Wo viel Licht, ist auch viel Schatten

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Eigentlich ist es müßig, darüber zu spekulieren, wer denn nun das größere Genie war: Thomas Alva Edison (1847 -1931) oder J. P. Morgan (1837 – 1913)? Denn letztlich verdanken wir erst dem Zusammentreffen der beiden den schnellen Durchbruch der Elektrizität und damit einen der entscheidende Treiber des Fortschritts im 20. Jahrhundert. Doch wenn man Anthony McCartens Roman „Licht“, übersetzt von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié, liest, kommt man am Ende doch nicht an der Fragwürdigkeit vorbei. Denn letztlich war ja doch der noch Unsympathischere, der Cleverere: J. P. Morgan. Doch beide sind exemplarisch dafür, dass ein Genie, welches sich erfolgreich und gefeiert durchsetzt, Gefahr läuft, sich einsam in seinem Größenwahn zu verfangen.

Der dramatische Kampf um die wirtschaftliche Vormachtstellung der Elektrifizierung in den USA ist legendär. Er bietet harten Stoff, aus dem McCarten eine sehr feine Geschichte gemacht hat. Er erzählt uns, wie der von seiner Hybris übermannte Edison, den elektrischen Stuhl entwickelte, um damit auch seine Konkurrenz zu töten und so beitrug, J. P. Morgan zum einflussreichsten Finanzmogul der amerikanischen Geschichte zu machen. Er erzählt uns aber nicht die ganze Geschichte, die einen wirklichen tragischen Helden hatte: Nikola Tesla.

Der Serbe war – für viele bis heute unbekannt – ein ebenso genialer Erfinder und zunächst ein großer Bewunderer von Edison, für den er auch eine Zeit lang arbeitete. Seine Erfindung des Wechselstroms, die später entscheidend war, um die Stromversorgung ganzer Länder überhaupt wirtschaftlich zu ermöglichen, lehnte Edison kategorisch ab. Darüber entzweiten sich die beiden Genies. Doch schlimmer noch, Edison betrügt ihn um einen vereinbarten Lohn von 50.000 Dollar. Nachdem Tesla mit George Westinghouse, einem Großindustriellen, der durch die Erfindung der Druckluftbremse reich geworden war, ein finanzstarken Investor fand, konnte er seine Erfindungen im großen Maßstab umsetzen.

Die Schlacht um die Vormacht der Elektrifizierung zwischen den beiden Gespannen Edison/Morgan gegen Tesla/Westinghouse begann und wurde mörderisch. Folgt man der Geschichte, wie sie McCarten schreibt, so wurde Edison nicht nur Opfer seiner blind machende Selbstüberschätzung, sondern auch der Ansteckung mit der Gier nach Macht und Geld seines Finanzpartners Morgan. Doch wer die wahre Geschichte betrachtet, muss eingestehen, dass Gier nicht ansteckend ist, sondern das unlautere Verhalten Edisons ganz auf seine Kappe geht. Auf dem Höhepunkt der Schmutzkampagne lässt Edison den elektrischen Stuhl entwickeln, der mit Wechselstrom funktioniert. Er nennt die Form der angeblich humaneren Hinrichtung „to westinghouse“ und will damit zugleich suggerieren, dass Wechselstrom entgegen seinem Gleichstrom tödlich gefährlich ist.

Die erste Hinrichtung auf einem elektrischen Stuhl wird ein grauenvolles Desaster. Der zu Tode verurteilte William Kemmler wird über Minuten qualvoll hingerichtet. Die Öffentlichkeit, durch die Medien informiert, ist entsetzt und die Reputation Edisons für lange Zeit verloren.

Während dies alles auch Teil der Geschichte im Roman ist und meist aus der Erinnerungsperspektive des über 80jährigen Edison erzählt wird, folgt denn darauf in der Realität noch ein Part, den McCarten nicht erzählt bzw. erzählen kann, da ihn Edison nicht kannte oder nicht erinnern mag. Im Mittelpunkt dieses realen Teils der Geschichte steht ein noch heute kaum vorstellbarer, großzügiger Akt, der Nikola Tesla zu einem wahren, tragischen Heroen der Neuzeit machen müsste. Doch offenbar war das unserer Gesellschaft zu viel des Guten.

