Der Kapitalismus ist immer in Mode

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Wir wohnen in einem privilegierten Vorort Münchens. Als im vergangenen Jahr ca. 300 Flüchtlingen in der Turnhalle des Gymnasiums untergebracht wurden, spendeten wir – wie viele in unserer Gemeinde – reichlich Kleidung für Jung und Alt. Die Abgabe der Spende haben wir mit einem Besuch der provisorischen Einrichtungen verbunden, auch damit unser neunjähriger Sohn den Menschen dort direkt begegnet. Denn, wie viele Kinder, fremdelte er bei der Vorstellung, mit den Flüchtlingskindern in Kontakt zu kommen. Er war zwar sofort bereit, jede Menge von seinen Sachen zu spenden, doch die Idee, diese persönlich zu übergeben, behagte ihm zunächst nicht. Letztlich überzeugten wir ihn damit, dass wir auch einen Fußball spenden wollten und wir sicher seien, dass es da jede Menge Kinder gäbe, mit denen er dann kicken könne.

Das alles verlief überaus erfolgreich. Denn wie bei Kindern zu erwarten, war mit diesem Ball nach einer Viertelstunde jegliche Hemmschwelle überwunden. Wir blieben über eine Stunde und die Kinder verabredeten sich am Ende zu weiteren Fußball-Treffen im naheliegenden Verein. Als wir dann am Abend zusammensaßen und beim Essen über die Begegnung sprachen, überraschte mich mein Sohn mit einer naiven Feststellung, die damals wohl auch von einigen Erwachsenen geteilt wurde: die Flüchtlinge seien ja gar nicht arm. Auf meine Nachfrage, woran er das festmache, erklärte er: „Ja, die haben doch die gleiche Sachen an wie wir.“ Ich schmunzelte und sagte: „Ja klar, die tragen ja unsere Sachen, die wir gespendet haben.“

Mal abgesehen davon, dass wir auch noch darüber sprachen, dass Flüchtlinge ja nicht per se arm seien, wurde aber anhand dieser Feststellung eines sofort bestätigt: „Kleider machen Leute.“ Die Irritation meines Sohnes war besonders dadurch verständlich, da in einer so wohlhabenden Gemeinde die Flüchtlinge mit feiner Markenkleidung ausgestattet wurden. Die Kinder trugen fast durchweg sichtbar Polo Ralph Lauren, GAP, Hollister,  Abercrombie & Fitch, Puma, Adidas etc. Als mein Sohn das bemerkte, erinnerte ich mich auch an ein Pressebild eines Flüchtlingsjungen, der aus einem Zugfenster lachte und ebenfalls sichtbar ein Polo Ralph Lauren-Shirt trug. Ich bin fast sicher, dass es nicht wenige Kinder und Erwachsene gab, die diese Markenbildsprache so missverstanden wie mein Sohn.

Wie vehement Kleidermode unser gesellschaftliches Gefüge schon seit Anbeginn der Menschheit beeinflusst, ist uns meist nur sehr latent bewusst. Ja, wenn man uns fragt, gestehen wir zwar alle ein, dass Kleidung und ihre Moden unsere menschlich-irrationale Seite besonders offenbart, jedoch möchten wir dies dann meist nicht tiefer analysiert bekommen. Wer sich daran macht, unsere bitterste Ignoranz gegenüber fast allen weltweiten sozialen und ökologischen Missständen aufzudecken, die in Verbindung mit der Mode stehen, wird schnell als missliebige Spaßbremse unserer hedonistischen Lebensfreude ausgegrenzt.

Auf der Buchmesse entdeckte ich so eine offenkundige Spaßbremse beim Schweizer Rotpunktverlag: Tansy E. Hoskins. Die englische Journalistin hat „Das antikapitalistische Buch der Mode“ verfasst, das durch eine beeindruckende Fülle an Informationen, historischem Wissen, immens vielen Fakten und Beispielen über die Modebranche ein hervorragendes Sachbuch zum thematischen Einstieg ist. Sofern man will. Doch wer will das schon. Kaum einer mag (noch) lesen, sehen und hören, was sie über die Mode und Modebranche konsequent und unnachgiebig zusammengetragen hat.

img_8619Über das Fazit, also die von der Autorin geforderte Konsequenz, die sich ja schon im Titel ankündigt, werde ich mit ihr nicht einig: eine kapitalismusfreie Gesellschaft ist für mich keine denkbare Option. Einmal mehr erkenne ich hier, dass Systemkritik der weitaus wichtigeren Selbstkritik vorgezogen wird. Doch wir sind nicht Geisel der sozialen Systeme, sondern wir bedienen uns ihrer, um eine mehr oder weniger lebenswerte Gesellschaft zu sichern. Wir sollten also kritisch mit der Art und Weise ins Gericht gehen wie WIR unsere sozialen Systeme bedienen und nicht stetig in die Irre ziehen und zu ihrer Zerstörung auffordern. Soziale Systeme sind keine mechanistischen Systeme, die irgendwann abgenutzt, verschleißt oder obsolet sind, sondern die sich stetig durch neue Regeln und Ordnungsprinzipien erneuern und anpassen.

