Fünf Sterne für ein Arschgeweih

hirsch

Bücher zu besprechen resultiert nicht selten aus der Intention, sich nicht mehr nur zu fragen, was einem gefällt, sondern warum einem ein Buch gefällt. Und dieses „warum“ zu erfassen, es kritisch zu hinterfragen und die Essenz dann auch noch in adäquate Worte zu packen, ist ein anspruchsvolles Unterfangen. An der Mühe und Anstrengung, die wir dafür aufwenden, lässt sich die Ernsthaftigkeit bemessen, mit der wir ein plausibles Urteil finden wollen.

Geschmacksdebatten entzünden sich vordergründig zwar gerne an den Urteilen, doch eigentlich kritisieren wir die unterstellte fehlende Mühe, sich mit dem Gegenstand der Kritik zu beschäftigen. Umso intensiver wir uns einem Gegenstand widmen, desto weniger tolerieren wir unbegründete Geschmacksurteile von anderen. Besonders, wenn es sich um ästhetisch so „komplexe“ Dinge wie Literatur, Musik, Kunst, Architektur und ähnliches handelt, lehnt der Kulturbeflissene jegliches Bewertungssystem ab, das nur simple binäre (Daumen hoch, Daumen runter) oder auch etwas graduellere (5 Sterne) Geschmacksurteile anbietet.

Doch im Leben wird die Mehrzahl tagtäglicher Geschmackurteile überwiegenden von unserem „adaptivem Unterbewussten“ binär getroffen: gefällt oder gefällt nicht. Woher dieses Unterbewusste seine „Kompetenz“ bezieht, ist eine der Kernfragen, denen der US-Journalist und Buchautor Tom Vanderbilt nachgegangen ist. Er hat zahlreiche Antworten erhalten und diese in seinem Buch „Geschmack – Warum wir mögen was wir mögen“ im Stil einer Reportage ebenso amüsant wie interessant vorgestellt.

geschmack

Das Buch hat das Zeug dazu, für den „Geschmack“ das zu sein, was für das „Denken“ Kahnemanns „Langsames Denken, schnelles Denken“ ist. Sicher, es ist nicht populärwissenschaftlich, da Tom Vanderbilt keine ausgewiesener Experte ist, doch es bietet mit seinen umfangreichen Recherchen und gesammelten Aussagen von führenden Forschern, Soziologen und Philosophen sowie seinen zahlreichen Anmerkungen in einem fast hundertseitigem Anhang jede Menge Futter zum Einstieg in das Thema.

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Sowohl als auch.

BildBevor ich mir die Frage von Nina auf Libromanie beantworte, ob ich es bevorzuge, Rezensionen vor dem Buch oder nach dem Buch zu lesen, stell ich mir die Frage: Was wünsche ich mir von einer Rezension?

Zunächst interessieren mich nur begeisterte Rezensionen. Sehr selten widme ich mich den Ein-Stern-Nörglern, auch wenn da mal ganz intelligente und wirklich leidenschaftliche darunter sind.  Wenn ich stöbernd durch Buchhandlungen streune und auf interessante Titel stoße, bei denen mir der Autor nicht bekannt ist, rufe ich mir die Bewertungen bei amazon & Co. ab. Da lese ich auch ein paar Rezensionen mobil quer. Doch ich ignoriere jegliche Inhaltsangaben, besonders solche, die wie ausführliche Reisebeschreibungen daherkommen. Bücher sind für mich fast immer eine Einladung zu einer Entdeckungsreise. Und die möchte ich gerne noch so jungfräulich wie möglich selbst machen. Andere ziehen da sicher einen multimedialen Diavortrag vor.

Von Rezension wünsche ich mir zuvorderst einen lustvollen Stimmungsbericht des Lesers. Was hat sie/ihn nachdenklich gemacht, angeregt, weiter zu denken, was hat sie/ihn amüsiert, gerührt, hat sie/er laut gelacht. Anschauliche Analogien, die mir die Intention des Buches veranschaulichen, Introspektionen über die Wirkung des Buches oder auch Briefe an den Autor wären Stilmittel, die ich mir für Rezensionen öfter wünschen würde.

BildMeine Intention zu eigenen Rezensionen ist zunächst eine subjektive, kritische und bewusste Reflexion über das Gelesene – oder besser „Erlebte.“ Es ist also zuerst ein persönlicher Logbuch-Eintrag. Erst im Verlauf des Notierens entscheide ich mich, ob ich eine öffentliche Rezension daraus werden lasse. Zunächst will ich mir die Erinnerung deutlicher bewahren, will mir manches klarer machen und manches auch selbstkritisch hinterfragen. Und dabei helfen mir dann auch die im Nachhinein gelesenen Rezensionen anderer Leser, denen ich dann auch gerne mal mit einem „ja“ für hilfreich danke.

Rätselhaft bleibt mir in diesem Zusammenhang der Charakterzug immer häufiger auftretender Rezensionsleser, die interessante und umfassende Rezensionen mit „nein“ , also als nicht hilfreich beurteilen, nur weil sie offenbar nicht mit dem Urteil übereinstimmen. Doch muss ich dies wohl zu den vielen weiteren Dämlichkeiten der Menschheit hinzuzählen, die das Netz heute transparenter denn je macht.