FSK 18 für den Glauben an Gott

Kommunion

Quelle 123rf

Spätestens seit Goethe in Faust die Gretchenfrage stellte, sollte sich der aufgeklärte Mensch in einem Moment sein Lebens besinnen: sobald man Kinder erzieht, sollte der Glaube an Gott & Co. im Elternhaus so sensibel thematisiert werden wie der Sex, der über die Missionarsstellung hinausgeht. Als Vater eines siebenjährigen Sohnes bin ich vom Tage seiner Geburt an mit dem Ansinnen konfrontiert, mein Kind doch bitte an unsere christlich geprägte Kultur heranzuführen. Selbst meine Frau, Tochter tiefgläubiger Buddhisten, erwog ernsthaft unser Kind taufen zu lassen und liegt damit – für mich etwas erschreckend – im aktuellen Trend.

Meine Mutter wurde 1961 auch schwach und ließ mich taufen. Im Nachhinein – obwohl ich ihr dies nie zum Vorwurf machte – wurde dies mit einem gewissen Kalkül erklärt. Ein protestantisch getauftes Kind würde wohl in der evangelischen Gemeinde bevorzugt einen Kindergartenplatz bekommen. Ob dem so war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wurde ich aufgenommen, obwohl ich ja doch ein herber Sündenfall war – unehelich gezeugt und auch noch allein, also vaterlos erzogen.

Auch meine Großmutter erhielt womöglich aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit den Segen, ihren Lebensabend in einem konfessionellen Stift verbringen zu dürfen. Dieser Einrichtung danke ich sehr, denn es war – bei aller Einschränkung des Komforts – denn doch eine Unterbringung und Betreuung, die die Würde des Menschen bis zum Siechtum und Tod achtete.

Mitzwa

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In meiner Kindheit spielte der praktizierte Glaube in der Familie keine Rolle. Weder meine mich betreuenden Großeltern noch meine Mutter besuchten Gottesdienste. Selbst Weihnachten war für uns kein Anlass die Kirche zu betreten. Glaubensbekenntnisse nicht offenkundig zu machen war wohl auch der Tragik geschuldet, dass mein Urgroßvater Jude war und im KZ-Dachau starb. Dennoch kam ich nicht umhin, mir von klein auf die bekannten Geschichten erzählen zu lassen, die sich aus dem Buch der Bücher ableiten.

Und eben diese Geschichten sind es, die ich heute nicht mehr unreflektiert und kritiklos meinem Sohn zumuten möchte. Denn für „Kinderseelen“ sind sie nichts anderes als konditionierende, stark das Unterbewusste beeinflussende Prägungen. Kinder einseitig religiös zu erziehen ist in einer aufgeklärten Gesellschaft eine unzulässige und sehr bedenkliche Indoktrination kindlicher Psychen.(Nachtrag 26. Nov. 2014: einen klugen Artikel dazu habe ich beim hpd gefunden: Wie ist Religion wissenschaftlich erklärbar?)

Religionen sind in der Erziehung von Kindern verführerische Vereinfachung komplexer Themen wie der Tod, Gut & Böse, Tugenden, Sinnsuche, Schuld & Sühne. Und was uns einmal als Kind von den Eltern und der Gesellschaft fast dogmatisch vermittelt wurde, von dem können wir uns als Erwachsene nur noch schwer wieder befreien. Offen oder latent bewerten und diskriminieren wir später andere Lebensphilosophien und viele entziehen sich ein Leben lang gänzlich der selbstkritischen Befragung ihrer anerzogenen Welt- und Wertevorstellungen.

