Lokaler Einzelhandel – Abgesang oder gibt es noch Zukunft?

Auf meinen Blogbeitrag „Umdenken muss der stationäre Handel – nicht der Kunde von Amazon.“ bekam ich heute von Frank Martin einen sehr nachdenklich machenden Kommentar mit diesem abschliessenden Link zum Video, das die Misere des lokalen Einzelhandels auf sehr liebenswürdige und auch selbstbewusste Weise dokumentiert.

Meine Antwort darauf war der Versuch, den Widerstandsgeist gegen das Unvermeidlich in ein andere Richtung zu lenken. Denn ich bin weiterhin überzeugt davon, dass man die miserable Situation nur ändern kann, wenn der Handel Konzepte findet, die die Kunden begeistern und gewinnen. Gänzlich verlieren wird man m. E. langfristig, wenn man auf moralische Appelle zur Rückkehr in die alte Form des lokalen Handels setzt.

Meine Antwort:

Herzlichen Dank Frank Martin für den Beitrag und auch den Hinweis auf das berührende Video. Habe es gleich mal mit dem Kommentar “Händlerleidenschaft in Gera. Abgesang oder doch noch eine Zukunft?” getwittert. (Nachtrag: hat keinen interessiert.)

Sie haben vollkommen Recht mit Ihrer Einschätzung. Wie ich ja schrieb, ist der Drang zur Monopolisierung allen Märkten inhärent. Auch vor dem Internet gab es das im Film beschriebene Phänomen. Damals waren es die Großmärkte, die die Menschen zunehmend in die Aussenbezirke lockten und die verdrängenden Filialisten, die heute jede Einkaufszone in deutschen Städten ab 100.000 Einwohner gleich aussehen lässt. Das Netz und der damit verbunden eCommerce ist nun die nächste Stufe, die aber deutlich schneller genommen wird.

Bitte nicht missverstehen: ich beschreibe es ganz nüchtern, auch wenn ich mir emotional wünsche, dass die lokale Infrastruktur lebendig bliebe und dort Menschen ihr Auskommen erwirtschaften können. Doch das werden nicht die Händler sein, die den Erhalt des Status quo wünschen und mit Appellen hoffen, das Konsumentenverhalten wieder zurückdrehen zu können. Sie müssen mit neuen Ideen und Geschäftsmodellen in die Innenstädte gehen. Niemand kann voraussehen, wie die Innenstädte in 10 bis 20 Jahren genutzt werden bis auf eins: sicher nicht mehr so wie früher oder heute.

Dass Städte und Kommune ebenfalls ihren Anteil an der wachsenden Leblosigkeit in den Innenstädten haben, steht auch für mich ausser Frage. Und auch der Staat, wie beschrieben, könnte steuerlich förderlicher für den kleinen Handel sein.

Die sehr sympathischen Porträts im Film decken sich nicht mit dem allgemeinen Händlerbild, dass die meisten Menschen im Kopf haben. Die letzten Jahrzehnte hat sich der Handel immer weiter selbst optimiert. Und das gipfelt für mich derzeit im Discountbäcker. Zudem – und das halte ich für ein ganz entscheidendes Kriterium – ist das Gesamtbild des stationären Handels nicht von wachsendem zwischenmenschlichen Vertrauen geprägt. Der stationäre Handel hat seine Kunden über Jahre zu Preisentscheidern erzogen. Alles, was Vertrauen hätte schaffen können, hat er weggespart: Präsenz und Kompetenz von Mitarbeiter, Kulanz, Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, Service, Loyalitätsangebote etc. Das mag im Einzelfall nicht so sein, doch das Branchenimage trifft nun mal alle. (Auch einzelnen gute Banker können das Image der Finanzbranche nicht verbessern.)

Ich bin überzeugt, dass man im stationären Handel viel radikaler seine Geschäftsmodelle und Angebote überdenken und ausprobieren muss. Einfaches Beispiel sind Ladenöffnungszeiten. Wer braucht denn dringend einen geöffneten Laden am Vormittag? Warum nicht am Wochenende fast rund um die Uhr aufmachen? Samstags Abend auch mit ein paar Läden und der Gastronomie gemeinsame Events machen. “Schau Dir das Rad mal in Ruhe an, ich hol uns mal zwei Bier” könnte der Fahrradhändler dann sagen. Sonntags kann man Frühschoppen oder Brunchen und dabei mal jede Menge Fotos mit der möglichen neuen Kamera knipsen. Die Bilder gibt es dann gleich auf einer CD mit, auch wenn die Kamera noch Bedenkzeit braucht. Und im Spielwarengeschäft machen sie Brettspiel-Turniere, die auch mal durch die ganz Nacht gehen können. Vielleicht macht man bald jedes Wochenende ein Innenstadt-Spektakel und lasst dafür die Läden unter der Woche bis 12.00h zu.

