Bloggerparty bei Richard Gutjahr

King_Arthur_and_the_Knights_of_the_Round_TableAls Richard Gutjahr gestern seinen Blogbeitrag gepostet hatte, habe ich erst gezögert, den herrlichen Balsam für die Bloggerszene zu kommentieren. Tat´s dann aber doch:

Danke, so naheliegend das Thema bzw. die Frage ist, „Warum wir bloggen?“, so wird die Frage doch nur aus der Perspektive der eigenen Motivation beantwortet. Die ist denn – wie hier ja auch – oftmals eine sehr idealistische. Was jedoch wünschenswert wäre, ist auch mal die Konsequenzen des Bloggens zu diskutieren, die es für die Berufsschreiber mit sich bringt. Denn Bloggen ist ja Open-Source-Philosophie bei Inhalten. Und mit der selben blinden Begeisterung, mit der sich Open-Source-Entwickler zusammenfinden, um Software kostenfrei zu entwickeln, die ganze Wirtschaftszweige gefährden, tragen auch (kompetente) Blogger zunehmend dazu bei, dass der Wert von journalistischer Arbeit sinkt. Gerade weil zunehmend herausragende Qualität in Blogs geboten wird, macht dies den Berufsschreibern zu schaffen. Weiterlesen

Jetzt schreib ich auch mal über Apple

Apple Image Kampagne

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Ich gewöhne mich allmählich daran, dass ich mit meiner Einschätzung was relevant sei und was nicht, nicht immer so richtig den Nerv der Mehrheit treffe. Gestern trieben mich noch denk- und diskussionswürdig erachtete Szenarien einer algorithmischen Big-Data Netzwelt um. Doch das interessiert kaum. Und heute entdecke ich auf Krautreporter den absolut lesenswerten Artikel von Richard Gutjahr & Apple und denke, wow, was für eine Beichte über einen journalistischen Sündenfall. Doch das interessiert auch kaum.

In meiner Filter Bubble jubelte zwar die Netzgemeinde über den gelungen Scoop, jedoch überwiegend darüber, dass dies wohl eine tolle Enthüllungsstory über die diabolischen, ja sektenhaften Machenschaften des verführerischsten Konzerns der Welt sei. „Mein Gott“ oder besser „Mein Steve“, das gewählte Logo kommt ja nicht von ungefähr.

Doch für mich ist der Artikel aus viel erheblicherem Grund sehr relevant. Er ist eine Referenz an das journalistische Selbstverständnis und die damit verbundene Haltung und Ethik. Dieser Artikel ist für mich deshalb auch äußerst gewagt. Aber nicht, weil Richard Gutjahr damit seine Reputation bei Apple riskiert. Dieser Artikel ist ein journalistischer Striptease.

Zu Beginn seines Artikels führt uns Richard Gutjahr noch in eine typische, kleine journalistische Heldengeschichte ein. Ein weißer Ritter, genannt Richard, macht sich auf den Weg zu einem der mächtigsten Fürsten der Welt, dessen Hybris er aber schon durchschaut hat. Entsprechend ist unser Held – der sich für uns ins Abenteuer stürzt – immer auf der Hut sich von der dunklen Macht nicht korrumpieren zu lassen:

„Dazu gehört die totale Kontrolle über alles, was über das Unternehmen und seine Produkte berichtet wird. Eine Strategie, die sich im Gegensatz zu Apples Design-Philosophie weniger durch Schlichtheit und Eleganz auszeichnet, sondern durch ein subtiles und bisweilen fragwürdiges Spiel mit der Eitelkeit und den Abhängigkeiten von uns Journalisten. Wer positiv schreibt, wird hofiert, wer Kritik äußert, egal wie berechtigt, wird abgestraft. Das machen zwar alle großen Konzerne so. Doch kaum ein Unternehmen spielt das Spiel so subtil wie Apple. Und von keinem anderen Unternehmen würden wir Medienleute uns das in dieser Form bieten lassen.“

Doch sehr schnell verlässt er dann diesen Duktus und beginnt allmählich eine kritische Selbstreflexion über seinen Aufenthalt in Cupertino. Er entblättert sich Zeile um Zeile:

„Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich inzwischen auch die andere Seite des Konzerns kenne. Eine Seite, die wir Journalisten bewusst verschweigen, was an sich schon äußerst denkwürdig ist.

