Fünf Sterne für ein Arschgeweih

hirsch

Bücher zu besprechen resultiert nicht selten aus der Intention, sich nicht mehr nur zu fragen, was einem gefällt, sondern warum einem ein Buch gefällt. Und dieses „warum“ zu erfassen, es kritisch zu hinterfragen und die Essenz dann auch noch in adäquate Worte zu packen, ist ein anspruchsvolles Unterfangen. An der Mühe und Anstrengung, die wir dafür aufwenden, lässt sich die Ernsthaftigkeit bemessen, mit der wir ein plausibles Urteil finden wollen.

Geschmacksdebatten entzünden sich vordergründig zwar gerne an den Urteilen, doch eigentlich kritisieren wir die unterstellte fehlende Mühe, sich mit dem Gegenstand der Kritik zu beschäftigen. Umso intensiver wir uns einem Gegenstand widmen, desto weniger tolerieren wir unbegründete Geschmacksurteile von anderen. Besonders, wenn es sich um ästhetisch so „komplexe“ Dinge wie Literatur, Musik, Kunst, Architektur und ähnliches handelt, lehnt der Kulturbeflissene jegliches Bewertungssystem ab, das nur simple binäre (Daumen hoch, Daumen runter) oder auch etwas graduellere (5 Sterne) Geschmacksurteile anbietet.

Doch im Leben wird die Mehrzahl tagtäglicher Geschmackurteile überwiegenden von unserem „adaptivem Unterbewussten“ binär getroffen: gefällt oder gefällt nicht. Woher dieses Unterbewusste seine „Kompetenz“ bezieht, ist eine der Kernfragen, denen der US-Journalist und Buchautor Tom Vanderbilt nachgegangen ist. Er hat zahlreiche Antworten erhalten und diese in seinem Buch „Geschmack – Warum wir mögen was wir mögen“ im Stil einer Reportage ebenso amüsant wie interessant vorgestellt.

geschmack

Das Buch hat das Zeug dazu, für den „Geschmack“ das zu sein, was für das „Denken“ Kahnemanns „Langsames Denken, schnelles Denken“ ist. Sicher, es ist nicht populärwissenschaftlich, da Tom Vanderbilt keine ausgewiesener Experte ist, doch es bietet mit seinen umfangreichen Recherchen und gesammelten Aussagen von führenden Forschern, Soziologen und Philosophen sowie seinen zahlreichen Anmerkungen in einem fast hundertseitigem Anhang jede Menge Futter zum Einstieg in das Thema.

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Form vollendet.

IMG_2064Als Kind der 60er werde ich sentimental, wenn ich diese Monographie von Dieter Rams immer mal wieder zur Hand nehme. Jüngeren Generationen, denen ich hier Abbildungen von Produkten, Messebauten und Schaufenster-Gestaltungen zeige, sind verblüfft über das zeitlose, noch immer gefallende Design, das dennoch diese einzigartige Handschrift trägt. Apples Chefdesigner Jonathan Ive schreibt einführende Worte über den erheblichen Einfluss, den Dieter Rams auf sein ästhetisches Verständnis und seine Design-Philosophie hat. Das Credo von Dieter Rams sollten nicht nur Produktdesigner verinnerlichen, sondern alle, die Markenprodukte produzieren und überzeugend vermarkten wollen.

IMG_2051Sofern ein Buch in der Bildsprache, Gestaltung und Haptik dem Design von Rams überhaupt gerecht werden kann, tut es dieses von den mir bekannten am stärksten. Ja, es ist teuer, aber für Menschen, die wie ich, noch heute andächtig über den Schneewittchensarg streicheln und freudig einen Weltempfänger von Braun auf dem Flohmarkt erwerben würden, ist es jeden Cent wert.