Umdenken muss der stationäre Handel – nicht der Kunde von Amazon.

Quelle: 123rfVor wenigen Tagen dachte ich noch, der stationäre Handel besinnt sich allmählich. Nach dem die Empörungswelle über Amazon wirkungslos abgeebbt ist, Autoren und hoffentlich auch Journalisten allmählich verstehen, dass Mitleid kein gutes Marketing ist, und am Beispiel Leistungsschutzrecht sichtbar wurde, dass sich das digitale Rad nicht mehr zurückdrehen lässt, sollte auch dem letzten edlen Ritter des stationären Handels klar geworden sein, dass er seine Rüstung ablegen muss, wenn er in Zukunft überleben will.

Doch nein, da kommt wieder ein edler Ritter um die Ecke, der die gute alte Zeit und ihre Tugenden beschwört: Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. In einem Kommentar im NDR beteuert er zum einen, man habe sich im Buchhandel nun auch wettbewerbsfähig digital aufgestellt und überhaupt sei ein Umdenken möglich:

„Ein Nach- und Umdenken ist möglich. 2013 war die Entwicklung im stationären Buchhandel erstmals besser als im Online Handel. Dieser Trend hält in diesem Jahr an. Und viele Buchhändler berichten uns über Kunden, die im Gespräch wörtlich sagen: „Früher habe ich bei Amazon gekauft.“

Das ist für mich nicht nur Pfeifen im Walde (siehe auch Kommentare beim Börsenblatt), mit dem sich seit Jahren auch schon die Printmedienbranche selbst belügt, sondern das Ganze hat noch einen dicken Haken: Umdenken muss nach Auffassung von Herrn Riethmüller nicht der Handel, sondern der Kunde von Amazon. Der Handel habe ja das Alleinstellungsmerkmal Beratung.

King_Arthur_and_the_Knights_of_the_Round_Table

Ritter der Tafelrunde

Geehrter Herr Riethmüller und alle anderen Ritter der Bücherrunde, ich liebe ihre Branche, ich liebe Literatur und ich bin bereit dafür mit aller Leidenschaft zu kämpfen. Doch bitte nicht mit Ihrem Rüstzeug. Werfen Sie endlich den vergangenen Ballast ab, seien Sie geistig beweglich und lassen Sie sich von Leuten die Langbogen der neuen Welt zeigen und veranschaulichen wie heute Märkte erobert und verteidigt werden. (Nachtrag: Das es schon mit einer anderen Haltung deutlich überzeugender wird zeigt Sophie Weigand auf Literaturen.)

Und bitte, bitte keine Appelle des Umdenkens an die Kunden. Solche Appelle sind nicht nur der Anfang vom Ende eines Geschäftsmodells, sie beschleunigen das Fanal. Blicken Sie zurück auf den Markt der Gastronomie, denken Sie an all die vielen Einzel- und Fachhändler der vergangenen Jahrzehnte oder lassen sie die Veränderungen in der Kulturbranche Revue passieren. Nennen Sie mir irgendein Beispiel auf dem Markt, wo ein Appell zur Arterhaltung eines Geschäftsmodells bei den Konsumenten Wirkung gezeigt hätte.

Die Kunden denken nicht daran in Ihrem Sinne umzudenken, also verklärt oder gar reumütig zurück zu schauen. Umgedacht haben nämlich die Kunden schon lange vor Ihnen. Deshalb kaufen sie bei Amazon & Co. Sie haben den anfänglich komplexen, unsicheren Weg ins Neuland und den Onlinehandel gewagt, haben Anmeldehürden und umfangreiche Datenabfragen auf sich genommen, mal was neues gewagt, es ausprobiert und am Ende etwas erhalten, was sie sehr überzeugt hat. Diese Kunden haben also all das gemacht, was Sie und viele im Handel bis heute gar nicht oder nur widerwillig machen. Und die Kunden sind dafür von Amazon & Co. reichlich belohnt worden. Und dann gibt es auch noch Kunden, die gute 9 Gründe nennen, warum sie der Handel, so wie er ist, einfach nicht überzeugt.

Gerne zähle ich Ihnen bei Gelegenheit alle Punkte auf, was ein Kunde von Amazon alles so schätzt und er vom Handel weder bekommen kann noch je von ihm erwarten würde. Hier nenne ich erst mal nur drei:

  1. Amazon hat nicht nur das unbestritten umfangreichste Sortiment und exzellente Prozesse, es hat auch in Deutschland Millionen Kunden, die ihre Meinung zu den Produkten ausführlich hinterlassen. Kein Buchhändler kann derart beraten, wie es 20 Kundenrezensionen können.
  2. Die wenigsten Menschen laufen tagtäglich an einer Buchhandlung vorbei. Sie müssen sich schon auf den langen Weg dorthin machen. Und nur eine Minderheit geht gerne in eine kleine, persönliche Buchhandlung. Die meisten haben nämlich Schwellenangst, so wie vielleicht Sie, wenn Sie einen Apple-Store betreten. Da kauft es sich bei Amazon doch deutlich ungehemmter.
  3. Amazon kennt uns Kunden. Man begrüßt uns mit Namen, man empfiehlt uns was ganz persönliches, wenn wir vorbeischauen. Amazon schreibt uns, wenn es ein interessantes Angebot gibt, zeigt uns, dass es die Klassikerausgabe auch umsonst als eBook gibt und bietet uns darüber hinaus noch jede Menge andere Waren und beeindruckende Services an.

Auch die Solidaritätsbekundung einer lieb meinenden, engagierten, aber winzig kleinen Kundenklientel hilft dem Handel nicht. Sie verschlimmert nur den Eindruck von einer Not leidenden Branche und beschleunigt die gnadenlose Abkehr der Mehrheit der Konsumenten im Markt, die nun mal nicht auf Verlierer setzt. Und machen Sie sich deutlich, dass Amazon in den vergangenen Jahren ein großen Teil Kunden zum Buch oder zur Literatur erst wieder gebracht hat, die der stationäre Handel gar nie erreichte. Es sind nicht alles Abtrünnige, die heute bei Amazon kaufen.

faust-und-mephisto-c625c5db-c787-4a15-90d2-2f77e0b2ee89Ebenso fatal ist ein Marketing mit Feindbildern. Solch antagonistisches Marketing – wir sind die Guten und die da die Bösen – funktioniert ebenfalls nur kurzeitig, um dann später den Abstieg der eigenen Branche oder Marke zu beschleunigen. Uwe Wittstock habe ich versucht, diese Erfahrung über Twitter zu vermitteln. Doch die 140 Zeichen ließen das nicht überzeugend zu. Vielleicht gelingt es mir hier.