Und am Ende steht er ziemlich bloß da und ich kann ihm nur applaudieren zu seinen Bekenntnissen:

„Dann erscheint Tim Cook. Was jetzt passiert, lässt sich schwer in Worte fassen. Es passiert nämlich genau: nichts. Man muss sich das vorstellen: Ein Raum, vollgepackt mit Journalisten und darunter nicht einer, der auch nur den Versuch unternimmt, Cook anzusprechen, ihn zu interviewen oder wenigstens ein Statement von dem Apple-Chef einzuholen. Ein Phänomen, das mir schon einmal begegnet ist, seinerzeit bei Steve Jobs. Schon damals wunderte ich mich, warum ihn keiner anspricht. Auch mir ging es so. Als Jobs an mir vorbeiging, war ich wie gelähmt. Dabei ist Zurückhaltung nicht meine beste Eigenschaft.“

Es ist das Eingeständnis eines einzelnen Journalisten. Doch die Beobachtung, die er macht, zeigt wie repräsentativ er ist: Die sich gerne selbsternennende vierte Macht im Staate kann sich der Aura der wahren Mächtigen kaum entziehen und ist in diesem Moment nur zu schweigender Huldigung fähig.

Da ich Richard Gutjahr für einen wirklich engagierten Journalisten erachte, der mit ehrlichem Ethos seiner Arbeit nachgeht, zolle ich ihm heute – nach dieser Reportage – sehr großen Respekt. Aus der wiedergewonnenen Distanz zu seinem Gegenstand der Berichterstattung noch mal kritisch über sich zu reflektieren und dies öffentlich zu machen, ist eine vorbildliche Übung für alle angehenden Journalisten. Zu verstehen lernen, dass Journalisten nicht immer so souverän im Angesicht des Souveräns sind, wie sie gerne von sich glauben machen.

Ich hoffe, ich denke hier nicht wieder völlig irrelevant und wünsche mir, dass dieser Artikel an den Journalistenschule zu einem Studienobjekt wird. Denn die Crux bei solchen persönlichen Anliegen ist: Ohne Apple als Beispiel hätte der Artikel kaum die Aufmerksamkeit bekommen. Doch Apple ist eigentlich nur stellvertretend für viele Mächtige.

Am Ende habe ich noch ein Kommentar von ihm auf Google+ gelesen, der mich fast vermuten lässt, dass ihm die Wirkung seines Artikels selbst gar nicht so bewusst ist:

„Dank Euch für’s Lesen und diskutieren. Nein, kein Knüller, war so auch nie gedacht, sondern einfach ein Stück Alltag, der oft unter dem Radar läuft. Deshalb wollte ich das einfach mal aufschreiben und mit Euch diskutieren.“

Lieber Richard Gutjahr, die Apple-Enthüllungen waren für mich auch kein Knüller, aber diese selbstkritische Offenheit eines Journalisten schon. Danke dafür.

 

Jaron Lanier: hartes Brot oder Häppchen?

fingerfoodDie Rede ist gehalten und die Netzgemeinde ist „not amused“ und diskutiert reichlich. Hingegen findet sich im gedruckten Feuilleton – so weit ich es überblicke – nur weitgehend kritiklose Begeisterung. Ich war ebenfalls recht irritiert zu erfahren, dass Jaron Lanier den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen bekommt.

Meine Irritation bezog sich zunächst aber auf die wohl von mir missverstandene Ehrung in Bezug auf „Frieden.“ Denn den Beitrag zum Frieden, den Jaron Lanier mit seiner kritischen Haltung zur keimenden algorithmischen Big-Data-Netzkultur leistet, habe ich selbst aus seiner Rede nicht entnehmen können.

Im übrigen eine Rede, die ich rhetorisch und inhaltlich für sehr gelungen und sehr lesenswert erachte. Vieles, wohl zu vieles, spricht er darin an, über das es nachzudenken lohnt. Doch angesichts der Resonanz in den digitalen und in den analogen Medien ist wie immer davon auszugehen, dass nur ein paar ausgewählte Häppchen daraus die Runde machen. Die gesamte Rede zu lesen und sich den verschiedenen angesprochenen Themen nachdenklich zu widmen, wäre für die überwiegende Gesellschaft hartes Brot.

Die Mediengesellschaft heute folgt nun mal gerne – in etwas abgewandelter Form – dem zynischen Rat von Marie Antoinette, den man ihr fälschlicherweise in den Mund gelegt hat: „Wenn das Volk keine hartes Brot mag, soll es doch kleine, weiche Häppchen essen.“ Und diese Häppchen-Kultur wird durch die neuen Medien bestens bedient.

Der weit blickende journalistische Sachverstand ist schon längst über die dynamische „Content-Anpassung“ an die wachsende Online-Querleserschaft hinaus. Man weiß, dass in Zukunft fast alles, also auch das journalistische, fast nur noch mobil auf handtellergroßen Smartphone-Bildschirmen rezipiert wird. Und darauf muss sich der „Content-Ersteller“ von heute vorbereiten, wenn er morgen noch wahrgenommen werden will:

Journalistisches Fingerfood ist das Medienrezept der Zukunft.