Doch unabhängig von dieser ideologischen Differenz sind die Beschreibungen und kritischen Analysen, die Tansy E. Hoskins in zehn Kapiteln gut strukturiert und sehr anschaulich beschreibt, ein hervorragendes Fundament, um sich die gesamte interkulturelle Tragik und Dilemmata klar zu machen, die die Mode auslöst.

Neben der in der Einleitung schon angesprochenen Funktion zur Distinktion, die Mode historisch wohl schon seit Anbeginn der Menschheit hatte, ist die Produktion der Mode über Jahrhunderte schon immer beschämend menschenverachtend. Ja, sie gipfelt heute in den unwürdigen Arbeitsbedingungen von Millionen Arbeitern in den Sweatshops, die letztlich – so zynisch muss man es beschreiben – noch gleichgültiger behandelt werden als die Millionen Baumwolle pflückenden Sklaven in der Vergangenheit da sich mit ihnen – im Gegensatz zu Sklaven – keine „Investitionskosten“ verbinden.

Während uns diese Tatsache allgemein bekannt ist und wir jeden Bericht darüber nur noch mit einem seufzenden Achselzucken begleiten, mag vielleicht das Kapitel über die Modemedien ein paar neue erhellende Einblicke verschaffen. Wer der naiven Vorstellung unterliegt, dass Mode ein bereichernder Ausdruck unseres kreativen Potentials in der Gesellschaft ist, dem wird hier deutlich werden, dass Mode zuallererst unzählige Medien und ihre Macher bereichert.

„„Die wichtigste Tatsache zum Zeitschriftenbusiness lautet, dass man über die berichtet, die Anzeigen schalten“, so Richard Shortway, langjähriger Herausgeber der Vogue.

Tatsächlich lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen der Anzahl der Anzeigen und den redaktionellen Erwähnungen einer Marke in einem Magazin feststellen.“

Diese Korrelation beschränkt sich nicht nur auf Magazine und die Modebranche, sondern findet sich letztlich in allen Medien wieder. Auch in den neuen Formen wie erfolgreiche Modeblogs setzt sich dies fort. Dass beim Thema Mode unserer Verhaltenspsychologie gegen alle Ethik und Moral besonders anschaulich wird, zeigen nicht zuletzt bevorzugte Plünderungen von Kleider- und Schuhgeschäften bei sozialen Unruhen 2011 in England.

Modeartikel zählen seit Jahrhunderten zu den irrationalsten Konsumartikeln.

„Mode bedeutet, dass Kleidung durch etwas Anderes bewertet wird als ihren Gebrauchswert … Anstelle dieses Gebrauchswerts werden Waren mit symbolischen Werten wie Liebe, Reichtum und Macht aufgeladen.“

13501883_1713625315571388_6765978002875551474_nWer sich frei von der Distinktion der Mode glaubt, hat die gesellschaftliche Bedeutung nicht erfasst. Denn selbst der Verzicht auf Mode ist bei vielen ein Zeichen des Luxus, nämlich, dass sie es sich leisten können, ohne bestimmte modische Codes in ihrem Milieu zu bewegen. Hinzu kommt, dass die Mode einfach jede Bewegung, also auch ihre Gegenbewegungen, früher oder später vereinnahmt. Bekanntestes Beispiel ist der Punk. Aber auch heute gibt es Trendscouts, die nicht einmal davor zurückschrecken, „kreative“ Obdachlose als Stilbildner zu präsentieren.

Zweifelsohne ist die Kleidung – neben dem Habitus – die entscheidende Eintrittskarte in jedes Milieu. Wer keinen Sinn für diese Äußerlichkeiten hat, dem bleiben viele Zugänge und Zusammenhänge unverständlich verschlossen. Und das macht sich nicht nur in unserer Jugend bemerkbar, wenn wir an einer Clubtür scheitern, sondern bei allen Situationen, in denen wir auf Unbekannte stoßen, wo wir uns intuitiv über unsere äußeren Signale einschätzen.

