Sie wissen alles – und wir können nicht behaupten, wir hätten von nichts gewusst.

IMG_0721Es gibt diese Bücher, wo es einem besonders schwer fällt, sein Resümee kurz zu fassen. Yvonne Hofstetters „Sie wissen alles“ ist für mich so eins. Und das hatte ich anfänglich nicht erwartet.

Wir Leser bevorzugen ja tendenziell Literatur – besonders Sachbücher – die uns in unserer Haltung zur Welt bestätigen sollen. Wirklich unvoreingenommen etwas zu lesen und sich daraus eine Meinung erst zu bilden, gelingt kaum, da wir ja alle schon eine Meinung haben.

LanierFür das Buch von Yvonne Hofstetter wäre es jedoch sehr dienlich, wenn wir unser Vorurteile und Haltung – gleich welche Tendenz – gegenüber einer algorithmisch bestimmten Big-Data-Netzwelt ablegen könnten. Und das, obwohl die Autorin selbst massiv voreingenommen ist und im ähnlichen Spektrum anzusiedeln wie Jaron Lanier, der kürzlich mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Ihr Plädoyer für einen sehr kritischen Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten, das zeitweise auch etwas ausufernd und redundant ausfällt, ist nicht geringeres als der Ausruf zur Revolution der Massen.

Wenn der ein oder andere Evangelist der Netzwelt (wie ich) – geplagt von Schirrmacher & Co. Skeptizismus – hier schon austeigen möchte, möchte ich ihm abraten. Denn Yvonne Hofstetter ist keine Journalisten oder Soziologin, sondern Unternehmerin und seit langem im Big-Data-Analysegeschäft. Ihre Sicht der Dinge mit einzubeziehen, stärkt jeden argumentativ, der hier in Zukunft mitsprechen will.

Und mitsprechen sollten wir in Zukunft alle. Es hätte keines Edward Snowden bedurft, wenn wir die absehbare Entwicklung der Netzwelt selbst konsequent weitergedacht hätten. Doch das Denken über solch komplexe Themen geben wir ja gerne ab. Und es an Yvonne Hofstetter zu delegieren, ist sicher eine gute Wahl. Dennoch müssen wir intellektuell folgen wollen. Das Buch ist keine leichte Kost, auch wenn es gut und verständlich geschrieben ist.

Destilliert man die Essenz des Buches, so geht es in den ersten hundert Seiten zunächst um das Schlachten einer heiligen Kuh der Wissenschaft: der Reinheit der Mathematik. Während sich die Physik und andere Naturwissenschaften schon vor Jahrzehnten schmutzig machten, in dem sie uns zugleich weltverbessernde wie auch –zerstörenden Mittel erforschten und dann praktisch an die Hand gaben (Atomkraft, Biotechnologie, Chemie, Gentechnik etc.), galt die Mathematik bislang als rein. Diese Absolution kann ihr seit der militärischen Nutzung von Algorithmen zur Freund- oder Feindaufklärung in den Achtzigern nicht mehr erteilt werden.

quantsuclfinancialcomputingcentreftDoch erst durch den Wechsel der „Quants“ – Mathematiker, die sich auf die quantitative Analyse von Daten spezialisiert haben – in die Finanzindustrie wäre eine intensive Ethikdiskussion in der Wissenschaft der Mathematik angebracht. Denn das Ergebnis ihrer Tätigkeiten erweist sich zunehmend als ethisch fragwürdig und volkswirtschaftlich als Supergau-Gefahr. Einige Gaus durften wir in den vergangenen Jahren erleben und aktuell zeigt die Börse wieder ähnliche Dominoeffekte, die in eine Finanzkatastrophe führen können.

Zum einen verantworten die „Quants“ die Datenfusion von Finanzmarktdaten und den darauf basierende automatisierten Wertpapierhandel, der mittels Algorithmen Marktbewegungen prognostiziert und – was wirklich unmoralisch ist – mehr und mehr auch manipuliert. Zum zweiten verantworten sie maßgeblich die toxischen Finanzprodukte, die zur Finanzkrise 2008 führten.

In beiden Fällen hat die Fachschaft der Mathematiker bis heute keine öffentliche Verantwortung dafür übernommen. Sie verhalten sich wie Technokraten in einer Diktatur, die argumentieren, ihre Kollegen hätten doch nur ihren Job gemacht. Wenn Mediziner, Biologen und Chemiker sich heute so bedenken- und verantwortungslos verhalten, wären die Debatten schon groß. Selbst Historiker streiten offensiver in der Öffentlichkeit.

