„Musik ist Sehnsuchtsort.“ Kent Nagano

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Ich bekenne, dass ich Analphabet bin, und zwar ein musikalischer. „Musikalischer Analphabetismus – was für ein bedrückend hässlicher Begriff.“ bemerkt Kent Nagano und ich gebe ihm Recht. Ich schäme mich nicht dafür, doch ich bedauere es. In meiner Familie wurde rundweg unterstellt, wir seien alle unmusikalisch und meine Schulbildung in den 70igern war diesbezüglich derart desolat, dass ich erst mit 15 von einer Musiklehrerin entsetzt entlarvt wurde, dass ich keinerlei Noten lesen kann, geschweige irgendein Instrument rudimentär beherrsche. Daran hat sich zwar bis heute nichts geändert, doch ein Leben ohne Musik, ernste und unterhaltende, wäre mir unvorstellbar.

Ein Drittel der Menschen sollen von Musik emotional nicht zu berühren sein. Musik-Anhedonie wird das genannt. Und ein zweites Drittel empfindet zwar etwas, doch offenbar keine größere Erregung. Nur das letzte Drittel ist deutlich bewegt. Ich darf mich zum Glück diesem Teil zu rechnen. Musik bewegt, berührt, beglückt, berauscht, beflügelt, ergreift mich. Und dies ist auch das einzige, was es braucht, um sich von Kent Nagano im Konzertsaal und auch von seinem Buch mitreißen zu lassen.

„Warum rührt uns Musik an? Warum entwickelt sie diese Kraft? Warum versetzen uns gerade ästhetische Erfahrungen in die Lage, die Wechselfälle des Lebens und die immerfort damit verbundene Frage nach dem Warum leichter zu ertragen?“

Das sind Fragen, denen Kent Nagano nachgeht und dazu sehr interessante Antworten bei Kollegen und Forschern erhält. Aber darüber hinaus ist das Buch, das überraschend große und enthusiastische Resonanz findet – allein bei amazon gibt es mehr als 40 positive Rezensionen – auch ein leidenschaftlicher Aufruf: Engagiert Euch!

Die Intention, ja wohl besser schon Mission, die Kent Nagano antreibt, ist die eines Kulturoptimisten. Das Pendant dazu kennen wir zur Genüge und ich gestehe, dass ich immer wieder schwanke, auf welche Seite ich mich schlagen soll.

bildschirmfoto-2016-10-28-um-11-41-06Vehement stemmt sich Kent Nagano gegen kulturelitäre Ansichten wie sie beispielsweise von Mario Vargas Llosa verbreitet werden. Llosa mahnt vor einer Boulevardisierung der Hochkultur durch das gesellschaftspolitische Ansinnen „Kultur für alle“ zugänglich zu machen. Dies seien zwar hehre Motive, jedoch trivialisieren sie das Kulturleben und ziehe es zum Mittelmaß herab. Letztlich gelingt es Kent Nagano auch nur eingeschränkt, dem überzeugend zu widersprechen, auch wenn solche Ansichten für ihn ein rotes Tuch sind. Denn „ernste“ Musik versus unterhaltender oder – wie Kant unterschied – „schöne“ versus „angenehme“ Kunst verlangt nun mal mehr Anstrengung und intrinsische Lust, sich diese Kunst zugänglich zu machen. Und zu dieser anfänglichen Mühsal sind viele nicht bereit.

Gegenwärtig überwiegt bei der Mehrheit der Menschen, die mit anspruchsvoller Kunst konfrontiert werden, das befremdet sein und die Haltung, die Künste bzw. die Künstler müssten doch sie überzeugen, für sie verständlich sein, ansonsten sei das doch nur abgehobener Kram. So spiegelt sich in der bequemen Haltung der Gesellschaft zu ihren Künsten auch ihre Trägheit gegenüber fremden Kulturen. Auch hier wird lieber gefordert, dass sich diese uns anpassen müssen als das wir uns bemühen, diese Kulturen kennen zu lernen. Und da meine ich nicht die aktuelle Diskussion um die Integration der Flüchtlingen, sondern denke an all die vielen Touristenorte auf der Welt, die umso erfolgreicher sind desto mehr sie sich den Urlaubern anbiedern.