Modekenntnis verleiht uns Sicherheit und Selbstbewusstsein. Sie gibt uns unverfängliche Gesprächsanlässe und bietet uns einen willkommenen Anlass, Komplimente zu machen. Mode war auch immer ein gesellschaftspolitischer Aspekt. Doch zumeist agiert die etablierte Modebranche auffallend opportunistisch. Viele Designer und große Modeunternehmen biedern sich den jeweiligen Machthabern an. Das war zu allen Zeiten so und hat ihnen selten geschadet. Modedesigner wie Dior oder Louis Vuitton waren bekannte Kollaborateure. Hugo Boss in den 30igern ein Produzent von Wehrmachtsuniformen, der auch Zwangsarbeiter beschäftigte. Die bis heute sehr verehrte Coco Chanel war berüchtigt für ihren Antisemitismus und ihre Homophobie. Und Diskriminierung in vielen Bereichen ist der Mode inhärent.

Wer heute hofft, dass der Modebranche mit Boykott oder Kontrolle beizukommen ist, wer derzeit auf ökologische Zertifizierungen und Fair-Trade-Label schaut, wer annimmt, dass der höhere Preis ihm etwas Sicherheit geben könnte, weniger Ausbeutung von Mensch und Natur zu unterstützen, der denkt zwar in die richtige Richtung, doch er bleibt der kapitalistischen Marktlogik verhaftet. Und in dieser Logik gilt nun mal, dass auf dem Markt Ethik und Moral keine Tugenden sind, sondern bestenfalls Marketingstrategien. Und da setzt nun Tansy E. Hoskins an und fordert nicht weniger als den „Sturz des Kapitalismus“.

MakersIch mag Menschen, die leidenschaftlich ihre Utopien verfolgten. Doch leider stelle ich auch wie in diesem Fall fest, dass ich ihnen nicht folgen kann. Tansy E. Hoskins Hoffnung setzt auf eine „echte“ Demokratisierung der Mode. Darauf, dass irgendwann alle Prosumenten (Produzent und Konsument in einer Person) sind. Das deckt sich ein wenig mit den „Revolutionären“ in der digitalen Welt, die ernsthaft glauben, dass mittels 3-D-Drucker bald jeder zum kreativen Heimarbeiter würde. Betrachten wir aber derzeit die kreativen Branchen, die heute schon so agieren könnten, so müssen wir erkennen, dass ein gegenteiliger Effekt entsteht. Die unüberschaubar wachsenden Optionen in der Musik, Kunst, Film, Literatur und vielen anderen Kulturbereichen führt in der Masse zu Überforderung und zu einer immer homogeneren, mainstreamigeren Auswahl. Die einstmals als Longtail-Theorie entworfene Hoffnung, dass durch die Möglichkeit auf Millionen von Titeln online zugreifen zu können, auch Exoten gefunden werden und damit ihr Auskommen erwirtschaften könnten, hat sich als völlig falsch erwiesen. Und eben dieser Theoretiker des Longtails, Chris Anderson, verheißt nun die große Aera der Makers, der kreativen Einzelproduzenten.

Wir sollten unseren kritischen Blick auf uns wenden. Wir sollten weniger Systeme verantwortlich dafür machen, ob es uns gut oder schlecht geht, sondern Menschen, die einflussreiche Schaltpunkte in diesem System bedienen. Aber auch wir bedienen es, sodass auch wir uns hinterfragen müssen. Sobald wir anfangen, die Ursache unserer Missstände zu entpersonalisieren, also Systeme, Regierungen, Konzerne als Verantwortliche zu benennen anstatt konkret Personen in die Pflicht zu nehmen, werden wir wenig Veränderungen bewegen. Die jüngsten Skandale in der Industrie, in der Finanzbranche und in Sportverbänden zeigen, dass es wichtig ist, Personen haftbar zu machen. Nur leider tendieren wir dann schnell nach ein paar personellen Konsequenzen dazu, wieder von maroden oder irreparablen Systemen zu sprechen, anstatt Gesetze zu fordern, die deutlich mehr persönliche Konsequenzen nach sich ziehen. Da, wo der Leidensdruck besonders konkret ist, gelingt dem Staat das prächtig: bei den Steuerhinterziehern. Die müssen mit Gefängnisstrafen und erheblichen Vermögensstrafen rechnen. Doch bislang wird kaum ein Manager persönlich gravierend haftbar gemacht, wenn er wissentlich der Gesellschaft, Teilen der Gesellschaft oder der Umwelt schadet. Hier sollte meines Erachtens erheblich nachjustiert werden. Dann kann auch das kapitalistische System seinen sinnvollen und Wohlstand-für-alle bringenden Dienst tun.