Amazon als unmoralisch sowie brutal kapitalistisch zu verteufeln und mit Lanze und dem Schlachtruf „Monopolist“ aufs Pferd schwingend in die Schlacht zu ziehen ist Donquichotterie auf dem Markt. Denn im Markt sind Ethik und Moral keine Tugenden, sondern bestenfalls Marketingstrategien.

Dass Amazon Steuerschlupflöcher nutzt, kann ich nicht dem Unternehmen sondern muss ich dem Gesetzgeber anlasten. Erinnert sich noch jemand an die angenehme Zeit als man seinen Buchhändler bitten konnte, für die erworbenen Romane eine Fachbuchquittung zu bekommen? Tja, das ist ein Steuerschlupfloch, das gestopft wurde und heute ein echter USP für den Handel wäre.

Auch die regelmäßigen Berichte über die fragwürdigen Arbeitsbedingungen bei Amazon ändern nichts an der prekären Situation im Handel. Denn der Handel hat einen offenkundigen Personal- und Gemeinkostennachteil, den selbst eine fair empfundene Entlohnung bei Amazon & Co. nicht ausgleichen würde. Der Kunde zahlt im stationären Handel teure, stetig steigende Mieten und ineffiziente Personalanwesenheit, die beim Onlineanbieter immer deutlich geringer ausfallen.

Und zuletzt ist der Vorwurf der Monopolisierung nicht moralisch haltbar. Denn die Monopole im Netz entstehen primär durch eine mehrheitliche Abstimmung des Kunden. Daraus entwickelt sich dann zunehmend eine der physikalischen Kraft vergleichbare Gravitation im Online-Universum. Wer die höchste Anziehungskraft hat und die größte Masse entwickelt zieht irgendwann alles an sich. Es gibt weder für Produktanbieter noch für Kunden einen erkennbaren Mehrwert, auf mehren Plattformen Angebote zu platzieren bzw. zu suchen. Dies macht man nur solange, bis man das Gefühl hat, ausreichend Marktteilnehmer zu erreichen bzw. ausreichend Markttransparenz zu haben. Deshalb ist das Bestreben zur Monopolisierung allen Märkten inhärent.

Derzeit ist das Netz die globalste Form eines Marktplatzes. Auf diesem Platz werden sich aufgrund der beschriebenen Dynamik weltweit Monopole für abgegrenzte Leistungen bilden. Das haben die Gründer und Investoren von vielen Start Ups verstanden, doch offenbar nur sehr wenige, die mit dem ritterlichen Status Quo weiterleben möchten. Aktuell bilden noch die unterschiedlichen Sprachen die stärkste Hürde für die globale Netzwirtschaft. Doch auch diese Hürde wird immer rasanter genommen. Auf Alibaba, der chinesischen B2B-Plattform, wird automatisch die Kundennachfrage aus dem Ausland ins Chinesische übersetzt und umgekehrt. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis Übersetzungsprogramme jedem Anbieter die Möglichkeit bieten in allen Sprachen der Welt zu handeln.

IMG_0722

Mein erstes Handy.

Nicht zuletzt muss auch konstatiert werden, dass Monopole nicht per se wirtschaftlich nachteilig für den Konsumenten sind. Bestes Beispiel ist der Mobilfunkmarkt. Anstatt eine einzige Infrastruktur im Land aufzubauen, die dann alle Anbieter nutzen, gab der Staat vor, Wettbewerb zu schaffen, indem er Frequenzen für zig Mrd. Euro versteigerte, die dann dazu führten das mehrere Anbieter parallel Mrd. teure Infrastruktur aufbauten und sich dann noch mit hunderten von Millionen eine Marketingschlacht bis heute liefern, um ausreichend Kundenanteile zu gewinnen. Letztlich zahlt der Konsument in Deutschland für den Verzicht auf das Mobilfunk-Monopol ca. das Sechsfache dessen, was heute ein Mobilfunkanschluss kosten müsste, wenn es nur einen Anbieter gäbe.

Soll nun der stationäre Handel fatalistisch seinem Ende entgegen sehen? Nein, mitnichten. Nur wie in der Überschrift gefordert, muss nicht der Kunde sondern er umdenken. Der Handel vor Ort braucht ein neues Selbstverständnis aus dem dann auch ein entsprechendes Selbstbewusstsein erwächst. Der Handel muss mutig Neues ausprobieren. Schon immer entwickeln sich neue Geschäftsmodelle, die den alten Tugenden des Handels ähnlich sind, jedoch z.B. nicht mit denselben Produkten. Was früher der Tante Emma Laden war, ist heute der Feinkost-Italiener oder Veganerladen an der Ecke. Was früher der Elektronikfachhändler war ist heute der Shop- und Showroom eines Herstellers wie Apple oder eines Mobilfunkanbieters.

Dringend abraten kann ich dem stationären Handel vor einem nachahmenden Online-Wettbewerb (siehe aktuell ocelot). Wie oben beschrieben, werden Online nur sehr wenige, wohl globale Unternehmen als Sieger hervorgehen. Wer keine unique eCommerce-Idee hat und nicht ausreichend Investoren im Hintergrund, kann nur auf bestehenden Handelsplattformen wie Amazon, ebay etc. sein Geschäft wirtschaftlich betreiben.

BuchespressobarBislang ist es zudem kaum jemanden gelungen, eCommerce und stationäre Präsenz gleichermaßen erfolgreich zu besetzen. Mir fällt nur ein Beispiel ein, dass als Produkt umstritten ist, jedoch bisher unbeirrt weltweit wächst: Nespresso. Dieses Beispiel dokumentiert auch, dass mit rationalen Argumenten auf dem Markt nichts gewonnen wird. Die sinnliche Erfahrung, das Erlebnis des Sich-Etwas-Gönnens, überzeugt hier die Konsumenten – gegen alle hauswirtschaftliche Nüchternheit. Und die vehemente Empörung über deren ökologische Ignoranz ist von Buchliebhabern völlig unangebracht. Denn die Ökobilanz eines 500 Seiten Schinkens in gedruckter Form von der Herstellung bis zur ewigen Lagerung im heimischen Buchregal ist vergleichsweise katastrophal zu einem eBook.