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Nikolas Tesla, vielleicht erhält er irgendwann doch noch seinen verdienten Nachruhm. Nicht nur als geniale Erfinder, sondern als einer der großzügigsten Menschen der Geschichte. (Quelle: Foto klicken)

Trotz des moralischen Sieges Tesla/Westinghouse müssen sich die beiden auf einen ruinösen Wettbewerb um die Ausschreibung zur Weltausstellung 1892 in Chicago einlassen. Zwar gelingt der PR-Coup, doch Westinghouse fällt es schwer, danach nötige neue Investoren zu überzeugen, weil denen die Lizenzvereinbarungen über die Patente Teslas zu kostspielig sind. Kurzerhand entscheidet sich Tesla zugunsten seiner Erfindung, auf alle Lizenzvereinbarungen zu verzichten und ermöglicht es Westinghouse so, weitermachen zu können. Leider war der generöse Akt völlig umsonst, da sich Westinghouse danach dennoch dem Einfluss und Druck von J. P. Morgan beugte und sein Unternehmen mit der Edison General Electric fusionieren ließ, aus der dann die noch heutige GE hervorging. Tesla wäre wohl Milliardär geworden, wenn er auf sein Recht beharrt hätte. So starb er völlig verarmt 1943 in einem Hotelzimmer in New York.

Dass heute eine hoffnungsvolle Elektrofahrzeug-Unternehmung seinen Namen trägt, ist eine schöne Hommage. Ob die Unternehmung auch seinen Geist in sich trägt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Warum Anthony McCarten in seinem feinstimmigen Roman darauf verzichtete, die historische Bedeutung Nikolas Tesla gebührend einzuflechten, obwohl er noch in der heutigen Zeit so vorbildlich wäre, weil er den sehr seltenen Menschen verkörpert, der Gemeinwohl über Millionen schweren Profit stellte, darüber darf jeder Leser selbst spekulieren. Gleich, zu welchem Ergebnis er kommt, den Roman zu lesen lohnt es auf jeden Fall.

Das finden auch Papiergeflüster und Buch-Haltung.

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5 Gedanken zu “Wo viel Licht, ist auch viel Schatten

  1. Interessant, wie anders man dasselbe Buch lesen kann. NIkola Tesla wird meiner Meinung außen vor gehalten, weil es eben um die Erinnerungen Edisons geht – und diese hören quasi auf, als Edison Tesla nicht für die geleistete Arbeit zahlen kann oder will. Alles, was uns McCarten erzählt hat die Perspektive von Edison und das ist gut so bei einem Roman – wie McCarten ja selbst sagt: alles ist mehr oder weniger fiktiv. Hätte er ein Buch über Edison und Tesla schreiben wollen, hätte er es sicher getan, aber das war eben nicht seine Stoßrichtung. LG, Bri

    • Wie gesagt, darf jeder auf seine Weise spekulieren. Für mich ist dieser Akt Teslas in der gesamten Geschichte des Stromkrieges derart herausragend, dass es mich schon wundert, ihn in diesem Kontext nicht zu thematisieren. Denn der Roman hat ja eine Intention und ist keine Biografie. Er hinterlässt so beim unkundigen Leser den Beigeschmack, dass alle Beteiligten dieses Machtkampfes nur ihren persönlichen Vorteil und ihren Sieg suchten. Ob bewusst oder unbewusst beschränkt McCarten seine Figuren auf das Stereotyp von machtgierigen Männer, die sich korrumpieren lassen, obwohl hier die reale Geschichte etwas anderes erzählt.

    • Ja klar, ich finde es nur äußerst interessant. Aber ich halte trotzdem dagegen, dass es von der Konzeption des Romanes her, nicht ganz einfach gewesen wäre, das einzuflechten und sich McCarten deshalb vielleicht dagegen entschieden hat. Natürlich auch Spekulation, vielleicht hat auch das Lektorat gesagt: zu viel ;) Wer weiß. Dass McCarten seine Figuren auf Stereotypen reduziert sehe ich ebenfalls anders: Edison erkennt hier ja durchaus, dass er sich hat korrumpieren – ich würde er sagen, überrumpeln – hat lassen. Und wie gesagt, ein Roman ist ein Roman ist ein Roman … und nciht die Realität. Alles unterschiedliche Lesarten, die durchaus möglich sein können. Spannend, ich finde es immer wieder spannend, über so etwas zu diskutieren. LG

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