Sie denken vielleicht jetzt, ja lustig, aber nur Spinnerei. Genau. Darum geht es. Nur Spinner werden im stationären Handel etwas erfolgreich Neues für die Zukunft finden, was gegen die aktuelle eCommerce und Grosshandelsmacht bestand haben kann. Jeff Bezos war vor 20 Jahren auch so ein Spinner, den alle belächelt haben, als er anfing Bücher rund um die Uhr vom Kunden selbst elektronisch bestellen zu lassen.

Daraufhin gab mir Frank Martin diesen nachfolgenden Kommentar, der mich jetzt sehr über eine weitere Antwort grübeln lässt.Vielleicht könnt Ihr mich mit Erfahrungen, Beispielen oder Ideen unterstützen, wie er und die anderen Einzelhändler denn nun weitermachen sollen.

Kommentar von Frank Martin:

Vielen Dank für das Feedback zu meinem Kommentar! Vieles ist richtig, es werden auch viele Einzelhändler (wie schon immer) neues ausprobieren und auch Ideen haben. Trotzdem wird es blutig!

Und erst wenn alles am Boden ist, wird sich vielleicht wieder hie und da eine interessante Oase entwickeln. Diese wird aber nicht die Kraft haben, die ganze Wüste zu begrünen.

Vielleicht kommt uns ja auch eine riesige Weltwirtschaftskrise zuvor und macht nicht nur die Kleinen platt. Die “Chance” besteht, daß die riesige Blase platzt und die vielen verwöhnten und degenerierten Bewohner der westlichen Welt ganz brutal auf den harten Boden zurückholt.

Aber zu paar Inhalten des Kommentars:

Vormittag schließen :-)
In meinem Unternehmen ist der Vormittag noch wichtiger als der Nachmittag, wo manchmal gar nichts mehr los ist – in der ganzen Kleinstadt.
Aktionen kann man machen, sie arten aber zu oft in Aktionismus aus.Ich habe nix dagegen, mal z.Bsp. einen Lichtlabend zu machen. Oder ich mache jetzt eine Weihnachtsmarktsaktion aktiv mit. Habe dazu auch eigene Ideen mit einbringen können. Abgesehen davon betreiben wir auf einem anderen Weihnachtsmarkt eine Bude mit einem guten Kerzensortiment – seit vielen Jahren. Das kostet schon alles mächtig Zeit, viel Vorbereitung , für einen schmalen Gewinn.

Wochenende offen: alles schon probiert. Das ist jetzt nur meine Momentaufnahme speziell hier vor Ort, aber ich habe auch von vielen anderen Kollegen und Branchen erfahren, dass es vielerorts nicht funktioniert.

Bei mir ist Sa. ab 12 Schluß. Es kommt dann aber auch keiner mehr (als länger öffnen versucht und propagiert wurde) , aber nicht selten habe ich am Nachmittag noch Termine im Fotostudio. Da kann ich einen offenen Laden nicht noch zusätzlich brauchen. Welches Personal soll ich dazu zusätzlich noch reinstellen, wer soll es bezahlen, unter der Woche brauche ich mein Personal dringender.

Sonntag offen:“am siebenten Tag sollst Du ruhen” so oder ähnlich steht es in der Bibel. Gegen diesen Sonntagseinkaufswahn hab ich generell was, nicht nur aus religiösen Gründen. Irgendwann muss auch mal “runtergefahren” werden. Natürlich gibt es Berufe (teilweise auch meiner als Fotograf) wo Sonntags gearbeitet werden muss. Aber der Konsumterror der heute vom Stapel gelassen wird, sollte auch mal eine Pause einlegen. Im Sinne der Familien, die mal gemeinsam mit der Mutti (Frauen sind ja viel im Handel tätig) in die Natur gehen sollten, mal eine Gaststätte besuchen (der Wirt will auch leben) oder ein Museum, vielleicht auch am vormittag in die Kirche gehen oder was anderes für die Seele tun.

Natürlich bin ich da nicht so radikal, als daß man das nicht mal machen kann – machen wir auch 2-3x im Jahr , aber brachte hier meist nicht viel. Retten wird es die Situation nicht.

Wenn Branchen wegbrechen, neben Dir Geschäfte schließen, wieder mal eine riesige Baustelle in der Stadt ist oder in jeder Richtung Straßenbaustellen sind, da hat man keinen Einfluß drauf und das wirft das kleine Geschäft zurück oder zerstört die Existenz.

Ich habe jetzt bewußt mich nur zu kleineren, regionalen Geschäften geäußert. Filialisten interessieren mich nicht, die können auch gern wieder dahin gehen, wo sie hergekommen sind … Auch die können pleite gehen wie Schlecker.

Soviel wollte ich eigentlich jetzt gar nicht dazu schreiben. Habe ja noch etwas zu tun und auf einen Geburtstag will ich auch schnell noch.

Es gäbe da noch viel dazu zu philosophieren oder zu berichten. z.B. Beratungsklau im Vor-Ort-Handel und dann Kauf im I-Net, bloß weil marginal billiger etc.