Denn der Kern des Glaubens – eine mögliche Antwort zur Welterklärung zu geben – überfordert selbst viele Erwachsene (und wie man kürzlich lesen musste, selbst den Erzbischof von Canterbury). Sie bequemen sich in ihrer anerzogenen Hörigkeit, blenden kritische Fragen und unsinnige Dogmen aus und vermitteln somit als Eltern ein unverantwortliches Bild von Obrigkeitshörigkeit. Denn nichts anderes ist es, wenn man seinen Kindern den Glauben an (einen) Gott als notwendiges Manifest einer tugendhaften Gesellschaft mit auf den Weg gibt. Tugendhaft kann eine Gesellschaft auch ohne Gottesglauben sein. Mein Kind soll weder mit dem Intoleranz gebärenden Gefühl der Auserwähltheit noch mit dem Ballast unzeitgemäßer Gebote, Sünden und einem gnädigen Gottesbild aufwachsen.

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Bis vor Schulbeginn waren in unserem Haus Glaubensfragen, die mein Sohn stellte, noch primär von unschuldiger Neugier bewegt. Wir geben uns dann auch die Mühe, ihm zu erklären, dass es auf Fragen, wie „Gibt es einen Gott?“ „Komm ich in den Himmel, wenn ich sterbe?“ oder „Soll ich beten, wenn ich mir etwas wünsche?“ keine eindeutige Antwort gibt, sondern viele unterschiedliche. Hilfreich ist dann schon die Tatsache, dass seine Großeltern Buddhisten sind, seine Tante gläubige Katholikin und sein Papa ein gänzlich unreligiöser Mensch. Doch mit Schulbeginn bekam die Glaubensfrage erstmals einen leichten Unterton der Angst vor Diskriminierung:

„Papa, warum bin ich eigentlich ein Ethik-Kind?“

„Papa, warum bin ich nicht getauft?“

Mit kurzem Schrecken erinnerte ich mich an meine über 40 Jahre zurückliegende Grundschulzeit und die erste Irritation, als ein paar wenige Klassenkameraden nicht am Religionsunterricht teilnahmen. Ich bin Ende der 60er eingeschult worden. Damals war konfessionslos oder andersgläubig zu sein in einer „Großstadt“ wie Frankfurt kein dramatischer Makel mehr, aber es war doch ein erster Moment des Bewusstwerdens, dass manche Kinder anders sind, obwohl sie nicht anders aussehen.

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Da ich protestantisch getauft wurde, konnte ich mich – mit Ausnahme des Religionsunterrichts – vor intensiveren religiösen Vereinnahmungen in Kinderjahren selbst bewahren. Denn der große Aufschlag der Kirchen, Kinderseelen in frühen Jahren mit religiösem, später kaum noch ablegbarem Ballast zu versehen, erfolgt in der evangelischen Kirche erst mit dem vierzehnten Lebensjahr – bei mir war das dann zu spät. Nachdem mir viele meiner Freunde einzig begeistert von der enormen Aussicht an Geschenken von ihrer anstehenden Konfirmation erzählten, regte sich bei mir eine gewisse Skepsis. Und als ich dann meiner Mutter eröffnete, ich würde erwägen mich konfirmieren zu lassen, gab sie intuitiv eine für mich entscheidende Antwort: „Das überlasse ich Dir, aber bitte komme nicht auf die Idee, mich dann Sonntag für den Kirchgang zu wecken.“ Das reichte mir damals, um die Antwort auf die Frage, an wen und was ich glauben möchte, zu verschieben. Mit Schrecken musste ich beispielsweise später entdecken, dass die evangelische Kirche auf von einem der größten Antisemiten begründet wurde: Martin Luther.

Ich verurteile nicht den Glauben und bin auch kein Missionar des Atheismus. Ich respektiere jede Lebensphilosophie, die ein wertschätzendes, achtsames und gesellschaftlich verantwortliches Miteinander ermöglicht. Ich mache auch keine Glaubensbekenntnisse verantwortlich für Kriege, sondern nur die Menschen, die ihren Glauben vorschützen, um ihre Verachtung anders Denkender zu legitimieren.