Wozu nun aber diese lange Vorgeschichte? Yvonne Hofstetter macht damit eines sehr deutlich: der bis heute weder technisch noch politisch beherrschbare Finanzmarkt wird zur Blaupause für den Big-Data-Markt, auf dem unsere persönlichen Daten gehandelt werden. Und die Hybris vieler Entscheider auf den Finanzmärkten sollte uns vor der Hybris und den keimenden Allmachtsfantasien vieler Entscheider auf dem Big-Data-Markt warnen – mögen sie noch so charmant Lächeln und uns mit „Alles wird gut“ gönnerhaft auf die Schulter klopfen

ebola_content_inline_full_1413366606_Ebola-Outbreak-Buch-JAY-DIRECTO-AFP_10525Denn die Karawane der „unverantwortlichen Quants“ zieht weiter. Sie sitzen heute in Hochsicherheitstrakten von staatlichen Einrichtungen und privaten Unternehmen, die Zugang zu immensen Daten haben. Hier fusionieren und prognostizieren die „Quants“ munter weiter. Doch eben nicht mehr nur, wie sich aufgrund der akuten Ebola-Epidemie der Aktienwert eines Schutzmaskenherstellers, eines Pharmaunternehmens oder einer afrikanischen Airline entwickelt. Das mag nur zynisch aus Sicht von Gutmenschen sein.

Jetzt prognostizieren die Algorithmen der „Quants“, wer bald nicht mehr kreditwürdig ist, wer alles vor Renteneintritt stirbt, wer möglicherweise Randale bei einer Demo macht, wer verstärkt dazu neigt, die Versicherung zu betrügen, wer wohl besser nicht eingestellt wird, weil sie bald schwanger oder er bald Erziehungsurlaub nimmt oder weil er zu kontaktarm ist, denn in seinen Netzwerkprofilen finden sich nur wenig Freunde und Aktivität. Oder welche Jugendliche aufgrund ihrer Schulnoten, Herkunft, Freundeskreis und offensichtlichen Neigung zu digitalem Entertainment es nicht wert sind, ein Stipendium zu erhalten etc. pp.

Ich habe bewusst diese Beispiele gewählt. Denn die Diskussion um Big Data und seine Folgen wird gerne vernebelt von der populistischen Empörung um gezieltes Online-Marketing und möglicher Manipulation unseres Konsumverhaltens. Wäre es nur dies, so könnten wir uns entspannt zurücklehnen, denn das versuchen Marketing & Co. schon seit Jahrzehnten mit mäßigem Erfolg. Wirklich profitieren tuen von der Mär, dass wir so leicht manipulierbar seien, nur die werbefinanzierten Medien.

Wirklich bedenklich ist unsere Liebe zur Lebens- und Selbstoptimierung, die uns nun – ob letztlich nützlich oder nicht – freiwillig viele Daten zur Verfügung stellen lässt. Hinzu kommen noch alle Daten, die über unzählbare Sensoren, Videokameras etc. erfasst und individuell zugeordnet werden können. Sie denken, Sie lieben die Datenauswertung nicht. Sie leben bewusst datensparsam. Das wird Ihnen zukünftig wohl eher schaden. Wie oben angedeutet, werden zukünftig Personen, die sich aktiv der Datensammlung entziehen, zunehmend suspekt. Suspekt für den Staat als Hüter des Gemeinwohls, aber auch suspekt für die Gesellschaft.

StalkerSchon vor Big Data haben wir viel von unserer Freiheit, Privates privat zu halten, mehr oder weniger freiwillig aufgegeben. Heute kann niemand mehr ohne Bankkonto sein, niemand mehr ohne Krankenkasse, niemand mehr inkognito in Hotels übernachten. Ihre Einkünfte sind für den Staat und seiner Diener ein offenes Buch, in das in Schweden sogar jeder Bürger hineinschauen kann. Diese Vorstellung führt heute noch bei vielen Deutschen zu blankem Entsetzen. Ihr Bewegungsprofil ist jederzeit rekonstruierbar, ob sie das nun auf Facebook posten oder nicht. Und, und, und.

Entsprechend vernebelt auch die NSA-Debatte das Kernproblem der Big-Data-Zukunft. Überwachung, Rasterfahndung, Stalking und Voyeurismus gab es schon immer und wird es immer weiter geben. Doch hierfür können wir gesetzliche Regelungen fordern und – solange wir noch demokratisch und fair wählen können – die gewünschten politischen Rahmen gestalten. Doch die allergrößte Gefahr liegt in uns selbst. In unserer Naivität und Eigenliebe zur ständigen Optimierung.