Der Handel im Allgemeinen und der Buchhandel im Speziellen muss sich womöglich weit mehr als menschliche Begegnungsstätte begreifen. Was früher nur die Kneipe oder das Cafe geboten haben, wird vielleicht zunehmend die Erwartung der Kunden in den Läden sein: ein Ort, in dem man sich trifft, um über gemeinsame Interessen zu plaudern, sich auszutauschen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Das ist womöglich nicht das Zukunftskonzept für den Schuhhandel, jedoch im Buchhandel könnte dies in ein oder zwei Frau/Mann-Betrieben funktionieren. Vorausgesetzt, die Kunden sind bereit dafür indirekt zu zahlen.

Darüber hinaus wird die Rolle eines Kurators im Handel sicher an Bedeutung gewinnen. In wie weit diese finanziell honoriert wird, muss der Handel ausprobieren. Eine wohl wichtige Voraussetzung dafür wäre die Aufhebung der Buchpreisbindung und einer damit verknüpften deutlich höheren Marge für den Händler. Im Modeeinzelhandel sind Verkaufspreisaufschläge von bis zu 250% üblich. Leidtragende mögen da zunächst die Verlage sein. Doch auch die müssen sich bewegen. Große Verlage sollten vielleicht auch mal „Flagship-Stores“ einrichten und Kleinverlage sich spezielle Kleinbuchhandlungen suchen, die sich auf ihr Genre spezialisieren. Wenn sie dann auch noch so voller Ideen sind wie CulturBooks, kann das für diese Buchhändler ein lukratives Standbein sein.

Buchhändler sollten auch online mehr Flagge zeigen. Jedoch nicht mit Shops , sondern mit gut gestalteten Blogs wie SteglizMind. Hierfür müssen sie nicht mal ständig selbst Texte verfassen, sondern können sich einer Hundertschaft von engagierten Bloggern bedienen, die sich über das Reblogging ihrer Rezensionen freuen. Sehr beeindruckend umfangreich und redaktionell vorbildlich als Online-Magazin macht das Bücherstadtkurier. Und sie sollten auch souverän auf die zigfachen guten Rezensionen von Amazon hinweisen. Denn die meisten Kunden, die online nach Buchempfehlungen suchen, schauen dort sowieso vorbei.

Die-Drei-Fragezeichen-Live_Waldbühne-2014_-Blick

Drei ??? auf der Waldbühne in Berlin.

Vielleicht müssen Buchhändler auch vermehrt rausgehen, so wie aktuell sehr spannend Felix Wegener. Bücher und eReader wie Tupperware verkaufen, Verkaufsveranstaltungen mit Büchervorstellungen in Kindergärten und Schulen (Elternabenden), Altenheimen, Krankenhäusern und sonstigen Einrichtungen machen, Hörbuchnächte als Happening anbieten, als Eintrittskarte kauft man das Buch dafür und und und.

Wie gesagt, ich bin bereit für die Literatur mit Umdenken und Ideen zu kämpfen. Doch die Voraussetzung ist, dass die heutigen Gralshüter der schmerzlichen Realität ins Auge blicken, sich kritisch hinterfragen lassen und offen für neue Strategie und Taktiken sind. Auch dann braucht es noch viel Mut und Wagnis. Doch sein Schicksal in der Bedrängnis selbst in die Hand zu nehmen, war schon immer eine der klassischen Erfolgsgeschichten berühmter Romanfiguren.

Nachtrag 16.11.: In meiner alten Heimat Frankfurt bewegt sich offenbar was.

Nachtrag 20.11: Christian Riethmüller, Neffe und ebenfalls Geschäftsführer von Osiander, überzeugt mich dagegen sehr. Da würde ich glatt in die Lehre gehen.

Und wer in München ist besucht vielleicht mal die die Kulturtheke eisfrei:

Eistheke

Foto Felix Wegener

Deutschlands Autoren im Wolken-Kuckucksheim

WolkenkuckkucksMan, warum mische ich mich da wieder ein? Bin weder Autor, Verleger noch Buchhändler, ich bin nur Leser – seit gut 40 Jahren. In dieser Zeit habe ich einiges gelesen, auch viel und gern von jenen Autoren, die derzeit mit Vehemenz und Larmoyanz die Entwicklung auf dem Buchmarkt beklagen. Verantwortlich dafür, dass es jetzt so ist, wie es ist, ist auch der Ort, in dem sich viele dieser Autoren seit Jahren befinden: im Wolkenkuckucksheim. Und das musste ich dann doch noch mal los werden.

Im Neuland leisten die etablierten Autoren den geringsten Beitrag zur Förderung des Lesens und der Literatur.

Daran, dass Literatur überhaupt noch relevant wahrgenommen wird, haben die etablierten Autoren in jüngster Vergangenheit den geringsten Anteil. Schon immer wurde der Einfluss von Literaten und Literatur auf die Gesellschaft maßlos überschätzt. Doch mit dem radikalen Wandel der Medien, verkriechen sich immer mehr Autoren schmollend im elitären Biotop des Buchmarktes, lassen sich vom ebenso einflusslosem Feuilleton hätscheln und gerieren sich – wie aktuell – als ritterliche Gralshüter von Tugend und Moral. Nur wenige der etablierten Schriftsteller stellen sich den Herausforderungen der Neuzeit und erweitern ihrer literarische Kampfzone für den Erhalt von guter Literatur. Das müssen andere übernehmen: ihre Leser und manche Buchhändler.

Zumindest stelle ich mich – wie viele ähnlich begeisterte Leser und auch einige Buchhändler(innen) – den Herausforderungen, die uns das Neuland stellt. Meine persönliche Herausforderung sehe ich darin, meinen siebenjährigen Sohn, meine Teenie-Patenkinder, meine Freunde und Bekannten und auch einige Unbekannte mit meiner Lust und Leidenschaft für Literatur sowie der Begeisterung über aktuelle Buchtitel anzustecken.