Das lesenswerte und von Jade Pilgrom auch sehenswert illustrierte Buch, das von Magdalena Kotzurek ins Deutsche übersetzt wurde, wurde mit Recht vom Londoner Institute of Contempory Arts zum Buch des Jahres 2015 gewählt.

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19 Gedanken zu “Der Kapitalismus ist immer in Mode

  1. Für mich bezeichnet „System“ im weitesten Sinne ein Ordnungsgefüge, in diesem Falle der Gesellschaft. Sanktionen und Ächtungen sind ein Stück in diesem Ordnungsgefüge. Wenn sie nicht durchgesetzt werden, muss man sich fragen, wieso? Liegt es jeweils an bestimmten Personen, die für die Durchführung verantwortlich wären, aber es aus bestimmten, persönlichen Gründen doch nicht tun? Und wenn ja, warum? Weil diese Personen „einfach so“ persönlich „fehlerhaft“ sind? Und wenn man diese Personen durch andere ersetzt, wird es sicher besser werden? Oder verhalten sie sich so wie es innerhalb des Ordnungsgefüges notwendig ist, um bestimmte Ziele zu erreichen? Weil eben das Ordnungsgefüge, das übergeordnete System, doch ihre Handlungen bestimmt?
    Wenn vom System die Rede ist, beschränkt sich das ja in der Regel nicht auf den Kapitalismus als Wirtschaftssystem. Wobei man auch hier eine enge oder weite Definition von Kapitalismus haben kann. Wenn in einer Gesellschaft das persönliche Ansehen und Auskommen im wesentlichen vom Kapital abhängt, wenn der Mensch selbst in einer Gesellschaft in erster Linie vom Kapital (und konkret natürlich von seinen Eignern) abhängig ist, dann ist das für mich ein Gesellschaftssystem, nicht ein „bloßes“ Wirtschaftssystem. Die Wirtschaft als Teil des menschlichen Lebens wird hier zum wesentlichen Ausdruck des menschlichen Lebens, vereinnahmt den Menschen für sich.
    Es ist natürlich nicht unproblematisch von „dem System“ oder „der Wirtschaft“ zu sprechen, weil letztlich nicht das System handelt, sondern der Einzelne. Und es ist wichtig, dass sich das Individuum seiner Eigenverantwortung bewusst wird und seine Untätigkeit, die in Wahrheit Trägheit heißen mag, nicht durch dieses Äußere entschuldigt. Andererseits ist aber der Handlungsspielraum des Einzelnen in Wirklichkeit sehr beschränkt, eben aufgrund der Existenz eines Systems. In einem gesellschaftlichen System sind dem Einzelnen feste Grenzen des Handelns gesetzt, deren Überschreitung persönliche Sanktionen, „bloße“ gesellschaftliche Ächtung, Freiheitsentzug oder sogar Tod bedeuten kann. Ob diese Grenzen gerechtfertigt sind, ist eine andere Frage. Dabei geht es nicht um die Existenz von Grenzen überhaupt, denn die braucht es, sondern um ihren konkreten Charakter, eben darum, welche Gesetze es sind, die gelten und wie sie formuliert sind. Das mögen offiziell und staatlich geltende Gesetze sein, aber auch solche, die stillschweigend vorausgesetzt werden. Die Summe der Gesetze aber schafft ein gesellschaftliches System, das hierarchisch strukturiert ist und letztlich in einer übergeordneten Idee, einem höchsten Gut mündet. Dieses höchste Gut heißt in unserer Gesellschaft derzeit Kapital, oder vielleicht auch Macht (Kapital jedenfalls aber als notwendiges Mittel, um Macht zu erlangen), nicht aber menschliches Glück. – Oder höchstens das Machtglück, die Machtlust weniger (vgl. Nietzsche).
    Letztlich muss jeder innerhalb seines Handlungsrahmens tun, was er kann und z.B. nicht für 10 Euro die Haare schneiden lassen. Aber nicht alle in unserer Gesellschaft können hier eine Entscheidung treffen, sondern es heißt für 10 Euro schneiden lassen oder gar nicht, oder eben selbst schneiden – eigene Arbeit verrichten, für die man wiederum vielleicht keine Zeit oder schlicht Kraft hat. Die Rede von „Jeder ist für sich selbstverantwortlich“ (und eben nicht das System) kann auch sehr gefährlich werden, weil Menschen, die gesellschaftlich vorgegebenen Ansprüchen nicht gerecht werden können, sich fälschlich selbst die Schuld geben und zum Beispiel in Depression versinken, anstatt zu hinterfragen, ob es denn überhaupt menschenwürdig und richtig ist, 8 Stunden täglich in Nachtschichten am Band zu stehen und von dem kleinen Geld gerade mal auskommen zu können. Wenn sie dann scheitern und arbeitslos werden, denken sie sich „Ich war eben nicht gut genug, hätte mich mehr anstrengen müssen“. Wie viel Handlungsspielraum, wie viel eigene Verantwortung hatten sie hier wirklich? Die toxische Doktrin vom „faulen Hartz-IV-Empfänger“ ist hier das perfekte Beispiel. Ich kenne aus familiärem Umfeld sowohl Kapitaleigner als auch Kapital-„Sklaven“, sage ich jetzt mal ganz plakativ. Es ist nicht schwierig festzustellen, wer glücklicher ist. „Aber Geld ist eben nicht alles im Leben.“ sagt man heute und es klingt zynisch für mich. In diesem Leben schon.
    Es kommt auch auf die Definition an, die wir von „System“ haben. Im Kapitalismus, im wörtlichen Sinne, als gesellschaftlichen System, möchte ich nicht leben. Der Kapitalismus wird da zu einer echten Option, wo er aufhört Kapitalismus zu sein. Und konkret könnte man z.B. beim Zinssystem anfangen, dass in seiner jetzigen Form zu einer exponentiellen Akkumulation von Vermögen führt.
    Ich entschuldige mich für den Roman (man schreibt und vergisst sich…) und bedanke mich für den schönen Artikel. Mode und Kapitalismus ist ein sehr spannendes Thema, dem ich mich auch nochmal irgendwann widmen muss.