Aber ich plädiere (siehe auch Parvin Sadigh Kommentar in der Zeit) inständig für eine vollständige Säkularisierung unserer Gesellschaft und dafür, in Glaubensfragen unsere Kinder nicht mehr zu bevormunden. Eine Gesellschaft, die es mit der von Kant einstmals eingeleiteten Aufklärung wirklich ernst meint, muss ständig bestrebt sein, jegliche Indoktrination ihrer Kinder zu verhindern.

„Lies, Baby, lies!“

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Herrlich, wenn einem exakt zum passenden Lebensabschnitt ein Buch aus dem eigenen Regal wieder in die Hände gerät. Daniel PennacWie ein Roman“ ist für mich eine der schönsten Wiederentdeckungen in diesem noch jungen Jahr. Ich hatte es wohl Ende der 90er – damals kinderlos, doch seit kurzem Patenonkel – erworben und, wie ich an einigen angestrichenen Stellen und Anmerkungen erkennen durfte, auch gelesen.

Wie so viele Bücher, ist es völlig aus meinem bewussten Erinnerungsvermögen entschwunden. Doch wie ich beim Wiedereintauchen wahrnahm wirkte es im Unbewussten rege nach. Und genau jetzt, wo ich nicht mehr kinderlos bin, sondern die allabendliche Freude genieße, meinem sechsjährigen Sohn als Vorleser zu dienen, fällt mein Blick auf dieses Buch. Ich schmökere kurz hinein, entdecke einen umfangreichen Schatz an liebevollen Aufforderungen, inspirierenden Gedanken und geistreichen Bonmots, die alle darauf zielen, wie wir bei unseren Kindern die Leselust erwecken und wie man sie hegt und pflegt, damit sie auf dem Weg zur Adoleszenz sich nicht zu Lesefrust wandelt.

Pennac ist ein wahrer Schulmeister. Als Lehrer, den seine eigene Zeit als Schüler in Frankreich frustrierte, gelang es ihm offenbar, seine Klasse von pubertierenden Lesemuffeln durch stundenlanges Vorlesen (Beginnend mit Patrick Süskind „Das Parfüm“) für die Welt der Bücher wiederzugewinnen.

Seine daraus gewonnenen Erfahrungen und viele kluge Gedanken dazu, packte er in dieses Plädoyer, dem der Zeitgeist der vergangenen 20 Jahre nichts anhaben konnte und es so bis heute zu einem sehr, sehr lesenswerten Longseller macht. Es ist einer Unzahl an lamentierenden, schulsystemkritischen Erziehungsratgebern vorzuziehen, besonders von Müttern und Vätern, die sich ihre Liebe zum Lesen bewahren konnten. Und auch allen Nichtlesern sei es als Ausnahme ans Herz gelegt. Fordern kann man es ja nicht – wie Pennac ganz zu Beginn seines Buches schreibt – denn „lesen“ duldet, wie „lieben“ oder „träumen“, einfach keinen Imperativ.

In einem Abschnitt berichtet er von einer Befragung seiner Schüler, die wohl die ganze Tragik veranschaulicht, die junge Menschen beim Gedanken an das Lesen erfasst:

„„Beschreibt mir einen Leser.“ … „Die Respektvollsten beschreiben mir Gottvater persönlich, eine Art vorsintflutlichen Eremiten, der seit unvordenklichen Zeiten auf einem Berg Bücher sitzt, deren Sinn er in sich aufgesaugt hat, bis er das Warum aller Dinge verstanden hat. Andere skizzieren mir das Porträt eines tiefgründigen Autisten. … Wieder andere malen ein Negativbild, wobei sie sich bemühen, alles aufzuzählen, was ein Leser nicht ist: nicht sportlich, nicht lebendig, nicht amüsant, einer, der sich weder für gutes Essen noch für Klamotten, noch für tolle Schlitten interessiert, weder fürs Fernsehen noch für Musik, noch für Freunde.“

Das Buch ist geschrieben voller Esprit und Leichtigkeit. Man spürt es, der Autor nimmt sein Thema sehr, sehr ernst, mit dem größten Vergnügen für uns Leser.