Yvonne Hofstetter nennt hier Beispiele, die uns bekannt sein sollten, doch wo man über unsere naive Akzeptanz allmählich auch entsetzt sein sollte:

„Nach aktuellen Umfragen würden sich etwa zwei Drittel der deutschen Autofahrer überwachen lassen, um weniger Versicherungsprämie zahlen zu müssen.“ (Nachtrag 22.Nov.: jetzt gibt es auch schon die ersten konkreten Angebotsentwürfe)

Ähnlich hohe Zustimmung werden wir wohl erfahren, wenn die ersten Krankenkassen und Lebensversicherer elektronische Gesundheitsarmbänder mit vergünstigten Tarifen anbieten. (Nachtrag 21. November 2014: der erste Versicherer Generali legt los.)  Und ebenso werden wir alle bald mit Begeisterung unser Heim elektronisch überwachen lassen, weil wir damit Versicherung und Heizkosten sparen.(und dazu passend schon wieder ein Nachtrag am 25.11:SZ-Artikel „Offen wie ein Scheunentor.“)

Der nächste Schritt ist bald nicht mehr weit. Das Solidarprinzip wird gesellschaftlich nur noch denen zugestanden, die sich auch konformistisch verhalten. Rauchen, maßloses Trinken und Fleisch essen, nachweislich zu wenig körperliche Bewegung oder zu viel geistlose Beschäftigungen bringen sichtbare Maluspunkte. Stolz werden hingegen immer mehr ihren ökologischen Fußabdruck posten und fordern, dass die anderen das auch tun. Wir Gutmenschen wollen doch endlich mal die Umweltschweine und Öko-Ignoranten an den Medienpranger stellen. Und mit Big-Data ist das jetzt alles bestens möglich. Eine Gesellschaft, die sich freiwillig selbst überwacht.

zeh_tiereJuli Zeh, eine sehr weitsichtige und engagierte Autorin hat diese absehbare Entwicklung zur gutmeinenden „Kontrollgesellschaft“ in ihrem Roman Corpus Delicti schon vor Jahren gedanklich vorweggenommen. Ihr aktuelles Buch mit Essays „Nachts sind das Tiere“ verknüpft sie mit folgendem, zum Kontext passenden Zitat:

„„Ich habe nichts zu verbergen“ ist ein Synonym für „Ich tue, was man von mir verlangt“ und damit eine Bankrotterklärung an die Idee des selbstbestimmten Individuums.“

(Nachtrag 25 Nov. 2014: Wer meine Ansichten und meine Person für diesen Diskurs für nicht schwergewichtig genug erachtet, findet im aktuellen SZ-Interview mit Juli Zeh zum Thema Generali Versicherung dazu dann eine prominente Meinung.)

Jeder muss sich eingestehen, dass viele seiner Handlungen und Entscheidungen im konkreten Sinne des Wortes „berechenbar“ sind. Keiner kann sich ständig bewusst irrational verhalten, um möglichen Prognosen über sich zu entgehen. Und irgendwann berechnen die „Quants“ auch dies mit ein. Dennoch sind wir freie Individuen, zumindest solange wir nicht nur uns, sondern auch allen anderen ihre Geheimnisse gestatten. Doch derzeit laufen wir Gefahr, viele andere zu diskriminieren, wenn sie sich nicht dem moralisch geforderten Drang nach Optimierung und Transparenz beugen. Zum Glück ist die gutmeinende Piratenpartei mit dieser Basisidee schon gescheitert.

Doch was ist nun politisch und gesellschaftlich zu fordern, um die Gefahren der Big-Data-Kontrollgesellschaft einzudämmen? Wo muss die Revolution stattfinden? Yvonne Hofstetter nennt zehn Punkte, aus denen ich meine folgenden – aus heutiger Sicht noch utopische, aber ganz nüchterne – Konsequenzen und Forderungen ableite:

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  1. Alle persönlichen Daten sollten juristisch als geistiges Eigentum behandelt werden. Sie sind damit nicht auf eine andere Person übertragbar, sondern können nur mit expliziter Einwilligung des Eigentümer zeitweise genutzt werden. Dieses Nutzungsrecht kann der Eigentümer wieder entziehen.
  2. Das Grundrecht auf Vergessen soll weltweit ausgeweitet und optimiert werden. Es sollte Menschenrecht sein. Unter anderem soll es ein aktives Verfallsdatum für Daten geben.
  3. Es braucht einen Schutz vor Diskriminierung aufgrund nicht freiwillig gegebener Daten. Vergünstige Angebote aufgrund von erlaubter Datenüberwachung sollen bei Pflichtverträgen, wie Telekommunikation, Versicherungen und ähnlichen als unlauter gelten.
  4. Die Fachschaft der Mathematik soll einen weltweit bestimmenden Ethikrat einberufen, der dafür sorgt, dass zukünftige alle verwendeten Algorithmen zur Analyse und Prognose von menschlichen Verhalten veröffentlicht werden. Eine Art hippokratischer Eid soll jeden Mathematiker dazu verpflichten.
  5. Allen Menschen soll die Möglichkeit eingerichtet werden, ihre Profile, die sich aus der Datenfusion ermitteln und analysieren lassen, einzusehen.
  6. Private Unternehmen, die durch Schlüsseltechnologien in der sensiblen Datenanalyse eine monopolitische Marktbeherrschung erlangen, sollen von einem UNO-Beirat überwacht und gegebenenfalls von der UNO enteignet werden können. Eine Verstaatlichung wäre im Fall von international agierenden Konzernen unzureichend.

Darüber hinaus sollte politische Kompetenz zu Big-Data aufgebaut werden. Heute verfügt – wie Yvonne Hofstetter bemerkt – kein einziger Politiker über ausreichend Sachverstand, um die ethischen und gesellschaftspolitischen Konsequenzen der aktuellen Entwicklungen abschätzen zu können. Ihre Inkompetenz in solchen Szenarien zu denken, hat die Politik vor Jahren bei der Privatisierung der Telekommunikationsnetze und der UMTS-Versteigerung bewiesen. Da ich zu diesem Zeitpunkt selbst bei einem der Bieter arbeitete, hatte ich mich mit den Konsequenzen näher beschäftigt. Schon damals war ich mit einer Minderheit überein, dass der kurzfristige finanzielle Staatsgewinn zu Lasten einer staatlich gesicherten Infrastruktur gehen würde. Das hat sich ja nun für alle sichtbar bewahrheitet.

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Mein erstes Handy.

Der aktuelle Fokus in der politischen Debatte auf Netzausbau und Medienkompetenz von Kindheit an – z. B. Programmiersprachen an den Schulen unterrichten – ist einseitig und verstellt den Blick auf die wirklich wichtigen Aufgaben des Staates: die Grund- und Persönlichkeitsrechte seiner Bürger zu schützen. Und das heißt auch seine Bürger vor den unumkehrbaren Folgen ihrer eigenen Naivität zu bewahren.

Ich war bislang einerseits geblendet von den faszinierenden Opportunitäten, die uns die Digitalisierung und das Netz bietet und anderseits fatalistisch bezüglich der Begrenzung der Gefahren. Letzteren dachte ich begegnen zu können, in dem ich aktiv meinen digitalen Zwilling gestalte, das Datenspiel mitspiele und steuere. Doch ich gebe nach der Lektüre von „Sie wissen alles“ und einigen anderen Statements zum Thema zu, dass dies naiv ist und nicht ausreicht, um die Gefahr eines digitalen „Zombies“ (Hofstetter) abzuwenden.

Wenn die Gesellschaft sich hier nicht bald mehrheitlich und gemeinsam engagiert zeigt, werden irgendwann viele von uns in die Falle tappen und für die neue Kontrollgesellschaft nicht mehr opportun zu sein.

Nachtrag: Gespräch zwischen mit Martin Eiermann dem Autor Christopher Steiner („Automate This“), warum Algorithmen und Roboter uns alle herausfordern

Nachtrag: einen das Thema sehr gut ergänzenden Vortrag hielt vor kurzem Sascha Lobo:

Bücher – stumpfe Waffen gegen Vorurteile, z. B. gegenüber Juden.

IMG_3848Ein kleines Büchlein geriet mir vor Tagen in einer Buchhandlung in die Hände. Es lagen ca. 10 Exemplare aufeinander gestapelt. In einer kleinen Buchhandlung ist das immer ein klares Zeichen, dass es derzeit wohl sehr nachgefragt ist. „Adressat unbekannt“ las ich, begann zu blättern, war überrascht über den schmalen Umfang und las dann den Klappentext. Ah, klar, eine Erzählung von „beklemmender Aktualität“ die von „Deutschen“ und „Juden“ erzählt, also ein Buch gegen Antisemitismus. Und Antisemit ist, sagt Henryk M. Broker, wer Juden etwas übel nimmt, das er Nichtjuden nicht übelnimmt.