    • Herzlichen Dank. Ich habe den ausführlichen Kommentar gerne gelesen. Ich kann das Unbehagen bezüglich meiner Entlastung von sozialen Systemen, hier besonders dem Kapitalismus, verstehen. Dennoch halte ich es für wesentlich, sich gegen die Vorstellung zu wehren, dass Missverhältnisse in unserer Gesellschaft durch deren „Systeme“ bedingt seien. Denn dann kann dies jeder für sich als persönliche Entlastung in Anspruch nehmen, also auch der Bankvorstand, der Unternehmer, der Lehrer, der Arzt, der Politiker, der Kriminelle etc. pp. Denn sie alle begründen dann ihr Handel als mehr oder wenig zwingend dem System geschuldet.

      Dass jemand heute Vollzeit arbeitet und damit kein akzeptables Auskommen hat, verantwortet nicht der, der aufgrund der fehlenden Alternative den Job macht, sondern der, der ihn so miserabel bezahlt bzw. zulässt, dass er so miserabel bezahlt wird. Wenn wir also derzeit akzeptieren, dass der Mindestlohn bei ca. € 8,50 pro Stunde liegt, dann muss man in unserer Gesellschaft guten Gewissens sagen können, dass man mit ca. € 1.400,- brutto im Monat akzeptabel leben kann. Das vermag ich jetzt ad hoc nicht zu beurteilen, stelle es mir jedoch schwierig vor.

      Dass allein das materielle Vermögen über die gesellschaftliche Reputation eines Menschen entscheidet, kann man in unserer Gesellschaft nicht so stehen lassen. Es gibt einige Milieus, in denen das Vermögen wenig zur Reputation beiträgt, z.B. akademische, künstlerische oder auch „alternative“. Es gibt sehr viele Menschen, denen die Vermögensverhältnisse ihrer Freunde und Bekannten gleichgültig sind.

      Unzweifelhaft ist, dass der Besitz von Vermögen und einen sicherem Einkommen uns Freiräume und Zugänge verschafft, die uns ohne nicht gegeben sind. Auch bringt es uns in eine andere Verhandlungsposition, wenn wir bezahlte Arbeit suchen. Doch interessant ist auch hier, wie wir gerne die Augen davor verschliessen, wenn wir Teil derer sind, die Berufsgruppen und Geschäftsmodelle zerstören, in dem wir unentgeltlich Leistungen erbringen, die ehemals etwas gekostet haben (Beispiele sind Open Source Programmierung, jegliche Content-Erstellung, Share-Economy/Tauschbörsen, Kunde hilft Kunde-Support, Kundenrezensionen) oder Leistungen zu einem Preis anbieten, von denen niemand beruflich existieren könnte (Beispiele airbnb, Mitfahrzentrale, ebay, nebenberuflich schreiben oder sonstige Arbeiten, unentgeltliche Kreativwettbewerbe etc.). Jeremy Rifkin (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/jeremy-rifkin-die-null-grenzkosten-gesellschaft-13151899.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2) und im Text genannter Chris Anderson glorifizieren diese Entwicklung und wollen uns glauben machen, dass wenn wir alles nur noch untereinander tauschen, würde es eine bessere Welt. Das halte ich für Humbug.