Die digitale Elite unter den Journalisten erprobt dieses Rezept schon bestens im News-Roulette „Twitter“. Was Heftig & Co. auf Facebook vorgemacht hat, wird in etwas ambitionierterer Form auf Twitter adaptiert. Dass dies alles dennoch den Journalismus der Vergangenheit nicht in die neue Zeit retten wird, hat bestens Wolfgang Michal auf seinem Blog beschrieben.

Nun, seit jeher ist die Bereitschaft, sich eine Meinung zu bilden vergleichsweise gering, da man ja meistens schon eine hat. Und deshalb hatten auch schon in analogen Zeiten die bildreichen und textarmen Content-Anbieter immer die meisten – nein, nicht Leser – sondern Rezipienten.

LanierSo ein Blogartikel wie diesen lesen bis zu dieser Stelle höchsten noch 2% derer, die ihn anfänglich überflogen. Und das wäre schon eine super Resonanz. Entsprechend verblüfft war ich über ein interessantes Häppchen aus Jaron Laniers Rede, mit dem er gleich zu Beginn seiner buchliebende Zuhörerschaft Manna für die Seele reichte. Die Passage habe ich hier vollständig eingefügt, da ich daran kein Wort kürzen wollte. Also – tief Luft holen – und weiterlesen:

„Im Internet gibt es ebenso viele Kommentare über das Internet wie Pornographie und Katzenfotos, aber in Wirklichkeit können nur Medien außerhalb des Internet – insbesondere Bücher – Perspektiven und Synthesen aufzeigen. Das ist einer der Gründe, warum das Internet nicht zur einzigen Plattform der Kommunikation werden darf. Wir haben am meisten davon, wenn es nicht gleichzeitig Subjekt und Objekt ist.

Aus diesem Grund schreibt ein Geschöpf der digitalen Kultur wie ich Bücher, wenn es Zeit ist, einen Blick auf das große Ganze zu werfen. Denn es besteht die Chance, dass ein Leser ein ganzes Buch liest. Zumindest gibt es einen ausgedehnten Moment, den ich mit dem Leser teile.

Wäre ein Buch nicht mehr als ein Erzeugnis aus Papier, könnten wir es nur auf die Art feiern, wie wir Klarinetten oder Bier feiern. Wir lieben diese Dinge, aber es sind eben nur bestimmte Erfindungen, aus denen sich Produkte entwickelt haben, mit ihren jeweiligen Fachmessen und Subkulturen.

Doch ein Buch greift viel tiefer. Es ist die Feststellung eines bestimmten Verhältnisses zwischen einem Individuum und der menschlichen Kontinuität. Jedes Buch hat einen Autor, eine Person, die ein Risiko auf sich genommen und eine Verpflichtung eingegangen ist, in dem sie sagt: „Ich habe einen wesentlichen Teil meines kurzen Lebens damit verbracht, eine bestimmte Geschichte und einen bestimmten Standpunkt wiederzugeben, und ich bitte euch, dasselbe zu tun, indem ihr mein Buch lest: Darf ich so viel Engagement von euch verlangen?“ Ein Buch ist ein Bahnhof, nicht die Gleise. Bücher sind ein Spiel mit hohem Einsatz, vielleicht nicht in Bezug auf Geld (im Vergleich mit anderen Branchen), doch in Bezug auf Aufwand, Engagement, Aufmerksamkeit, der Bereitstellung unseres kurzen Menschenlebens und unseres Potenzials, positiven Einfluss auf die Zukunft zu nehmen. Autor zu sein, zwingt uns zu einer vermenschlichenden Form der Verwundbarkeit. Das Buch ist ein Bauwerk menschlicher Würde.

Das Wesen des Buchs ist Beweis dafür, dass individuelle Erfahrung existentiell für die Bedeutungsebene ist, denn jedes Buch ist anders. Bücher aus Papier sind naturgemäß nicht zu einem kollektiven universalen Buch verquirlt. Seltsamerweise ist für uns der Gedanke normal geworden, es gäbe nur einen Wikipedia-Eintrag für ein humanistisches Thema, für das es absolut nicht die eine optimierte Darstellung geben kann; die meisten Themen sind keine mathematischen Sätze. Im Zeitalter des Buchdrucks gab es viele verschiedene Enzyklopädien, von denen jede einen Blickwinkel vertreten hat, und doch gibt es im digitalen Zeitalter nur eine. Wieso muss das so sein? Es ist keine technische Zwangsläufigkeit, trotz „Netzwerkeffekten“. Es ist eine Entscheidung, die auf dem unbestrittenen, aber falschen Dogma beruht, Ideen selbst sollten mit Netzwerkeffekten gekoppelt werden. (Manche sagen, Wikipedia werde zum Gedächtnis einer globalen künstlichen Intelligenz.) Bücher verändern sich. Einige der Metamorphosen sind kreativ und faszinierend. Ich bin entzückt von der Vorstellung, eines Tages könnte es Bücher geben, die sich mit virtuellen Welten synchronisieren, und von anderen seltsamen Ideen.“