Buchhandlungen sind ja ein Hort von Antisemiten und vielen sonstigen Unbelehrbaren, immer auf der Suche nach Lektüre, die sie von ihren Vorurteilen und tiefverwurzelten Einstellungen erlöst. Und das gelingt sicher am besten indem man ihnen einmal die Folgen ihrer grotesken Haltung und ihres Stumpfsinnes an historischen Beispielen insbesondere aus der Zeit des dritten Reiches drastisch veranschaulicht – mit Sachbüchern, Biografien, Romanen, Erzählungen. Man wünschte sich fast noch gerne ein Etikett auf allen: „Erkennen dich selbst, Antisemit!“ und bewahre dich und uns vor deiner Idiotie.

IMG_8321Das sei bittere Polemik, denken Sie. Ja, das ist es. Und sie befiel mich mal wieder, nachdem ich solch ein Büchlein las und auch die Geschichte dazu recherchierte. Einige werden es schon kennen. Wurde es doch im Jahr 2000 nach seiner Originalausgabe 1939 nun in Deutschland 60 Jahre später endlich auch ein Bestseller. Damals muss ich es übersehen haben, obwohl ich zu dieser Zeit noch regelmäßig die FAZ las. Doch angesichts der gegenwärtigen „beklemmenden Aktualität“ hat sich der Verlag wohl entschieden, es jetzt noch mal mit Nachdruck herauszugeben.

Die Erzählung im Briefformat von Kressmann Taylor  erschien zunächst 1938 viel beachtet im renommierten US-Magazin Story und wurde daraufhin nochmals im Buchformat aufgelegt – mit 50.000 Exemplaren sensationell erfolgreich und dann aber auch schnell wieder vergessen. Fünfzig Jahre später wurde das Buch wiederentdeckt und erschien in vielen Sprachen – letztlich auch auf Deutsch. Elke Heidenreich überschlug sich in ihrer unnachahmlichen Art vor Begeisterung und widmete dem Buch ein überschwängliches Nachwort.

Das Büchlein erzählt anhand eines fiktiven Briefaustausches im Zeitraum 1932 bis 1934 die rasante Entfremdung zweier deutschen Freunde, die gemeinsam erfolgreich eine Galerie in San Francisco betrieben. Martin, akademisch gebildet und politisch rechtskonservativ, entscheidet sich mit seiner Familie nach Deutschland zurückzukehren. Sein deutscher Freund und Jude Max beneidet ihn ein wenig darum, dass er in die gemeinsame geliebte Heimat zurückkehrt und freut sich zugleich, nun wieder einen nahen Kontakt dorthin pflegen zu können. Die ersten Briefe dokumentieren eine herzliche Männerfreundschaft, die dann abrupt mit der Machtergreifung Hitlers und der dafür offenkundigen Sympathie Martins erste Risse bekommt. Martins letzter persönlicher Brief an Max ist schon durchdrungen von der Rhetorik eines Goebbels und lässt erwarten, dass er die Freundschaft bald aufkündigen wird. Das Drama nimmt seinen Lauf, als Max Martin bittet, sich um seine schauspielernde Schwester zu bemühen, die in einem Berliner Ensemble mitwirkt und schon bald von der SA verfolgt wird. Bei ihrem Versuch, bei Martin Zuflucht zu finden, wird sie von der SA gestellt und ermordet – auch deshalb, weil Martin ihr jegliche Hilfe verweigert, obwohl er oder gerade weil er einen einflussreichen Posten unter den Nazis innehat. Max sinnt darauf nach Rache und beginnt per Brief einen erfolgreichen „Vernichtungsfeldzug“, der mit der vermerkten Rücksendung „Adressat unbekannt“ seines letzten Briefes an Martin endet.

Ja, das Buch ist wirklich ein kleines Meisterstück. Ein Meisterstück der dramatischen Verknappung, ein sprachliches Meisterstück, sofern man dies auch von der Übersetzung behaupten darf und ein Meisterstück in puncto zeitpolitischer Analyse. Besonders letzteres wäre Grund genug gewesen, dass dieses Buch jedem Deutschen in den fünfziger Jahren als Pflichtlektüre auferlegt worden wäre. Und zwar nicht, um die zahllosen Antisemiten zu bekehren, sondern um klarzustellen, dass es alle gewusst haben. Denn wenn eine Amerikanerin, die nie in Deutschland war, die nur über Berichte von Zeitgenossen erfuhr, was sich dort seit 1933 ereignete, schon 1937 so eine Geschichte schreiben konnte, kann kein erwachsener Deutscher in Zeiten des dritten Reiches ernsthaft behaupten, er hätte nichts gewusst oder geahnt.