Dafür wende ich gern viel Zeit auf. Ich lese stundenlang vor, ich schreibe Rezensionen auf amazon und neuerdings im eigenen Blog, ich twittere, like und retweete Empfehlungen von anderen Bloggern und Feuilletonisten, ich verschenke Unmengen von Büchern und lenke bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Gespräche auf – meiner Ansicht nach – lesenswerte Literatur. Dafür versuche ich auch mein virtuelles Netzwerk auszuweiten, wie es nur geht, Herr Grass. Es ist mühsam, nicht immer dankbar, aber mir ist es das wert.

Warum mache ich das? Zuvorderst aus einem Grund: ich will kein einsamer Leser sein. Ich will mich über Gelesenes austauschen, mehr verstehen und gern auch diskutieren. Ich lese nicht nur, um dem Alltag zu entfliehen oder mit dem Autor in bester Gesellschaft zu sein oder meine Bildungsbürgertapete zu verschönern. Ich lese auch, um Denkanstöße zu erhalten, die auch gern mal heftig vor den Kopf gestoßen werden. Ich lese auch, um meine Vorurteile und Klischees kritisch zu reflektieren. Aber auch, um über die von einigen Autoren kräftig den Kopf zu schütteln. Und ich lese, um die ständigen Veränderungen und Herausforderungen unserer Gesellschaft besser zu verstehen, ihnen begegnen zu können und mich mit anderen auszutauschen. Dabei versuche ich, mir nicht immer nur mein selbstgebasteltes Weltbild bestätigen zu lassen.

Deutschlands Literaturelite hat Null-Bock auf Neuland.

Solch beschriebenes Selbstverständnis von Literatur und Lesen vermisse ich bei einer großen Zahl von Autoren. Schon lange wächst bei mir die frustrierende Erkenntnis, dass viele nur noch einen elitären bildungsbürgerlichen Glaubenskrieg führen wollen, der jetzt akut in der Verteufelung von amazon gipfelt. Es wird ganz deutlich, dass viele Autoren gänzlich die Säkularisierung der Medien verpasst oder ignoriert haben und auch den Anschluss an die Neuzeit verweigern. Wenn jemand das Grab für die Buchkultur schaufelt, dann besonders diese wachsende Gruppe an kulturpessimistischen Eigenbrötlern, erzkonservativen Medienignoranten und selbsternannte Glaubenskämpfern für das Gute, Wahre, Schöne.

Viele Autor(innen) würden ihren Kindern eher eine xbox oder Playstation kaufen als einen eReader.

eReader_buchSeit den ersten eReadern in den 90er erachtet die Mehrheit der etablierten Autoren es als blasphemisch, ihre Werke darauf zu lesen. Es erwächst aktuell eine Generation an Lesern, die in diesem elitären Literatenmilieu Abbitte leisten müsste, dass sie digitale Formen bevorzugt und den Download schätzt. Ich befürchte, dass bald die Hardliner unter den Autoren noch als Exorzisten in die Schulen eingeladen werden, um die abtrünnige Jugend von diesem verführerischen, jedoch unmoralischen Weg wieder zurück zum tugendhaftem Einkauf in die Buchhandlung zu lenken.

Und hinzu kommt noch der ungebrochene Glaube der literarischen Zunft an die feuilletonistische Kraft. Der Glaube demonstriert die wachsende Weltferne, die nicht begreifen mag, wer zukünftig Einfluss nimmt, was gelesen wird. Ein oberster Vertreter dieser Weltferne ist der PEN Präsident Josef Haslinger, der in seinem Interview allen ernstes über das Selbstpublishing bei amazon sagt:

„Amazon sorgt eher dafür, dass sie auf dem Abstellgleis landen. Wann haben Sie je im Feuilleton eine Rezension über ein Buch gelesen, das nur bei Amazon erschienen ist? Man ist von vornherein in einem relativ amateurhaften Ambiente gelandet. Zwar kommt man leicht zu einer Veröffentlichung, aber man wird von der seriösen Buchkritik nicht beachtet.“

Also bitte, Herr Haslinger. Der Einfluss des Feuilletons auf den Erfolg eines Buches geht nach meiner Beobachtung gegen Null. Aber dafür ist der Einfluss von leidenschaftlichen Lesern, die bloggen, Rezensionen verfassen, verleihen und verschenken und virale Empfehlungen verbreiten deutlich gestiegen. Und dass dem so ist, verdankt sich weder dem traditionellem Buchhandel, noch den Autoren oder den Verlagen und auch nur indirekt amazon. Der Erfolg von Büchern verdankt sich zunehmend der Aktivität ihrer begeisterten Leser, die sich die neuen technischen und viralen Möglichkeiten angeeignet haben und jetzt immer intensiver nutzen. Hingegen sind viele etablierte Autoren kaum in den neuen Medien aktiv. Vielleicht empfinden es einige ja auch als Abstieg aus ihrem Olymp, sich ganz profan und direkt mit ihren Lesern auszutauschen.

Liebe etablierte Literaten, wenn ihr kein Bock habt am öffentlich Diskurs teilzunehmen, dann schreibt zumindest Bücher, die uns Leser nachdenklich machen, uns vor den Kopf stoßen, uns dazu bringen, in den neuen Medien heftig zu diskutieren und für Euch, für die Literatur und für das Lesen zu kämpfen. Und auch wenn es euch nicht gefällt, doch wie man an den Sarrazins und Pirinçcis sieht, ist der Einfluss der Leser auf den Erfolg von Büchern deutlich größer als der von Feuilletons, stationärem oder online Handel. Und zu guter Letzt: habt endlich die Reife, zu erkennen, dass ihr und wir nicht zu der auserwählten Generation zählen, die den Zenith der Kulturgeschichte erlebt. Auch unsere Kinder werden noch jede Menge zur Kulturgeschichte beitragen, das sich zu lesen, zu sehen und zu hören lohnen wird.

Ich bin doch nicht blöd!