      Doch unabhängig davon müssen wir daran ansetzen, eine Gesellschaft zu stärken, in denen die Reputation jedes Einzelnen, das Selbstwertgefühl jedes Menschen zunehmend von immateriellen Werten bestimmt wird. Auch müssen wir lernen, neu Wert zu schätzen, z.B. Zeit, Selbstbestimmtheit oder Aufmerksamkeit.

  2. Eine kapitalismusfreie Gesellschaft muss nicht per se eine marktwirtschaftsfreie, nicht leistungsorientierte Gesellschaft sein. Sahra Wagenknecht hat sehr interessante Lösungsvorschläge dazu in ihrem Buch „Reichtum ohne Gier“ http://www.campus.de/buecher-campus-verlag/gesellschaft-wirtschaft/wirtschaft/reichtum_ohne_gier-10240.html zu dieser Thematik dargelegt. Ich habe es gerade beendet und kann es nur wämrstens weiterempfehlen, als Lektüre um einen Blick aus der eigenen Echoblase herauszufinden.
    Um das Gesamtbild in Richtung Ethik abzurunden dazu von BWL Professorin Evi Hartmann „Wie viele Sklaven halten Sie?“ http://www.campus.de/buecher-campus-verlag/gesellschaft-wirtschaft/wirtschaft/wie_viele_sklaven_halten_sie-10265.html
    Ansonsten herzlichen Dank für eine wie so oft geschätzte und fundierte Besprechung die einem Buch außerhalb des mainstreams gewidmet ist und meine Wunschliste bereichert.

    • Danke für die Anregungen. Ich bin zögerlich, ob ich Sahra Wagenknecht lesen muss, um ein erweitertes Bild von alternativen Wirtschaftssystemen zu bekommen. Letztlich basiert meines Erachtens alles, was gesellschaftlich tragbar ist, auf einer ideologiefreien und geregelten Marktwirtschaft, die weiterhin Eigentum, Kapital, Steuern, Schulden und Zinszahlung oder Risikopreis vorsieht. Solange dies so ist, ist eine kapitalistische Marktwirtschaft ein Frage der Regeln und nicht eine des Systems. Und dieses System wird immer Ungleichheiten produzieren, die je nach Dauer einer krisenfreien Zeit (Krieg/Staatsbankrott) den Gap zwischen den Vermögen der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft vergrößert.

    • So nochmal nachdem der erste Beitrag aufgrund techn. Probleme oder persönl. Unfähigkeit verschwunden ist. Ideologiefrei ist keine Art der Wirtschaft auch nicht die derzeitige auf Milton Friedman und die Chicagoer Schule basierende. Ökonomie ist das worauf sich die Gesellschaft einigt. Und Wagenknecht beschreibt pragmatisch den IST Zustand um dann im der zweiten Hälfte des Buches korrektive Vorschläge zu unterbreiten, die in ihrem Fall tatsächlich auf Fachwissen zurückgehen. Das ganze liest sich flott und erstaunlich unterhaltsam, da sie zwar keinen Humor, aber fundiertes breitgefächertes Allgemeinwissen miteinbringt.
      Das derzeitige System ist verbesserungswürdig und benötigt wirksamere Kontrollinstanzen, darauf können wir uns sicher einigen. Es geht Wagneknecht nicht darum leistngsorientierte Menschen zu enteignen, sie zeigt die Fehler des derzeitigen Sytem sehr pointiert und, heutzutage auch nicht mehr allg. üblich, nicht postfaktisch sondern belegbar auf. Auch sie zeichnet kein Utopia, aber neue Wege abseits des (Schreck) Gespenstes des Kommunismus. Wie gesagt. Es könnte wenn du dich überwindest, durchaus anregend sein.

  3. »Modekenntnis verleiht uns Sicherheit und Selbstbewusstsein. Sie gibt uns unverfängliche Gesprächsanlässe und bietet uns einen willkommenen Anlass, Komplimente zu machen.«
    Mir geht das nicht so. Weder das Wissen um Marken noch um Modetrends hilft mir, Kleidung zu finden, die mir passt und gefällt. Ganz davon abgesehen, dass man einem Logo nicht ansieht, ob das Kleidungsstück auch etwas taugt.

    Wir hatten bei unserem Nachwuchs auch eine Phase, da wurde im Klassenumfeld plötzlich Wert auf Marken gelegt. Das gab sich zum Glück wieder, vielleicht, weil die wirklich coolen Leute in der Schule trugen, was sie wollten.