Doch damals wie heute vermag dieses Buch – wie alle Bücher die antisemitische Gräuel zum Thema haben – keine Vorurteile gegen Juden und antisemitische Gedanken entkräften. Zur keiner Debatte können diese Bücher neue Argumente liefern. Es ist hierzu schon alles wieder und wieder über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte gesagt worden. Es hat nur einer Finanzkrise bedurft (einfach mal „Finanzkrise“ & „Juden“ googeln), um die Vergeblichkeit aller bemühten Aufklärungsarbeit der vergangenen Jahrzehnte zu beweisen und erkennen zu müssen, dass die alten Ressentiments wieder taufrisch da sind.

Ja, dieses kleine Büchlein könnte sogar die latenten Vorurteile gegen Juden noch bestärken. Denn letztlich obsiegt in dieser Geschichte der Jude mittels einer perfiden Rache über den deutschen Nazi. Und damit der Leser diese Rache auch mitträgt, bekommt er zuvor des Nazis Meinung über seinen jüdischen „Freund“ und die Juden zu lesen: „Du bist in erster Linie Jude und wirst um Dein Volk jammern. Das verstehe ich. Das liegt in der Natur des semitischen Charakters. Ihr lamentiert immer, aber ihr seid niemals tapfer genug, zurückzuschlagen. Deshalb gibt es Pogrome.“

Wer die dramaturgisch gut erdachte Rache auch im wahren Leben gutheißt käme in Konflikt mit unseren bürgerlichen moralischen Werten. Und wer diese Werte offenbar nicht teilt, wie z.B. ein Antisemit, der erachtet die beschriebene Rache als feige und hinterhältig, wie ich es sogar schon lesen durfte. Insofern hätte ich durchaus bedenken, „Adressat unbekannt“ zu zwingender Schullektüre zu erklären, wie es Elke Heidenreich und viel andere Rezensenten fordern. Wenn überhaupt, dann sollt man die Betonung darauf legen, dass es ein Zeitzeugnis für die Lüge der schweigenden Mehrheit ist, man hätte das alles so doch nicht vorhersehen können.

Zweifelsohne las ich mit „Adressat unbekannt“ ein wunderbares, sehr zu empfehlendes Buch. Doch einmal mehr fand ich auch bestätigt, dass Bücher leider zu den stumpfen Waffen gehören, die wir gegen Vorurteile, krude Gedanken und Unbelehrbarkeit zu Felde führen.

Eine Hörbuch-Fassung kann man derzeit auf Youtube anklicken. Nachtrag: und eine begeisterte Empfehlung fand ich aktuell bei „Der Literaturpirat„.

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Alles, was ich über meinen Urgroßvater noch in Erfahrung bringen konnte. Bildherkunft

 

Vom Luxus der Freiheit.

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Aus der Literaturbeilage der Zeit

Nachtrag: 27.November 2014: Als ich diesen Beitrag im März des Jahres schrieb, war ich noch ein wenig von der naiven Vorstellung erfüllt, dass das Stichwort „Freiheit“ im gesellschaftlichen Diskurs immer Interesse und Leidenschaft weckt. Doch dem ist aktuell mitnichten so. Betitelt oder eröffnet jemand heute seinen Diskussionsbeitrag mit Gedanken über oder gar Sorge um die Freiheit, wendet sich die Mehrheit gähnend ab.

Das Gut „Freiheit“ hat rapide an Wert gegenüber den Wünschen nach Sicherheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und staatlicher Fürsorge verloren. Sehr eindrücklich untermauert dies der erhobene „Freiheitsindex“ des John Stuart Mill Institutes, der seit 2011 in Zusammenarbeit mit dem Institut Allensbach ermittelt wird. Den Bericht 2014 als Pdf gibt es hier.

Wem der Diskurs der Freiheit dennoch etwas mehr Zeit und Gedanken wert ist, lege ich den Essay von Lisa Herzog „Freiheit gehört nicht nur den Reichen.“zu lesen nahe, über den ich hier resümiere:

 

Vor kurzem las ich Gustave le Bons „Psychologie der Massen“ , in dem er darauf verweist, dass Freiheit zu den Begriffen zählt, „deren Sinn so unbestimmt ist, dass dicke Bände nicht ausreichen, ihn festzustellen. Und doch knüpft sich eine wahrhaft magische Macht an ihre kurzen Silben, als ob sie die Lösung aller Fragen enthielten.“ Dem kann man angesichts der seit Jahrhunderten fortlaufenden Lektüre über das Wesen und die Voraussetzung der „Freiheit“ nur wenig widersprechen. Wer sich dem Thema dennoch annähern möchte und sowohl einen historischen Blick als auch einen aktuellen Diskurs über die Freiheit im allgemeinen und den in Misskredit geratenen Liberalismus im speziellen wünscht, dem kann ich den sehr klugen und leicht lesbaren Essay von Lisa Herzog sehr empfehlen.