Insofern liegen nur die Menschenbilder von Llosa und Nagano diametral gegenüber. Letzterer ist der Idealist, der daran glaubt, dass viele Menschen, wenn man sie nur entsprechend leitet und ästhetisch erzieht, bereit sind, sich den Zugang zur Hochkultur zu verschaffen, wie viele ja auch bereit seien, einen Berg hoch zu stiefeln oder in ihrer Freizeit an der Werkbank etwas zu erschaffen, weil das Ziel eine besonders tiefe Befriedigung verschafft.

Der Idealist lässt Taten folgen und treibt ein Projekt an, von dem er sich erhofft, dass es Schule macht: ein musikalischer Kindergarten im Norden von Montreal, der überwiegend von bildungsfernen Milieus bewohnt ist, um den „Kindern Zugang zu einer Welt zu ermöglichen, die meinen Freunden und mir einst Professor Korisheli in Morro Bay erschlossen hat.“ Morro Bay, ein kleiner Ort an der Westküste der USA, stellt Kent Nagano zu Beginn des Buches als seinen Herkunftsort vor, dem damals das Glück beschieden war, einen kongenialen Musiklehrer zu beherbergen, der fast alle Kinder im Dorf für die klassische Musik und das Erlernen eines Musikinstruments begeisterte.

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Eines der ergreifendsten Konzerte, die ich je gehört habe: am 25. Dezember 1989 dirigiert Leonard Bernstein „Ode an die Freiheit.“  

Wie bedeutend Musiklehrer in der Kindheit sind, erfahren meine Frau und ich seit fünf Jahren bei der musikalischen Ausbildung unseres neunjährigen Sohnes. Es stand nie zur Debatte, dass er keine erhält. Denn Talent ist kein Erfordernis, sondern nur eine Erleichterung. Man würde ja heute auch kein Kind mehr zugestehen, keine Fremdsprache zu lernen, weil es angeblich keine Begabung dazu hat. Wir hatten im Kleinen das Glück was Kent Nagano im Großen beschreibt. Die Früherziehung ab vier Jahren ging über in einen begeisterten Einstieg beim Knabenchor und einer bereitwilligen Ausbildung am Klavier. Bei allem haben wir hoch engagierte Pädagogen kennengelernt, vor deren Leistung ich den allergrößten Respekt habe.

Man erfährt zudem sehr viel Erhellendes zu Komponisten, die Nagano sehr schätzt – Bach, der niemals langweilig wird, Schönberg, der sogar eine Watschen ertragen musste, Beethoven, das erste freischaffende Genie, Messiaen, der ihn in Paris beherbergte, Bruckner, der tragische Duckmäuser und Ives, der erste amerikanische Komponist, der Versicherungsmakler war – , sowie aus den geschilderten Begegnungen Kent Naganos mit außergewöhnlichen Personen der Gegenwart u. a. Leonard Bernstein, der kanadischen Schriftsteller Yann Martel, Frank Zappa und der Altkanzler Helmut Schmidt.

Letzterer war bekanntermaßen einer der wenigen Staatsmänner, der auch eine hervorragende musikalische Ausbildung hatte und virtuos ein Instrument beherrschte. Mit dem Gespräch wollte Kent Nagano Helmut Schmidt als Mitstreiter für seine Mission gewinnen: „Müsste sich die Politik nicht viel mehr in den Dienst der Künste, der Musik stellen, damit die klassische Musik nicht immer weiter zu einer Liebhaberei gesellschaftlicher Eliten degeneriert?“ Nach einer für Schmidt typisch verqualmten Kunstpause kam die ernüchternde Antwort: „War es jemals anders?… Die Literatur, die Kunst waren immer eine Sache von sogenannten Eliten. Das Bedürfnis nach Kunst mag zwar auch im Volk vorhanden gewesen sein. Aber in den Genuss des Zugangs zur Musik, zum Theater ist doch meistens nur ein kleiner Teil der Gesellschaft gelangt.

