Wozu braucht es Verrisse?

Verriss

„Die meisten Bücher, die wir im Quartett hier besprochen haben im Laufe der beinahe 14 Jahre, habe ich von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen. In den meisten Fällen war es eine Qual.“

 Marcel Reich-Ranicki

Dazu schreibt Georg Gruber vom Deutschlandfunk:

Er (Marcel Reich-Ranicki, Anm. von mir) war wirklich ein Solitär, …. Nach seinem Tod konnte keiner an seine Stelle treten, der Platz des Literatur- und Kritikerpapstes ist verwaist. Vielleicht ja auch ein gutes Zeichen für eine aufgeklärte Gesellschaft: Die Leser sind wieder zurück geworfen auf sich selbst.“

Was meint das „zurück geworfen auf sich selbst“ angesichts der alljährlichen Masse an Literatur, die uns angeboten wird. Selbst durchbeißen? Hoffen, ganz allein auf die literarische Nadel im Heuhaufen zu treffen? Wo findet sich da eine aufgeklärte Gesellschaft?

Nein, diese abschließende Anmerkung ist wenig durchdacht. Und wenn wirklich ernst gemeint, dann ist sie ein Offenbarungseid für eine Haltung, der man zunehmend in der Gesellschaft begegnet: bloß keinem mit seiner Meinung auf die Füße treten zu wollen. Immer eine Hintertüre offenlassen, falls sich jemand von der wenig begeisterten Kritik oder der höflich vorgetragenen, persönlichen Enttäuschung beleidigt zeigt. Beim Gang durch die Hintertüre ruft heute der „Kritiker“ dann dem Beleidigten zu, dass man sich durchaus seiner Subjektivität bewusst sei und man mit seiner Kritik selbstverständlich niemanden nahelegen wolle, das Buch nicht zu lesen. Jeder soll sich doch bitte selbst ein Urteil bilden. Weiterlesen

Ich habe einen Traum.

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Quelle 123RF

Seit Monaten weiden sich die öffentlich-rechtlichen Medien darin, das Dahinsiechen des Handels und der heimischen Old-Ökonomie aufgrund grassierender Amazon & Co. Epidemie regelmäßig zu dokumentieren. Mit unzähligen Reportagen über ausbeuterische Arbeitsbedingungen der Neuen, unmoralische Steuertricks und unlautere Geiselnahmen deutscher Verlage und Autoren ringt man dem Publikum zwar jede Menge Empörung ab, jedoch sonst eben nix.

Ein mehr oder weniger smarter Oliver Samwer (Zalando & Co. Investor) und seine Start-Ups werden mehrfach vor dem anstehenden Börsengang portraitiert. Zwar immer mit dem typischen moralinsauren Unterton eines öffentlich-rechtlich abgesicherten Journalisten, jedoch doch für alle auch fatalistisch spürbar, dass dies wohl die Unternehmertypen der Zukunft seien.

Was ich jedoch nicht sehe sind Menschen, wie Ocelot-Gründer Frithjof Klepp oder Mutterland-Gründer Jan Schawe oder Sara Wolf, Gründerin von Original unverpackt oder Chalwa Heigl, Gründerin der Gugl Manufaktur, die mir spontan einfallen, wenn ich mir eine Handelswelt von Morgen vorstelle. Sicher könnten wir gemeinsam diese Liste noch um zig weitere mutige Geschäftsgründer erweitern, die sich mit Leidenschaft dem Handel der Zukunft widmen. Doch egal wie lang die wird, Portraits in den öffentlich-rechtlichen Hauptsendern werden nie von ihnen auftauchen.

Was ich mir aber zum hundertsten Mal anschauen soll und nicht mehr mache, sind Talkshows, in denen immer die gleichen Hornbläser sitzen, die uns vor der globalen Macht weniger Konzerne, der schrecklichen Monopolisierung, den Datenkraken und einer finanzkapitalistischen Feudalherrschaft warnen.

Ich habe einen Traum.

Ich sehne mich nach Sendungen zur besten Sendezeit in ARD und ZDF in der Qualität des literarischen Quartetts zurück. Oder wenigsten eine auf einem Level von Elke Heidenreich, deren Welt verbesserndes Pathos mich zwar manchmal nervte, doch wenigsten kam da echte Begeisterung ins Haus. Begeisterung für Literatur. Und diese Sendungen werden nicht im Studio, Wüsten oder Foyers aufgezeichnet, sondern in attraktiven Buchhandlungen, neuen Ladenkonzepten oder faszinierenden Handwerksbetrieben.

Ich träumte davon, dass Denis Scheck nicht mehr nach Kalifornien, New York oder Australien reist, sondern das ganze Jahr durch Deutschland tourt und in jeder Sendung eine Buchhandlung vorstellt. In der trifft er mit Autoren und Buchhändlern zusammen und vielleicht auch dem einem oder anderen Feuilletonisten oder Blogger und gemeinsam hecheln Sie uns nicht die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste durch, sondern empfehlen uns jeweils 5 Bücher, die sie aktuell begeistert haben.

Ich habe einen Traum.

Ich stellte mir vor, wie das blaue Sofa des ZDF wöchentlich durch Deutschland tourt, Autoren besucht und mit ihnen in ihre Lieblingsbuchhandlung marschiert. Dort plaudern sie über das neue Buch, das Lesen an sich und am Ende greifen sie einfach ein paar ausgewählte Bücher aus den Regalen und empfehlen Sie.

Ich habe einen Traum.

Thea Dorn geht gemeinsam mit Sybille Berg in verschiedenen Buchhandlungen einer Stadt shoppen. Jedes mal darf eine für die andere ein Buch kaufen. Mal lässt man sich was vom Händler empfehlen, mal sucht man selbst etwas aus. Und am Ende plaudert man noch, was man gut und was man nicht so dolle in den Buchhandlungen fand.

Ich habe einen Traum.

Da gab es Sendungen über Deutschlands beste Entrepreneure, da gab es Übertragungen von der Verleihung der Verlagspreise für die mutigsten Veröffentlichungen, da gab es Effies für die besten Popup-Stores, da gab es die goldene Thalia für die besten Theaterbühnen und da gab es Talkshows, in denen Menschen begeistert davon berichteten, wie aus einer Idee ein Lebenswerk wurde.

Die Realität sieht im Moment für mich anders aus. Begeisterung für Kulturelles muss ich mir bei den privaten TV-Sendern abholen. Die machen Casting-Shows für Musik, Entertainment, Tanz, Kochen etc. Das ist zwar nicht unbedingt die Kunst, die ich persönlich schätze, doch zweifellos berührt es mich, wenn tausende jungen Menschen ihren Mut zusammennehmen, um ihren Traum vom Entertainer wahr werden oder platzen zu lassen.

Die Privaten TV-Sender haben deutlich mehr verstanden, dass wenn man was bewegen will, es darum geht, den Menschen Enthusiasmus, Mut und Begeisterung ins Haus zu senden. Das Scheitern ist da auch inklusive, doch am Ende haben alle dazu gelernt und freuen sich auf die nächste Show.

Aber bei den öffentlich-rechtlichen träume ich wohl besser weiter.

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