Folie1In den wenigen Tagen, in denen die Feindbild trunkene Debatte zur Zukunft des Buchmarktes aktuell tobt, fällt es zunehmend schwerer nüchtern zu bleiben – mir und offenbar auch vielen Autoren. Was Daniel Kehlmann und Jan Brandt noch draufpacken, entlarvt, dass es vielen Autoren eben nicht nur um einen fairen – besser wäre wohl kaufmännisch ehrenhaften – Umgang aller Teilnehmer auf dem Buchmarkt geht, sondern um die Diabolisierung eines einzigen globalen Marktteilnehmers. Manchmal glaube ich fast, Schriftsteller haben zu viel Paranoia-Literatur gelesen. (Nachtrag in der Debatte und super auf den Punkt gebracht: „Mitleid ist kein Marketingkonzept“ Markus Hatzer vom Haymon-Verlag Markus)

Um es an dieser Stelle noch mal deutlich zu machen: mir ist amazon schnuppe. Ich bin da ganz unfair. Ich wähle häufig amazon, weil es mir nützlich ist. Doch die Alternative zu amazon ist für mich nur ein Klick weiter. Meine ersten eBooks – wie die angesprochene Entdeckung von Nele Neuhaus – habe ich nämlich bei iBooks erworben. Ich hatte ein iPad und sah keine Notwendigkeit, mir auch noch einen kindle zuzulegen. Doch dann erfuhr ich, dass Apple und die Verlage in USA sich unlauter abgesprochen hatten, um amazons langfristige Strategie zu blockieren, eBooks wie Musikalben auf einen Durchschnittspreis $ 9,99 zu bringen. Daraufhin hab ich meine Marktmacht genutzt und mir dann doch noch einen kindle zugelegt, weil ich das „unfair“ fand. Und morgen kaufe ich mir vielleicht einen Tolino, wenn amazon nicht so spurt, wie ich das als Kunde will.

Buchmedien

Meine geliebten Contentträger: Notizbuch, Hardcover, eReader und Tablet. Übrigens Ursula Krechels „Landgericht“ gibt es jetzt endlich als günstiges Taschenbuch. Sehr zu empfehlen.

Amazon hatte damals die gleiche Strategie anwenden wollen, wie zuvor Apple bei Musik als sie alle Titel auf $ 0,99 bepreisten. Zu Beginn hat das Apple mit fehlender Deckung der Musiklabel gemacht. Apple hat Druck aufgebaut, auf die Kundenmacht gesetzt und ist dennoch ein horrendes finanzielles und unternehmerisches Risiko eingegangen. Es hätte ja auch schief gehen können, wenn die anderen Marktteilnehmer bei diesem Poker gewonnen hätten.

Wäre ich Aktionär von amazon, würde mich das derzeit sehr nervös machen. Denn als Investor und Berater in den neuen Märkten und Medien, weiß ich, wie schnell ein Unternehmen, das eben noch als Rising Star erachtet wurde morgen schon zu den armen Hunden gezählt wird. Doch als Kunde bin ich unfair oder wie man in einem anderen Markt ja gerne sagt: Ich bin doch nicht blöd!. Ich wähle einfach das, was ich für besser oder günstiger erachte.

Und so gestehe ich, dass ich in den 80er unserer großen Sortimentsbuchhandlung im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen den Rücken kehrte als Hugendubel in der Innenstadt eröffnete. Doch zugleich eröffnete auch das Lesecafe mit angeschlossener Buchhandlung, mit einem sehr spitzen belletristischen Sortiment. Da bin ich dann ebenso oft hingegangen, habe mich mit den Buchhändlern intensiv ausgetauscht, später angefreundet und mich als Student stundenlang bei einem Kaffee lesend in ihr Cafe gesetzt und mir dafür aber auch ein Buch dort gekauft. Das Lesecafe gibt es heute noch und läuft – soweit ich das weiß – weiter gut. Leider bin ich nur noch selten in meiner alten Heimat, aber wenn, dann immer wieder dort.

Und abschließend noch: was ist denn z.B. daran fair, wenn Verlage, wie Bonnier, heute ihre eigene eCommerce-Seite betreiben und ich dort die Bücher am Handel vorbei für den gleichen Preis erwerbe. Bekommen dann die Autoren das Geld, was ich dem Verlag gegenüber dem Handel erspart habe?

Leute, ich bin doch nicht blöd!

Kein Kommentar, bitte!

Bildschirmfoto 2014-08-16 um 01.19.39Nachdem ich meinen Blogbeitrag „Na, heute schon amazon gebasht?“am Donnerstag veröffentlichte, kündigten – wie ich erwartete hatte – auch deutsche Autoren an, sich mit den amerikanischen zu solidarisieren. Der Buchreport hat meinen Beitrag freundlicherweise am Freitag geteilt. Dort hatte ich dann einen kleinen Kommentar PingPong mit dem Autor Karl Olsberg. Daraufhin habe ich dann noch mal die Veröffentlichung der deutschen Autoren gesucht, gefunden und gelesen. Auf der hierfür eigens angelegten Seite wird offenbar keinerlei Wert gelegt, Kommentare zuzulassen und damit die Diskussion zu bündeln. Schade, eigentlich.

Auch nach dem Lesen des deutschen Aufrufs: Ich kann das ganze immer noch nicht nachvollziehen. Erstens sind Autoren wie Karl Olsberg und Nele Neuhaus dabei, die meines Erachtens ihren Erfolg maßgeblich der Plattform amazon und der eBook-Technik verdanken, die ohne amazon heute noch stiefmütterlich wäre. Karl Olsberg hat das auch in seinen Kommentaren bestätigt und Nele Neuhaus habe ich damals über die eBook-Charts entdeckt, wo sie berechtigt schon enorm erfolgreich war, bevor es gedruckte Bücher von ihr im Handel gab.

Circle

Schamlos teures eBook

Amazon versucht – wie beschrieben – offenbar mit harten Bandagen und der über Jahren gewachsenen Reputation und Marktmacht zwei Verlage dazu zu bringen, endlich Preismodelle für eBooks zuzulassen, die dieser Technik zu weiterem Durchbruch verhilft. Ein Ansinnen, was ich als Kunde, besonders als deutscher Kunde, nur begrüßen kann. Denn wie das aktuelle viel besprochene Buch „The Circle“ von Dave Eggers zeigt, nutzen Verlage in Deutschland die Buchpreisbindung schamlos aus. Das Buch kostet im englischen Original bei amazon als eBook noch nicht mal € 5,-. In Deutschland soll ich für die Übersetzung € 19,99 zahlen. Sorry, das verstehe ich als Kunde nicht.