    Wahrscheinlich muss man sich bewusst sein, dass ein Eintauchen in die Welt der Mode und ihrer Medien auch den eigenen Geschmack infiltriert. Und Komplimente über Kleidung gelten ja auch meist eher dem Menschen. Was sollte mir ein Lob für meine Kleiderwahl sagen? Das ich Glück beim Einkaufen hatte? Oder beim Griff in den Schrank?

    • Danke Dir für den Kommentar. Ich will es kurz erläutern, was ich damit zum Ausdruck bringen will: Mode ist sowohl ein Kulturgut als auch ein unvermeidbares Distinktionsmittel. Als Kulturgut betrachtet ist die Kenntnis über Mode ebenso Teil meiner Bildung und somit auch Teil meiner Selbstsicherheit, wie die Kenntnis über viele andere Kulturgüter. Sicher komme ich auch gut durchs Leben ohne diese Kenntnisse über Musik, Essen, Literatur etc. pp., doch habe ich sie, bewege ich mich in der Gesellschaft selbstsicherer. Am Beispiel Essen wird es vielleicht deutlich: niemand muss mehr als Hausmannskost geniessen oder zubereiten können, doch wenn ich mir darüber mehr Kenntnis erwerbe, trägt es in den Begegnungen mit anderen zur Selbstsicherheit bei. Sei es, weil ich irgendwo zum Essen eingeladen bin oder selbst einladen möchte, sei es, um eine Zubereitung kompetent loben zu können und mehr als nur „Ja, schmeckt“ zu sagen.

      Mode als Distinktionsmittel ist ebenfalls unausweichlich wie ich im Beitrag auch schrieb. Selbst der Verzicht auf Mode – und da sind Markenartikel ja nur ein Teil – ist in unserer Gesellschaft eine Form von Luxus, sprich die offensichtliche Demonstration von Unabhängigkeit. Nehmen wir das Beispiel der Kinder in der Schule: ja, auf Markenklamotten zu verzichten ist da auch mal cool, doch statt in Jeans und Baumwollkleid z.B. in Lederhose und in Dirndl in die Schule gehen zu müssen, wird da schon schwieriger.

    • Mode ist ein gutes Smalltalk Thema und ein Kompliment über ein Kleidungsstück, welches die Vorzüge einer Person zur Geltung bringt ist doch näher besehen nichts schlechtes. Ausgehend von ehrlichen Komplimenten. Ich habe mir von einer lieben Freundin abgeschaut Menschen positives Feedback zu geben. Es bringt ein wenig mehr Freude in die Welt Arbeitskollegen zu loben, Kassiererinnen oder Verkäuferinnen ein positive Rückmeldung zu geben und allgemein mit positiver Verstärkung zu agieren. Stilsicherheit beim Kleiderkauf oder Griff in den Schrank ist nicht jedem gegeben. Wer auf etwas anspruchsvolleren Wanderwegen schon gutgesylten Damen mit Stöckelschuhen und chickem Outfit begegnet ist (kein Kompliment von mir in diesem Fall ) weiß das.

    • Stilsicherheit ist ja auch wieder Geschmackssache. Bei Bekleidungskomplimenten sehe ich viel zu viele Gefahren, dass sie missverstanden würden. Wesentlich sicherer währe ich bei der Bewertung von Bücherregalen oder Musiklisten.

    • Oh, interessant, bei Büchern und Musik hätte ich wesentlich mehr Hemmungen, denn hier könnte ich nur von meinem persönlichen Geschmack ausgehen, abgesehen davon, dass man natürlich die Quantität hervorheben könnte. Jemandem zu sagen diese Jacke/Bluse, etc. steht dir gut halte ich jetzt für sicherer ;)

    • Das Beispiel Kinder und ihre Kleiderwahl ist sehr interessant. Sie sind je nach Medienkonsum äußerst beeinflussbar. Aktuell kann ich beobachten wie schon vierjährige Mädchen mit Eiskönigin Klamotten (natürlich in Rosa) heftigst konkurieren und auch bei meinen eigenen Söhne war es spannend die Entwicklung hin zum eigenen Geschmack zu verfolgen (logischerweise immer durch soziales Umfeld beeinflusst, wobei ihnen erfreulicherweise der praktikable Aspekt und die Gemütlichkeit immer wichtig war) . Meine Erfahrung: Ab der neunten / zehnten Klase ist es modisch nicht mehr den Trend zu folgen, ja diese zu meiden :)