BildNicht ideologisch, bestenfalls idealistisch hält sie auf knapp 200 Seiten ihr „Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus“, der meines Erachtens auch Not tut. Denn der liberale Geist, der sich in der Vergangenheit immer sehr wohltuend als Korrektiv bei starken rechts- wie linksideologischen, gesellschaftspolitischen Ausschlägen erwiesen hat, steht seit der Finanzkrise am Pranger. Sowohl der rechte als auch linke Flügel – verdächtig einhellig – machen ihn nicht nur für das Finanzmarktdebakel, sondern für alle sozialen Verwerfungen in einer globalisierten Marktwirtschaft allein verantwortlich. Der Liberalismus wird so dankbar auch zum Sündenbock der staatlichen Finanzkrisen, in dem die Politik vorgibt, dass die Rettung der globalen Finanzmärkte ja erst zur Schieflage der Staatshaushalte geführt habe.

Folie1Dennoch, und dies gibt Lisa Herzog unumwunden zu, kann man die jüngsten Repräsentanten des Liberalismus nicht in allen Anklagepunkten freisprechen. Dass der Liberalismus so gut als Sündenbock taugt, hat er einer Gruppe selbsternannter Neoliberaler zu verdanken, die das enge Bild eines staatlich gegängelten Marktes schufen. Gegen dieses Bild möchte Lisa Herzog anschreiben:

„Das Bild, gegen das ich anschreibe, ist das einer Frontstellung von Markt und Staat, in der der Markt ausschließlich als Reich der Freiheit und der Staat ausschließlich als Reich von Zwang und Unterwerfung angesehen wird.“

Damit dies überzeugend gelingen kann, ist ein philosophischer, sozio-psychologischer sowie ökonomischer Diskurs der Freiheit angebracht.

Bei der philosophischen Annäherung an die Freiheit gerät man leicht in Sophisterei. Jegliche Definition von Freiheit findet umgehend ihren Kritiker, dem diese zu eingeschränkt oder jene zu weit ist. Doch Lisa Herzog bedient sich pragmatisch. Im wesentlichen verweist sie bei der Definition auf die negative sowie positive Freiheit, sprich erstere, die uns wenig verbietet und zweite, die uns vieles erlaubt, um als Einzelner ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben zu führen.

Darüber hinaus überlässt sie es dem Leser, welche weiteren Spielarten er präferieren möchte.

Das Dilemma mit dem philosophischen Ideal der Freiheit wird einem persönlich sehr schnell deutlich, wenn man in die erzieherische Elternschaft eintritt. Zwar kann man sich dem schnell entledigen, in dem man sich auf Kant besinnt, der Vernunft als wesentliche Voraussetzung der Freiheit des Menschen einfordert. Die beizubringen, sehen wir ja als vorderstes Ziel unserer Erziehung. Doch gerät man dann sehr schnell auf elitäres, snobistisches Glatteis. Denn diese eingeklagte Vernunft findet sich nach kantischem Maßstab wohl bei kaum einem Mitglied in der heutigen Gesellschaft.  Schon sein kategorischer Imperativ wird selten konsequent beherzigt.

In der Meinung gespalten werden wir schon durch die Frage unseres Menschenbildes. Überwiegend findet man doch ein negatives, wie Machiavelli beschreibt, dass die Menschen kleingeistig und kurzsichtig und vor allem immer auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien. Gerne auch wie Adam Smith, der erkennt, dass die Eitelkeit, das Streben nach der Bewunderung von anderen, die Ursache dafür sei, dass Äcker bebaut, Städte gegründet und Wissenschaft und Kunst vorangetrieben würden.

Hingegen erteilt uns Marx fast eine religiös anmutende Absolution, indem er uns die Verantwortung nimmt und die (natürlichen) Gesetzmäßigkeiten des Marktes bzw. den Kapitalismus zum Schuldigen erklärt, der uns Menschen zwinge, ihr Eigeninteresse zu verfolgen, ob wir es wollen oder nicht.

