Scheitern auf höchstem Niveau

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Sicher ungewollt lässt Jonas Lüscher in seinem beeindruckenden, ersten Roman „Kraft“ die mir einzig sympathische Figur heftig, wenn auch indirekt unken, was den derzeitigen Hoffnungsträger einer sozialdemokratischen Kanzlerschaft betrifft:

„Nein, ich sage dir, war sich Bertrand sicher, Schröder, das ist doch für eine ganze Generation Deutscher die politische Enttäuschung ihres Lebens. Stell dir vor, man wächst in Deutschland auf und alles, was man kennt, ist dieser Kohl – sechzehn Jahre Kohl. …. Sechzehn Jahre Scham und Pein, und dann kommt Schröder, und es ist, als hätte endlich jemand das Fenster geöffnet und frische Luft hereingelassen. Und dann betrügt er sie, alle … der Genosse der Bosse – …“

Bertrand ist Franzose, intellektuell, privilegiert, reich und ein „unverbesserlicher Linker“. Er hatte seine Dozentenstelle als Professor aufgegeben und sich auf das Weingut seiner Familie zurückgezogen, nachdem er zu der ihn erhellenden Ansicht gelangt war, dass er Teil des französischen Problems der Linken sei. Die französische Linke habe sich nämlich zweier Vergehen schuldig gemacht:

„Sie habe sich nie ernsthaft darum bemüht, das elitistische und neofeudale Ausbildungssystem zu reformieren, …. Zum Zweiten, …, habe sich die Linke schamlos dem Neoliberalismus an die Brust geworfen und damit Verrat geübt an der Arbeiterklasse, indem sie den Begriff des Klassenkampfes für überholt erklärte und damit die Existenz jener, um die sie sich eigentlich zu kümmern habe, geradewegs zu negieren versucht, …“

didiereribonOffenkundig hat Jonas Lüscher auch Didier Eribon gelesen und goutiert. Und so lässt er diesen Bertrand denn auch endlich das kulturpessimistische Plädoyer gegenüber seiner Hauptfigur Richard Kraft halten, das sich die meisten Leser seines Buches nach über 200 Seiten sehnsüchtig gewünscht haben. Denn entgegen Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen, Vater von vier Kindern aus zwei Ehen, wovon die zweite nun endlich auch geschieden werden soll, benötigt der reiche Franzose keine Millionen Dollar, die ein Silicon Valley Milliardär für den ausgeschrieben hat, der an der Stanford University die überzeugendste Verteidigung des Übels in der Welt vorträgt.

Die Intention des Initiators Tobias Erkner, typischer silicon-valleyischer Übermensch und wohl Anhänger des Ayn Rand Objektivismus, also ein Typ wie Peter Thiel, ist klar: Optimismus braucht unsere neue Zeit. Dazu muss die altbekannte Theodizee, verknüpft mit der aktuellen Technodizee endlich mal klar und positiv beantwortet werden. Die schlichte Weltanschauung Erkners ist schnell umrissen:

„Das Leben sei kein Glücksspiel, hatte Erkner gesagt, …: Oberflächliche glauben alle an Glück und Zufall. Tatkräftige glauben an Ursache und Wirkung, …“

und dann noch mit Jonathan Swift untermauernd:

„…, zum Segen des Glücks würden sich nur die Unglücklichen bekennen, die Glücklichen aber führten alle ihre Erfolge auf Klugheit und Tüchtigkeit zurück…“

Die Ausschreibung des Milliardärs kommt Richard Kraft nicht ungelegen, auch wenn der kleine Zweifel opportunistischer Anbiederung an ihm nagt. Zum einen benötigt er dringend Geld, um sich von seiner zweiten Ehefrau lossagen zu können. Zudem sympathisiert er seit seiner Jugend mit der Weltanschauung des Neoliberalismus und zu guter Letzt wird er eingeladen von seinem Studienfreund István, der jetzt Professor in Standford ist, sich Ivan nennt, und dem die Ausrichtung dieser Veranstaltung übertragen wurde. Richard kann also, so hofft er, seine alte Freundschaft wieder intensivieren, seine brillante rhetorische Begabung und Weltanschauung international publik machen, ein paar schöne Wochen am begehrtesten Wallfahrtsort der digitalen Moderne verbringen und zugleich seine monetäre Freiheit zurückgewinnen. So viel zum notwendigen Optimismus.

BarbarenJonas Lüscher hat nach seinem gefeierten literarischem Debüt „Frühling der Barbaren“, das auch mich begeistert hat, ein Buch vorgelegt, das man als philosophisches Buch lesen kann. Oder als politisches. Oder als intellektuelles. Oder als eins über Männerfreundschaften:

„Sicher, sie sind nicht mehr Mitte zwanzig, und diese Art der Freundschaft, das weiß Kraft, ist für Männer in ihrem Alter keine Option mehr; nur wer noch nicht allzu viel Beschämendes erlebt hat, kann in der Vorstellung leben, einen Freund zu haben, mit dem man alles teilen kann, sei eine schöne Sache.“

Oder man liest das Buch als eins über die deutsche Geschichte der 80iger Jahre. Oder als eins über die Hybris der Jünger aus Silicon-Valley.