  4. Ein bemerkenswerter Beitrag – da steckt viel Diskussionsstoff drin. Ja, einerseits ist es auch mein Eindruck, dass oftmals Systemkritik leichter fällt als Selbstkritik. Andererseits meine ich, dass die Haftbarmachung Einzelner durch Gesetze mit härteren persönlichen Konsequenzen auch nicht das Problem lösen wird, dass Systeme immer wieder pervertiert werden. So wie Güte und Mitmenschlichkeit im Menschen angelegt sind, ist es eben auch der Egoismus und die Raffgier. Was ich damit meine: Auch das beste wirtschaftliche oder politische System wird von Menschen erdacht und von Menschen missbraucht werden. Ja, ich meine schon auch, dass Strafe statt Boni angebracht wären. Allerdings weiß ich nicht, ob härtere Strafen für Manager hier wirklich regulierend wirken können – wenn der unmittelbare Lustgewinn zu groß ist, dann, so nehme ich an, schreckt die Möglichkeit einer Strafe nicht gravierend ab. Das Strafsystem wirkt ja auch bei anderen Verbrechensarten nur bedingt präventiv. Und wer soll hier Recht sprechen – in einer globalisierten Wirtschaft bräuchte es dazu wahrscheinlich auch ein supranationales Recht? Ansonsten würden wir, auch eine gute Übung der EU, Missstände wieder nur verlagern, exportieren.
    Ich meine, es müsste beides einhergehen: Eine deutlichere „Ächtung“ für Verantwortliche, die zugunsten einer Gewinnmaximierung bewußt menschheitsschädlich agieren, zugleich aber muss man schon auch weiterdenken, Utopien weiterspinnen oder auch Auswüchse wieder zurückstutzen.

    • Danke Dir für Deine Anmerkung. Da sind wir gänzlich überein, dass die menschlichen Laster nicht durch Systeme, Gesetze und gesellschaftliche Ächtung verschwinden werden. Doch werden sie dadurch in Zaum gehalten. Sonst hätten wir nicht die lebenswerte Gesellschaft, in der wir heute leben. Es ist unserer aller Aufgabe, die Regeln aufzustellen und deren Missachtung zu sanktionieren. Die hier – wie so oft – konstatierte Ursache für Regelbrüche und Missstände ist jedoch nicht dem Wirtschaftssystem anzulasten, sondern unserem Verhalten. Am Beispiel Korruption kann man dies weltweit ganz gut erkennen. Denn deren Ausmaß ist nicht Ergebnis des kapitalistischen Systems, sondern fehlender Ächtung und Sanktionierung in der jeweiligen Gesellschaft. Das gilt ebenso für die rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur, die nicht das Ergebnis eines Wirtschaftssystems ist, sondern fehlender Übereinkünfte, was legitim ist und was nicht. Am Beispiel „Mindestlohn“ erkennen wir auch, wie viel Verantwortung bei uns selbst liegt, die wir jedoch gerne an andere, meist entpersonalisierte Instanzen schieben. Wer zu einem Friseur geht und sich für € 8,– die Haare schneiden lässt oder eine Haushaltshilfe in Anspruch nimmt und sie schwarz mit € 10,- die Stunde honoriert, kann nicht die Regierung oder den Kapitalismus dafür verantwortlich machen, dass diese Leute unzureichend bezahlt werden. Und das diese Leute, die unzureichend bezahlt werden, dann auch Kleidung kaufen, die nicht mal € 5,– kostet ist dann nur die Folge.

    • Die Beispiele Friseur und Haushaltshilfe treffen genau den Punkt der Selbstverantwortung – aber ich nehme mal an, wer im eigenen persönlichen Bereich Nutznießer dieser Möglichkeit ist, wird kaum zu den Kapitalismuskritikern zählen :-) Aber du hast natürlich recht: Verantwortung fängt bei einem selber an – nur wird es immer auch Menschen geben, die dazu nicht bereit sind bzw. ihre Bedürfnisse weit über gesellschaftliche Normen stellen. Und hier braucht es natürlich regulierende Kräfte. Es kommt – wie bei allen Systemen – auf deren Ausformung an. Kapitalismus in Form der sozialen Marktwirtschaft könnte ein brauchbares System sein – allerdings hat sich da in den letzten zwei Jahrzehnten doch vieles auch in Richtung Raubtier-Kapitalismus entwickelt, die Egoismen werden stärker, die soziale Kälte wächst. Wie dagegensteuern ist eine wichtige Frage. Ein Buchtipp, der dich evt. interessieren könnte: http://www.chbeck.de/Wehler-Ulrich-neue-Umverteilung/productview.aspx?product=11209840

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