Geschafft? Gut, dann ist dies schon das zweit Stück hartes Brot gewesen. Ich weiß noch, wie ich mich amüsierte, als Sascha Lobo damals sein Buch „Wir nennen es Arbeit“ 2008 veröffentlichte. Der Repräsentant der digitalen Netzwelt freut sich über ein selbstgeschriebenes, analoges Büchlein auf dem sein Name gedruckt ist. Da bin damals dem Klischee aufgesessen, dass man doch nicht das eine propagieren und dann das andere auch einfach macht. Ein Buch ist nun mal was anderes als ein Blog. Und es ist auch etwas Anderes eine Kolumne in Bild zu bekommen, wie Nico Lumma aktuell. Auch für ihn habe ich volles Verständnis, dass er jedes teuflische Mittel nutzt, wenn es den Zweck heiligt.

Bildschirmfoto 2014-09-30 um 23.18.52Dennoch muss ich als leidenschaftlicher Leser resümieren: was Jaron Lanier hier mit schwer verdaulichem Pathos verkündet ist bildungsbürgerliche Romantik. Zum einen sind wohl 99% aller gedruckten Bücher ebenso irrelevanter und oftmals nur eitler Content wie der im World Wide Web. Zum zweiten werden in selber Relation – Pareto war meines Erachtens ein großer Optimist – nur eins von neunundneunzig relevanten Bücher überhaupt wahrgenommen und nimmt kurzzeitig mal Einfluss auf eine gesellschaftliche Debatte. Und drittens eignen sich Bücher weit weniger zum Meinungsdiskurs als der im Netz bereitgestellte Content. Denn Bücher werden überwiegend von Evangelisten des Autors und kaum von dessen Kritikern gelesen. Denn die Bücher kosten nicht nur Lebenszeit sondern auch noch Geld.

Sicher, ein Buch zu schreiben, ist eine hervorragende mentale Aufgabe des Autors, um sich selbst zu disziplinieren, seine Gedanken, Einsichten und Urteile kritisch zu reflektieren. Doch anzunehmen, dass dieser individuelle, geistige Prozess von einer anders meinenden, kritischen Gesellschaft lesend aufgenommen wird, ist naiv. Bücher werden diesbezüglich seit Jahrhunderten ebenso überschätzt wie seit einigen Jahren die Relevanz des Internets in Bezug auf gesellschaftliche Meinungsbildung. Beide Medien erweisen sich diesbezüglich als enttäuschend und weitgehend bedeutungslos.

Zukunft von Print & TV: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Testbild-Ende

Chapeau, Nicolas Clasen, da haben Sie offenbar einen echten Scoop gelandet. Sollte es im Jahr 2013 einem freiberuflichen Berater aus München („Digital Strategy Consultant“ laut xing Profil) gelungen sein, deutschen Medienmanagern erstmalig den gewaltigen digitalen Umbruch ihrer Branche verständlich zu veranschaulichen? War es wirklich bislang so schwierig, die zukünftigen Entwicklungen dieser disruptiven Innovation zu prognostizieren und sich strategisch zu wappnen? Die fast einhellig begeisterten Rezensionen hier lassen das fast vermuten. Damit würde Nicolas Clasen – sicher ungewollt – der restlichen Beraterzunft ein Armutszeugnis ausstellen. Noch fataler wäre es, wenn man es als Eingeständnis vieler Unternehmensstrategen in den Medienhäusern interpretierte, dass sie es bis dato noch nicht begriffen hätten. Dem ist aber sicher nicht so. Herausforderungen auf strategischer Ebene liegen sicher weniger in der Erkenntnis, was auf die Massenmedien zurollt, sondern in der richtigen Wahl der Fluchtorte und des geeigneten Zeitpunktes zur Flucht. Denn jeder will noch soviel wie möglich von seinem Hab und Gut retten.