Zudem werfen die Autoren amazon exakt das vor, was der Buchhandel in den USA – worauf ich in meinem Beitrag schon hingewiesen habe und was auch in einer ARD-Sendung über amazon gezeigt wurde – selbst massiv praktiziert: Bücher aus amazon eigenen Verlagen werden dort offensiv boykottiert. Und da USA ja der Auslöser dieser Aktion ist, ist dies allein schon ein Grund, sich als Autor hier nicht vor den Karren von knallharten Marktwettbewerbern spannen zu lassen. Denn denen, die hier miteinander im Clinch sind (Großverlage, Großhändler) sind all die Autoren, die sich jetzt empören,  ziemlich schnuppe.

Ich kann mich auch nicht erinnern, dass deutsche Autoren in der Vergangenheit mal gemeinsam einen Aufruf gegen die Praktiken von Thalia, Weltbild & Co. erwogen hätten. Deren vergangene Geschäftsstrategie war eindeutig der Versuch einer Oligopol-Bildung im deutschsprachigen Buchmarkt. Doch da sie im eCommerce den Kunden nicht überzeugen konnten und bei der disruptiven Technik eBook zu lange gezögert haben und erst mal den Vorreiter amazon ins unternehmerische Risiko gehen liessen, wurde da nix mehr draus. Und das, obwohl der deutsche Buchmarkt durch Preisbindung geschützt ist, haben es die deutschen Marktteilnehmer nicht geschafft, sich den eCommerce und den eBook-Markt zu sichern. Das ist schlichtweg ein unternehmerisches Armutszeugnis.

Wie die aktuellen Zahlen vom Buchmarkt zeigen, sind eBook und Ratgeber derzeit die Wachstumstreiber. Eigentlich unglaublich bei den eBook-Preisen in Deutschland, aber mit Lesern wie mir kann man es ja machen, weil ich selbst bei diesen Preisen Sachbücher lieber als eBook erwerbe, da deren Halbwertzeit meist nur bei 2 bis 4 Jahren liegt und es einfach angenehm ist, jederzeit und -orts auf Sachbücher zugreifen zu können, solange sie aktuell sind. Deswegen habe ich diese auf einem eReader.

Und das man über die Rolle von amazon und die Verantwortungen über die aktuellen Marktverschiebungen im Buchmarkt deutlich differenzierter Nachdenken sollte als es offenbar Autoren tun, zeigt dieser Artikel von Rüdiger Wischenbart, ehemals Pressesprecher der Frankfurter Buchmesse, der auf die damalige Hasstirade gegen amazon von Sibylle Lewitscharoff reagierte.  Kann nicht feststellen, ob sie auch zu den Unterzeichnern gehört, da man dort allmählich den Überblick verliert

8147145_s

Treibt uns die Aktion wieder in den Buchhandel?

Und zu guter Letzt: die meisten Autoren, die sich derzeit empören, geben doch vor, dass sie gerne der Gefahr der Monopolisierung von amazon vorbeugen und aktiv den Buchhandel unterstützen wollten. Ganz vorne ran Günter Wallraff, der ja amazon aufforderte, sein Bücher auszulisten. Doch bedauerlicherweise machte das amazon bisher nicht, sondern verkauft ihn einfach weiter. (Das dokumentiert schon Größe eines Unternehmens, wenn es seinen härtesten Kritiker weiter Geld verdienen lässt. Würde wohl keine deutsche Bank in Deutschland machen) Es mag zynisch klingen, aber jetzt tut doch amazon den Autoren und dem Buchmarkt offenbar den Gefallen und listet einige nicht mehr. Ja, perfekt, da würde ja endlich auch kein Leser mehr verführt, den neuen Roman von Nele Neuhaus bei amazon zu bestellen, sondern der Fan geht jetzt freudestrahlend solidarisch in den Buchhandel.

Steckt da vielleicht sogar Kalkül der Verlage und Autoren hinter? Eine geniale Verschwörung gegen amazon? Ist das eine von langer Hand raffiniert vorbereitete, geschickt ausbaldowerte Aktion „So holen wir unsere Kunden wieder in den Handel zurück!“? Spinnen wir doch mal weiter, da könnte doch glatt ein Wirtschaftsthriller draus werden.

Sorry, wenn das jetzt nicht so witzig ankommt wie es gemeint ist. Vielleicht ist dann Hans Zippert für manchen mehr zum Lachen.

Na, heute schon amazon gebasht?

5669728_s

123RF Stockfoto

Erinnern Sie sich noch als Ferrero, Henkel, Unilever, Procter & Gamble, Nivea und hundert weitere Markenartikelhersteller eine große Anzeige in der Bild veröffentlichten:

 Aldi erpresst uns!

Nein? Aber sicher erinnern sich dann doch wenigstens an den offenen Brief in allen Tageszeitungen von Bosch, Siemens, Nokia, Samsung, Miele, Braun und zig anderen Elektronikherstellern, in dem sie ein Ende der Geschäftspraktiken von Mediamarkt und Saturn forderten. Auch nicht? Dann erinnern Sie sich richtig. Denn keines der Unternehmen würde ernsthaft so eine Aktion erwägen.

Auf so eine populistische wie heuchlerische Idee, ein Handelsunternehmen öffentlich an den Pranger zu stellen, kommen nur Auflagenmillionäre und andere erfolgreiche Autoren – vor kurzem in den USA und sicher bald auch bei uns in Deutschland. Ganz vorne sicher dabei: Günther Wallraff mit dem Banner „Nieder mit dem Teufel amazon!“. (Nachtrag 14. August: jetzt auch die deutschen Autoren.) (Zweiter Nachtrag: Dass sich Autoren auch sehr differenziert mit dem Thema beschäftigen, schreibt beeindruckend Zöe Beck.) 

Alle Markenartikler, Hersteller und Handelsunternehmen leben damit, dass sie sich in einem Markt tummeln, in dem das Bessere immer der Feind des Guten ist. Und was letztlich besser ist, entscheidet die Mehrheit der Nutzer und Verbraucher. Deshalb arbeiten all diese Unternehmen seit Jahren kontinuierlich daran, zu den Besseren zu gehören. Die Betonung liegt auf kontinuierlich. Wem das nicht gelingt, wie in jüngster Vergangenheit z. B. Nokia, verschwindet sang- und klanglos. Abgesehen von manch sentimentalen Jugenderinnerungen ist dieser Lauf der Dinge aus Konsumentensicht nur wünschenswert. Sonst würden wir beispielsweise noch heute in die Röhre schauen und Flachbildschirme nur in Science Fiction Filmen sehen. Der Markt macht Produkte und Leistungen entweder besser oder billiger – und manchmal sogar beides.

