Die Räuberpistole von Leon de Winter

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Im Deutschen gibt es den sicher nicht leicht zu übersetzenden Ausspruch „Räuberpistole“. Eine „unglaubliche, haarsträubende Geschichte (die jemand als wahr präsentiert)“ erklärt Wikipedia.

Exakt das ist es, was uns Leon de Winter in seinem neuem Roman „Geronimo“, aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers übersetzt, auftischt. Allzu viel darf man über den Inhalt nicht kolportieren, wenn man die Pointen und verteilten Spannungsbögen einem zukünftigen Leser nicht versauen will.

Den Grundstoff bilden die Umstände der am 2. Mai 2011 vom US-Präsidenten Obama befohlenen Operation „Neptune’s Spear“ – Codename „Geronimo“ –, die zum Tod von Osama bin Laden führte, und um die sich erwartungsgemäß zahlreiche Verschwörungstheorien ranken. Es lohnt, die offizielle Geschichte zuvor noch mal auf Wikipedia nachzulesen, bevor man in den Roman einsteigt. Leon de Winter erzählt seine Version der Geschichte überwiegend aus Sicht des am Rande der Operation involvierten Ex-CIA-Mitarbeiters Tom, dessen Kumpels zur legendären Navy Seals Team 6 (ST6) Einsatzgruppe gehören.

geronimo-9783257069716„Spannend wie ein Thriller und berührend wie eine Liebesgeschichte, bringt „Geronimo“ die Grenzen zwischen Realität und Phantasie ins Wanken.“ heißt es im Klappentext. Naja, wer hier beim Lesen in solches Wanken gerät, der muss schon einen ziemlich ausgeprägten Hang zu Verschwörungstheorien mitbringen. Und welchen Beitrag dieser Roman bei der kritischen Nachbearbeitung des durchaus sehr menschen- und völkerrechtlich fragwürdigen Vorgehens der Amerikaner leistet, erschließt sich mir nicht. Da findet sich keine Figur im Roman, die das in der westlichen Welt gefeierte Medienereignis mal deutlich als das bezeichnet, was es ist: eine perfide Machtdemonstration einer Hegemonialmacht und eine innenpolitisch als notwendig erachtete Inszenierung, um einem gedemütigten, archaischem Volk das zu geben nach was es schreit: martialische Rache.

Zweifelsohne ist es wieder ein Roman Leon de Winters, der sich gut liest. Diese literarische Stärke ist aber auch eine fragwürdige. Er versteht das meisterliche Handwerk eines Schriftstellers, dem man den Auftrag gibt, einen international tauglichen Bestseller zu schreiben. Doch das geht deutlich zu Lasten einer originär erkennbaren Autorenschaft. Der Roman könnte aus beliebiger Feder eines versierten Thriller-Autors stammen. Er ist exemplarisch für die zunehmende Globalisierung der Bestseller-Literatur – generisch und unter Vermeidung kultureller Eigenarten.

Das Thema ist interkulturell und die Figuren erwartungsgemäß gezeichnet. So sind die vorgestellten US-Elitesoldaten – natürlich mit Ausnahme der etwas kultivierten Hauptfigur Tom – zunächst ganz klischeehaft tumbe Geister, die sich Bier saufend und Super-Bowl schauend gegenseitig an ihren sadistischen Rachephantasien hochziehen:

„Zuerst schneid ich ihm die Eier ab. Die verfüttere ich an meinen Hund.“

„Ich will ihn an der Leine durch die Basis schleifen. Ich will auf ihn pinkeln.“

Auch die diversen anderen Romanfiguren – ein armer, aber kluger pakistanischer Junge und seine aufopferungsvolle Mutter, die der diskriminierten, christlichen Minderheit angehören, Toms Exfrau, die nun mit einem Milliardär verheiratet ist und sich gänzlich in ihr luxuriöse Familienglück zurückgezogen hat, und internationale Geheimdienstler, die sich allesamt als undurchsichtige Zeitgenossen gerieren – sind schon fast archetypisch gestaltet, damit ihre Rollen dem Leser keine Probleme bei der Einordnung bereiten.

In dem ganzen Roman fehlt jeglicher Lokalkolorit. Selbst der pakistanische Zufluchtsort von Osama bin Laden Abbottabad könnte auch ein Städtchen in der Eifel sein. Die Menschen dort verhalten sich nicht anders als hier, sieht man mal von dem zwingenden Hinweis ab, dass die Einwohner überwiegend Muslime sind.

Nur die „menschliche“ Zeichnung der Figur Osama bin Laden, dem der Autor eigene Erzählkapitel widmet, mag etwas unerwartet sein. Man schwankt, ob die Episoden karikierend gemeint sind oder der ernsthafte Versuch, die „Banalität des Bösen“ anhand von nächtlichen Zigaretten- und Eiskremkäufen sowie nachfolgender Viagra-Einnahme zum Standhalten bei seinen drei ehelichen Pflichten, zu entlarven. Nach einigen Kapiteln ist man versucht zu dichten:

Wer tuckert des Nachts auf ´m klapprigen Moped dahin

Mit ´ner Marlborokippe im Mund hängend zum Kinn

Ach, es ist nur Osama bin Laden, unser Schreckgespinn.

bildschirmfoto-2016-11-08-um-23-13-57Außergewöhnlich ist dann einzig die tragische Figur Apana, eine afghanische Weise, die Tom bei einem früherem Einsatz in Afghanistan kennengelernt und mit der westlichen Hochkultur der Musik bekannt gemacht hatte – den Goldberg Variationen von Bach, gespielt von Glenn Gould. Dieses Mädchen ist das einzig eigenwillig Gewebte in dieser ansonsten literarisch wenig originellen Konfektionsware. An dem ziemlich „fabelhaften“ Konstrukt, der sich mit ihrer Figur verbindet, kann man sich kritisch reiben. Doch ohne diese Figur wäre die Geschichte das, was de Winter nach dreihundert Seiten selbst einmal reinschreibt:

„Denn das ist eine Geschichte, die der Vorstellungskraft ziemlich viel abverlangt, verstehst du? Als Ausgangspunkt für einen Tom-Clancy-Thriller, gut, aber du willst, dass wir was damit machen. Was willst Du eigentlich?“

Exakt die Frage kann man sich bis zum Schluss nicht beantworten. Es sind dann jede Menge Menschen gestorben, fasst die gesamte Hauptbesetzung des Romans, und letztlich, wenn man dem Autor vertrauen kann, auch Osama bin Laden. Mit dieser finalen Beruhigung schlägt man das Buch zu, legt am besten eine Bach CD ein und nach einigen Minuten bekommt man wie Tom „eine Ahnung davon, um was es im Leben geht, Schmerz und Liebe und Sehnsucht und Hoffnung und Verlust.“

Allen, die es gelesen haben oder noch lesen werden, möchte ich mal eine kleine Empfehlung zur weiteren Recherche geben. Johann Sebastian Bach und auch einige andere große Komponisten haben beeindruckende Orgel-Kompositionen für die Füße bzw. Pedale gemacht. Schade, dass Leon de Winter dies nicht in seinem Roman eingebracht hat. Ein erstes Beispiel auf Youtube gibt es hier:

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3 Gedanken zu “Die Räuberpistole von Leon de Winter

  1. Fand das Buch auch nicht so weltbewegend, habs aber locker runter gelesen. Und es trifft bei mir insofern einen Nerv, dass ich mich immer schon gefragt habe, warum die Amis den Osama direkt erschossen haben. So halb habe ich das nie geglaubt, insofern fand ich es ziemlich cool, dass jemand einen Roman daraus macht.

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