Psychologisch und soziologisch ist unser Freiheitsanspruch immer auch ein Kampf zwischen unserem Eigensinn und damit unserer Willensfreiheit und unserer Handlungsfreiheit in einer Gemeinschaft. Denn

„Es geht immer um Freiheitsansprüche, die Menschen aneinander richten.“

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Aus der Literaturbeilage der Zeit

Mit der Freiheit unseres Willens begibt man sich wiederum auf recht unsicheres Terrain. Denn zunehmend sprechen uns nicht nur Philosophen, sondern auch Psychologen sowie Neurowissenschaftler ab, über einen freien Willen zu verfügen.  Unsere – damit nicht gänzlich selbst zu verantwortende – Willensschwäche führe dann zu asozialen, amoralischen oder zumindest unvernünftige Handlungen. Mich befremdet dieser Gedanken, denn er entmündigt uns, die wir uns für vernunftbegabte und damit selbstverantwortliche Wesen erachten. Ich denke, wer A sagt muss auch B sagen. Wenn ich Willensfreiheit beanspruche, dann muss ich auch die Verantwortung tragen, wenn mein Wille mich wider die Vernunft und besseres Wissen verleitet, asozial zu handeln.

Denn nur als solche können wir eine liberale Gesellschaft gestalten, die sich nach Lisa Herzog drei Fragen regelmäßig annehmen muss: die Fragen der Normen, des Ethos und der ungleichen Machtverteilung. Hier muss immer wieder neu justiert werden. Bei den Normen stellt sich u.a. die schöne Frage: „Verdient nicht jeder das, was er verdient?“ Und bezüglich des Ethos, wünscht die Autorin sich mit Recht, dass man diesen Begriff wieder entstaube.

„Ein gut funktionierendes Ethos hat gegenüber rein regel- und anreizbasierten Institutionen den großen Vorteil, dass es erlaubt, besser mit Komplexität umzugehen.“

Dieser Gedanke ist auch sehr nah bei Niklas Luhmann, der erkannte, dass Vertrauen nun mal dazu dient, Komplexität im sozialen Umgang zu reduzieren.

Und wachsam gegen Machtkonzentrationen zu sein, seien es Oligopole, Lobbys, politische und sonstige Eliten, darauf wies schon Adam Smith hin als er frotzelte, dass „Leute aus einer Branche selten zusammentreffen, ohne eine kleine Verschwörung gegen die Öffentlichkeit zu planen,…“

Am Ende des Diskurses kehrt die Autorin wieder zum Ausgangspunkt der Diskreditierung des Liberalismus zurück, zur Ökonomie.

Es versteht sich von selbst, dass der Liberalismus keine Legitimation für das Verhalten von Gier und Maßlosigkeit bietet.

Selbst der liberalste Philosoph, John Stuart Mill, setze ein Limit:

„dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumischen befugt ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.“

Folie2Schon diesem minimalen Anspruch eines gesellschaftlich verantwortlichen Liberalismus wurde und wird man in vielen Zentren der wirtschaftlichen Macht nicht gerecht. Hier muss der Staat, sofern er nicht Teil des Problems ist, regulierenden eingreifen. Da aber die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft heute zu stark geworden sind, um hier als Bürger noch zu vertrauen, ist des Bürgers Kontrolle besser. Da greift, wie man schon bei Kant „Zum ewigen Frieden“ nachlesen kann, die republikanische Freiheit, von der Lisa Herzog schreibt:

„Vielleicht ist es kein Zufall, dass in der philosophischen Debatte über den Begriff der Freiheit und des Liberalismus seit einiger Zeit eine dritte Konzeption wieder aufgelebt ist: die republikanische Freiheit. Freiheit wird hier über den Status des Einzelnen als freier Bürger definiert, als jemand, der darüber mitreden kann, was in seinem Staat entschieden wird.“

Ein Kernproblem des Marktes – unabhängig wie liberal er ist – muss dringend gesellschaftlich gelöst werden. Der große Fehler der Märkte ist aus volkswirtschaftlicher Sicht die unvollständige Preisfindung. Denn für viele Güter wird ein Preis gefunden, der die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten nicht einbezieht. Ein großer Teil der Folgekosten von Gütern und Dienstleistungen, werden der gesamten Gesellschaft aufgebürdet.

Doch trotz aller Bedenken, die ein freier Welthandel erzeugt, muss man ihm eins zugute halten: er ist der stärkste Verbündete des Friedens. Schon vor über 200 Jahren galt die Globalisierung im philosophischem Weitblick von Kant, Montesquieu und Adam Smith als Garant für den zukünftigen Weltfrieden. Denn der Handel schweiße die Nationen so zusammen, dass kein Interesse mehr an Kriegen bestünde.

Mit einer Aufforderung von Kant, schließt Lisa Herzog ihr beeindruckendes Plädoyer ab, dem ich mich gerne anschließe:

„Frei nach Kant lässt sich sagen: Eine liberale Gesellschaft ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben.“