Aldi hat das sehr erfolgreich im Handel gemacht – gegen massiven Widerstand einer etablierten und saturierten Elite. Die Elite gibt es heute noch und rümpft die Nase beim Einkauf im Feinkost-Italiener und Biomarkt über die Aldisierung unserer Gesellschaft. Doch die Mehrheit dankt den Gesetzen des Marktes und freut sich nicht nur über den günstigen und bequemen Einkauf bei Aldi, sondern auch darüber, dass Aldi auch in anderen Supermärkten die Preise drückte und günstige Eigenmarken hervorbrachte.

Bislang beschränkte sich die saturierte Elite überwiegend auf snobistisches Aldi- und Mediamarkt-Bashing. Doch seit kurzem haben sie ein neues Ziel: amazon. Klar doch, hier geht es ja auch nicht um irgendein Waschmittel oder irgendeine Waschmaschine, hier geht es den empörten Kritikern vorgeblich um ein edles, in seine Form zu bewahrendes Kulturgut. Aber tut es das wirklich?

16101505_s

Johann Gutenberg war der erste Jeff Bezos. Gutenberg-Denkmal 123RF Stockfoto

Den Kritikern geht es nicht wirklich um das Produkt „Buch“, sondern um ein elitäres Vorrecht, dass sie seit der Erfindung des Buchdrucks immer wieder vehement verteidigen: zur einflussreichen Bildungs- und Kulturelite zu gehören. Gerade mal 3% der Bevölkerung laut Stiftung lesen können als Vielleser bezeichnet werden (50 Bücher im Jahr) Hingegen lesen 25% gar nicht und weitere 50% nur gelegentlich. Bricht man dann noch die Genre runter, dann wird wohl der Anteil derer, die anspruchsvolle Belletristik und Sachbücher wünschen, unter ein Prozent fallen.

Johannes Gutenberg war der erste Jeff Bezos. Seine Erfindung machte den Erwerb von Schriften nicht nur günstiger, schneller und umfangreicher, sondern auch einer größeren Gruppe zugänglich. Die bis dahin für den Klerus besonders wertvolle Insignie Buch wurde nun in den kommenden Jahrhunderten unaufhaltsam entwertet.

Und so, wie der Klerus vor Jahrhunderten sich empörte und vor den schrecklichen Folgen warnte, klingen auch die kulturpessimistischen Klagen der akademischen Bourgeoisie. Der Klerus hatte damals vollkommen Recht als er vor der immensen Verbreitung von Schund warnte. Würde man den damaligen Kritikern des Buchdrucks die Bestseller der vergangenen Jahrhunderte vorlegen, würden sie sogar feststellen, dass ihre Befürchtungen noch weit übertroffen wurden. Doch niemand würde heute ernsthaft leugnen, dass die Erfindung des Buchdrucks auch die literarische Qualität und Vielfalt in ungeahnte Höhen gebracht hat. Doch ausgerechnet jetzt, nach mehr als 500 Jahren buchkulturellem Höhenflug, soll nun – nach Ansicht der amazon & Co. Kritiker – der Zenit überschritten sein. Unwiederbringlich werde nun die literarische Blüte der vergangenen Jahrhunderte welken, da ihr der das Wasser von den Marktkräften eCommerce und ebooks abgegraben werde. Auch auf die Gefahr hin, dass ich es mir mit der Kulturelite verscherze, es fällt mir verdammt schwer, mich mit ihr zu solidarisieren.

Der Buchmarkt ist ein seit Jahrzehnten von heuchlerischen Apologeten geschütztes Biotop. Heuchlerisch einerseits, da es in diesem Markt unglaublich viele Teilnehmer gibt (Schriftsteller, Verleger, Händler), die vorgeben oder suggerieren, dass sie keinerlei Profitinteressen verfolgen. Sie wollten einzig nur von ihrer Tätigkeit leben können und mit allem, was man darüber hinaus verdienen würde, alimentiere man jene Buchmarkt-Teilnehmer, die (noch) nicht davon leben können. Heuchlerisch auch, wenn es darum geht, wer die Macht am Markt hat. Glaubt wirklich irgendjemand ernsthaft, dass Bestseller-Listen entstehen, indem der stöbernde Buchhandlungskunde am Ladentisch abstimmt? Was wir lesen und schätzungsweise zu 25% ewig ungelesen verschenken, beeinflussen Verlage und Buchhandelsketten genauso, wie der Hersteller und Handel was wir zu essen und zu trinken kaufen – und davon dann auch ein Viertel in den Müll zu werfen.

Heuchlerisch sind auch viele Kunden und Lobbyisten im Buchmarkt. Denn sie kolportieren gerne, Bücher seien Grundnahrungsmittel des Geistes, die für jeden erschwinglich sein müssten. Deshalb ja auch die ermäßigte Mehrwertsteuer und die letzte wirklich clevere Erfindung des Buchmarktes im vergangenen Jahrhundert: die Zweitverwertung als Taschenbuch. Heute würde man es im Jargon der Bild-Zeitung auch das „Volksbuch“ anpreisen. Der Buchhandel überzeugte das Volk, dass das Taschenbuch ein großzügiges Angebot sei. Im Supermarkt ist die clevere Idee vergleichbar mit den Produkten, die man aufgrund des fortgeschrittenen Ablaufdatums günstiger angeboten bekommt. Mir ist kein Handelshaus bekannt, das diese Angebote auch noch feiern würde.

6373417_s

123RF Stockfoto

Jetzt, wo nun endlich die eBook-Technik eine deutliche Kostenreduktion ohne Qualitätsverlust ermöglicht, wird die Heuchelei im Buchmarkt zunehmend demaskiert.