Jonas Lüscher hat somit viele Bücher in einem geschrieben. Aber hat er darunter auch einen Roman verfasst, wie es auf dem Titel angekündigt wird?

Nun, die Zündschnur ist ziemlich lang bis die Geschichte wirklich aufflammt, sodass man ihrem Ausgang dann auch entgegenfiebert. Zudem muss mancher Leser zwei Hürden nehmen, die nicht jedem behagen. So formuliert der Autor gerne lange Sätze, die einem manchmal fast Atemnot bereiten. Sie entspringen dem intellektuellen Geist eines auktorialen Erzählers, der uns in seiner Allwissenheit am Leben und Leiden des Professor Richard Kraft teilhaben lässt. Zum Zweiten fällt es schwer zu entscheiden, wer einem nun unsympathischer ist: Richard Kraft oder eben dieser auktoriale Erzähler, der manchmal mit enervierend ironischer Gönnerhaftigkeit seine Hauptfigur seziert:

„Zu wissen, was er zu tun hat. Welch süße Empfindung verbindet unser Kraft damit. Eine flüchtige Empfindung ist es, das weiß Kraft, und gerade deswegen gilt es, den Moment zu nutzen und danach zu greifen, denn allzu oft kommt bald wieder der Zweifel und tut stetig nagend sein entkräftendes Werk.“

Hat man aber diese beiden Hürden genommen, entfaltet der Roman irgendwann eine Wucht an Einsichten, Reflexionen und Gedankengewittern. Die Rückblenden auf die Hochphasen der Freundschaft zwischen Ivan und Richard, diesen neoliberalen Dandy-Provokateuren, die auf einem Berliner Campus Anfang der 80iger Jahre dem linken Mainstream die Stirn bieten wollten, deren Attitüde jedoch nur konsterniert belächelt wurden, ist fast schon rührend. Und die Frauengeschichten in der Jugend des ewig „schwafelnden“ Richards nehmen vorweg, was ihm sein Leben lang zum Verhängnis werden soll: Völliges Fehlen echter Empathie.

Das Buch ist in vielen Facetten ein Buch über das Scheitern, aber eben Scheitern auf einem Niveau, von dem andere nicht einmal zu träumen wagen. Für manch einen mag das aber auch für den Anspruch gelten, ob Jonas Lüscher denn auch ein guter Roman gelungen ist, gar eine fulminante Gelehrtensatire, wie eine Kritik meint.

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Doch zweifellos ist „Kraft“ ein Buch großer und wichtiger Fragen. Nicht zuletzt auch der nach der Sinnhaftigkeit des Übels in der Welt. Ganz bitter, aber schwer zu widerlegen wird diese Frage beispielhaft von Richards Freund Ivan (dem Schrecklichem), dem Experten für internationale Sicherheitsstrategien, erklärt. Rückblickend müsse doch jeder anerkennen, dass der Einsatz der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki die Welt vor größerem Übel bewahrt hätte.

„Nur der drohende atomare Holocaust habe verhindert, dass der kalte Krieg nicht zu einem heißem eskaliert sei, denn den Preis der nuklearen Totalvernichtung sei keiner der Blöcke zu zahlen bereit gewesen.“

Hiroshima und Nagasaki, das weltpolitisch kleinere Übel? Wer sich an die jüngsten Diskussionen über das Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach erinnert, weiß, über was für ein moralisches Dilemma hier noch lang anhaltend philosophiert werden muss.

Jonas Lüscher, der in seiner Danksagung zum Roman erklärt, dass er selbst einmal auf höchstem Niveau gescheitert ist, als er nach drei Jahren seine Dissertation in Philosophie abbrach, hat offenbar manche Schilderung auch einem neunmonatigen Forschungsaufenthalt an der Stanford University zu verdanken.

Dass das Scheitern – zumindest für ihn – ein glückliches Ende nahm, erklärt er in seiner Danksagung so:

„Bei einigen der oben erwähnten, muss ich mich entschuldigen, dass ich die Dissertation an den Nagel gehängt habe und ich habe die leise Hoffnung, dass für den einen oder anderen dieser Roman als Entschädigung gelten mag.“

Mir auf jeden Fall.

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2 Gedanken zu “Scheitern auf höchstem Niveau

  1. Ich habe das Buch auch gerade beendet. Und ich bin wirklich schwer begeistert. So viele Ebenen (Silicon Valley, Neoliberalismus, Sprache, Richard Kraft) und eine solche Sprache mit vielen Gedankenimpulsen. Wirklich ein sehr sehr starker Titel!

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