BildClasens anschauliche, kluge und eben nicht schlaumeierische Analyse sollte Proseminarlektüre in den Medienwissenschaften sein. Doch wer seit vielen Jahren in der Branche führende Managementaufgaben innehat, sollte sich einzig für die gelungene Form bedanken, aber der Inhalt sollte ihm weitestgehend geläufig sein. Der Titel des Buches ist populistisch sicher gut gewählt, doch die Tsunami-Analogie für die hier beschriebene Branche trifft aktuell nicht zu. Als Tsunami traf die Digitalisierung vor Jahren die Musikindustrie. Sie konnte sich nicht rechtzeitig vor der Welle in sicheres Terrain flüchten. Ihre Kunden waren vorwiegend Digital Natives und nahmen die Innovationen radikal und dankbar auf.

Doch die Geschäftsgrundlage von Print und TV basiert auf der noch mehrheitlichen Generation der zögerlichen Digital Inhabitants, die von ihren alten Gewohnheiten noch nicht lassen mag. Sie hängt noch an den linearen TV-Programmen, bevorzugt noch die gedruckten Tageszeitungen und Zeitschriften, auch wenn dies weder ökonomisch rational noch anderweitig von Vorteil ist. Es ist die Generation, die ein Smartphone für € 600,– als teuer erachtet, jedoch den Preis von € 2,– für eine Tageszeitung für akzeptabel hält und Zeitschriften für € 10,– und Bücherpreise von mehr als € 20,– klaglos akzeptiert. Auf diese irrationale und sentimentale Klientel kann die Medienbranche noch lange vertrauen. Deshalb findet in der Branche derzeit auch keine hektische Flucht vor einer drohenden Tsunamiwelle statt, sondern eine gemächliche Sondierung möglicher Fluchtpunkte. Der Markt erodiert nur sehr allmählich auf der Seite der Mediennutzer.

Weit mehr Gefahr lauert in der B2B-Welt der Werbekunden. Denn, wie Nicolas Clasen stupend erläutert, wird das bis heute für die Medien völlig risikolose Geschäftsmodell „der erfolgsunabhängigen Vermarktung von Werbeplätzen“ über kurz oder lang abgelöst von klar ROI-messbaren Werbeformen – Marken- und Imagewerbung eingeschlossen. Doch noch herrscht auch hier in den Führungsetagen und Entscheidungsgremien die Bequemlichkeit und Unsicherheit überwiegend digitaler Analphabeten oder Neuland-Verweigerer vor.

Eigentlich müsste die Milliarden Euro spendende Wirtschaft jubeln, dass man sie von ihrem Zwangssponsoring der Massenmedien bald erlösen wird und selbst alles daran setzen, diesen Prozess zu beschleunigen. Dass dies bislang nicht geschieht, kann man auch dem erfolgreichen Lobbying der Werbewirtschaft zuschreiben, die eine starke Allianz mit den Medien und Teilbereichen in den Unternehmen bildet. Seit Jahrzehnten bleibt die gesamte Branche einen klaren Nachweis über die Wirkungszusammenhänge ihres Tuns schuldig und steht aus wissenschaftlicher Sicht somit auf einer Stufe mit Astrologie und Homöopathie.

Doch letztendlich geht es einmal mehr um Hoffnungen die sich die Medienbranche liturgisch und selbstsuggestiv seit Jahren macht: wir werden Mittel und Wege finden, unser werbefinanziertes Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten. Doch hier liegt die Crux, die Nicolas Clasen zwar anspricht, jedoch nicht radikal in Frage stellt. Denn das Geschäftsmodell „werbefinanzierte“ Massenmedien ist schon immer ein bedenkliches Oligopol, das trotz offensichtlicher Ineffizienz fröhlich weiter agiert und solange bestehen wird, bis sich ernsthafte Alternativen ergeben. Und sobald diese vorhanden sind, wird die aktuelle Medienlandschaft doch noch von der digitalen Tsunamiwelle überrollt.

Sehr rücksichtsvoll macht Nicholas Clasen am Ende denn doch noch einem unabhängigen Qualitätsjournalismus Hoffnung, dass es tatsächlich in Zukunft gelingen könne, diesen überwiegend nutzerfinanziert zu retten. Ich bin durchaus nicht kulturpessimistisch, doch diese Hoffnung teile ich nicht. In den kommenden Jahren wird meines Erachtens Qualitätsjournalismus, der sich über Nutzer finanziert, eine kleine Nische besetzen. Jeder, der heute Publizistik studiert oder gar eine Journalistenschule besucht, sollte sich im Klaren sein dass er damit in Zukunft kaum ein sicheres Auskommen haben wird.

Über die aktuelle Situation und die Zukunft der Zeitungen hat Richard Gutjahr eine sehr spannende Debatte initiiert.