Buch-Neuerscheinungen entpuppen sich als Luxusartikel einer Premiumkundschaft, deren Stamm durch einen inflationären, günstigen Vertrieb erodieren würde. Wer gibt schon gerne eine Kundenklientel auf, die völlig preisunsensibel jede Erhöhung akzeptiert, einzig um das Privileg des Erstlesers zu genießen. Diese Klientel und der Buchhandel fordern denn auch einhellig die Beibehaltung eines Anachronismus: die Buchpreisbindung. Und man geht sogar einen skandalösen Schritt weiter. Um die neue, deutlich günstigere Vertriebstechnik zu behindern, lässt man sie mit dem hohen Mehrwertsteuersatz von 19% belegen, also macht sie 12% teurer als gedruckte Bücher. Eine vergleichbar starke politische Lobby hat in Deutschland wohl nur noch der Apothekerverband.  (Nachtrag: Diese Unterstellung nehme ich gerne zurück, nachdem mich der Buchreport darüber aufgeklärt hat, dass sich der Verband schon lange für den ermäßigten MWST.-Satz einsetze und ja auch im April national offensichtlich erfolgreich war. Da können wir uns ja bald wieder auf die kürzlich vom Markt genommen Bundles Print + eBook freuen.)

Mit Amazon wurde ja nicht nur die Möglichkeit geschaffen, Bücher zeitlich und räumlich uneingeschränkt beziehen zu können, sondern zugleich eine Sortimentstiefe und –breite angeboten, die bis dato unvorstellbar waren. Die Verlage konnten eigentlich jubeln, denn bei amazon blieben Bücher noch präsent, die schon lange aus den Regalen der Buchhandlungen verschwunden waren. Jeder interessierte, wissbegierige Leser konnte plötzlich auf unendliche Entdeckungsreise gehen und in literarische Räume vorstoßen, die kaum ein anderer Leser zuvor betreten hatte. Und amazon erfand die Leserrezension und Leserempfehlungen.

Jede Buchhandlung profitiert heute davon, dass auf amazon viele Leser ausführlich ein Buch rezensieren und bewerten können. Ich schätze, dass der Anteil an Buchkäufern im Buchhandel die aufgrund vorheriger Online-Recherche bei amazon ein Buch erwerben signifikant ist. Ja, letztlich vermute ich stark, dass amazon immens dazu beigetragen hat, das der Kauf von Büchern noch einen Coolness-Faktor hat und das Bücher attraktive Produkte geblieben sind, die sich im Wettbewerb der Unterhaltungsmedien bis heute gegen Film, Games, Musik etc. behaupten können. Doch eins muss ich zugeben: eBooks sind für den stationären Handel marktschädigend. Denn die kann man gratis Anlesen und das verhindert so manchen Fehlkauf. Und auch als Geschenk sind sie nicht sonderlich attraktiv. Bei allem Respekt vor den Leistungen des Buchhändlers in der Vergangenheit, keiner kann mir heute so sicher eine gute Buchempfehlung geben, wie die Verbindung von Kundenrezensionen und das kostenlose Anlesen von Büchern es vermag. Genauso wenig, wie mir heute noch jemand CDs im Laden besser empfehlen könnte als es mir bei iTunes oder amazon möglich ist.

30218107_sIch bin überzeugt, dass ohne den Online-Pionier amazon heute weit weniger Menschen Bücher kaufen würden als noch vor zwanzig Jahren. Dafür will ich den Gründern von amazon an dieser Stelle auch mal danken. Und es werden mit Sicherheit in Zukunft wieder weniger werden, wenn die Lobbisten des alten Buchmarktes ihren Einfluss aufrechterhalten und der Markt weiterhin protektioniert wird.

Der aktuelle Auslöser der Empörung, der über 900 erfolgreiche US-Schriftsteller dazu verleitete, sich gegen amazon zugunsten des Verlags Hachette, der 10 Mrd. Umsatz p.a. macht, stark zu machen, ist für mich unsäglich peinlich. Denn erstens werfen die Autoren amazon etwas vor, was der Buchhandel in USA viel radikaler und unverhohlen praktiziert: er weigert sich, Bücher zu verkaufen, die amazon-eigene Verlage publizieren. amazon hingegen will eBooks endlich auf den völlig ausreichenden Preis von $ 9,99 reduzieren. Denn wie alle Prognosen erwarten lassen und die Erfahrung aus dem Musikmarkt gezeigt hat, ist dies die Preisschwelle, die eBooks so attraktiv machen, dass man mehr Bücher verkaufen könnte als bisher. Wie ich es persönlich mit dem eBook halte, habe ich schon mal vor Monaten geschildert.

Wenn sich diese plausible Annahme bestätigt, würde eine schweigende Mehrheit profitieren. Die weniger bekannten Autoren könnten mehr Leser erreichen, die unbekannten Verlage mehr Einnahmen erzielen und die Leser könnten mehr Neuerscheinungen fürs gleiche Budget lesen. Aber gegen solche Demokratisierung des Buchhandels wehren sich die akademischen Eliten bislang vehement und erfolgreich. Ihre Lobby ist stark, da sie sich sowohl auf die Produzenten (Schriftstellern, Verleger), die vielen stationären Händler und auch noch einen großen Teil der Kunden stützen darf. Die Kundensolidarität fehlte der Musikindustrie. Hier war die Mehrheit der Konsumenten zu jung, um sich elitär sein leisten zu können.

Um das obligatorische Missverstehen der Buchliebhaber am Ende komplett zu machen: ich liebe Buchhandlungen und ich wünsche jedem engagierten Buchhändler, dass er seiner Berufung weiter nachgehen und davon auch gut leben kann. Doch kein Tante Emma Laden, Elektronikfachhändler oder Schallplatten-Geschäft hat überlebt, in dem sie an das Bewahren des Guten festhielten, obwohl das Bessere offensichtlich war.

Mit Sicherheit wird auch in zwanzig, dreißig und fünfzig Jahren noch gelesen. Und es wird weiterhin viel Qualität und Vielfalt erwachsen, so wie es jede Menge „Shades of Grey“ und Esoterik geben wird. Liebe Buchhändler, seid weiter einfallsreich, kreativ und probiert aus. Vielleicht liegt die Zukunft in Buch-Cafes, Leserkreisen, neudeutsch Literatur-Communities oder in Buch-Blogs. Vielleicht auch in Autorenevents und in der Gewinnung von Neulesern. Ich beteilige mich privat daran und öffne jeden Abend das Kopfkino für meinen siebenjährigen Sohn. Gerade haben wir den „Krabat“ gelesen und viel über böse Magie, Schicksalsergebenheit, den Zauber der Liebe und die Willenskraft erfahren. Willenskraft und Liebe haben hier obsiegt.