis kennengelernt, vor allem den Band „Verbrechen“ habe ich sehr gern gelesen. Viele Grüße

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