„Mozart – die Omnipräsenz des Komponisten langweilte mich.“

Mozart-Kloepfer

Es ist immer faszinierend, zu erfahren, wie sich der Zeitgeist von Epoche zu Epoche so radikal ändern kann. Bis zur Zeit Mozarts war die Bedeutung des Librettisten einer Oper an höchster Stelle:

„Die Zauberflöte war seinerzeit nicht Mozarts, sondern des Librettisten Emanuel Schikaneders Werk. Nahezu unlesbar findet sich unten auf den Plakaten ihrer Ankündigung der Hinweis auf den Komponisten.“

Das schreibt Inge Kloepfer in ihrem neuen Buch „Die Angst, das Risiko und die Liebe, Momente mit Mozart“, das sie mit dem Dirigenten und Komponisten Omer Meir Wellber geschrieben hat. Das Buch von knapp 130 Seiten erzählt die persönliche Geschichte der Mozart-Erweckung des Dirigenten und ist zudem eine mitreißende Hommage an eine historische Zusammenarbeit zweier kongenialer Köpfe, Mozart und der Librettist Lorenzo Da Ponte, die den Wandel der Rezeptionsgeschichte der Oper einläutete. Einstimmend mit den Autoren beendet man das Buch mit großem Bedauern, dass die geniale Kooperative „nur“ drei Werke umfasst: „Die Hochzeit des Figaro“, „Don Giovanni“ und „Cosi fan tutte“. Doch die enorme Bedeutsamkeit dieser Werke für die Musikgeschichte sind heute über jeden Zweifel erhaben.

Dennoch gesteht Omer Meir Wellber zu Beginn:

„Lange habe ich einen Bogen um Mozarts Werke gemacht. … Seine Harmonien, die Rhythmen, der Klang – all das schien mir bekannt, tausendmal gespielt und gehört. Eine Herausforderung konnte Mozart einfach nicht sein. So dachte ich. Die Omnipräsenz des Komponisten langweilte mich.“

Sicher mögen viele musikerfahrene Leser*innen da einstimmen. Und all anderen, die Mozart über alles schätzen, erhalten nun ein Erweckungsbuch zur Überzeugung von Mozart Gelangweilten. Für Omer Meir Wellber begann der Weg zu Mozart über den Auftrag der Semperoper 2012, den Zyklus dieser drei genannten Opern zu dirigieren. Und vor die Entscheidung gestellt, ob er annehmen solle, entdeckte er die außergewöhnliche Herausforderung, die Mozart seinen Interpreten stellt:

„Das Risiko liegt auch in der Freiheit, die Mozart seinen Interpreten lässt. Natürlich hat er seine Werke genauestens komponiert. Er hat die Noten auf das Papier geschrieben, Rhythmus, Tempi, Harmonien festgelegt. Aber wie das Geschriebene zu interpretieren ist, sagt er nicht.“

So darf z. B. die Musik zu den Rezitativen frei improvisiert werden. Und Omer Meir Wellber entschied sich, die Opern „von den Rezitativen her zu denken. Die ganze Idee meines Mozart-Zyklus ist, dass die Hälfte der Opern aus Improvisationen besteht.“

naganoDass seine interpretatorische Herangehensweise jedoch nicht nur eine musikalische ist, davon erzählt das Buch, das Inge Kloepfer auch für jeden musiktheoretisch unbedarften Leser mitreißend geschrieben hat. Ihre Schreibe, die eben auch dem Laien den musikalischen Geist von Komponisten und Interpreten nicht nur verständlich, sondern auch sehr einfühlend vermittelt, hat mich schon bei Kent Naganos „Erwarten Sie Wunder“ überzeugt, das sie ins Deutsche übertrug.

Beginnend mit „Die Hochzeit des Figaros“ wird jeder Oper ein Kapitel gewidmet, in denen die zeitlose Essenz der Werke behandelt wird. Beim „Figaro“ ist es das „Risiko“, beim „Don Giovanni“ die Angst und bei „Cosi fan tutte“ die Liebe. Dass uns jede dieser Opern heute noch eine Menge Stoff zum Nachdenken und zur Empathie anbietet, wird da schnell deutlich. Sehr beeindruckend und wunderbar nachzuempfinden ist die sowohl inhaltliche als auch musikalische Interpretation der „Cosi“:

„Welche Paarkombination aber hat die besseren Chancen – die alte (bevor das Treuespiel beginnt, Anm. von mir) oder die neue, …? Nach den Stimmlagen der Sänger, die für die Rollen vorgesehen sind, würde der Mezzosopran Dorabella besser zum Bariton Guglielmo statt wir ursprünglich zum Tenor Ferrando passen, der eigentlich das perfekte Match zur Sopranistin Fiordiligi wäre. … Haben die vier ganz zu Anfang vielleicht keine gute Wahl getroffen?

Dieses Buch öffnet uns die Ohren für die außerordentliche Bedeutung der Musik in allen Darbietungen, wo sie letztlich den Part der Mitgefühle evoziert. Deshalb ist es auch für alle zu empfehlen, die mit Oper ansonsten nicht so viel am Hut haben. Denn wie ich eingangs erwähnte, war selbst zu Zeiten Mozarts die Musik bei der Oper zweitrangig, Hintergrundstimmung, deren Schöpfern man nicht sonderlich viel Beachtung zukommen ließ.

Heute trifft das noch immer weitgehend auf den Film zu. Doch wer mal bewusst die Musik im Kopf austauscht oder ausblendet, wenn er den nächsten Film anschaut, wird bald merken, wie dessen Dramatik oftmals einzig über die Musik vermittelt wird. Wer – wie ich – ab und an tonlos Filme schaut, amüsiert sich nicht selten über die banale Theatralik vieler Szenen, die erst durch die Musik ihren bewegenden Pathos erhält.

Welche Erinnerung hätte ich an eines meiner liebsten Filmdramas, ohne das musikalische Genie von Ennio Morricone?

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Wer gerne eine durchaus spannende Lebensgeschichte aus der Epoche Mozarts lesen möchte, dem lege ich die Autobiografie von Lorenzo Da Ponte nahe. Man ist verblüfft, was ein Mensch dieser Zeit für abenteuerliche Wege gehen konnte.

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Ein Gedanke zu “„Mozart – die Omnipräsenz des Komponisten langweilte mich.“

  1. Das Problem mit Mozart ist, dass die Popularität von vielleicht einem Dutzend Kompositionen den Blick verstellt auf das Gesamtwerk mit manchen völlig unbekannten musikalische Köstlichkeiten wie die Horn-Konzerte, die Violinenkonzerte oder etwa die Oper „La Finta Giardiniera“.

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