So klug der Austausch zwischen den beiden Musikbegeisterten auch verläuft, so äußert der Altkanzler dennoch frustrierende Ansichten gegenüber seinem Zuhörer: „Ich halte die Oper für eine verunglückte Kunstgattung.“ Dem würde ich ebenso vehement widersprechen wie seiner These, die „Literatur und Philosophie sind als Künste wichtiger als die Musik. Ihr Einfluss auf den Menschen ist ungleich größer.“ Offenbar hat sich für Helmut Schmidt nie erschlossen, dass die Musik z. B. für die Kirche der bedeutendste PR-Coup war, um ihre Gläubigen zu binden. Der Einfluss von Hymnen, Marschmusik oder Revolutionsliedern dürfte ebenso höher sein als pathetische Erbauungsliteratur. Und ob Schillers „Ode an die Freude“ heute noch jemand rezitieren würde, wenn sie Beethoven nicht in seiner 9. Symphonie kongenial verewigt hätte?

 

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Ja, Bach wird nie langweilig. Und wenn Yo-Yo Ma ihn spielt bin ich an meinem Sehnsuchtsort angekommen.

Wer sich in „…Deutschland – dieses Weltwunder der Musik mit 130 Sinfonieorchestern“ grundsätzlich fragt: Wozu brauchen wir all die Kunst? Was kommt dabei raus? dem kann man zunächst einmal mit Schiller entgegnen:

„Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Wage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und, aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem lärmenden Markt des Jahrhunderts.“

Und wem das noch zu wenig zu denken gibt, dem sei noch dieser Gedanken von Kent Nagano zum Kauen gegeben:

„Den Grad der Wertschätzung für ästhetische Erziehung kann man derzeit nirgends besser ablesen als“ bei dem von der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, regelmäßig durchgeführten PISA-Test. „Die findet (dort) nämlich überhaupt nicht statt.“ … „Natürlich ist es für Staaten nicht verkehrt, über das Leistungsvermögen ihrer Schüler auf bestimmten Gebieten gelegentlich Rechenschaft abzulegen. Aber wie kommen sie ausgerechnet dazu, einer Wirtschaftsorganisation die Definition von Bildung und das Testen ihrer nationalen Qualität zu überlassen?“

Sicher brauchen wir nicht über hundert Sinfonieorchester, wenn es uns kein Anliegen ist, unsere Kinder intensiv musikalisch ausbilden zu lassen. Dann können wir die „ernste“ Musik, die schönen Künste gänzlich einer kleinen Elite überlassen und den Rest sich seiner beschränkten Freude an angenehmer Kunst und leichter Unterhaltung bei Schnitzel, Hamburger, Cola und Bier.

„Erwarten sie Wunder“, das im Original „Expect the unexpected“ betitelt wurde, ist auf Deutsch ein stilistisch und inhaltlich hervorragend verfasstes Buch, das sicher auch der Co-Autorin Inge Kloepfer zu verdanken ist. Ich wünsche ihm noch viele Leser, (Dafür ist es auch gerade als Taschenbuch erschienen) und noch viel mehr enthusiastisch angesteckte Musikbegeisterte, die sich der Klassik wieder stärker zuwenden und den Kindern in ihrem Umkreis diese einmalige Erfahrung vermitteln, wie es nur die globale Sprache Musik, die sich nie von Ideologien gänzlich vereinnahmen lässt, kann: „Spiritualität, Gefühl, Intellekt und die rein physische Erfahrung der Schwingungen, die den Körper erreichen.“

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